Elizabeth F. Loftus: Die therapierte Erinnerung

Über den zweifelhaften Versuch, sexuellen Missbrauch erst Jahre später nachzuweisen.

Elizabeth F. Loftus ist Professorin für Psychologie und außerordentliche Professorin für Jura an der Universität von Washington in Seattle. Sie promovierte 1970 in Psychologie an der Stanford-Universität in Kalifornien. Ihre Forschung konzentriert sich auf das menschliche Gedächtnis sowie auf Zeugenaussagen im Strafpozeß. Sie hat 18 Bücher und mehr als 250 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht; in Hunderten von Strafverfahren - unter anderen einigen spektakulären Prozessen um Kindesmißbrauch - war sie als Gutachterin tätig. Für ihr Buch "Eyewitness Testimony" erhielt sie den National Media Award der American Psychological Foundation. Die Universitäten Miami (US-Bundesstaat Florida) und Leiden (Niederlande) sowie das John-Jay-College of Criminal Justice der Städtischen Universität New York verliehen ihr Ehrendoktorate. Kürzlich wurde sie zur Präsidentin der American Psychological Society gewählt.

"Dieses Buch führt uns Erschreckendes vor Augen." The Wall Street Journal

"Je öfter ein Angler von seinem Fang erzählt, umso größer wird der Fisch. Nicht nur beim sprichwörtlichen Anglerlatein und Seemannsgarn verändern sich die Erinnerungen an frühere Ereignisse, fast jede Begebenheit wird in unserem Gedächtnis nachträglich verfälscht. Manchmal glauben wir uns sogar an Vorgänge zu erinnern, die niemals stattgefunden haben. Erstaunlicherweise können wir dieser Selbsttäuschung nicht einmal dann widerstehen, wenn wir bewußt darauf achten, nicht hereinzufallen." Spektrum der Wissenschaft-Ticker

Leseprobe, Kapitel 1, Seite 13ff

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Was wir wirklich sind und die Wirklichkeit, die wir leben, ist unsere psychische Wirklichkeit, die nichts anderes - und beachten Sie dieses erniedrigende nichts anderes - ist als die Tag und Nacht fortwirkende dichterische Phantasie. Wir leben wirklich in der Traumzeit; wir sind wirklich der Stoff, aus dem die Träume sind.

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Shirley Ann Souza war der Traum einer jeden Mutter. "Sie war das süsseste, liebenswerteste, wunderbarste, aufgeweckteste Kind", erinnert sich ihre Mutter. In der High-School war Shirley Ann in der Softballmannschaft und Kapitänin der Basketball- und Volleyballmannschaften. Sie war Mitglied der National Honor Society und machte als neunzehnte ihres Jahrgangs ihren Abschluss.

Nach ihrem High-School-Abschluss arbeitete Shirley Ann in einer psychiatrischen Einrichtung und begann, Pharmazie zu studieren. Dann, als sie einundzwanzig Jahre alt war, wurde Shirley Ann brutal vergewaltigt. In den Monaten nach der Vergewaltigung sackten ihre Noten deutlich ab. Sie wechselte an eine Hochschule, die näher an ihrem Heimatort lag, und ihre Eltern kauften ihr ein Auto, damit sie sie an den Wochenenden besuchen konnte. Ein knappes Jahr später, im Sommer 1988, wurde Shirley Ann erneut das Opfer eines sexuellen Überfalls; im August 1989 wurde ihr Angreifer wegen sexueller Nötigung zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Eine Therapie schien ihr zu helfen, mit den Gefühlen von Schmerz und Wut fertig zu werden, aber sie wurde von immer wiederkehrenden Alpträumen geplagt. In diesen furchtbaren Träumen wurde sie von ihrer Mutter, die einen Penis hatte, bedrängt, von ihrem Bruder vergewaltigt und von ihrem Vater mit einem Kruzifix anal penetriert. Mit Hilfe ihres Therapeuten versuchte Shirley Ann, ihre Alpträume zu analysieren und zu interpretieren.

Eines Morgens im Juni 1990 verstand sie mit plötzlicher, schrecklicher Klarheit, was die Träume ihr sagen wollten: Ihre Eltern hatten sie als Kind sexuell missbraucht, und in dem Versuch, sich selbst zu schützen, hatte sie die Erinnerungen daran verdrängt. Shirley Ann rief sofort ihre Schwester und ihre Schwägerin an und bat sie dringend, ihre Kinder von den Grosseltern Raymond Souza, einem pensionierten Störungssucher der Elektrizitätswerke von Massachusetts, und Shirley Souza, einer Krankenschwester, fernzuhalten.

Die Angst breitete sich aus wie Tinte auf Löschpapier. Shirley Ann, ihre Schwester Sharon und ihre Schwägerin Heather lasen das Buch "Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen". "Wenn Sie sich an Ihren Missbrauch nicht erinnern, sind Sie nicht allein", erfuhren sie. "Viele Frauen haben keine Erinnerungen, und manche werden sich nie erinnern. Das heisst nicht, dass sie nicht missbraucht worden sind." Checklisten und Symptomkataloge bestätigten ihre Verdachtsmomente. Das Schlimmste befürchtend, befragten sie ihre Kinder und brachten sie zwecks Diagnose und Behandlung zu verschiedenen Therapeutinnen und Therapeuten. Im November 1990 stellte die Therapeutin der fünfjährigen Cindy fest, "dass die Antworten des Kindes auswendig gelernt und etwas wirr klingen ... Es scheint, als ob ein gewisser Druck von der Mutter ausgeht."

Einige Wochen später wechselte Cindys Mutter die Therapeutin und brachte ihr Kind zu einem Spezialisten für Kindesmissbrauch. In der allerersten Sitzung diagnostizierte der Therapeut Cindys Problem als posttraumatisches Stresssyndrom, ein klassischer Indikator für sexuellen Missbrauch. Als die vierjährige Nancy anfing, Alpträume zu haben, in denen furchterregende Wesen vorkamen, die sie als ihre Grosseltern identifizierte, begann sie mit Sitzungen bei demselben Therapeuten.

Auf der Grundlage der Erinnerungen, die ihre Kinder und Enkelkinder zu Protokoll gaben, wurden Raymond und Shirley Souza angeklagt. Die Staatsanwältin bot ihnen sofort einen Handel an: Wenn sie sich schuldig bekennen würden, kämen sie ohne Gefängnisstrafe davon. Die Souzas wiesen diese Einigung ab, und es wurde ein Prozesstermin festgesetzt. Während des Prozesses, der fast drei Jahre, nachdem Shirley Ann begonnen hatte, unter Alpträumen zu leiden, abgehalten wurde, bezeugte Nancy, dass ihre Grosseltern sie dazu gebracht hätten, ihre Genitalien zu berühren, dass sie "ihre ganze Hand" in ihre Vagina getan hätten und sogar "ihren Kopf" in sie hineingesteckt hätten. Sie beschrieb eine Maschine, die so gross wie ein Zimmer war und die ihre Grosseltern per Knopfdruck bedienten; die Maschine hatte Hände, die ihr "weh taten". Cindy sagte aus, dass ihre Grosseltern ihre Finger in ihre Vagina und in ihren Anus gesteckt hätten, sie in einen riesigen Käfig im Kellergeschoss gesperrt und gezwungen hätten, eine widerliche grüne Flüssigkeit zu trinken, und dass sie damit gedroht hätten, ihrer Mutter das Herz zu durchstechen, wenn sie etwas verriete.

Es gab keinerlei materielle Beweise, die die Anklagepunkte unterstützten, aber am 12. Februar 1993 wurden Raymond und Shirley Souza, beide einundsechzig Jahre alt, in mehreren Fällen der Vergewaltigung und unzüchtiger Handlungen für schuldig befunden. Wenn ihr Berufungsverfahren fehlschlägt, werden sie neun bis fünfzehn Jahre wegen Erinnerungen im Gefängnis verbringen, die nicht existierten, bis eine erwachsene Frau einen schlechten Traum hatte.

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