Pirmin Meier: Federer - Priester und Schriftsteller in der Stunde der Versuchung

Am 2. August 1902 wird der Priester und Publizist Heinrich Federer (1866-1928) an der Talstation der Stanserhornbahn verhaftet. Es besteht Verdacht auf "widernatürliche Befriedigung des Geschlechtstriebes, begangen an einem zwölfjährigen Knaben".

Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft werden ihm Wohnung und Anstellung fristlos gekündigt. Es folgen Lebensjahre in bedrückenden moralischen und materiellen Verhältnissen, bis Federer mit der Novelle "Vater und Sohn im Examen" der literarische Durchbruch gelingt und er zu einem der bedeutendsten katholischen Erzähler seiner Generation wird.

Pirmin Meier hat das Geschehen nach den Gerichtsakten aufgearbeitet und ermöglicht ungeahnte Einblicke in einen bisher verschlossenen Kosmos. Eine authentische Geschichte um Literatur, Knabenliebe und Katholizismus.

Der Autor nimmt Stellung zu seinem Roman - exklusiv für ITP

Was das Buch "Der Fall Federer" betrifft, gilt nicht, was in der Zeitung darüber steht, sondern was im Text von 392 Seiten selber drin steht. Die Spekulation betreffend die rechtzeitige Verhaftung steht jedenfalls nicht im Text, sondern fiel irgendwann während eines eineinhalb-stündigen Gespräches mit dem "Blick"-Journalisten, auf dessen Fragen einzugehen war.

Das "Positive" an der Verhaftung Federers vom 2. August 1902 hängt damit zusammen, dass er damit aus seinem bisherigen System herausgelöst wurde und über die Verarbeitung der traumatischen Verhaftung zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der Schweiz wurde.

Meine Arbeit über Federer ist noch nicht abgeschlossen. Für den Fall, dass mein Buch ein angemessenes Echo findet, folgt ein Federer-Textband. Hier könnten Sie einige der schönsten Knaben-Geschichten der deutschen Literatur nachlesen. Beschaffen Sie sich allenfalls schon jetzt "Am Fenster" von Heinrich Federer und lesen Sie darin das Kapitel "Eine seltsame Freundschaft". Federer hat sich darin allerdings vom 45-Jährigen reduziert, um seine Freundschaft mit dem 14-jährigen Hans-Dietrich von Bülow beschreibbar zu machen. "Zensur verfeinert den Stil."

Ich schreibe nicht, um "Kohle" zu machen, sondern investiere in jedes Buch 20 000 Franken und mehr Forschungskosten. Am "Fall Federer" habe ich ca. fünf Jahre gearbeitet.

Die biblische Magdalena ist weder eine reuige Sünderin noch eine ehemalige Prostituierte; eben das will ich mit jenem geplanten Buch wissenschaftlich und erzählerisch zeigen. Magdalena war indes eine Anima-Figur für viele Mystiker und Homosexuelle.

Es ist lächerlich, jemanden wegen seiner Religion zu beschimpfen. Im Vergleich zu Heinrich Federer und Melchior Paul von Deschwanden, dem grössten kath. Kirchenmaler in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, der 1862 von einem jugendlichen Chanteur verpfiffen wurde, können gewisse Leute aus der Pädo-Szene, die glauben, ihre Mitmenschen der Religion wegen zu verhöhnen, schlicht zusammenpacken.

Als Lehrer der Ethik komme ich nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, dass Ethik als Theorie der Praxis vernünftigen Handelns bedeutet, sich selber Grenzen setzen zu lernen. Andernfalls verfehlt man, nach Aristoteles, die höchste Norm. Auch ist der Mensch, wie Paracelsus hervorhob, nie allein auf der Welt. "Der Mensch ist bei den Leuten."

Abschliessend mache ich noch auf den grössten Philosophen der Schweiz aufmerksam, dem man "Befürwortung der Kinderschändung" vorwarf: Heinrich Hössli, der Putzmacher von Glarus, über den ich ebenfalls ein Buch geschrieben habe, mit Forschungskosten, die trotz Erfolg des Buches noch nicht "eingefahren" sind. Heinrich Hössli, der 1836 mit "Eros" das bestunterdrückte Buch der Schweizergeschichte schrieb, würde in den Kreisen, die sich im Jungs-Forum bemerkbar machen (dagegen habe ich gar nichts), ebenfalls als verklemmter Pädo oder so hingestellt. Er war indes ein Geist, der Ansprüche stellte, ein grosser Demokrat auch, und ein sittlicher Mensch, aber anders, als es sich die Frommen vorstellten. Es genügt nicht zu sagen "Ich bin Hetero, und das ist gut so" usw. Der Mensch hat die Aufgabe, seinem Leben einen Sinn zu geben und sich verantwortungsfähig zu verhalten. Der Weg des geringsten Widerstandes ist nie der richtige Weg. Pirmin Meier

 

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