Vom seinem Vater missverstanden und von seiner verstorbenen Mutter verlassen, so fühlt sich der Teenager Howie. Magisch angezogen aber wird er von Freund Gary, der seinen Körper für Geld verkauft. Auch an den Ex-Marine Big John, der Gary nur benutzte, in Howie aber eine Seele entdeckt, die er verführen, vielleicht aber auch retten möchte.
Die Exposition ist in diesem Film von prägsamer bewußter Länge: Aus dem Off eröffnet kommentierend die Stimme des noch fünfzehnjährigen Howie.
Die - auch sonst im Verlauf immer wieder eingeblendete - akkurat abgefilmte und dann immer wieder verfremdete L.I.E. drängt sich mit der erzeugten Unschärfe ihrer unaufhörlichen Bewegungsflüsse auf. Sie dröhnt und summt, um sich dann - im Gefolge der Regie-Eingriffe mit Zeitraffer, Bild- & Tonmodulierungen - in eine Stromschnelle still gewordener langgezogener Spuren zu verwandeln; sie markiert und skandiert Zeit- und Lebensablauf Howie's.
Ungeschützt wird dann der Zuseher der freudlosen Blöße einer dumpfen Abfolge inszenierter Leerstellen im Dauer-Abhängen vierer männlichen Jugendlichen ausgesetzt; beinah hektisch in ihrer hin und her springenden Formatabfolge; von kargen Nahaufnahmen, denen das Lebendige so hartnäckig ausgesaugt wurde, daß der Eindruck entsteht, jede Farbe sei mitausgesaugt worden, lediglich müdeste Grauwerte seien übrig geblieben, zu erdrückenden Totalen, vom leeren, beinah persekutorisch blauen Himmel wie erschlagen, mit durch Distanz "entleerten" Gebäuden; Bilder wie genuine Folien von Wartezeit, Wartezeit, Wartezeit.
In einer solchen wie eingefroren wirkenden Totalen erblicken wir ziemlich zu Beginn Howie's Haus, ein merkwürdiges, "verloren" in eben dem Long Island, dem die Long Island Expressway entspringt, für immer gestrandeter Raumschiff-Moby-Dick aus weißem Beton, aus einer Wiesenweite autistisch herausragend. Wie man im Filmverlauf nach und nach zu assozieren regelrecht "genötigt" wird: eine Art steriler angelsächsisch-christlicher verirrter "Alpenfestung" auf Flachöde.
In einigen Aufnahmen harrt Howie in den Innenräumen jener "Alpenfestung" der Dinge, die da kommen sollen, gequält durch unbeantwortet bedrängende Pubertät; gerade durch die "Anwesenheit" vereinsamt eines sich von Mal zu Mal "einfindenden" desorientierten Groß-Peter-Pan mit Bauhelm in der Rolle der Vateratrappe; süß schmerzhaft sehnsüchtig dauertrauernd dem Unfallsterben (auf der L.I.E., an der Ausfahrt 52!) der zarten - zu einfühlsamer nährender und lähmender Nähe fähigen - "überbindenden" Mutter.
Ungezielt um sich schlagend im Sumpf der ihm undurchschaubaren Korruptel in der Baufirma, versinkt mählich dabei der Vater, die Vateratrappe, als alberner Komplize und prädestiniertes Baueropfer finanzieller Machenschaften, in völlig hilfloser Erwartung der möglichen Verhaftung; und übt zwischenzeitlich stierig-emsig seichtes Wellness-Ficken und Sprachverlust.
Howie versucht der Schattenlosigkeit seiner Einbetonierung zu entfliehen. Er lauert auf Zeit an Zeit an Zeit fahrig-stur beharrlich dem "eigenen Adoleszenz-Schatten" in der indes weiterhin störrisch schattenarmen "Wildbahn"; ersehnt ihn dumpf & konfus als ein "wie vertrautes", ein "versprochenes" Wiedererkennungs-Phantom; vermißt ihn jedoch als erahnten schmerzenden Mangel und realen Schmerz...
Howie wird nicht fündig...
Was er mit den drei Kumpanen beim Schulschwänzen und Abhängen real findet, ist lediglich eine diffuse wärmelig-aggressive "vor-schwule" (paradoxerweise gleichzeitig latent & unsicher homophobe!) Dauerspannung; die angeblich tröstliche Spiegelung des eigenen ungestillten Frusts in seinen "Peers"; die unbestrittene informelle - unverblümt narzißstische - Führerschaft des götterhübschen verkommenen, verlogenen und höchstverführerischen Strichers Gary; die zögerliche Teilnahme an den faden Ausplünderungsritualen wiederholter Villeneinbrüche: routinierte Öde mit eingebautem faulem "Freischärler"-Zauber und -Kick.
Eben Shit, eben Talmi; das "Übliche" eben...
Vorbereitung aufs spätere "Leben" eben...
Eben Heimat.
Ein Leben in der Heimat.
Leben als vertraut übernommene - eigenerkannte - Alt-Pisse eben.
Die Exposition kulminiert in den letzten Einbruch. Gary und Howie, diesmal nur sie beide, am späten Abend im Halbdunkel eines Souterrains: Bilder, Wappen, Militaria; die Höhle eines Sonderlings.
Er nennt sich Big John, feiert ein Stock höher mit merkwürdigen Gestalten den Geburtstag seines runzeligen schrägen Mütterchens und ist ein früherer Freier von Gary, wovon alles Howie nichts ahnt.
BJ platzt hinein, erkennt den fliehenden Gary, schnappt wie ein Dobermann nach Howie, reißt ihm einen Fetzen seiner Jeans ab, bleibt schnaufend liegen, schnüffelt an seinem Beutestück.
Es kann losgehen!
Der ungeschriebene Skript: Ein Mann, ein Junge.
Päderasten haben die Möglichkeit, diesen Film anders, zusammenhängender, hintergründiger & doch faßbarer zu verstehen als sonstige dem verpönenden Tabu in sehr verschiedenen Ausgradungen öffentlich ausgelieferten Kritiker.
Die Möglichkeit haben sie, gelingt es ihnen, nach und nach "unbeskrupelte", unprojektive Wahrnehmung schmerzhaft zu fördern.
Lügen, "Lies", wie der Titel mitassoziert, sind hier wohl auch die verqueren Konstrukte, die widersprüchlichen Ideologeme der Verfemten.
Die Erzählung gefährdet sie. Ihr Leitthema ist das ungesicherte Abgehen von allgemein anerkannten Leitplanken, nicht nur von den denjenigen der L.I.E.; der Versuch "Unbeschriebenes" als "Beinahgeschriebenes" zu "lesen".
Big John, der schnüffelnde Jungenjäger, ist der Jugenderinnerung des Regisseurs und Mit-Autors des Filmbuches nachgestellt. (Michael Cuestas hat selbst seine Kindheit und Jugend in Long Island in der Nähe der L.I.E. und der im Film leitmotivitisch erwähnten Ausfahrt 52 mit einer Jungenclique verbracht. Im ferneren Dunstkreis der Clique tauchte unregelmäßig ein geheimnisvoller Mann mit einem auffälligen Wagen auf; von dem die Kiddies wußten, er sei scharf auf Junx, gebiete über mannigfache Beziehungen, sei zuverläßig aber auf ungenannter Weise gefährlich; den die Jungen nur "den Überwichtigen" nannten [nicht "den Aufgeblasenen", wie in einem der wenigen ins Deutsche übersetzten Interviews zu lesen war!]; zu dem Michael unverwirklicht gebliebene Annäherungen anfantasierte. Von einem autobiographischen Film stricto sensu kann man hier nicht reden; daß er wesentlich autobiographischer sei, als in der bürgerlichen Presse angedeutet, kann man lediglich aus damaligen "Untergrund"-Interviews erahnen.)
Big John ist ein ehemaliger Offizier einer Spezialeinheit der Marines, ehemaliger Angehöriger der DIA (Defence Intelligence Agency), kultiviert (noch sein leichter schottischer Hintergrundakzent soll beim amerikanischen Publikum den Mythos der noblen britischen Public School unterstützen), einflußreich und geheimnisvoll, manchmal undurchschaubar; ein melancholischer Frauenverehrer, solange sie ihm nicht auf die Pelle rücken; ein berufener Päderast; ein Versehrter ester zäher Scharmützel mit seinem mählich spürbar werdenden Alter.
Sein ganzes Leben ist ein Gegenentwurf zur Pisshaftigkeit; erschöpft sich aber nicht im Aufbegehren des Aufbegehrens halber. Er fährt herum in einem restaurierten roten Camaro; wohnt in einer barocken/vernachlässigten wärmeligen Klause zwischen bordellevozierender Wohnhöhle und augenzwinkender Hommage an die "große" Kultur (mit echtem Chagall an den Wänden und ein Shakespeare-Manuskript in einer Ecke!).
Ein ehemaliger Stricher wohnt bei ihm, unklar und ungut zwischen nostalgischer Altbindung, Semiadoption und Asylsuche oszillierend.
Howie wird gestellt.
BJ nähert sich dem von Gary angeschwärzten Jungen (Gary hat beim erwähnten Einbruch zwei teuere Pistolen geklaut) unter dem Vorwand, seine Mutter gekannt zu haben; offenbart sich jedoch bald zum Erschrecken von Howie.
Er fasst sich jedoch ein Herz, bricht bei Gary ein, kann eine der Pistolen noch retten.
Annäherung.
Unsere beiden Außenseiter kommen sich langsam und ambivalent näher...
Entsteht Freundschaft oder bleibt es diffuse Beinahnötigung?
Howie fährt Camaro, läßt BJ näher heran; teilt mit ihm die Liebe zur Poesie, verbringt mit ihm zuhnemend Zeit.
BJ taucht wie magisch überall dort auf, wo Howie in Schwierigkeiten steckt: ob Schule oder Polizei, er bringt die Welt um den Jungen langsam in Ordnung.
BJ bietet sein Haus Howie an als sicheres Haus, feste freundliche Zuflucht.
Stummslapstick, dann Farbe...
Das FBI verhaftet in einer filmisch höchst gelungenen Chaplineske die Vateratrappe. Der verunsicherte Howie wendet sich erneut an BJ.
Es entstehen wunderbare Bilder der Vertrautheit, Zögerlichkeit, Erotik und Farbsättigung. Der Mann verzichtet auf den Sex in jener ersten Nacht. Erfreute Behutsamkeit klopft an. Der Junge schläft heilenden geborgenen Schlaf; BJ, glücklich, bleibt auf, passiert seine Träume Revue; singt leise und befriedet.
Danach.
Das Frühstück ist eine der schönsten von mir je geblickten Szenen: Liebe, Vertrauen, Natürlichkeit, Lässigkeit füllen die Bilder.
Der Mann fährt den Jungen in das FBI-Gefängnis. Zwischen Vater und Sohn gibt es einen neuen Anfang.
Der überglückliche BJ wird von seiner ressentimentsgeladenen eifersüchtigen Altflamme gemeuchelt.
Howie ist verwandelt. Er lebt; die Ausfahrt 52 wird ihn nicht aufressen.
Eine Rezension von kl.