Thomas Mann: Der Tod in Venedig

Thomas Manns literarisches Coming-Out.

"Ein autobiographischer Schriftsteller Aschenbach ist durch Unterdrückung seiner eigenen Sinnlichkeit innerlich ausgebrannt. Während eines Venedig-Urlaubs verliebt er sich in einen polnischen Jungen, der im selben Hotel wohnt. Obwohl er nie mit ihm spricht oder ihn berührt, verfällt er der Schönheit des Jungen, die ihn schließlich in eine andere Welt, in den Tod führt." amazon.de

Der 50-jährige, in München lebende Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der pflichtbewusst und diszipliniert arbeitend, sich auf der Höhe seines öffentlichen Ruhms befindet, reist, von plötzlichem Fernweh und Reiselust erfasst, nach Venedig. In der schwül-fiebrigen Atmosphäre der Lagunenstadt verbringt er eine Reihe von Tagen in einem Zustand zunehmend aufgelöster innerer Ordnung und Disziplin, in sinnlicher Zuneigung entflammt zu dem im gleichen Hotel logierenden polnischen Jüngling Tadzio, bis er sich, nach einer Verlängerung seines Aufenthaltes, in dem beginnenden Ausbruch einer Cholera-Epidemie an frischem Obst infiziert und in der Schlussszene am Meeresstrand sitzend stirbt. pz

Einige Leseproben

"Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei junge Mädchen, fünfzehn-bis siebzehnjährig, wie es schien, und ein langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war. Sein Antlitz, - bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war es von so einmalig-persönlichem Reiz, daß der Schauende weder in Natur noch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu haben glaubte."

Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo wäre es besser? Und die
Hände im Schoß gefaltet, ließ er seine Augen sich in den Weiten des
Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen
im eintönigen Dunst der Raumeswüste. Er liebte das Meer aus tiefen
Gründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, der
von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des
Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen,
seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verführerischen
Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts. Am
Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das
Vortreffliche müht; und ist nicht das Nichts eine Form des
Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere träumte, ward
plötzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen
Gestalt überschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten
einholte und sammelte, da war es der schöne Knabe, der von links
kommend vor ihm im Sande vorüberging. Er ging barfuß, zum Waten
bereit, die schlanken Beine bis über die Knie entblößt, langsam, aber
so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz
gewöhnt, und schaute sich nach den querstehenden Hütten um."

"Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine
helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den
um die Sandburg beschäftigten Gespielen grüßend anzukündigen suchte.
Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform
seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer
gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu können, als zwei
melodische Silben wie »Adgio« oder öfter noch »Adgiu« mit rufend
gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in
seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen
und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu."

"Viel, fast beständig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein
beschränkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit
sich, daß der Schöne ihm tagüber mit kurzen Unterbrechungen nahe war.
Er sah, er traf ihn überall: in den unteren Räumen des Hotels, auf den
kühlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurück, im Gepränge des
Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der
Zufall ein Übriges tat. Hauptsächlich aber und mit der glücklichsten
Regelmäßigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte
Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja,
diese Gebundenheit des Glückes, diese täglich-gleichmäßig wieder
anbrechende Gunst der Umstände war es so recht, was ihn mit
Zufriedenheit und Lebensfreude erfüllte, was ihm den Aufenthalt teuer
machte und einen Sonnentag so gefällig hinhaltend sich an den anderen
reihen ließ."

"Aschenbach verstand nicht ein Wort von
dem, was er sagte, und mochte es das Alltäglichste sein, es war
verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben
Rede zur Musik, eine übermütige Sonne goß verschwenderischen Glanz
über ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner
Erscheinung Folie und Hintergrund."

"Der Gegenstand war ihm geläufig, war
ihm Erlebnis; sein Gelüst, ihn im Licht seines Wortes erglänzen zu
lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen
dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des
Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Körpers
folgen zu lassen, der ihm göttlich schien, und seine Schönheit ins
Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Äther
trug. Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewußt,
daß Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden,
in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im
Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios
Schönheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener
Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung
binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher
gut, daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge,
nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der
Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floß, würde sie oftmals
verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen
aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Mühe! Seltsam
zeugender Verkehr des Geistes mit einem Körper! Als Aschenbach seine
Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fühlte er sich erschöpft,
ja zerrüttet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer
Ausschweifung Klage führe."


"Der Knabe trug heute einen
leichten Blusenanzug aus blau und weiß gestreiftem Waschstoff mit
rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen
weißen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht
einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte,
ruhte die Blüte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt
des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und
ernsten Brauen, Schläfen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden
Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt"


Das ganze Buch kann online heruntergeladen werden.

Zur Bücher-Übersichtsseite

"Die beste Prävention ist Information"

Gute Informationen sind die beste Vorbeugung – und gut sind Informationen, die Objektivität anstreben. Tragen Sie das Engagement von ITP mit

Bücherbestellungen

Einige der vorgestellten Bücher sind nur antiquarisch erhältlich oder bei Ebay; in der Schweiz kann möglicherweise diese Buchhandlung helfen.

Hilfe in Sachen Pädophilie
Internationale, unabhängige Beratungsstelle.

Suchen Sie etwas Bestimmtes?