Interessant im Genre-Kontrast zu Filmen wie beispielsweise dem zu Recht rezensentenbelobigten "Mysterious Skin" der Verweis auf ein Pionierwerk des coming-out-age-Films, gedreht mit inspirierten jugendlichen Laiendarstellern und einiger landeseigener Schauspielerprominenz 1978 in Dänemark: "Du er ikke alene" (Du bist nicht alleine).
Ein Land, aus dem schon mal Interessantes zu vermelden ist, auch wenn die Sanddünen an der Nordsee nicht ganz so in den Himmel wachsen wie die Schweizer Alpen. Milch, Käse und Schokolade hat's aber auch dort.
Doch ernsthaft: Der in semidokumentarischem Stil gehaltene Spielfilm "Du er ikke alene" des dänischen Fernseh-Dokumentaristen und Filmemachers Lasse Nielsen behandelt die beginnende sexuelle Identitätsfindung zweier Jungen in einem Internat - mit emanzipatorischer Intention und aus der Sicht der partiell aus ihrer Erfahrung spielenden, jugendlichen Protagonisten. In dem christlich geprägten Internat scheint, wie als Spätfolge der 68er, mikrokosmisch stellvertretend der Untergang des Abendlandes stattzufinden.
Der bedauernswerte Schulheim-Direktor versucht, autoritär, aber eher hilflos, herkömmliche Ordnung und Disziplin aufrecht zu erhalten (dargestellt wird er von Dänemarks großem Theaterschauspieler Ove Sprogoe, *1919, in Deutschland vor allem als ebenso erfolgloser Chef der "Olsen-Bande" bekannt). Nicht nur, daß der direktorale Kulturkampf gegen Pin-ups grandios scheitert (den gegen lange Haare hat er wohl schon längst aufgegeben) – schließlich bricht auch noch ein Schülerstreik aus und obendrein beleidigt die Transparent-Parole "Rotfront!" das Auge des strengen konservativen Institutsleiters.
Das Mißlingen seiner pädagogischen Bemühungen zeigt sich freilich insbesondere in dem niederschmetternden Umstand, daß sein eigener, von ihm überwiegend barsch herumkommandierter, 12jähriger Sohn Kim eine Freundschaft mit dem als rebellisch beargwöhnten 15jährigen Internatsinsassen Bo beginnt und diese sich bald über "Jungskameradschaft" hinaus zur amour scandaleuse ausweitet. Zu allem Überfluß demonstrieren die beiden ihre Liebe bei einem eigentlich der moralischen Aufrüstung gewidmeten Veranstaltungsabend mit Hilfe der schulischen Film-AG vor der gesamten Schulöffentlichkeit einschließlich Eltern und Sponsoren.
Hier geht es also nicht um "Pädophilie" im weitgefaßten Sinne der Neigung von Erwachsenen zu Kindern - worunter man mittlerweile auch in Teilen des politischen und juristischen Diskurses offenbar pauschal die Altersgruppe von 0 bis 18 zu verstehen scheint. Hier geht es vielmehr um die, noch dazu moralzerrüttend homoerotische, Hinneigung von Jugendlichen zueinander. Mit einer Sensibilität, die den Rezensenten der "Seattle Times" an die frühen Filme Francois Truffauts erinnerte, reklamieren Lasse Nielsen und sein kongeniales Team, eher dem 68er Diskurs als dem oben erwähnten unserer Tage folgend, das Recht auch von Jugendlichen auf selbstbestimmte Liebe und Suche ihrer Identität jenseits gängelnder Repression.
Der Schreiber dieser Mail erkennt in diesem Film eigene Internats-und growing-up-Erfahrungen wieder - freilich datieren diese noch gut 10, 12 Jahre hinter den Entstehungszeitpunkt von "Du er ikke alene" zurück, in eine in solcher Hinsicht teils wirklich noch richtig "bleierne Zeit". Vor dem Hintergrund mancher irrationalen, regressiven Strömung, die mit ansatzweisen Erfolgen versucht, die Aufbrüche jenes Bleigehäuses seit "68" zu revidieren, überfällt mich allerdings derzeit punktuell eine Art deja-vu-Empfinden.
Nun möchte ich durch fahrlässige Hinweise keinem unterbeschäftigten Amtsträger einen Floh ins Ohr setzen. Nicht ausgeschlossen aber scheint, daß irgendwelche übereifrigen Staatsanwälte oder sonstige amtliche und nichtamtliche Moralhüter auf die Idee kommen könnten, einen Film wie "Du er ikke alene", der Jugendlichen gerade Mut machen und überdies zur Akzeptanz von (in diesem Falle jugendlicher) Homosexualität beitragen möchte, als "Kinderpornographie" einzustufen. Wofür es nach mancher obskuranter, aber populistisch verhandlungsfähiger, Meinung eben schon ausreichen soll, Sexualität unter noch nicht 18jährigen nicht verbissen zu problematisieren, sondern positiv darzustellen. Wie überhaupt der Begriff "Schutzalter" dahingehend zu expandieren droht, es seien Menschen bis 18 nicht nur vor dem Übergriff Erwachsener, sondern auch vor selbstgewollter Sexualität mit ihresgleichen zu "schützen".
Was tendenziell auf die Wiederbelebung eines "Liebesverbotes" hinausläuft, wie unsere Jahrgänge mit aller pädagogischer Einschüchterung es noch erlebt, dann aber im Zuge der Zeitenwende weitgehend überwunden haben. Dieses "Erbe" der 68er ist aktuell heftiger Anfechtung hausgesetzt, freilich im Grundsatz real nicht liquidierbar. Insofern lohnt sich, durch die Optik Lasse Nielsens, schon ein Blick zurück in eine Zeit, auf deren Agenda eben nicht neue Restriktion obenan stand, sondern im Gegenteil die Überwindung der alten. Hans-Detlef von Kirchbach, nrhz.de
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