Gezeigt wird welche Dynamik entsteht, wenn man bei einem Familienvater Kinderponographie findet. Eine Familie ist zerstört. Rücksicht auf Angehörige wird da keine genommen. Schnell breitet sich die Hysterie aus.
Vermutungen und Gerüchte machen die Runde und die vermeintlichen "Opfer" überbieten sich mit immer fantasievolleren Darstellungen von Misshandlungen. Die dabei offenbarten Fantasien zeigen Projektionen und Vorstellungen und werden nur zu oft von der Justiz und gewisser Medien ungefragt und unreflektiert übernommen. Der Film schildert einen realen Kriminalfall. Die Bilder entstammen zumeist aus dem Familienarchiv der Familie. Alles ist echt, keine Schauspieler.
Kurzbeschreibung
Von aussen betrachtet sind Arnold und Elaine Friedman und ihre drei Söhne eine recht typische amerikanische Familie im wohlhabenden Great Neck auf Long Island. Als die ganze Familie zum festlichen Thanksgiving-Essen zusammenkommt, bricht plötzlich die Polizei in ihr Haus ein, durchsucht ihre persönlichen Sachen und verhaftet Arnold und den 18-jährigen Jesse. Während die Familie ihre Unschuld beteuert, gerät die Gemeinde von Great Neck in Aufruhr angesichts der schockierenden Verbrechen, die den Friedmans angelastet werden.
Aus der Perspektive der Öffentlichkeit und anhand von Familienfilmen erzählt der Film die Geschichte eines Kriminalfalles, der grundlegende Fragen zu Gerechtigkeit, Familie, Gemeinschaft und Wahrheit aufwirft.
Podiumsdiskussion mit Sylvia Tanner und Michael Griesemer
Anlässlich der Vorführung von "Capturing the Friedmans" im stattkino, Luzern
Am 9. Februar 2004 zeigte das stattkino in Luzern den Film Capturing the Friedmans. Nach der Vorführung diskutierten fünf Fachleute und ein Pädophiler über den Film und standen dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Mit über 90 Besuchern war die Veranstaltung unerwartet gut besucht. Der Leiter des stattkino, Peter Leimgruber, verfolgte mit der Veranstaltung das Ziel, interessierten Menschen einen Einblick in die Lebenswelt von Pädophilen zu ermöglichen. Obwohl mehrere Journalisten anwesend waren, berichtete ausschließlich die Neue Luzerner Zeitung am 14. Februar 2004 über den Abend, leider nicht ganz objektiv. Denn die Veranstaltung zielte nicht auf das umfangreiche Diskussionsthema sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen ab, sondern beschäftigte sich mit dem Thema Pädophilie.
Gedanken zur Podiumsdiskussion
Dr. B Hasler: Wenn tatsächlich 3% der Menschen pädophile Neigungen haben, ist es eine Herausforderung, dass wir uns mit dem Thema und den Betroffenen auseinandersetzen, die in der Regel unter extremen seelischen Spannungen leiden. Mit der Verurteilung gehen diese Menschen in die Dunkelzone. Wichtig wären regionale Anlaufstellen mit Fachleuten zu eröffnen, wo solche Menschen sich verstanden fühlten und die Themen Persönlichkeitsentfaltung, Triebleben, Macht, Verantwortung, Selbstwahrnehmung und Respekt vor den Mitmenschen aufgearbeitet werden könnten. pz
S. Tanner: Leider blieb für die Diskussion viel zu wenig Zeit. Das Publikum hätte mehr davon gebraucht um aufzutauen und Fragen zu stellen. So gab es nur wenige, die sich trauten, einer fiel allerdings besonders auf: Bei ihm spürte ich den Hass gegen Pädophile fast körperlich. Aus Erfahrung weiss ich, dass man solche Menschen nur selten für ein sinnvolles Gespräch erreichen kann. Dieser Mann stellte sich als Angestellter des Männerbüros vor. Er versuchte mich in die Missbrauchsschiene zu drängen, d.h. mir zu unterstellen, ich würde den sexuellen Missbrauch von Kindern befürworten. Er stellte eine Scheinfrage mit der Absicht mich in dieser Richtung zu diffamieren. Herr Griesemer reagierte mit dem Hinweis, dass Pädophile selbstverständlich Opfer seien, wenn man Menschen pauschal verurteile und dass es eine ganze Reihe von Störungen in Reaktion auf ihr Stigma gebe, die eine Beratung notwendig erscheinen ließen, wie ich sie anbieten würde. Sehr angenehm empfand ich die Ehrlichkeit und Offenheit des Amtsstatthalters von Luzern, Herr Georges Frey.
Ich selber konnte mich mangels Erfahrung in solchen öffentlichen Debatten kaum durchsetzen und fühlte mich etwas ausgeschlossen. Die vom Moderator vor Beginn des Films angekündigten Provokationen fielen glücklicherweise weitgehend weg, und durch die dem Ereignis folgenden Reaktionen weiss ich, dass wir mit der Diskussion einiges im Denken anwesender Menschen verändert haben. Dafür bin ich dankbar.
Dipl. Psych M. Griesemer: Die Veranstaltung hat einige Menschen nachdenklich und neugierig gemacht. Der Moderator der Podiumsdiskussion versuchte mich zum zwielichtigen Verharmloser von sexuellem Kindesmissbrauch abzustempeln.
P. Erni: Die Diskussion war leider viel zu kurz. Besonders in Erinnerung wird mir bleiben, wie einige junge Menschen mir nach dem Podium im Foyer spontan zu meinem Mut gratuliert haben und in einer sympathischen und offenen Art noch Fragen zum Thema Pädophilie gestellt haben. Alleine für diese jungen Menschen war es das Risiko wert, öffentlich aufzutreten.
Artikel dazu, aus: Neue Luzerner Zeitung vom 14. Februar 2004
Anmerkungen von S. Tanner: Wie üblich reagiert die Presse indem sie als Ausgleich jemanden interviewt, der kaum Erfahrung mit Pädophilen hat und dennoch als "Fachmann" auftritt. Sie tut das bezeichnenderweise nach einer Diskussion in der wir den Medien vorwerfen, nicht mit dem Thema umgehen zu können.... Dass es sich beim Interviewten ausgerechnet um diesen Herrn aus dem Männerbüro handelt, der mit seiner verhaltenen Aggression bereits an der Podiumsdiskussion aufgefallen ist, erstaunt mich nicht wirklich. Nach 10-jähriger Tätigkeit kann ich allerdings garantieren, dass sich kaum je ein Pädophiler zu einer Beratung dahin verirrt hat. Sylvia Tanner
Der Artikel: Pädophilie - alles nur Hysterie? Der Film Capuring the Friedmans, der zurzeit im stattkino Luzern läuft, beschäftigte sich mit dem Schicksal einer amerikanischen Familie, deren Vater - ein Konsument von Kinderpornographie - wegen Verdachts auf Kindsmissbrauch festgenommen wurde. Zum eigentlichen Skandal werden im Film die Recherchen der Polizei und die Verhöre mit Schülern gemacht, die auf eine eigentliche "Lynchjustiz" der Familie hinausläuft. Nicht gerade skandalös, aber zumindest sehr zwiespältig war die Podiumsdiskussion zum Thema Pädophilie, die im stattkino diese Woche im Anschluss an den Film stattfand. Marcel Erni (Name von der Redaktion geändert), der als Pädophiler am Podium teilnahm, kritisierte die Sensationsgeilheit der Medien, die "nicht die Wahrheit suchen, sondern Einschaltquoten wollen". Von den beschworenen Skandalen angeblich pädophiler Vergehen bleibe nach einer genauen Abklärung sehr oft nicht mehr viel übrig.
Marcel Erni, dem noch nie eine Straftat nachgewiesen wurde, verneinte auf ein entsprechendes Nachfragen aus dem Publikum nicht, dass es manchmal zu Vergewaltigungen von Kindern komme, nur: "In welcher Sexualität gibt es das nicht?" Wenn er persönlich von Pädophilie rede, dann meine er "Liebe und nicht Sex". Er sei für die jungen Knaben, denen er sich zugetan fühle, ein Vorbild, und er sei sich der Andersartigkeit dieser Liebe sehr wohl bewusst.
Für mehr Verständnis für pädophil veranlagte Menschen plädierten an dieser Diskussion auch der deutsche Psychologe Michael Griesemer und Sylvia Tanner, die eine Beratungsstelle für Pädophilie führt. Griesemer betonte, dass der allergrösste Teil der pädophilen Menschen - rund 3 Prozent der Bevölkerung - ihrer Neigung nur in der Fantasie nachgehen und deshalb kaum oder selten sexuelle Handlungen an Kindern unternehmen würden. Die Medien dagegen würden alle diese Menschen unisono zu Monstern machen. Zudem gebe es immer wieder Kinder, die aussagen, dass sie sich keineswegs sexuell missbraucht gefühlt hätten.
Der Konsum von Kinderpornographie bezeichnete der Entwicklungspsychologe als "unglückliche Kompensation" von pädophilen Menschen. Laut Sylvia Tanner sind pädophil veranlagte Menschen immer auch Opfer, die unter den Diffamierungen der Gesellschaft zu leiden hätten. Pädophile könnten sich verlieben wie Menschen mit herkömmlichen sexuellen Präferenzen. "Und die betroffenen Kinder und Jugendlichen lieben diese Menschen auch, einfach auf eine andere Art, mehr als Kumpel und väterlichen Freund."
Auf die rein juristische Optik konzentrierte sich an diesem Podium der Luzerner Untersuchungsrichter Georges Frey, während die Zürcher Psychiaterin Brigitte Hasler immerhin zaghaft die Frage nach Macht und Verantwortung zwischen den ungleich Beteiligten einer pädophilen Beziehung stellte.