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Dipl.-Psych. M. Griesemer.
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Die Texte auf ITP-arcados stammen von verschiedenen Autoren mit teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen zum Thema Pädophilie.
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"Was nicht zur Sprache kommt,
kommt nicht zur Welt"
Die in meinen Einzeltexten erwähnte Fachliteratur findet sich im Literaturverzeichnis meiner zentralen Arbeit „Integrative Ursachentheorie zur paedophilia erotica“. Aus noch zu schildernden Gründen sind die Texte hier auf ITP-arcados bis dato noch nicht andernorts veröffentlicht. Sie enthalten zwar den ganzen Themenreigen in der Diskussion und beantworten vieles wissenschaftlich nach den Prinzipien der Methodenlehre (insbesondere die „Integrative Ursachentheorie“ und die „Empirische Wirklichkeit von Mißbrauchssymptomen“ mit Bezug auf Kinder); dennoch gibt es einige speziellere Punkte, die hier nachgetragen werden sollen.
- I -
Die erste Anmerkung betrifft die generelle Position des Autors, welche allen Texten hier von mir auf ITP-arcados zugrunde liegt:
Auch dieser letztere berufliche Entscheidungsspielraum wurde Staatsanwälten, Richtern und Forensikern aus der Hand geschlagen während des - am Beginn: feministischen - Kampagnendruck in der Politik auf das Strafrecht. Die Wege, wie es zu einer derzeitigen Rechtssituation überhaupt kommen konnte (weiten Teilen der Bevölkerung ist diese Realität bis heute nicht einmal bekannt) zeichnen meine Texte nach.
In diesem Bereich ist schlichtweg „die“ Katastrophe eines Rechtstaates schlechthin eingetreten - der Albtraum für jeden Verfassungsrechtler. Mir persönlich ist es dabei egal, wie man das formaljuristisch übersetzt oder mit der künstlichen Sprache des Missbrauchs-Chargons rationalisiert. Fakt ist, dass zur Zeit Menschen wegen Liebesempfindungen eingesperrt werden, die man absurder Weise ausgerechnet zur „Gewalt“ erklärt hat; dass Menschen oft wegen beidseitig liebevollen Schmusereien ins Gefängnis geraten aufgrund der Vorstellung es könnten dadurch Schäden entstehen - aber quasi so dafür bestraft werden, als hätten sie sie begangen. Pädophile waren das erste Opfer jener rechtstaatswidrigen Entwicklung im Strafrecht, welche bspw. der Vizepräsident des Deutschen Verfassungsgerichts, Professor Hassemer, im April 2006 in der Frankfurter Paulskirche beschrieb im Kontext der Begriffe „Feindstrafrecht“ und „Präventionsstrafrecht“: Der erste Begriff beschreibt eine Konzeptualisierung, Abweichler zum Schutz einer bürgerlichen Mitte zu „Feinden“ ihrer Gesellschaft zu erklären und sie außerhalb des rechtstaatlichen Rechts der Bürger zu stellen. Der zweite bezeichnet den Übergang vom traditionellen, individuell-schuldbezogenen sog. Schuldstrafrecht zu einem reinen Gefahrenabwehrrecht: Das imstande ist, Menschen auch wegen nur zu vermutenden oder pauschal gar unterstellten Schäden ohne Nachweispflicht von solchen (Einführung von „abstrakten Gefährdungsdelikten“) strafrechtlich zu belangen. Eine Besonderheit des Präventionsstrafrechts besteht darin, dass Menschen immer weniger nach individuellen oder objektiven Schuldmaßstäben zu verteidigen sind –eben durch „abstrakte Gefährdungsdelikte“, weil das Strafrecht nicht objektive Schuld mehr mit Gefängnis bestraft, sondern Internierung immer mehr durch „Prävention“ begründet wird – z.T. sogar nicht Prävention von objektivem Unrecht oder Echtstraftaten im herkömmlichen Sinn - sondern eben von „abstrakten Gefährdungsdelikten“. Der Zug geht auch immer mehr dahin, per Strafrecht nicht reelle Straftaten und Schädigungen zu bestrafen - sondern schlichtweg alles, was vox populi zur einer bestimmten Zeit als Gefährdung für sich definiert. Im Anhang meines Münchner Vortrags zum 60. Befreiungstag („Eine Illusion von Rechtstaat“) leite ich her, dass bei Pädophilen speziell es bereits eingetreten ist, dass Menschen rechtsanwaltlich nur noch nominell und rein de forma zu verteidigen sind vor Gericht, nicht aber mehr rechtstaatlich. Auf diesen Abgründe, über die sich in der geglätteten und teils selbst darin verstrickten offiziellen forensischen oder psychologischen Literatur zur Zeit nichts lebensechtes findet (man verdient und finanziert Stellen in diesem amöbenhaft sich ausdehnenden „Präventionssystem“ in seinem Sicherheitswahn) machen meine Texte aufmerksam. Es betrifft längst nicht mehr nur „Pädophile“.
- II -
In meinem Text „Zur empirischen Wirklichkeit von Missbrauchssymptomen“ schrieb ich über sog. „post-event - Suggestionen“ in der experimentellen Forschung mit Kindern (= Suggestionen über ein Ereignis nach dem Ereignis). Post-event - Suggestionen zeigen Wirkungen sowohl in der Situation von Kindern im Ermittlungsgang und bei Gericht (mit Blick auf ein Zustandekommen von Falschaussagen) als auch Effekte auf eine traumatische / nicht traumatische Verarbeitung von sexuellen Ereignissen nach deren Entdeckung durch Dritte. Eine Leserin fragte mich kürzlich, ob es dann nicht auch „prä-event – Suggestionen“ geben müsse (Suggestionen vor einem Ereignis – also bevor das Ereignis überhaupt eintritt).
In der Tat gibt es so etwas. Es hat sogar die schlimmsten Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Status dessen, was zur Zeit allerorten als „wissenschaftlich“ behauptet wird. Mit der Erklärung, was eine „post-event - Suggestion ist, können wir es dabei kurz machen. Es reicht ein anschauliches Beispiel:
Wenn man einem bspw. 6-Jährigen einschärft, er müsse sich vor Homosexuellen, Juden, Schwarzen fürchten, weil die aus Kindern bspw. Seife machten - lange, bevor er zum ersten Mal im Leben einen solchen Menschen trifft - dann ist dies ein Beispiel für eine prä-event – Suggestion. (Das Beispiel ist nicht aus der hohlen Hand gewählt. wie wir gleich sehen werden). Wenn der Junge unseres Beispieles dann Jahre später -sagen wir, mit 12- bspw. an der Bushaltestelle von hinten von einem Juden angesprochen wird oder ein Schwarzer ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter legt – dann werden Grausen, tödliches Erschrecken, werden Angst, Blutdruckanstieg und andere psychophysiologische Reaktionen zu beobachten sein, sobald der Junge sich umdreht und er hinter sich den Juden oder Schwarzen erkennt. Unserem Thema kommen wir noch näher, wenn unserem Beispielkind vor Jahren Angst vor Homosexuellen gemacht worden ist, Nettigkeiten nicht zu trauen, Berührungen hätten niemals einen anderen Zweck als ihnen als nächstes an die Hose zu gehen.
Damit haben wir also bereits eine handfeste Symptomatik (Schrecken; Blutdruckanstieg; Angstfantasie), wenn das Ereignis später eintritt. Der Junge des Beispiels wird fortan auch jedem aufgeregt von dem ihn ängstigenden Ereignis berichten. Da es ängstigt, ist es ein furchtbares bzw. traumatisches Erlebnis - entsprechend wird er auch als traumatisches oder unheimliches Erlebnis darüber klagen, wenn er nach Hause kommt. Möglicherweise wird es ihn wegen des Schrecks sogar noch im Schlaf verfolgen hin und wieder - und dergleichen mehr.
Sind diese Symptombildungen nun dem Juden bzw. Schwarzen zuzuschreiben bzw. dem Sachverhalt einer körperlichen Berührung – oder den Wirkungen jener frühen Suggestion vorher?
Die Entscheidung dieser Frage fällt nicht schwer: Eine Suggestion vor dem Ereignis legt in erheblichem Umfang die spätere Verarbeitung des Ereignisses fest – bis in schlimme Erlebnisreaktionen hinein (Angst, Schrecken) und traumatische Erinnerungen später an das Ereignis. Bis also dahin, dass (wie man sich aus meinem Text erinnert) an sich völlig neutrale Begebenheiten traumatisch verarbeitet werden.
Auf diesem Weg entstehen im Missbrauchssektor nicht nur Symptome bei Kindern speziell in Gerichtsfällen, denen man seit ca. 1992 staatlich und behördlich konzertiert Angst vor „sexuellem Missbrauch“ und insbesondere Begegnungen mit Pädophilen einjagte: Dieser Faktor hat auf gespenstischem Weg höchstwahrscheinlich auch zwei völlig gegensätzliche Datenlagen in der Forschung heraufbeschworen - wenn es heißt, in den Sechziger bis Achtziger Jahren hätte man andere (“verharmlosende“) Daten aus der Beforschung und Befragung von Kindern gehabt, aber „neuere Untersuchungen hätten gezeigt“ (=just seit ca. 1990), dass beachtliche Symptombildungen und Berichte über schreckliche Erfahrungen bei Kindern nach Kontakten mit Pädophilen zu beobachten seien. (Realistischerweise muss aber gesehen werden, dass im Normalfall inzwischen sowohl prä-event –Suggestionen als auch extremste post-event -Suggestionen -also beides gleichzeitig- auf die kindliche Verarbeitung ausgeübt werden).
Dämonisierung von Juden im Dritten Reich durch das Hetzblatt "Stürmer"
Was sich hier auf den ersten Blick kaum glaublich anhört, ist sogar ungemein wahrscheinlich als Auswirkung auf unsere gesamten Daten zu dem Thema – denn nicht von einer einzigen der so argumentierenden Missbrauchs-Autorenschaft wäre dieser ganz zentrale und doch für jeden Methodologen unmittelbar auf der Hand liegende Faktor als Einflussgröße je auch nur bedacht worden: In Hunderten von einschlägigen Studien - taucht er niemals auf. Wieder entspricht einer gesellschaftlichen Katastrophe auf diesem schicksalhaften Sektor menschlicher Intimität das völlige Ignorieren methodologischer Kardinalfehler in der Forschungsliteratur.
Sämtliche Extremifizierungen der Gesetze in der neusten Zeit gegen „sexuellen Missbrauch von Kindern“ oder ausdrücklich gar „gegen Pädophile“ fußen nun auf systematischer Auslassung primitivster methodologischer Fragen - und buchstäblich jede Medienberichterstattung seither, seit diese horroristische Kampagnenwissenschaft um „Kindesmissbrauch“ zum Mediengassenhauer geworden ist. Jedenfalls gewinnt man beim Studium der Literatur den Eindruck, dass die Forschung über Pädophilie an Kindern im Zeitraum 1970-1990 ungemein viele neutrale oder positive Beschreibungen -und relativ magere Traumatisierungen von Kindern durch „sexuelle Handlungen“ oder „Pädophile“ erbrachte, insbesondere auch breit angelegte Studien des Bundeskriminalamtes - während ab ca. 1992 plötzlich monströseste Symptombelastungen bei Kindern selbst nach banalsten Berührungen den Ton angeben in einschlägigen Studien. Eventuell hat hier also die Missbrauchsaufklärung auf gespenstischen Wegen für sich selbst gesorgt (d.h. für entsprechende Daten), ohne dass sie etwas mit dem untersuchten Phänomen zu tun hätten. Dazwischen liegt jedenfalls der Beginn einer massiven, sogar staatlich konzertierten und gezielten Indoktrination einer ganzen Generation von Schulkindern, welche sich regierungsamtlich seit Ende der Achtziger seinerzeit als groß angelegte behördliche „Aufklärung“ gegen „Kinderschänder“, „Pädophile“, etc. verstand; Diese Indoktrination morgens in der Schule setzte sich beim Durchschnittskind am Nachmittag im Fernsehen fort, wenn es nach Hause kam - war also hochfrequent und äußerst intensiv: Buchstäblich von der Kinderstunde bis ins Abendprogramm, wurden Kinder mit entsprechenden Grauens-Szenarien bombardiert - größtenteils unter journalistischen Trick- und Suggestionstechniken über sexuelle Ereignisse oder „Pädophile“, denen sich ja auch Erwachsene offenkundig kaum entziehen konnten (zum Nachweis s. „Analyse einer Hysterie. Medienkriminologische Dimensionen der Missbrauchsberichterstattung“). Ohne falsche Vergleiche anstellen zu wollen: Formal ist es in der Tat vergleichbar mit der Verhetzung und Verängstigung einer ganzen Generation von Kindern durch Schullehrer in der Hitlerzeit gegen „Juden“, oder durch die DDR-Pädagogik gegen den westlichen Klassenfeind.
Dämonisierung von Pädophilen mit fast der gleichen Symbolik wie damals im "Stürmer"
Vergreife ich mich hier in der Dimension? Der Leser mag sich hier von Suggestionen lösen und selbst in seinem Umfeld Forscher spielen: Wer x-beliebige Frauen in seiner Umgebung unauffällig mit dem Begriff „Pädophilie“ antaktet, der wird eines besseren belehrt: Archaischer Hass gegen „Pädophile“ hat bei Frauen, welche zwischen 1990 bis 2002 schulisch oder medial erzogen wurden (vorher wusste noch kaum jemand in der Gesellschaft, wie man den Begriff überhaupt schreibt) dieselbe Bedeutung im politischen Selbstverständnis wie der Judenhass vormals zum innersten Selbstverständnis unter Jungen in der Hitlerjugend gehörte: Einer ganzen Generation. Es hätte eigentlich seit der Hitlerzeit nie mehr ins Klassenzimmer gehören dürfen, dass Pädagogen betulich und ent-individualisiert gegen eine umschriebene Bevölkerungsminorität „aufklären“.
Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: In beiderlei Hinsicht also -sowohl hinsichtlich Symptombildungen im Individualfall bei Kindern, als auch in der gesamten Forschung, was die plötzliche Entdeckung ungeahnter Symptombildungen bei Kindern seither angeht, wird dieser Einflussfaktor „prä-event – Suggestion“ in der offiziellen Literatur zum Thema gar nicht in Betracht gezogen. Was es eigentlich erübrigt, sich noch irgend weiter über die „Wissenschaftlichkeit“ dieses Sektors zu unterhalten. Mit Wissenschaft hatte die „Kampagne gegen Kindesmissbrauch“ nie wirklich etwas zu tun. Wie bereits die Namensgebung seinerzeit durch die Regierungsparteien und die betreibenden Feministenkreise verrät: Sie war Kampagne.
- III -
In meiner Arbeit „Zur empirischen Wirklichkeit von Missbrauchssymptomen“ komme ich an einer Stelle auf den wohl widersprüchlichsten Typus im Bereich des Kinderschutzes zu sprechen, bei dem es zu eigenen Formen des Missbrauchs bzw. grenzverletzender Zudringlichkeit gegenüber Kindern kommt. Diverse Beobachtungen seither bilden den Anlass, einen dort in diesem Text noch nicht auf den Punkt gebrachten - sehr heiklen - Sachverhalt zu ergänzen. Er besteht darin, dass sexuelle Übergriffstäter und Übergriffler mit anderen Motivationen im Kern dieselbe Psychologie aufweisen:
Das Naturell des Übergrifftäters heißt nicht „Pädophilie“, sondern projektive Übergriffigkeit: Eigene Wünsche werden zu jenen des Kindes erklärt; dem Kind die eigenen Handlungsimpulse als eigene Bedürfnisse wahlweise aufgezwungen, projektiv vorausgesetzt oder ihm kunstvoll suggeriert. Unter größtmöglichem Realitätsverlust wird es nicht eher zufrieden gelassen, bis das Kind die eigenen Handlungswünsche für seine eigenen hält. Insofern entspricht die Verbreitung der Übergriffspathologie gegen Kinder unter Pädophilen lediglich der Verbreitung der Übergriffsbereitschaft gegen Kinder generell in der Allgemeinbevölkerung - und erklärt auf diese Weise auch einen besonders häufigen Typus in der sog. Kinderschützer-Szene. Thematisiert wurde dies im Zusammenhang mit dem Nachweis, dass Kinder oft zur Befriedigung von Hass, Bestrafungsfantasien und den Strafverfolgungswünschen Dritter missbraucht werden – in kaum andere Weise, als man dies bspw. Pädophilen in sexueller Hinsicht unterstellt. Um bei der brutalen Analogie zu bleiben: Der Pädophile stellt das Kind hintan, sobald es um die sexuelle Beefriedigung geht – und jenem Typus ist jede Wirklichkeit des Kinds egal, sobald sie die Befriedigung von Strafgelüsten riskiert.
Die weite Verbreitung des Übergriffstypus gegen Kinder reflektiert wahrscheinlich den Status von Kindern in der Gesellschaft generell. Dabei bedarf es selbst angesichts der rührigsten Rationalisierungen solcher Übergriffelei nicht viel Aufwands, um hinter empathischen Gefühlen „für Kinder“ in Wirklichkeit ein ungeheuer übersteigertes Größenselbst von teils narzisstischen Personen auszumachen, für die das Kind lediglich ein ent-individualisiertes Objekt ist. Teils entpuppen sich die Selbstdarstellungen dieser Personen rund um „Kinder“ (ebenso, wie das bei den Pädophilen lange Zeit im Fokus war) als reine Selbststilisierung. In anderen Fällen nimmt man eine Art nostalgische Selbstverliebtheit in eine (kitschhaftig-verklärte) Konstruktion der eigenen Kindheit wahr.
Das Naturell des Übergrifflers gegen Kinder ist unabhängig von der sexuellen Orientierung. Übergriff aus sexuellem Motiv ist nur ein Motiv von vielen bei der Neigung zur Übergriffelei gegen Kinder: Ihr zentrales Kriterium ist, dass weder irgendwelche Persönlichkeits- oder Schamgrenzen beim Kind, noch die Individualität von Kindern oder Verletzungen ihrer Intimität durch das eigene Handeln wahrgenommen werden. Bezeichnend ist ferner die hemmungslose Unbekümmertheit der Täter -ob nun sexuell angetrieben oder eben anders- sich über diese Scham- und Intimitätsgrenzen von Kindern hinwegzusetzen - gerade da, wo diese erkannt werden: Dies geschieht bspw. da, wo Reaktionsweisen der Kinder in ihrer Scham nach furioser „Aufdeckung“ intimster Erlebnisse -klar beobachtet, so, wie sie den Befragern antworten- der Schuld des vermeintlichen oder tatsächlichen Täters oder der inneren Natur von sexuellen Handlungen zugeschrieben werden. Ein Übergriff legt bereits da vor, wo ein Kind -trotz seiner Schambelastung- immer wieder gezwungen wird, Dritten oder einem selbst gegenüber darüber zu reden. Dies geschieht zeitweise mit psychopathischer Kälte der Schamzerquälung jener Kinder gegenüber.
In der Missbrauchsdiskussion begegnet einem wahrscheinlich auf beiden Lagern das üble Bild einer bürgerlichen Wirklichkeit, die Kinder als willfährige Objekte jeder Art von Zugriff zu den eignen Zwecken aussetzt. Ich selbst bin nicht einmal mehr sicher nach meinen Einblicken, ob das Üblergriffler-Zerrbild von Pädophilen nicht logischerweise die Projektion dessen ist, was in diesem Typus Kinderschützer vorgeht – nach dem selben Muster, wie gewalttätige penetrative Sexualpraktiken der heterosexuellen Erfahrungswelt in Pädophile hineinprojeziert wurden, die dem Phänomen gerade am seltendsten eignen. Nicht nur Pädophile, sondern auch andere Arten von Zudringlern an Kindern werden von einschlägigen Stellen im Sozial- und Schulwesen magisch angezogen, wo sie Kindern begegnen - bspw. um Größen-, Überlegenheits- oder stellvertretende Rachefantasien gegen „Männertäter“ (Frauen), „Kinderschänder“ (Rechte) oder sexuelle Abweichler (im konservativen oder religiösen Fall) zu stillen. Wir haben in der Missbrauchsdiskussion wahrscheinlich den verheerenden Fehler gemacht, uns vom Skandalon einer spezifischen Sexualorientierung („Pädophilie“) blenden zu lassen und Kinder nicht selten auf diesem Weg in die Hände von ganz anderen Übergrifflern zu geben. Phänomenologisch jedenfalls steht der missbrauchende Familienvater dem klassischen Familienvater sehr viel näher: Der jede Bemächtigung der eigenen Kinder auch zu anderen Zwecken praktiziert - im Bereich des Kinderschutzes bspw. aus manischer Getriebenheit und Hass gegen „Pädophile“. Psychologisch würde dieser Typus ebenso den eigenen Kindern wutentbrannt auf die Finger schlagen, wenn er sie beim Onanieren erwischt, wie er Homosexuelle aus dem Haus drischt oder gegen Pädophile vorgeht (im Fall vom „Missbrauch“ bspw. am eigenen Kind): Brutalität und Übergriffigkeit nach allen Seiten, aus Affektprüderie rund im Sexuelles - im typischen konservativen oder kleinbürgerlichen Milieu.
Das Ausmaß dieser Übergriffler-Phänomenologie im betreffenden Personal wird erst deutlich, wenn man sich einmal dem zentralen Widerspruch stellt, der im besagten Text von mir behandelt ist; Oder indem man sich veranschaulicht, mit welcher Betulichkeit man bspw. vorgibt, die eigene Sensibilität und Achtsamkeit gelte dem Kind und seinem Seelenleben, sobald von Missbrauchssymptomen die Rede ist - während die Erschütterungen, Bloßstellungen und seelischen Verletzungen von Kindern im Zug von Aufdeckung oder Strafprozess bei dieser Typologie keinerlei solches Mitgefühl mit Kindern auszulösen vermögen. Die entsetzliche und unmittelbar nachvollziehbare Situation eines Jungen bspw., der im Kontext von inniger Freundschaft zu seinem Sportlehrer eine für sich selbst vielleicht sogar sehr schöne Erfahrung gemacht hat in sexueller Hinsicht - und jählings dann den Mann dafür als „Täter“ im Zeugenstand darstellen muss, seine eigenen Erfahrungen künftig mühsam dann als „Trauma“ umwerten müssend: Diesem furchtbaren Szenario an Leid bei Kindern begegnet man mit geradezu pathologisch kalter Unbeteiligtheit.
Während der sexuelle Täter auf das Kind zur eigenen sexuellen Befriedigung zurückgreift, missbraucht jener andere Typus das Kind zur Befriedigung archaischen Hasses. Analysiert man eine so merkwürdig widersprüchliche Sensitivität für kindliches Erleben, die hinter dieser Typologie steckt, so erweist sie sich mitunter sogar als hochpathologisch. Und die betreffende Pathologie entspricht zentral der sexuellen Tätern unterstellten: Mit „Kind“ verbindet sich meist nichts als ein rührselig-abstrahiertes und ent-individualisiertes „Es“: Wenn die betreffenden Personen über Kinder schwelgen - ob sie das nun als Pädophile oder als Kinderschützer tun - so haben Kinder seltsamerweise immer eine einzige, stereotype Persönlichkeit: Nach körperlichen Attraktivitätsgesichtspunkten bei Pädophilen - nach Rührseligkeitsgesichtspunkten bei diesen Personen. Letzteren sieht man diesen Unwirklichkeitsaspekt dabei am schwersten an: Ihre Empfindungen gelten nicht wirklich „Kindern“, wie es den Anschein hat (dies behaupten sie oft mit der selben Verlogenheit, die sie typischerweise Pädophilen unterstellen, wenn die von Kindern schwärmen) - sondern sie gelten, mehr oder weniger kognitiv verwinkelt, entweder der eigenen Person (die projektiv in Kinder hineinverlegt wird, bspw. wenn diese Helfer selber einmal missbraucht wurden), oder um einen innerseelischen Gewinn aus Überlegenheit und Kompetenz zu beziehen (das Spektrum reicht hier von der Pathologie des sog. „Helfersyndroms“ bis hin zu einem expansiv-gigantomanischen Größenselbst). Der besagte letztere Typus agiert beim Herantreten an Kinder etwa nach dem Motto: „Hier komm´ ich, ich bin der große Kinderfreund. Dass ich das sage und ich´s selber von mir herzlich glaube, gibt mir bereits die Kompetenz, gibt mir Magie und Charisma“.
Dabei wird aus der Wahrnehmung des Kindes abgespaltet, was diesen bedürfnishaften Projektionen widerspricht: Bspw. stellt sich in hier vorgelegenen Aktenstücken aus Strafrechtsfällen, wo sich Sozialarbeiter oder Psychologen mit Kindern unterhalten, beim Lesen immer wieder ein leichtes Grauen ein, wie ungeheuer diskrepant die vieldeutigen und komplexen Äußerungen der Kinder oft im Verhältnis zur Wahrnehmung und Beurteilung durch den Befrager sind. Man hat nicht selten den Eindruck, dass das befragte Kind sich in einem pathologischen Wahrnehmungsfokus befindet. Es gibt eine befremdliche Fähigkeit des pathologischen Typs von Kinderschützern, selbst bizarrste Widersprechungen zwischen dem, wie Kinder sich über einschlägige Sexualgeschichten oder über bspw. einen Pädophile äußern, und der späteren Stilisierung sensu „Trauma“ und „Mißbrauchsopfer“: Diese Diskrepanz wird nicht wahrgenommen.
Es besteht Grund zu der Annahme, dass bestimmte Kinderschützer sich genauso wenig zufällig in entsprechende berufliche Bereiche rund um „sexuellen Missbrauch“ selegieren, wie Pädophile „zufällig“ in erzieherische Berufe oder Pfadfindervereine geraten. Bildlich gesprochen, und wenn wir auf die übliche Schlußfolgerungstechnik dazu bei „Pädophilen“ rekurrieren: Zwar wird nicht jeder heterosexuelle Medizinstudent Gynäkologe, und Gynäkologen missbrauchen auch nicht gewohnheitsmäßig weibliche Patientinnen – doch ist hier auf zwei Seiten derselben Medaille zu achten: Übergriffsneigung gegen Kinder aus unterschiedlichsten Motiven verbergen sich bei vielen „Kinderschützern“ – wobei die Kinder in Wirklichkeit gar nicht substantiell wahrgenommen werden.
Auch hier eine weitere Entsprechung: Sexualtäter gegen Kinder haben typischerweise auffallende „blinde Flecken“, was sie an der Erlebniswirklichkeit von Kindern wahrnehmen, und was hingegen nicht. Auch dies kennzeichnet grundsätzlich den projektiven Übergriffler: Ganze Anteile werden aus der eigenen Wahrnehmung ausgeblendet. Der -zumindest redewörtliche- Pädophile entspricht dem nicht-sexuell devianten Kindesmissbraucher in diesem zentralen Punkte völlig: Dass sie empathisch von Kindern schwelgen, während in Wirklichkeit ein Empathiedefizit besteht. Ihre um Kinder kreisende Fantasiewelt ist lediglich Projektion im Dienst der eigenen Bedürfnislage - während auffällt, dass die Kinder nur fragmentiert, also gar nicht wirklich wahrgenommen werden. Diese Typologie findet sich inzwischen in gut und gern 2/3 der Kinderschützerszene - Preis dafür, dass Kinderschutz um „Missbrauch“ und um „Kinderschänder“ zu einer Massenveranstaltung und einer Art Volkssport geworden ist, statt in den Händen von ausreichend problemgebildeten Professionellen zu bleiben. Diese werden sogar immer weniger hat man den Eindruck, weil der -im obigen Sinne pathologische- Kinderschützer differenzierende Professionelle in seinem Wahn sogar kriminalisiert und mobbistisch anfeindet. Man wird sich die Leute künftig etwas genauer ansehen müssen, wie sie da der Wirklichkeit nach arbeiten - und warum für sie von diesem Bereich eine so magische Faszination und Anziehungskraft ausgeht.
- IV -
Gelegentlich werde ich gefragt, ob meine Arbeiten hier auf ITP-arcados schon andernorts veröffentlicht sind. Darauf muss ich kurz Bezug nehmen. Ich hätte sie nicht schreiben müssen, gehörte es nicht gerade zum zentralen Zustandsbild des Sektors im Moment, dass derart methodenkritisches auf gar keinen Fall veröffentlicht wird. Es liegt dem Ausmaß der von mir monierten Forschungsfehler inne, dass sie das Feigenblatt des gesamtem mainstreams ist, der hier zur Zeit herum wissenschaftelt - aus geschilderten Gründen paradoxerweise gerade im offiziellen Fachverlagswesen derzeit über „Kindesmissbrauch“, in der Forensik oder über „Pädophilie“. Niemand hier bekommt hier irgend etwas veröffentlicht, was ausgerechnet demjenigen, der im Fachverlag über die Veröffentlichung dann zu entscheiden hat, die Minderwertigkeit der eigenen wissenschaftlichen Arbeitsweise demonstriert. Insbesondere zeigen meine Arbeiten ja, dass man gar nicht einmal auf die Plattitüde der statistischen Tricktechniken und Manipulation von Daten durch die vom Laien undurchschaubare Wahl hochkomplexer Auswertungsmethoden einlassen muß (a la „Glaube an keine Statistik, die du nicht selber gefälscht hast“). Die Fehler sind sogar primitivster und vom Laien unmittelbar nachvollziebarer Natur – also weit unterhalb dieser Ebene, über die sich der Volksmunf auslässt. In keinem Fall wird derjenige, der selber derartige „Forschung“ betreibt, das Armutszeugnis, das ihr auszustellen ist, damit aber auch selber öffentlich machen wollen. Je öffentlich durchschaubarer diese Art von Forschung ist, desto panischer funktioniert gerade die Unterdrückung, was daran nicht stimmt. Es ist makaber, aber gut ¾ der befassten Leute arbeiten derzeit auf die beschriebene Weise.
Im wesentlichen sind es aber auch 4 Gründe, ganz bewusst hier zu publizieren:
Was erreicht werden sollte an erster Stelle, das ist bereits erreicht: Es war explizit Ziel dieser Veröffentlichungen hier, dass keine der von mir hier kritisierten Szenen und Kollegen künftig mehr einen derartigen Unfug frei auf öffentlichen Veranstaltungen verbreiten kann, wie das seit Jahren mittlerweile Usus war - ohne inzwischen damit rechnen zu müssen, dass ihnen vom Publikum aus peinliche Fragen gestellt werden. Tatsächlich scheint hier eine merkliche Zurückhaltung eingetreten zu sein.
Auch eine weitere Erfahrung mit meinen Texten scheint es wert, hier mitgeteilt zu werden. Die Rückmeldungen an mich von jenen Lesern, die als betroffene Pädophile meine Arbeiten hier auf ITP-arcados gefunden haben, betreffen mit einem Verhältnis von 9:1 wider Erwarten nicht die politkritischeren Texte, sondern den Text „Ursachentheorie“. Dies widerlegt nichts eindeutiger als die These, Pädophile seien nicht ernsthaft auf der Suche nach Erklärungen für ihr Sosein oder diesbezüglich interessiert. Sie sind es ernsthaft - und zum Teil verzweifelt.
- V -
Einige speziellere Erläuterungen auch in Sachen meiner „Analyse einer Hysterie“. Es fehlen einige zusätzliche zeitgeschichtliche Zusammenhänge. Teils waren sie darin nicht unterzubringen, teils waren sie mir bei Abfassung auch noch nicht in dieser Form bewusst.
Zeitgeschichtlich setzt eine „Kampagne gegen sexuellen Kindesmissbrauch“ wie eine entfesselte bevölkerungsübergreifende Furie in Westeuropa präzise ab der deutschen Wiedervereinigung ein, und im ideellen Vakuum durch das Ende des Ost-West – Konfliktes. Eingesetzt hatte ferner ein bis heute andauernder wirtschaftlicher Niedergang. Nur unter diesen beiden Bedingungen, konnte ein derart prüder und brutaler U.S.-Import wie die sexuelle Missbrauchsdiskussion nach der amerikanischen Art von Feminismus wahrscheinlich überhaupt in Westeuropa Fuß fassen als Massenhysterie. Ebenso wie der Hexenwahn oder der Antisemitismus ist das Phänomen ein europaweites. Erkennbar diente die Thematik hier aber speziell in Deutschland gesellschaftlich und politisch auch konservativen Parteien dazu, mit den „linken“ oder „liberalen“ Siebzigern und Achtzigern aufzuräumen – als deren Symbol ja geradezu die sexuelle Liberalisierung der Gesellschaft in jenen Jahrzehnten galt. Über das bestürzende Zustandsbild der Art von „Wissenschaft“, mit der dies quasi als Irrtum der Geschichte dargestellt werden sollte, informiere ich in meinen Texten lückenlos und methodologisch unstrittig (insbesondere in „Zur empirischen Wirklichkeit von Missbrauchssymptomen, Mittelteil).
Nun begegnet man abrupt seit der Wiedervereinigung aber auch anderen behaupteten „gesellschaftlichen Entwicklungen“ , ohne dass es dazu überhaupt jemals reelle Daten gab oder eine „Wissenschaft“ bemüht werden musste: Gesellschaftspolitische Slogans darunter wie etwa „die 68er Bewegung“ sei „an ihren liberalen Irrtümern gescheitert“ (de facto geriet sie einfach durch die Kräfteverschiebung nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den Hintergrund,. zentrales Gedankengut der Aufklärungsjahre und des humanen Rechtstaates sind bis heute als ihr Erbe installiert – statt „gescheitert“). Oder: Der sozialstaatliche „Resozialisationsgedanke“ bei kriminellen Jugendlichen sei „gescheitert“ in der Wohlfahrtspflege. Für diese letztere Behauptung von „wissenschaftlichen Einsichten“ gibt es nun frappierender Weise überhaupt keine Daten, die je entschieden hätten, ob z.B. Erlebnispädagogik und dergl. nun „etwas bringt“ oder nicht. Es gibt keinerlei Daten in der Psychologie oder der Pädagogik, die für so etwas herangezogen werden könnten. Insgesamt mutet es an, als ob ab der Wiedervereinigung irgendeine strategische Presseabteilung konservativer Parteien einfach Morgenluft gerochen hat für antiliberale, autoritätsststaatliche Positionen, sich einfach hingesetzt und derartige Slogans konzipiert hätte, um sie massenhaft in der Bevölkerung zu verbreiten bis sie irgendwann zum Redewort geworden sind. Wie die Klischees der zeitgenössischen Missbrauchsaufklärung, so ist also eine ganze Reihe von politischen Schlagwörtern heute kein Ergebnis mit einer verantwortbaren wissenschaftlichen Basis oder das Resultat eines kontinuierlichen Forschungsprozesses: Vielmehr beobachtet man in den entsprechenden Forschungen dazu seit der Wiedervereinigung vielmehr einen radikalen - gegenkulturellen - Bruch.
Das Thema „Kindesmissbrauch“ war „der“ zentrale Mediengassenhauer seit 1990 für Kriminalpolitik - via einer Kriminalitätspanik sondergleichen in der Bevölkerung. Das mag an der extremen Verunsicherung liegen, die gerade dem Breitenthema „Sexualität“ im Leben jedes Bundesbürgers eignet - oder dem emotionalen Massenkonsens, der in einer familiär organisierten Gesellschaft naturgemäß über „Kinder“ zu erzielen ist, sobald Gefährdungen für sie beschworen werden. Allerdings kann aber aus meiner eigenen Beschäftigung (biologischen Grundlagen der psychosexuellen Entwicklung) selbst ein psychobiologischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden dafür, warum 1) das Thema derart durchschlug, 2) sich jeder Rationalität entzog, und 3) ständig immer neu nach Ausweitung drängt (statt irgendwann gesättigt zu sein und dann wieder abzuklingen): Dieser Hintergrund ist, dass alle sexuelle Thematik -auch die sexuelle Aversion und sexueller Hass- etwas primär lustvolles hat - und zentralnervös etwas automatisiert-selbstverstärkendes: Einmal besetzt, breitet es sich wie in einem Teufelskreis auf immer auf neue Objekte zur Stillung archaischer Bedürfnisse aus: Sexuelle Anziehung drängt auf sexuellen Vollzug, sexuelle Eifersucht immer nur auf Bewahrheitung des eignen Wahns – und sexuelle Hysterie auf stetig neue Klimax. Im Gegensatz zu anderen Themen in der Öffentlichkeit kann Sexuelles also möglicherweise gar nicht löschen. Sexuelle Hysterien sind ein Flächenbrand. Bspw. kam es sowohl in Westeuropa 1473 als auch im Polen der 1940er Jahre in den jeweiligen Bevölkerungen zu rasant sich ausbreitenden Judenexzessen – jeweils rund um sexuellen Missbrauch an Kindern. Mein Kollege Horst Vogt (2006) beschreibt in der gerade erschienen Leipziger Studie der Uni Leipzig Umfragen in aus der unmittelbare Vorzeit der mit 1990 eingesetzten Hasskampagnen:
Pädophile („Kinderschänder“) rangierten dort noch unter Zoo- und Nekrophilen oder Kindsmördern. Dem Sexuellen eignet also von jeher ein triebhafter Hass faschistoiden Ausmaßes. Es war so gesehen also nie eine besondere Kunst oder besondere kulturelle Leistung (wie sie sich die feministischen Kampagnen seit „Wildwasser“ auf die Fahnen schreiben als epochalen „Tabubruch“ und dergleichen) die Bevölkerung gegen solche Menschen aufzubringen (Losung „über sexuellen Missbrauch aufzuklären“).
Hintergrund -wenn ich meiner neurophysiologischen Theorie hier transponieren darf- ist wahrscheinlich, dass archaischster sexueller Ekel vor Menschen die Kehrseite der archaischsten sexuellen Lust bei Menschen ist: Beides fußt auf der selben Grundlage „Trieb“ - und womöglich entscheiden auch über die sexuelle Aversion Feromone: Die das Zentralnervensystem auf Passbarkeit mit unserem persönlichen Genom und früheren feromonergen Prägungen aus unserer eigenen psychosexuellen Lerngeschichte analysiert. Dies ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn wir uns vor Augen halten, dass sexuelle Aversionen grundsätzlich mit Ekel verbunden sind: Ekel ist in der Neurophysiologie nur über das Geruchssystem auf Reize zu konditionieren. Entsprechend sind auch die Äußerungen auf der Erlebnisebene: Sich über Homosexuelle, Inzest, Sexualität von Kindern untereinander oder Pädophilie bspw. „zu erbrechen“, wenn es nicht unsere eigene psychosexuelle Erfahrungswelt betrifft; oder dass einem bei dieser oder jener ich-fremden Vorstellung von Sexuellem „schlecht“ würde -etc. pp.). Eine erste Zwischenstandsauswertung meines Projektes Nautilus ergab bspw., dass Frauen nicht nur als Erwachsene eher ältere Partner bevorzugen, sondern frappierenderweise bereits als Kinder eher für ältere (Pubertierende, Jugendliche bis Erwachsene faszinabel) sind – im Gegensatz zum männlichen Geschlecht, wo Verliebtheiten sich meist auf gleichaltrige oder jüngere Kinder beziehen, ob Jungen nun später pädophil sind oder nicht. Möglicherweise ist die spontane Aversion insbesondere bei Frauen hinsichtlich Pädophilie also zu einem Gutteil bereits biologisch –aufgrund dieser unterschiedlichen psychosexuellen Gegebenheit- zu sehen: Kinder als erotische Wesen sind ihnen aus ihrer eigenen Kindheitsgeschichte u.U. völlig fremd - und stoßen daher auch in ihrer Vorstellungswelt auf keinen emotionalen Widerhall oder „Nachvollziehbarkeit“ – sobald von „Pädophilie“ die Rede ist. Feromonerg wäre (Erklärung s.o.), dann aber spontane Aversion zu erwarten.
Jedenfalls haben wir sexuelle Aversion und teuflischste Züge sexueller Entmenschlichung von allen Themen der Hitlerzeit (Antisemitismus, ethnische Minderheiten) niemals aufgearbeitet - so dass dieses Phänomen bis heute sogar unabhängig von der liberalen oder konservativen Parteizugehörigkeit oder einer „linken“ vs. „rechten“ Gesinnung ist.
Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Hysterie und Strafrechtsspirale begannen unmittelbar nach der Wiedervereinigung mit „Sexualstraftätern“ und gefährlichen, als möglichst geisteskrank gezeichneten Abweichlern - zur Stilisierung einer gigantischen Bedrohung der Bevölkerung. Wofür diese auch absolut empfänglich war durch eine Mischung aus Voyeurismus und Angst. Politischerseits wurden „Sexualstraftäter“ (oder als gefährlich-krank gezeichnete „Pädophile“) folgend dann als Begründung für Rechtstaatsabbau genutzt. Häufig waren jene, die diese Verbrechensangst in der Bevölkerung vor sexuellen Ungeheuern schürten, und jene, die sie in beifallsträchtige Gesetze ummünzten, dieselben Personen. Dies gilt bspw. für Stoiber, Kinkel, Zypries. Nichts, was hier politisch verbrochen wurde im Strafrecht seit über 15 Jahren gegen Menschen, die mit dem Strafrecht oder kulturellen Normen in Konflikt geraten, hat sich in Referentenentwürfen und Parlamentsbeschlüssen nicht emotionalistisch stets als erstes auf „Sexualstraftäter“ berufen. Das gilt am Ende auch für die abenteuerliche Geschichte der Sicherungsverwahrung: Einem Rechtsinstrument der Hitlerzeit, mit dem von 1949 bis 1990 darum nur äußerst, äußerst behutsam umgegangen wurde. Binnen 10 Jahren wurde es jetzt sogar für Menschen tauglich, die einfach nur wiederholt mit Minderjährigen liebeln und dafür bereits 2 mal vorbestraft wurden - völlig ungeachtet einer irgend spezifizierungsnotwendigen „Gewalt“. Tricktechnik: Man hat solche Dinge per se und de jure als „gefährliche Sexualstraftat“ stilisiert. Kürzlich fiel mir ein Berliner Blättchen in die Hände, wo eine eigene Polizeinheit sich damit bewirbt, „Pädophilen“ auch Jahre nach Verbüssung einer Haft keine Ruhe mehr zu lassen und sie (wortwörtlich: „heimlich“) zu überwachen. In diesem wie in anderen Zusammenhängen rechtsstaatswidriger Maßnahmen liest sich eine Standard gewordene, hochsuggestive Irreführung: „…da die Gefährlichkeit der Straftaten von Pädophilen praktisch immer gegeben sei“. Nicht weil es sie es phänomenoogisch seien, allerdings – sondern weil man jede Schmuserei von Pädophilen formaljuristisch zur „gefährlichen Tat“ heraufgestuft hat. (Aber wer weiß das schon).
Allein mit dieser eben beschriebenen Tricktechnik erklärt sich die atemberaubende Karriere der Sicherungsverwahrung. Es befinden sich bereits derzeit Menschen darin, die -anders als „gefährliche Straftaten“ suggeriert, deviant lieben, sozusagen – aber keinem Menschen jemals wirklich je Gewalt angetan hätten. Besonders verwunderlich ist, dass die schicksalhaftesten Aushebelungen des Rechtstaats gegen „Sexualstraftäter“ und die sexuell repressivsten Gesetzverschärfungen gegen „Pädophile“, gegen sexuell Beschuldigte oder zuletzt „Kinder als Sexualstraftäter“ bis hin zur Hitler´schen Sicherungsverwahrung nun keineswegs von den „Rechten“ betrieben wurden, wie man zunächst meinen sollte: Konservative sind sich zumindest mit scheuem Respekt eines bestehenden Rechtssystems bewusst und auf Bewahrung des Bewährten orientiert). Paradoxerweise waren es stattdessen ausgerechnet durch die GRÜNEN in den Jahren der Rot-Grünen Koalition. Der verhängnisvolle Zusammenhang ist folgender: Die GRÜNEN bedienten in ihrem Sammelsurium von menschenrechtlichen Positionen und sexuellen Liberalisierungsansprüchen vor allem auch die Frauenbewegung. Das war ja durchaus zu begrüßen. Der Sündenfall jedoch setzt dort ein, wo man nicht mehr registrierte, dass mit Feministinnen an der Spitze man den Bock als Gärtner im Haus hatte, was entmenschlichten Hass gegen „Pädophile“ und sexuelle Liberalisierung anbetrifft – oder Missachtung der kindlichen Individualität für Missbrauchsdefinitionen und Strafverfolgungs-Extremifizierungen. Entsprechend kam es ausgerechnet unter den GRÜNEN zu autoritätsstaatlichen Entrechtlichungen gerade von „Pädophilen“ oder beschuldigten / tatsächlichen „Sexualstraftätern“ – Entrechtlichungen, wie sie in der bundesrepublikanischen Geschichte zwischen 1950 und 1980 beispiellos sind. Widerwärtig und grotesk (und Beweis dieser Behauptung) ist es bspw., wenn man ausgerechnet bei einem erklärt liberalen,grünennahen und antifaschistischen Intellektuellenblatt wie der „taz“ 2005 lesen muss, wie dort ein Kölner Psychologieprofessor offen damit beworben wird, Menschen „den Trieb zu vergiften“ - und zwar als „Endziel“ (Endlösung ?) „so nachhaltig, dass ...“,
Falsch zitiert wurde in diesem Zusammenhang von mir in einem meiner Texte übrigens jene feministische Funktionärin einer Bundespartei (vgl. meinen Vortrag zum 60. Befreiungstag): Als ein Parteimitglied sein Veto gegen weitere strafrechtliche Verschärfungen im Umgang gegen Pädophile eingelegt hatte. Die wörtliche Rede der Funktionärin war: „Das perverse Schwein müssen wir schlachten“.
Allerdings war die Treibjagd gegen solche Menschen eine kollektive: Feministische Fanatikerinnen (gegen „Männertäter“) funktionalisierten dazu die „GRÜNEN“, unterdrückten Informationen über taz oder diffamierten über „Emma“. Linke Pädophilenklatscher (gegen eine neue, nämlich „sexuelle“ Ausbeutung) verwirklichten sich über „SPIEGEL“ oder „Frankfurter Rundschau“, ohne dass es jemals auffiel; und intellektuelle Rechte (Reizwort „Perversionen“) arbeiteten dazu über „Focus“ oder FAZ: Viele Kräfte hatten Interesse an der Erlegung dieses Wilds: Den „Pädophilen“.
Soweit auch zur Legitimation, dass ich mich hier verwende.
„Jedes öffentliche Bedürfnis oder politische Druck, möglichst einfache Wahrheiten gegen Menschen oder gesellschaftliche Gruppen zu produzieren, führt anscheinend schnell zu unbestreitbaren Wahrheiten und Stereotypenbildungen“. Im Gegensatz zu anderen Wissenschaften oder dem psychologischen Laien ist der Psychologe als wissenschaftlich ausgebildeter Spezialist jedoch stets dazu „verpflichtet, solche öffentlichen Lebenslügen und Stereotypen mit gefährlichen Auswirkungen herauszuarbeiten und öffentlich zu demaskieren“. So beschrieb mein akademischer Ziehvater, Professor Sarris, die zentrale gesellschaftliche Bedeutung sauberen wissenschaftlichen Arbeitens in der Psychologie in seinem berühmten Standardwerk zur Methodenlehre - bevor man nur knochentrockene Erbsenzählerei mit diesem kalten Handwerkszeug des Fachs verbände.
Es war mir als Student seinerzeit nicht bewusst, in welchen schicksalhaften Fokus mich dieser berufsethische Imperativ mitten in meiner Zeit noch selber führen würde. Eine weitere Lehre, die man uns immer wieder um die Ohren schlug, war: „Wir Psychologen leben nicht von definitivem „Wissen“ (kaum etwas „weiß“ man, dazu ist das Fach zu jung, sein Gegenstand auch zu komplex) - „unser Kapital sind unsere Methoden“. Und hieran koppelt sich die eigentliche Katastrophe dieses Sektors für die hiervon betroffenen Menschen: Die völlige Nichtachtung unserer Methodenlehre durch die eignen Leute: Selbst die primitivsten Methoden wurden hier missachtet, wie es meine Texte zeigen. Postwendend hat dies hier sogar in eine menschliche Katastrophe einzigartigen Ausmaßes geführt. Staatstragenden Ausmaßes zudem noch - betrachtet man sich die Auswirkung dieser politisierten Kampagnenwissenschaft mit ihren falschen Daten bis in Gesetzgebung und Rechtstaat hinein.
Für solche Zusammenhänge ein spezielleres Beispiel: Ein bestimmtes Genre jener „Experten“ bringt unter´s Volk, der Prozentsatz der Betroffenen in der Bevölkerung betrüge „wissenschaftlich“ 1 %. Keine heranziehbare Untersuchung kommt auf unter das Dreifache – die Daten schwanken zwischen 20-25 % (erotische Affizierbarkeit durch Kinder im weitesten Sinne“) und 3 % (z.B. Marshall nach dem Kriterium nur strafrechtlich relevante oder ausschliessliche Pädophile seien „wirklich pädophil“).
Wieso wird derartiges aber dann verbreitet ?
Weil Psychiater unter politischer und justizieller Abhängigkeit stehen und psychiatrische Internierung die verordnete Alternative zur Haft ist. Aus diesem Grunde muss Pädophilie für die Öffentlichkeit auch die Verbreitungsdimension einer psychiatrischen Kategorie haben („1%“).. Gleichzeitig wird damit Polizeibehörden und Politikern suggeriert, es handle sich nur um eine Handvoll Menschen, dass 1) jedes Mittel gegen sie leichter in Kauf genommen wird politisch und b) insbesondere auf Polizeiebene längst schon konzipiert wurde, man könne diese Handvoll systematisch erfassen und quasi wie eine terroristische Szene ausgrenzen oder menschenrechts- wie strafrechtlich kaltstellen. Wer den Wahn diverser Rechtspolitiker und Kriminaler in diesem Getriebe nicht kennt -Straftaten zu verhindern, bevor sie überhaupt gedacht werden- der lebt auf Wolke 17. Homosexuellendateien bei gleich mehreren Bundeskriminalämtern hat man vor kurzem bekanntlich ja gefunden. Wie man sich da ausrechnen kann, solche Dinge in Bezug auf Pädophile auszuschließen oder bis zur Erfassung des familiären Erbcodes, von „Sexualstraftäter“- oder „Kriminalitäts“ - Genen“ für unrealistisch zu halten, muss der Leser für sich selbst entscheiden. Bereits derzeit ist allerhand aufgrund des Zahlentrugschlusses gegen pädophile Menschen hier im Gange - als direkte Folge solcher „Wissenschaft“.
Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die realistischste Zahl tatsächlich jene „20-25 %“ sind – insoweit, als dies der einzige mehrfach replizierte Befund ist, zudem „wertfrei“, da er nicht mit strafrechtlichen Kriterien vermischt ist (Penisplethysmyographie bewusster oder unbewusster Erregungen auf Bildmaterial von Kindern). Einstellige Prozentsätze hingegen sind nur dadurch erzielen, dass man a) nur „Kernpädophile“ als pädophil gelten lässt und b) einer politisch gesteuerten Merkwürdigkeit im neuesten Diagnoseschlüssel der Amerikaner (DSM) folgt, wonach „pädophil“ nur jemand sei, der sexuelle Straftaten (reelle Handlungen) praktiziert - also eine Definition nach dem politisch aufgedrückten „Sexualstraftäter“-Kriterium. Gesetzt, der „wertfreie“ Befund sei zutreffend: Was geschieht unter solchen Prämissen dann derzeit mit u.U. 20-25% der Bevölkerung ? Wenn Pädophilie keine strafrechtliche oder psychiatrische Kategorie ist – sondern an sich eine menschliche Eigenschaft, mit entsprechender Verteilung in der Bevölkerung?
- VI -
Gegen Ende meiner Ausarbeitung „Zur empirischen Wirklichkeit von Missbrauchssymptomen“ komme ich an einer Stelle auf die Folgen der sog. Missbrauchskampagne an Schulen zu sprechen - mit Blick auf die stigmatisierte Situation homosexueller Mädchen und Jungen. Die feministische Doktrin dazu, wie sie von den Agitatoren dieser „Aufklärungsarbeit gegen Kindesmissbrauch“ vertreten wird, lautet selbstredend anders - so dass auch hierauf abschließend noch einmal Bezug genommen werden soll.
Wie bekannt sein dürfte, traf der -im Beginn: feministische- Kampagnendruck auf Verschärfungen des Sexualstrafrechts in den frühen Neunzigern zeitlich auf die verfassungsrechtliche Debatte um den inhumanen „Homosexuellenparagraphen“ 175. Die westdeutsche Verfolgung Homosexueller war seit der Wiedervereinigung mit dem Rechtsraum Ostdeutschlands zur Disposition gestellt. Folge der Verquickung beider Dinge nun war, dass der Homosexuellenparagraph 1993 gestrichen wurde zugunsten eines -allerdings dramatisch verschärften- „geschlechtsneutralen“ „Gesetzes zum Schutz der sexuellen Selbstbestimmung“. Dieses sollte heterosexuelle wie gleichgeschlechtliche Sexualkontakte betreffen. Seitdem wird von der verantwortlichen Szene behauptet, man habe durch Aufklärungsarbeit an Schulen „gegen Pädophile“ sowohl den Schutz von Kindern gegen Kindesmissbrauch verbessert, als auch im Zuge dieser Dinge eine Entdiskriminierung der Homosexualität erreicht. Dies ist die offizielle Lesart seit dem Zusammengehen der feministischen Lesbierinnenverbände mit den Homosexuellenverbänden gegen „Kindesmissbrauch“.
Einen ersten Einblick in die Realität bekommt man bereits hier: Denn in Wirklichkeit hat es sich um eine Einverleibung der Homosexuellenverbände durch die mächtigeren feministischen Verbände und Interessengruppen rund um „Kindesmissbrauch gehandelt. Sie vollzog sich nicht ohne harsche Druckausübungen auf diese Homosexuellenverbände und empfindlichste Erpressungen. Hierzu muss man wissen, dass in den Achzigern bspw. Ephebophile und Pädophile in ihrer desolaten sozialen Situation unter dem Dach des Bundesverbandes Homosexualität gestützt wurden, in den liberalen Auseinandersetzungen seit den Sechzigern mit dem repressiven preußischen Sexualstrafrecht. Der seinerzeit größte Homosexuellenverband wurde nun mit seinem Beobachterstatus bei der UNO erpresst, wenn er diese Menschen nicht fallen ließe. Man gehorchte - und liess sich als Verband sexuell stigmatisierter Menschen (Homosexuelle) seither immer mehr in eine eigene Verfolgung sexuell stigmatisierter Menschen einspannen (Pädophile).
Im Kern wird also seit 1993 behauptet, man habe neben der Kriminalisierung pädophiler Menschen auch eine Entdiskriminierung von homosexuellen Mädchen und Jungen erreicht. Der innere Widerspruch taucht bereits da auf, wie man eigentlich Heerscharen von Schulklassen seit 1992 konzertiert gegen Menschen bestimmter Sexualabweichung scharfgemacht haben kann -mit genereller Verschärfung des Sexualstrafrechts allgemein- und dennoch eine ungeschmälerte sexuelle Liberalisierung -insbesondere von Homosexualität- erreicht haben will: Über eine Skandalisierung sexuellen Abweichlertums, ausgerechnet.
De facto gehört auch diese Behauptung zu den Lebenslügen, mit denen sich diese Szene bewirbt. Vergleichsuntersuchungen von Professor Gunther Schmidt (Befragungen Heranwachsender zu homosexuellen Erfahrungen in den Siebzigern und später wiederholt in den 90ern) lehren etwas anderes: Heranwachsende machen drastisch weniger solche Erfahrungen untereinander - je mehr offenkundig „offen darüber geredet“ wird inzwischen. Mögliche Gründe dafür gibt es viele, warum dies zu beobachten ist: Man übersieht bspw., dass „mehr offenes Reden“ über Homosexualität in Schulen oder TV bei den betroffenen Kindern ihre innere Emigration verstärkt. Dafür sorgen bereits die psychologischen Eigentümlichkeiten des Begriffsstigmas „schwul“, speziell im Erleben von Heranwachsenden, deren ganzes Ringen in dieser Zeit auf Konformität angelegt ist. Ferner verhält es sich so, dass der übliche, scheinbar „unbefangenere“ Diskurs über Homosexualität in Wirklichkeit ein impliziter Ausgrenzungsdiskurs ist (zur Begründung beider Punkten vgl. meine Analyse zum 60. Befreiungstag zur Verfolgung sexueller Minoritäten hier auf ITP-Arcados). Bis auf den heutigen Tag ist die einzige, Heterosexuellen mögliche Auseinandersetzung im Alltag mit dem Thema Homosexualität die Ebene distanter Witzelei und unverbindlicher Lippentoleranz. Aller Rekurs über Homosexualität muss sich defensiv der nettigen Ironisierung und Bewitzelung bedienen. Dies ist die Beobachtung von liberalen Bezugnahmen im TV bis hin zum „Schuh des Manitou“: Abgesehen von Oliver Stones bekanntem Western dieser Tage gibt es bspw. keine einzige Filmproduktion mit Mut zur Aufgreifung des Themas, die etwas anderes zeigt als Humoreske. Tragik muss am Rand spielen, damit der Zuschauer sich mit Homosexuellen überhaupt auseinandersetzt – und stets muss der Homosexuelle dabei als Witzfigur dargestellt werden (transvestitisch, tuckenhaft, bis zur Lächerlichkeit unmännlich, etc.). Selbst der Christopher Street Day musste den Weg zur Karnevalsveranstaltung nehmen, weil Homosexuelle nicht der Lage sind angesichts ihres Stigmas in der Bevölkerung, einen öffentlichen Gedenktag zu installieren. der des traurigen Anlasses würdig ist.
Auch als Hetero kann man sich über Homosexuelle nur unterhalten, in dem man sicherstellt, dass dies auf humorige Weise geschieht, um beim Adressaten angenommen zu werden. Stets jedoch geht es dabei um oder über „die Schwulen“: Bereits die dritte Person, die der Diskurs stets verwendet (im Schulunterricht, im Fernsehen), spiegelt Betroffenen ihre Randständigkeit erst wirklich massiv vor - wenn auch auf suggestivem Weg und scheinbar nett gemeint, wo zuvor nur sprachloses Tabu bestand oder offene Verachtung. Gerade Heranwachsende reagieren auf -in welcher netten oder bösen Form auch immer- dargebrachte Attribute, „nicht dazu zu gehören“. Gerade die typischen Formulierungen des üblichen „Auch-Homosexuelle-sind- Menschen“ - Geredes enthalten dies.
Weitere Effekte:
In der Summe dieser Dinge ist das Paradoxon nicht verwunderlich, dass Vereinsamung und innere Emigration betroffener Kinder und Heranwachsender zunehmen, je mehr und je massiver über Homosexualität unter solchen Prämissen geredet wird. Hier darf man niemals die Verhältnisse in den Metropolen mit der Lebenssituation in der Provinz verwechseln. Diesbezüglich besteht bei Medien sogar ein vollständiger Realitätsverlust, welche gern das Bild einer liberalen Gesellschaft zeichnen. Und in den Homosexuellenverbänden selbst ist -der Verfänglichkeiten rund um „Kindesmissbrauch“ wegen- das Thema des homosexuellen Kindes komplett ausgeblendet inzwischen.
Gunther Schmidt betont vor allem den Etikettierungs- (Labelling-) Effekt, der in zu vielem „Reden“ über eine Sache steckt. Die wissenschaftliche Schablonisierung des Intimlebens in „Heterosexuelle“, „Homosexuelle“, „Pädophile“ etc. mag wissenschaftlich Fortschritt sein - nimmt Menschen aber ihre Unbefangenheit, sich einfach zu verhalten. Es ist eben nicht immer gut, je mehr über eine Sache öffentlich geredet wird. Dies gilt besonders im Intimbereich. Mit dem offenen Reden über Homosexuelle auf Schulhöfen oder im TV steigt nichts weiter als die Paranoia bei Heranwachsenden, es zu sein. Auch ich selbst nehme in der Unterhaltung mit Schülern oder in Hunderten von Kinderaussagen in Verfahrensakten nichts wahr von einer „homosexuellenfreundlichen“ Bekehrung. Das Gegenteil ist der Fall: Ungezählte Akten weisen aus, dass Eltern, Polizeibeamte und Sozialarbeiter im Gegenteil, antihomosexuelle Aversionen nicht aus der Befragungen von Kindern über Pädophilie heraushalten können.
Summa summarum: Auch hier also stößt man auf eine Märchenwelt aus Lebenslügen jener feministischen „Missbrauchsaufklärung“. Buchstäblich nichts stimmt an ihr, sobald man etwas überprüft.
© 2006 Dipl. Psych. M. M. Griesemer
Weiterführende Links:
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