Nils Engelmann: Netzwerk

Der zweite Roman von Nils Engelmann setzt seinem Erstlingswerk noch einen drauf. "Jeder Staat hat seine Ratten, die echten und die vermeintlichen. Treibt man sie zu sehr in die Enge, beißen sie zurück. Diese Erkenntnis ist alt, daß heißt aber ganz offensichtlich nicht, daß sie sich auch durchgesetzt hat." Dieser Satz weist den roten Faden im "Netzwerk", einem teilweise autobiographischen Roman, der zugleich auch Kriminalroman und Liebesgeschichte ist.

Es geht um gesellschaftliche Ächtung und deren Folgen, um Liebe im Nachkriegs-Sarajewo und um all die damit verbundenen Probleme. Auch dieser Roman über Pädophilie besticht vor allem durch das, was bereits nach zwei Veröffentlichungen das Markenzeichen des Nils Engelmann geworden ist: bitterbösen Sarkasmus, beißende Ironie, bestechende Menschlichkeit und mitreißende Offenheit. So ehrlich und so wenig beifallheischend vermögen nur wenige Autoren zu schreiben. Nils Engelmann geht nicht nur das Wagnis der Offenheit ein, sondern auch das Wagnis einer Illusion, welche zugleich Gefahr läuft, mißverstanden zu werden. Auch dieser Roman bietet wieder reichlich Brennstoff, sowohl für die politisch korrekte Meinungsöffentlichkeit als auch für den, der sich (noch) die Freiheit selbst zu denken nimmt. Die Perspektiven, welche Engelmann zeigt, sind erschütternd - und das sollen sie auch sein, denn sie sollen aufwecken. Der Roman schlägt ein wie eine Bombe und der krimihafte Charakter tut dem keineswegs Abbruch, sondern verstärkt die Wirkung noch mehr. Vor allem aber bewirkt der unverwechselbare Stil Engelmanns, daß man den Roman fast nicht mehr aus der Hand legen möchte, so mitreißend ist er geschrieben.

Der interessierte Leser sollte damit rechnen, ein ungewünschtes Spiegelbild seiner Selbst in diesem Buch zu finden... Zum Nachdenken anzuregen ist auch hier wieder einmal Programm! pz

Einige Leseproben

"Das erneute Ermittlungsverfahren gegen ihn hatte seinen Blick für das Wesentliche geschärft. Statussymbole, all der kleinbürgerliche Firlefanz, die ganzen lächerlichen Träumereien von einem erfüllten beruflichen Leben und einer oberflächlichen Harmonie im täglichen Einerlei erschienen ihm plötzlich wie eine überflüssige Schale, unter der sich der eigentliche Kern verbarg."

"Wenn es sexuellen Kindesmissbrauch und um die Pädophilie ging, liefen viele Redakteure buchstäblich zu Hochform auf. Die Grundsätze objektiver Berichterstattung wurden mit Füssen getreten, Vorverurteilungen waren an der Tagesordnung, und vor allem: So gut wie kein Kollege war bereit, zwischen Pädophilie einerseits und sexuellem Missbrauch andererseits zu differenzieren."

"In diesem Land dürfen Kinder von ihren eigenen Eltern krankenhausreif geschlagen werden – die Entrüstung hält sich in Grenzen. Tausende kommen Jahr für Jahr im Strassenverkehr ums Leben. Der Aufschrei unterbleibt... Aber wenn sich ein Pädophiler erdreistet..."

"Jeder Pädo mein Freund? Denkste. Auf einige traf das mittelfristig zu, andere hingegen erlebte ich ein-, zwei- oder dreimal und wandte mich dann schaudern ab.

"Sie kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Einige waren bislang nicht aufgeflogen, während andere schon ein ansehnliches Vorstrafenkonto hatten (darunter auch Gerd). Wahre Schauergestalten befanden sich darunter, die am Ende der sozialen Leiter angekommen schienen. Ehemalige Lehrer zum Beispiel, die nach ihrer Haftstrafe nicht mehr den Weg zurückfanden, vor sich hin vegetierten und buchstäblich verwahrlosten, aber auch Pädos, die sich in ihrem Hass auf alle Normalos verrannten und als gefährliche Zeitbomben durch die Gegend liefen, Pädos, die an dem ständigen Druck zerbrachen und nur noch ein Schatten ihrer selbst waren, andere, die völlig ausrasteten und sogar für Gleichgesinnte, vor allem aber für die Jungen zu Gefahr wurden und schliesslich viele Pädos, die sich langsam aber sicher zu Tode soffen."

 

 

 

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