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Am 14. Mai 1997 berichtete "Stern-TV" u.a. über die Bremer Selbsthilfegruppe "Arbeitsgemeinschaft Pädophilie Norddeutschland". Mit dem Ergebnis, dass die Gruppe nach über zehn Jahren ihren Raum verlor. Der Vorstand des "Rat & Tat Zentrums" hat sich dem öffentlichen Druck gebeugt und die Gruppe handstreichartig auf die Strasse gesetzt.
Schon Tage zuvor kochte die Volksseele: Da erdreistete sich die bundesweit arbeitende "Arbeitsgemeinschaft Pädophilie (AG Pädo)", in Frankfurt eine Versammlung abhalten zu wollen. Es ging um ein Häufchen von maximal 20 Menschen, samt und sonders Delegierte der wenigen verbliebenen Selbsthilfegruppen, durch die sich dem Vernehmen nach die " öffentliche Sicherheit und Ordnung" gefährdet fühlte.
Diese Vorgänge bedürfen einer Kommentierung. Ich selbst bin 59 Jahre alt und Mutter eines sogenannten "strukturierten Pädophilen". Um Missverständnisse vorzubeugen: Der Gedanke, daß sich mein Sohn erotisch ausschliesslich zu Kindern (in diesem Fall zu Jungen) hingezogen fühlt, ist für mich schwer zu ertragen. Sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern sind für mich nicht nachvollziehbar. Sie lösen bei mir recht zwiespältige Gefühle aus, die sich auf der ganzen Bandbreite zwischen Abscheu und Angst bewegen. Soviel zu meiner eigenen Befindlichkeit.
Gleichwohl bedürfen meine Gefühle einer selbstkritischen Betrachtung. Notgedrungen habe ich mich in den vergangenen eineinhalb Jahren mit der Pädophilie auseinandergesetzt. Ich wollte ein unbegreifliches Phänomen verstehen lernen, wollte wissen, was dran ist an der Dämonisierung solcher Kontakte, warum Pädophile in unserer Gesellschaft schlimmer behandelt werden als Aussätzige.
Geblieben sind Zweifel, offene Fragen und der Wunsch nach mehr Information. Ich bin noch lange nicht soweit, daß ich pädophile Beziehungen gutheißen kann. Meine eigenen moralischen Werte, meine Erziehung sowie generationstypische Denk- und Verhaltensmuster stehen mir im Wege. Ich weiß nicht, ob es wirklich einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen gibt, und mir sind die Grenzen zum sexuellen Mißbrauch (Frage: Gibt es eigentlich auch einen sexuellen Gebrauch von Kindern?) zu fließend. Ich weiß inzwischen aber, daß solche Kontakte nicht notwendigerweise negativ für die Kinder ausgehen müssen. Darüber gibt es fundiertes wissenschaftliches Material. Eine unbequeme Wahrheit, ich weiß; sie stellt (nicht nur meine) Wertvorstellungen auf den Kopf. Vielleicht ist das der Grund, warum die Öffentlichkeit von den Medien (vor allem von den Medien!), von der Wissenschaft und von der Politik im Unklaren über diese Studien gelassen wird. Sie passen nicht ins eifrig aufrechterhaltene Klischee vom Kinderschänder.
Andererseits: Kinder sind das höchste Gut unserer Gesellschaft. Sie zu beschützen und zu behüten, sollte unser aller Anliegen sein. Vor diesem Hintergrund muß aber auch unsere Doppelmoral offengelegt werden: Über schwer mißhandelte Kinder verlieren die Zeitungen selten mehr als eine kurze Meldung, während selbst "sanften" pädophilen Kontakten, ihrer Aufdeckung und dem anschließenden Strafverfahren riesige Artikel gewidmet werden. Das hinterläßt einen schalen Nachgeschmack. Ein schaler Nachgeschmack bleibt aber auch, wenn in Fernsehsendungen oder in Interviews der Printmedien eine einseitige Auswahl der Gesprächspartner erfolgt. "Stern-TV" hatte die Möglichkeit gehabt, auch andere Personen zu Worte kommen zu lassen, die eine etwas differenzierte Einstellung zum Thema haben. Das war offenbar nicht erwünscht. Statt dessen darf ein Journalist namens Drewes Behauptungen aufstellen, die einer näheren Überprüfung nicht standhalten, die sogar als Lügen entlarvt wurden.
So weiß ich definitiv, daß die Pädophilen-Selbsthilfegruppen sich vehement von den Kindermorden in Belgien, in Bayern und in Friesland abgegrenzt und distanziert haben, daß sie eine Vielzahl von öffentlichen Stellungnahmen verfaßten und sie an diverse Medien versandten - nur: das Resultat war gleich null. Mit den Pädophilen redet niemand. Es ist sehr viel quotenträchtiger, über sie zu reden. Pressemitteilungen, Leserbriefe und andere Veröffentlichungen landen offensichtlich im Papierkorb. Mir ist kein Fall bekannt, in dem Pädophilen Raum gegeben wurde für eine unverfälschte Darstellung ihrer Position. Soweit sie zitiert wurden, geschah das aus dem Zusammenhang gerissen oder sogar völlig verdreht.
Das, meine Damen und Herren von den Medien, macht mich nachdenklich. Mir geht es nicht darum, Pädophilie zu verteidigen oder sie sogar schön zu reden. Mir geht es allein darum, daß hier mit einer nicht unbeträchtlichen Minderheit von Hunderttausenden Menschen verfahren wird wie zu Zeiten der Hexenverfolgung im Mittelalter. Auch die Schwulen und Lesben haben vor nicht allzu langer Zeit solche Erfahrungen machen müssen. Sie scheinen sie vergessen zu haben, wie das Verhalten des Vorstandes des Bremer "Rat & Tat Zentrums" zeigt.
Die Bremer Gruppe hat seriös gearbeitet. Das weiß ich. Sie hat ständig zum kritischen Dialog eingeladen und ihre Gruppenarbeit öffentlich gemacht. Das wurde vom Sprecher des Vorstandes des "Rat & Tat Zentrums" (wieder einmal) unterschlagen. Statt dessen ließ er unwidersprochen die Behauptung im Raum stehen, daß es sich hier um einen schwer durchschaubaren Männerzirkel mit anrüchigen Zielen handelt.
Ein solches Verhalten nenne ich dreist.
Statt dessen wird die Bremer Gruppe nun in den Untergrund abgedrängt. Herr Jauch vom "Stern-TV" nennt das vorbildlich für andere Institutionen, die solche Gruppen beherbergen. Das Problem ist damit nicht eliminiert. Es wird lediglich verdrängt.
Ein solches Verhalten nenne ich einfältig.
Ich habe Angst um unseren Sohn. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Ebenso verhält es sich mit dem rational kaum noch erfaßbaren Haß, der den Pädophilen entgegenschlägt. Das hat nichts mehr zu tun mit der berechtigten Angst um die Kinder. Pädophilie scheint noch an ganz andere Tabus zu kratzen, die öffentlich niemand benennen will. Mein Sohn, der vor noch nicht langer Zeit eine geachtete Position in dieser Gesellschaft eingenommen hat, wendet sich ab. Er ist fertig mit der Doppelmoral eines Staates, der zu den kinderfeindlichsten der Welt zählt. Er, der es nicht ertragen kann, wenn Kinder weinen, der ihnen nie ein Leid zugefügt hat und trotzdem schlimmer behandelt wird als ein Schwerverbrecher, reagiert jetzt selber mit Haß.
Ein solches Verhalten nenne ich, bei aller Angst und bei allen Vorbehalten, verständlich.
Was macht ihr mit unseren Kindern? Von einer modernen und aufgeschlossenen Gesellschaft muß ich erwarten können, daß sie auch unbequemen Minderheiten Raum gibt, sich im Rahmen bestehender Gesetze zu entfalten. Weder die Bremer Gruppe noch der in Frankfurt geplanten (und am Ende auch durchgeführten) Versammlung konnten Gesetzesverstöße nachgewiesen werden. Die Empörung schlug dennoch hohe Wellen. Sie wurde, das ist mein Eindruck, von den Medien künstlich geschürt.
Ein solches Verhalten nenne ich verantwortungslos.
Mein Sohn ist von Beruf Schriftsteller. In seinem neuen Buch gibt es einen Schlüsselsatz, der mir Angst macht: "Jeder Staat hat seine Ratten, die wirklichen und die vermeintlichen. Treibt man sie zu sehr in die Enge, beißen sie zurück."
Ein solches Verhalten nenne ich vorhersehbar.
Und bei allem Unverständnis für die Pädophilie: So langsam denke ich, daß ihr dann selber schuld seid an einer solchen Entwicklung.
© Anna Engelmann 1998
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