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Dipl.-Psych. M. Griesemer.
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Interviews / Interviews mit Opfer von sexuellem Missbrauch
Angela Moonlight: Die Umstände waren folgendermassen: Die ersten Übergriffe haben durch meine Grossvater (der schon seine 5 Töchter missbraucht hatte) stattgefunden, beim spielen wie Hoppe-Hoppe-Reiten usw. Nachts musste ich immer in seinem Bett schlafen. Ich durfte nur Unterhosen tragen, mehr nicht. Er wollte einem ständig in die Unterhosen schauen - wenn man nicht lieb war, so nannte er es, wurde man mit Liebesentzug bestraft. Er hat einem tagelang ignoriert. An das genaue Alter kann ich mich hier nicht erinnern, bzw. wann genau es begann.
Im Alter zwischen 8-10 Jahren geschah der nächste Missbrauch. Es war der "so genannte «liebe Nachbar» im Haus. Es war ein älterer Mann, damals bestimmt schon 70 Jahre. Er war gehbehindert und hatte einen Gehstock zum gehen. Ich sollte für ihn seine Wohnung putzen. Ich erhielt 2 DM dafür. Geld das meine Familie dringend brauchte. Der Missbrauch ging über längere Zeit und endete mit einer Vergewaltigung.
Die weiteren Übergriffe ereigneten sich wieder im Rahmen der Familie. Ich fuhr häufig in den Ferien zu meinen Grosseltern. Meine Grossmutter übersah gerne alles was geschah. Ich wusste es nicht besser, für mich war es normal. Im Alter von 9 Jahren war ich mit meiner gesamten Familie dort zu Besuch. In der Nacht kam mein Onkel, der damals schon erwachsen war, zu mir ans Bett. Unter Mordandrohungen und Schlägen missbrauchte und vergewaltigte er mich. Diese Geschehen wiederholten sich bei jedem Besuch.
Im Alter von 13 Jahren zog meine Mutter mit uns drei Mädchen vorübergehend zu meinem Grossvater und meinem Onkel, der aufgrund seiner Behinderung noch bei ihm lebte. Meine Mutter lies sich zu diesem Zeitpunkt scheiden. Meine Brüder waren im Heim und wir Mädchen mussten mit ihr gehen. Sie war die meiste Zeit mit ihrem Freund unterwegs. Auch hier bedrängte mich mein Onkel erneut und versuchte mich zu vergewaltigen. Mein Grossvater kam dazu und er lies von mir ab. In der Nacht kam mein Grossvater ans Sofa, auf dem ich mit meiner Schwester schlief, und wollte, dass ich zu ihm ins Bett komme.
Der letzte Übergriff fand im Alter von 13 1/2 Jahren statt. Die Familie hat noch einen Sohn. Er war geschieden, hatte zwei Töchter. Die eine Tochter lebte bei ihm. Er hatte uns früher schon öfters geholfen und unterstützt. Für mich schien er normal zu sein. Er bot mir an, mich dort rauszuholen und mit zu sich zu nehmen. Mir war das recht. a) vertraute ich ihm und b) wollte ich wieder in meine Heimat zu meinen Freunden zurück. Anfänglich fühlte ich mich sicher bei ihm, bis er nachts ins Zimmer kam und mich begrabschte.
Das ganze zieht sich also über einen Zeitraum von 8-10 Jahren mit Unterbrechungen.
Waren auch Ihre Schwestern von diesen Übergriffen betroffen?
Meine Schwestern waren in so weit betroffen, dass sie Übergriffe durch meinen Grossvater erleiden mussten - laut Ihrer Aussage.
Haben Sie noch Kontakte zur Familie, bzw. zu Ihren Schwestern?
Ich hatte immer mal wieder sporadischen Kontakt zu meinen Schwestern. Zu meiner Familie im allgemeinen hatte ich einen recht engen Kontakt bis im letzten Jahr. Nach der Strafanzeige brach alles zusammen, da sie meine Vorgehensweise nicht begrüssten.
Selbst zu den Tätern bestand teilweise Kontakt. Das Motto der Familie lautete: "Die Familie ist alles - die Familie muss zusammenhalten". Seit ich denken kann, wollte ich die Liebe meiner Mutter erlangen. Ich habe alles getan, damit sie mich sieht - selbst geschwiegen und so getan als wäre nichts geschehen.
Fühlen oder fühlten Sie sich von Ihrer Mutter nicht wahr genommen? Oder hat Ihre Mutter alles was passiert war verdrängt? Konnte und wollte sie nicht erkennen was passiert war?
Ja, ich fühlte mich nicht wahrgenommen bzw. nur dann, wenn sie mich und meine Unterstützung brauchte. Sie erzählte mir später, sie hätte alles was Sie selbst erlebt hätte verdrängt. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher, ob sie es verdrängt hatte oder nicht. Ich vertrete die Ansicht, dass ich sehr wohl deutliche Signale gesendet habe.
Unterbewusst denke ich, dass sie es wahrgenommen hat aber Angst hatte es an sich heranzulassen. Meiner Meinung nach hätte Sie sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen müssen, wozu Sie damals wie heute nicht in der Lage ist.
Sie war Mutter von insgesamt 6 Kindern, hatte eine schwierige Ehe und wir lebten kontinuierlich am Existensminimum. So lange ich denken kann war sie von Depressionen geplagt. Damals wusste ich das nicht - heute kenne ich das Erkrankungsbild und kann mir ein Urteil darüber bilden.
Können Sie heute offen mit Ihrer Mutter über die Vergangenheit sprechen, jeder jeweils aus seiner Sicht, oder ist das Verhältnis zu gespannt dafür? Empfinden Sie, trotz allem Zuneigung zu Ihrer Mutter?
Es gab Zeiten in denen ich mit meiner Mutter über meine Vergangenheit sprechen konnte - allerdings immer im Hinblick darauf, dass sie mir schilderte dass ihre Vergangenheit viel schlimmer war als meine. Es kamen immer nur Sätze wie: Ich habe es nicht bemerkt, mir ist nichts aufgefallen, du hättest es deinem Vater sagen müssen, ich bin mir keiner Schuld bewusst. Wenn das Gespräch auf ihre Familienmitglieder kam, hörte sie zwar zu, konnte es sich jedoch, laut ihrer eigenen Aussage, nicht vorstellen - sie dachte immer das wäre vorbei - sagte Sie.
In der letzten Zeit ist das Verhältnis gespannt. Ich habe mich distanziert, weil ich keine Unterstützung durch meine Mutter fand. Laut ihrer Aussage bin ich jetzt erwachsen und muss selbst da durch - das muss jeder von uns. Ich habe meine Mutter immer geliebt; ich wollte immer nur ihre Liebe und Zuneigung. Heute bin ich nur noch traurig und die Liebe hat sich zum Teil in Wut, Zorn, Enttäuschung und Angst gewandelt.
Manchmal fühle ich gar nichts. Lange Zeit dachte ich, es wäre meine Pflicht sie zu lieben und ihr zu verzeihen, da sie meine Mutter ist und mich geboren hat. Viele Jahre habe ich ihr Verhalten damit entschuldigt, dass es ihr immer so schlecht ging, oder dass sie einfach auf Grund dessen was sie erlebt hat nicht lieben kann. Aber an meinen anderen Geschwistern kann ich sehen, dass sie sehr wohl lieben kann. Nun wandeln sich meine Gefühle allmählich in einen luftleeren Raum - ich beginne ihr gegenüber zu erkalten.
Ihre Schilderungen zeichnen ein Bild einer kalten Atmosphäre innerhalb ihrer Familie. Die Beziehungen zwischen ihren erwachsenen Bezugspersonen schien gespannt und oberflächlich gewesen zu sein. Gab es auch Zeiten der Liebe und Geborgenheit in ihrer Familie?
Meine Mutter hat mir später immer erzählt, sie hätte meinen Vater nie geliebt. Sie hätte ihn nur geheiratet um sich die Achtung ihres Vaters zu erwerben, die sie verloren hatte, nachdem sie von zu Hause ausgezogen war und alleine gelebt hatte.
Liebe und Geborgenheit zwischen den Erwachsenen? - sicher nicht. Vielleicht so etwas "wie gut miteinander auskommen". Manchmal hat mein Vater versucht, sich meiner Mutter zu nähern, in dem er sie in den Arm nahm oder auf die Wange küsste. Wenn meine Mutter einen guten Tag hatte, liess sie dies zu, meistens jedoch lehnte sie die Zärtlichkeiten und Nähe meines Vaters ab.
Sie sorgte auch dafür, dass er uns nicht zu nahe kam. Ganz selten durften wir auf seinem Schoss sitzen. Wenn dies einmal der Fall war und Papa uns auf die Wange geküsst oder mit seinem Stoppelbart an der Wange gekratzt hat, passte Sie immer genau auf, dass es nicht all zu lange dauerte. Mein Vater war eigentlich ein herzlicher Mensch, der den Kontakt zu seinen Kindern suchte. Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass mein Vater, niemals irgendwelche Übergriffe gestartet hat. Seine Liebe war und ist sauber und rein - ohne Hintergedanken.
Wärme und Zärtlichkeit habe ich nur von ihm erfahren. Die Liebe die meine Mutter geben konnte, war für meinen grossen Bruder und meine kleineren Geschwister. Ich musste mir oft sagen lassen, dass sie sich mehr um meine Geschwister als um mich kümmern müsste. Meine Geschwister seien schliesslich krank und bräuchten sie mehr als ich. Und der Grosse war ihr Lieblingskind - das wusste ich schon immer. Damit hat sie auch nie hinter dem Berg gehalten. Ihre Anerkennung und Zuwendung konnte ich nur durch Leistung oder schwere Erkrankung bekommen. Typische Krankheiten waren Mittelohrentzündung, Angina (sprich Mandelvereiterung) und hohes Fieber. Da durfte ich ausruhen und sie kümmerte sich um mich.
Später, als ich älter wurde und sie gezielt darauf ansprach, warum sie mich nicht lieben würde, kam als Antwort nur - ich würde aussehen wie mein Vater - sie würde mich ja lieben - sie würde alle ihre Kinder lieben, aber ich sähe nun mal aus wie mein Vater.
Weihnachten und Advent waren Zeiten in denen es stiller, harmonischer und friedlicher in der Familie zuging. Hier war zeitweilig die Athmosphäre von Geborgenheit und Liebe, sogar zwischen den Erwachsenen. War jedoch jedes Jahr zeitlich begrenzt.
Wann konnten Sie sich der Familie entziehen? Wann und wie begannen Sie Ihren eigenen Weg zu suchen?
Nach dem letzten Übergriff, den ich bei meinem Onkel erlebt habe, habe ich mich ersteinmal von der Familie distanziert. Ich lebte ein halbes Jahr im Kinderheim. Nachdem ich dort unglücklich und unzufrieden war, bin ich weggelaufen und lebte eine Zeitlang auf der Strasse. Irgendwann nach ein paar Monaten, wandte ich mich dann ans Jugendamt und erhielt nach längerer Diskussion eine eigene Wohnung. Dieses Projekt nannte sich Schutzhilfe. Von da an ging ich Stückchenweise meinen Weg alleine. Ich beendete die Schule und begann meine Ausbildung, die ich im Jahre 1992 erfolgreich bestand. Der Kontakt zu den Familienmitgliedern war jedoch immer da. Man war es nicht anders gewohnt. Selbst der Kontakt zu den Peinigern blieb über all die Jahre bestehen. Nicht häufig jedoch zu verschiedenen Familienanlässen. In der Regel tat jeder so als wäre alles in Ordnung, wobei ich sagen muss, man kannte es ja nicht anders - es war halt so. Die endgültige Trennung von allen fand erst im letzten Jahr statt, als ich die Täter mit ihren Taten schriftlich sowie mündlich konfrontierte und anschliessend Strafanzeige erstattete. Der Bruch zwischen meiner Mutter und mir entstand ebenfalls in dieser Zeit, da ich von ihr nicht die Unterstützung erhielt, die ich mir erhofft hatte. Derzeit habe ich nur noch Kontakt zu meinem Vater und seiner neuen Familie.
Konnten die Täter juristisch zur Rechenschaft gezogen werden? Gab es Erklärungen oder Versöhnungsgesten von Ihnen oder den Tätern Ihnen gegenüber?
Nein leider bin ich zu spät dran. Einer ist ja schon vor Jahren verstorben. Zwei der angezeigten Fälle sind juristisch leider verjährt, da man einen Unterschied zwischen Missbrauch mit und ohne Vergewaltigung macht. Bei Missbrauch ohne Vergewaltigung ist die Verjährungszeit 10 Jahre ab dem 18 Lebenjahr. Bei Missbrauch mit Vergewaltigung beträgt die Verjährungsfrist 20 Jahre ab dem 18 Lebensjahr.
Bei mir liegt der Fall des dritten Täters jedoch so, dass eine Verurteilung angeblich nicht möglich ist, da die betreffende Person geistig auf dem Stand eines 5-jährigen stehen würde und somit nicht schuld- oder verhandlungsfähig sei. Er lebt seit Jahren in einem Heim für behinderte Menschen. Dies wurde damals von seinem Bewährungshelfer veranlasst, da er eine Vorstrafe wegen sexuellem Missbrauchs an Kindern hat. Er wurde zu einem Jahr auf drei Jahre Bewährung verurteilt. Eine Sicherungsverwahrung wird ebenfalls nicht angestrebt, da er nun ja keine Gefahr mehr für Kinder dar stellt.
Das klingt nach einer Wiederholung einer Ohnmacht. Zuerst schaute die Mutter weg - also die erste Instanz des Vertrauens überhaupt und dann hatte der Staat keine juristischen Handhabe gegen die Täter. Entspricht das etwa Ihren Empfindungen?
Das entspricht genau meinen Empfindungen. Für mich ist es so, dass ich den Eindruck habe man hört mir nicht zu. Es interessiert niemand was mit mir ist. Im Gegenteil, man betet mir vor unter welchen Gebrechen meine Täter leiden. Früher half mir meine Mutter nicht - erste Instanz- sie vertrat die Ansicht - das ist Familie, du musst still sein, Liebe bekommt man nur wenn man still und brav ist.
Heute ist es neben meiner Mutter der Staat der mich im Stich lässt, die zweite Instanz. Ich habe sehr wenig Verständis und Intersse durch die Staatsanwältin erfahren. Im Gegenteil. Auch hier vertritt man teilweise die Ansicht, dass es ja auch gut für mich ist, wenn das Trauma sich nicht noch einmal wiederholt, bzw. die Wunden erneut durch eine Aussage aufgerissen würden. Wen interessiert es schon, dass die Wunden durch das totale Desinteresse überhaupt nicht verheilen können. Instanzen die schützen, helfen und Verstehen sollen, liessen und lassen mich im Stich. Selbst bei der Veröffentlichung des Buches muss ich aufpassen, dass ich keine Namen erwähne, da man mich sonst juristisch belangen könnte. Da ich in diesem Fall das Persönlichkeitsrecht der Personen verletzte.
Also ist es so, dass in Deutschland der Täterschutz über dem Opferschutz steht, und das ist sehr bedauerlich. Wie soll die Zahl der Geschehnisse sinken, wenn die Täter unbestraft davon kommen. Man vermittelt ihnen doch das Gefühl, dass das was sie tun, richtig und in Ordnung ist, da man sie strafrechtlich nicht belangt. Und wir die Opfer, werden erneut gedemütigt und bekommen das Gefühl vermittelt, dass es falsch ist, wenn wir Strafanzeige erstatten. Der Staat bestätigt das indem es entweder überhaupt nicht zur Anklage kommt oder die Täter mit einem blauen Auge davon kommen.
Glauben Sie, dass Ihre Wunden durch eine gerechte Bestrafung der Täter verheilen könnten? Oder anders gefragt: Angenommen die Täter wären alle mit einer Strafe belegt worden, die Sie für gerecht empfinden, was wäre heute für Sie anders?
Man hätte mir zugehört, mich ernst genommen. Das wichtigste für mich jedoch wäre gewesen, dass den Tätern somit klar geworden wäre, dass es nicht in Ordnung ist was sie getan haben. Das Sie zur Verantwortung gezogen worden wären und man mich nicht mehr als Lügnerin abgestempelt hätte.
Der Kreislauf in dieser Familie, der sich über Generationen zieht wäre auch offiziell durchbrochen worden. Zudem wären ihre Namen und ihre Gesichter bekannt gewesen und somit andere Kinder vor ihren Übergriffen geschützt. Wer sagt mir, dass es heute vorbei ist? Wer sagt mir, das ihre Kinder, sowie ihre Enkelkinder vor ihren Übergriffen geschützt sind? Niemand kann mir weis machen, dass diese "Perversion" aufhört. Wer dies einmal tut, Gefallen daran findet und nicht zur Verantwortung gezogen wird, macht so lange er kann weiter - davon bin ich überzeugt. Aus all diesen Gründen wäre und ist es wichtig, dass Täter zur Verantwortung gezogen werden.
Angenommen die Täter wären bestraft worden, was wäre für Sie eine gerechte Strafe für die Täter gewesen?
Ich denke nicht, dass man das was ich jetzt denke drucken darf. Es kann keine Strafe geben die hoch genug wäre. Gefängnis ist auch nicht das was mir persönlich helfen würde. Mir wäre die Veröffentlichung der Namen und Gesichter wichtiger. Ein Führen in der Kartei für Sexualstraftäter und das Verbot sich Kindern zu nähern. Solche Menschen sollten auch keine eigenen Kinder haben dürfen - sie sind vor den Übergriffen genau so wenig geschützt wie nahe Angehörige. Sie können niemals das Leid nachempfinden, dass ein Opfer fühlt und nur eines dieser Erlebnise die wir hatten, würde Ihnen vielleicht annähernd das Leid klar machen unter dem wir unser Lebtag zu leiden haben. Erinnert mich irgendwie an das alte Testament: AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN, das ist meine Ansicht zu dieser Sachen.
Mit der öffentlichen Anprangerung wie in den USA und der Auflage sich nur in einem definierten Abstand zu Plätzen aufzuhalten wo Kinder sind, nimmt man einem solchen Menschen sämtliche Persönlichkeitsrechte. In den USA, wo es eine solche Bestrafung gibt, leben beispielsweise Sexualstraftäter nach der Verbüssung ihrer Strafe unter Autobahnbrücken, weil sie sonst nirgends mehr leben können. Ist eine solche Ausgrenzung aus der Gesellschaft nicht ähnlich in ihrer Konsequenz wie das was die Täter Ihnen angetan haben?
Man hat auch mir meine Persönlichkeitsrechte genommen. Hier geht es auch nicht in erster Linie um Anprangerung sondern um Schutz. Man sieht es keinem Täter an, dass er ein Täter ist. Gegenfrage: Wie stellen Sie sich eine "Bestrafung" vor? Gefängnis? Therapie? Hat doch bei den meisten nichts genutzt: unendlich viele Wiederholungstäter. Was kann man denn tun? Ihnen ihren Sexualtrieb nehmen? Ist ebenfalls eine gute Vorstellung, jedoch wohl nicht umsetzbar!!
Es stimmt. Trotz massiven Verschärfungen des Sexualstrafrechts und der Strafnormen in ganz Europa, blieben die Anzeigen bei der Polizei wegen Delikten in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch auf konstant hohem Niveau. Härtere Strafen schrecken anscheinend nicht ab.
Ich weiss nicht wie man so jemand bestrafen kann. Ich weiss nur dass man Kinder vor weiteren Übergriffen schützen muss - das ist die Hauptsache.
Sie sind selber Mutter eines Sohnes. Wie schützen Sie Ihr Kind? Was raten Sie Eltern?
Als mein Sohn 4 Jahre alt war, begann ich mit der Aufklärung. Es gibt gute Bilderbücher zu diesem Thema. Es fanden und finden immer wieder Gespräche über Aufklärung, Sexualiltät, Verhütung usw. statt. Wir gehen mit diesem wichtigen Thema sehr offen in unserer Familie um. Ich habe meinem Sohn von Anfang an die Selbstbestimmung über seinen Körper gelassen, d.h. wenn mein Sohn nicht in den Arm genommen werden wollte, fand dies nicht statt. Wenn mein Sohn keinen Kuss mag, mag er heute auch noch nicht, dann wurde er nicht geküsst. Ich habe ihm von Anfang an erklärt das niemand ihn Küssen, anfassen oder an intimen Stellen seines Körpers berühren darf, wenn er das nicht möchte. Ich habe mein Kind gelernt «Nein» zu sagen. Sicher war das für viele Familienmitglieder, besonders für die Grosseltern, zu Beginn schwierig. Es entstehen hier leicht Missverständnisse. Aber das alles habe ich in Kauf genommen, da mir die Freiheit und die Selbstbestimmung meines Sohnes über seinen Körper sehr wichtig war und ist.
Für genauso wichtig halte ich es, dass die Kinder ihren Eltern vertrauen. Vertrauen ist die Basis für alles. Kein Kind erzählt seinen Eltern etwas, wenn es kein Vertrauen hat.
Mir war dies immer wichtig, da ich kein Vertrauen zu meiner Mutter hatte.
Ich erkläre meinem Sohn immer, dass er mit allem was geschieht, zu mir kommen kann. Es kann geschehen das ich sauer bin oder enttäuscht, aber das wird nichts an meiner Liebe zu ihm ändern. Ich habe ihm erklärt, dass es die Sache ist um die es geht und nicht er als Person. Das beginnt schon bei Kleinigkeiten. Beispiel: Mein Sohn räumt nicht auf, obwohl wir mehrfach darüber gesprochen haben. Irgendwann bin ich sauer, werde laut und dann räumt er auf. Er weiss dann aber, dass ich sauer bin, weil er eine Abmachung nicht eingehalten hat und nicht auf ihn als Person.
Mir wurde als Kind immer vermittelt, dass ich, wenn ich Fehler mache, als Person nicht wertvoll bin. Mit so viel Minderwertigkeitsgefühlen kann ein Kind kein Vertrauen fassen.
Zudem habe ich meinem Kind beigebracht nichts von fremden Personen anzunehmen und schon gar nicht mit ihnen mitzugehen. Ich habe ihm ebenfalls beigebracht bei Gefahr "FEUER" zu schreien und nicht "HILFE". In der Regel reagieren die Menschen bei "FEUER" stärker als bei "HILFE".
In den letzten Jahren werden immer mehr Fälle bekannt wo Kinder Kinder sexuell missbrauchen. Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache für dieses Phänomen?
Mangelnde Aufklärung, evtl. Vorleben in der eigenen Familie, denn das gibt es ja auch mehr als bekannt ist. Zudem denke ich, dass es hier neben den aufwallenden sexuellen Gefühlen, die ja vorhanden sind, verstärkt um Macht geht. Macht über andere Personen, in diesem Fall Kinder. Klingt vielleicht komisch - ich denke zudem auch, dass die Kinder hier schwächere Personen gefunden haben um ihren Frust an ihnen auszuleben und ihre Phantasien die sie wohl haben zu verwirklichen. In den Fällen, die mir durch Medien usw. bekannt sind, wo Kinder Kinder missbrauchen, ist der Gewaltfaktor ziemlich hoch. Ich kann nur vermuten, dass hier eine grosse Portion Frustration neben dem verfrühten Einsetzten der Pubertät vorhanden ist.
Zudem bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass in der Zeit in der wir leben, die früheren Werte wie Mitgefühl, Verantwortung, Wahrheit, Konfkliktfähigkeit, Kommunikation von Mensch zu Mensch usw. kaum vorhanden sind. Der Mensch zählt nicht mehr als Mensch, sondern wird an seiner Leistung, oder bei Kindern und Jugendlichen an seinen Besitztümern oder Markenkleidung, gemessen. Leider leben hier in Deutschland mittlerweile sehr, sehr viele Menschen am Existenzminimum und können sich diese Dinge nicht leisten. Auch hier kann ich mir die Frustration der Jugendlichen oder Kinder vorstellen die dann zu solchen Handlungen führen könnnen.
Natürlich dient all dies nicht als Entschuldigung für dieses unmenschliche Handeln. Diese Fälle haben auf mich häufig den Charakter einer Kurzschlussreaktion, während die Erwachsenen ihr Vorgehen genau planen und über Jahre hinweg durchziehen.
Natürlich finde ich auch das Verhalten der Kinder und Jugendlichen die so etwas tun höchst bedenklich und gefährlich. Die wahren Hintergründe zu diese Taten, können jedoch nur die Täter selbst, ob Erwachsen - Jugendlicher oder Kinder selbst, bestimmen. Dies hier sind nur Überlegungen die ich dazu anstelle um mir ein solches Verhalten einigermassen zu erklären.
Welchen Einfluss haben Computerspiele und Medien auf das Verhältnis der Kinder zu Sexualität und Gewalt?
Schwierige Frage. Ich denke die Medien wirken eher abschreckend und beängstigend auf Kinder, vor allen Dinge wenn Sie jünger und von ihrem Wesen her eher sensibel sind. Ich vertrete die Ansicht, dass die Computerspiele nicht im geringsten mit der Realität zu vergleichen sind. Das schlimmste Spiel kann nicht so schlimm sein wie die Nachrichten im Fernsehen, wenn sich zig Leute in die Luft sprengen, Unschuldige mitreissen und sich kontinuirlich bekriegen. Ein Kind kann sehr wohl unterscheiden was Realität und was Phantasie ist. Ein Spiel ist ein Spiel und dient dem Kind zum Spass oder zum abreagieren. Es ist immer noch besser die Kinder lassen ihren Frust in einem solchen Spiel heraus als wenn Sie in der Realität auf Menschen losgehen. Ich denke auch nicht, dass ein solches Spiel ein Kind dazu treibt in der Realität so etwas zu tun. Diese Dinge geschahen schon lange bevor es Computerspiele gab.
Meiner Meinung nach besteht der Unterschied darin, dass diese Dinge heute offener ausgesprochen werden als früher und dies wohl gleichzeitig mit der Entwicklung von PC und Computerspielen in diesem Bereich geschieht.
Man hört in letzter Zeit öfter von Ehemännern, die sich sexuell offensiv ihren eigenen Kindern nähern. Wie sollte man richtigerweise in einer Familie damit umgehen, wenn sich ein Elternteil falsch verhaltet?
Das Kind sofort aus der Gefahrenzone bringen. Den Mann direkt mit dem Gesehenen konfrontieren. Wenn ein Übergriff stattgefunden hat, rate ich zur Anzeige. Das Kind ärztlich und psychologisch betreuen lassen. Meine ehrliche Meinung. Ich würde mich von einem solchen Partner sofort trennen. Wenn es gerichtlich geregelt wurde, wegen dem Besuchsrecht, würde ich das Kind nicht allein mit ihm lassen. Also Kontakt nur wenn die Mutter oder eine neutrale Person vom Jugendamt dabei ist. Hier liegt die oberste Priorität darin das Kind zu schützen. Bei entstandem Schaden durch Übergriffe, die schon stattgefunden haben, geht es nur noch um Schadensbegrenzung und Hilfestellung das Erlebte zu verarbeiten.
Wichtig ist hier wie gesagt, die psychologische Betreuung. Das Kind sollte sofort vermittelt bekommen, dass es keinerlei Verantwortung an dem trägt was geschehen ist. Hier liegt die Verantwortung allein beim Erwachsenen. Das Kind hat nichts falsch gemacht. Fragen wie: Warum hast du nichts gesagt? Warum hast du nicht Nein gesagt? sollte man unterlassen als Mutter, da es dem Kind Schuldgefühle vermitteln könnte. Das Kind liebt beide Elternteile, es weiss häufig nicht, was hier richtig und falsch ist.
Immer und immer wieder betone ich, Aufklärung ist das A und O. Nur aufgeklärte Kinder können "Nein" sagen weil nur sie wissen, dass es falsch ist.
Angenommen Ihr Sohn würde auf einer Ferienfreizeit oder im Sportverein die Freundschaft mit einer erwachsenen Person eingehen und auffallend viel Zeit mit dieser Person verbringen. Wie würden Sie reagieren?
Zuerst würde ich das Gespräch mit meinem Sohn suchen. Ich würde wissen wollen, was es ist was ihn an dieser Person fasziniert. Ich würde natürlich versuchen wollen zu erfahren, was für eine Art Beziehung oder Freundschaft das ist. Es gibt ja auch Beziehungen in denen Kinder und Erwachsene ohne Sexualität auskommen. Will heissen, die ältere Person kann ja auch als Vorbild fungieren.
Ich würde die Person kennenlernen wollen um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen. Zudem würde ich meinem Sohn auch hier erklären, dass in dieser Freundschaft nichts gegen seinen Willen geschehen darf. Ich würde ihm, so wie ich es heute schon tue - erklären, dass Sexualität, Geschlechtsverkehr und alles was in diese Richtung geschieht, zwischen Erwachsenen und Kindern tabu ist. Mein Sohn kennt meine Geschichte - nicht alle Einzelheiten, aber doch soweit, dass er sehr gut weiss, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern tabu ist. Ich würde ihn bitten das Vertrauensverhältinis, dass zwischen uns besteht, zu nutzen. Will heissen, ich würde ihn bitten mir zu erzählen, wenn etwas in diese Richtung geschehen sollte - mit oder ohne seinen Willen. Ich würde ihm erklären - so wie ich es ebenfalls seit Jahren tue - dass ich ihn liebe - egal was geschieht und egal was er tut. Er weiss, wir können nicht immer einer Meinung sein. Manchmal tue ich Dinge zu seinem Schutz auch wenn er sie nicht direkt nachvollziehen oder verstehen kann.
Selbst wenn Sexualität mit Einverständis meines Kindes geschähe in diesem Bereich - würde ich den Kontakt unterbinden und die erwachsene Person auf ihr Erwachsensein hinweisen. Ich würde ihr den Kontakt zu meinem Kind verbieten, da ich mein Kind schützen möchte und dies auch mit allen mir zur Verfügung stehenden legalen Mitteln tun würde.
Das Schutzalter liegt zur Zeit bei 14 bis 16 Jahren. Es gibt Pläne das allgemeine Schutzalter auf 18 Jahre zu erhöhen. Wie stehen Sie zum Schutzalter und den Plänen es zu erhöhen?
Schwierige Frage. Ich würde sagen, das Schutzalter bis 16 Jahre ist ausreichend. In der Regel gehe ich davon aus, dass Jugendliche im Alter von 16 Jahren aufgeklärt sind. Zudem vertrete ich die Ansicht, dass sie unter normalen Bedingungen (keine geistige Krankheit oder Entwicklungsverzögerung) von ihrer Intelligenz schon so weit sind, dass sie genau wissen was sie möchten und was nicht. Zudem gehe ich davon aus, dass man in diesem Alter durchaus fähig ist sich zu wehren oder Hilfe zu suchen. Ich gehe jetzt von mir aus: Der letzte Übergriff, den ich erfahren habe, war mit 13 1/2 Jahren. Sicher, in der Nacht war ich dem Übergriff schutzlos ausgeliefert. Zwei Tage später jedoch, nach dem sich der Vorfall in der Nacht zuvor wiederholt hatte, traf ich die Entscheidung zu gehen und nicht zu bleiben.
Ich denke unter Berücksichtigung von verschiedenen Umständen ist es angebracht das Schutzalter zu erhöhen, wie z.B. bei den oben genannten Faktoren oder schweren Erkrankungen der Psyche oder des Körpers, wo die Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt ist. Ansonsten gehe ich davon aus, dass ein Schutzalter bis 16 Jahren durchaus ausreichend ist.
In der Fachliteratur zum sexuellen Missbrauch werden als Folge von sexuellem Missbrauch sehr viel verschiedene Symptome bei Opfern angegeben. Können Sie sagen, unter welchen Symptomen Sie genau leiden und welchen Symptome Sie bei anderen Opfern häufig beobachtet haben?
Sypmptome unter denen ich litt und teileweise immer noch leide:
- Angst und Panikzustände
-
Misstrauen
-
Motorische Unruhe
-
Ungewöhnliche Gedanken
- Kontrollzwang
- Putzzwang
- Drang zum Perfektionismus
- Schlafstörungen
- Alpträume
- Essstörungen
- Magen-Darm-Beschwerden
- Übelkeit
- Körperliche Schwäche
- Starke Gewichtsschwankungen
- Minderwertigkeitsgefühle
- Mangelndes Selbstvertrauen
- Hilflosigkeit /Aggression
- Ohnmacht- und Schwindelanfälle
- Nervenzusammenbrüche
- Heul- und Weinkrämpfe
- Depression
- Paradoxe Emotionen
- Verdrängung der Erlebnisse
- Hoher Energie - und Kraftaufwand um normal zu wirken
- Beziehungsprobleme
- Verschlossenheit
- Probleme mit dem anderen Geschlecht
- Probleme mit der Sexualität
- Scham
- Schuldgefühle
- Probleme mit dem Körper und dem Frausein
- Arbeitsunfähigkeit
- Hohe Anpassungsfähigkeit
- Herzrasen
- Schweissausbrüche
- Zittern
- Frösteln/Frieren
- Hitzewallungen
- Hautausschläge
- Rötungen im Gesicht
- Allergien
- Ungeduld
- Nägelkauen
- Ansätze zur Selbstszerstörung ( kratzen, Haare ziehen)
- Kribbeln oder Taubheitsgefühle in den Gliedmassen
- Gefühl neben sich zu stehen
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Verschwommenes Sehen
- Schreckhaft
- Geräuschempfindlichkeit
- Selbstbestrafung
- Abspaltung
Mir fiel bei anderen Betroffenen auf, dass auch eine Drogensucht oder Magersucht vorliegen kann. Selbst sexuelle Ausschweifungen können auftreten.
Eine provokante Frage: Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass diese Symptome auf die erlebten Missbrauchsfälle zurückzuführen sind?
In meinem Leben gab es nur Missbrauch auf allen erdenklichen Ebenen. Ich hatte als Kind niemanden zum reden; ich musste mir Strategien zum Überleben erschaffen. Wenn ich heute in der Therapie meine Erlebnisse aufarbeite, gehen Bilder, Gefühle und körperliche Reaktionen immer zusammen einher.
Zudem habe ich eine ärztliche Bescheinigung und ein Gutachten über genau diese Symptome, die daraufhin zurückzuführen sind. Beschwerden die ich als Kind mit dem Erlebten verdrängt und abgespalten habe, kommen nur gepaart mit der Erinnerung wieder zum Vorschein.
Menschen, die zu unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden oder aber Pädophile, die Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren, haben ganz ähnliche Symptome. Ebenso klagen andere Randgruppen, wie zum Beispiel HIV-Infizierte Menschen über die psychischen und physischen Folgen der Diskriminierung. Gibt es aus dem ganzen Katalog von Symptomen charakteristische Merkmale, die man bei anderen Randgruppen nicht findet?
Kann ich nicht genau beantworten. Spontan fällt mir dazu folgendes ein: ähnliche Symptome sind nicht die gleichen. Selbst in den Diagnoseschlüsseln gibt es noch Untergruppen.
Man ist nicht nur einfach "depressiv" sondern man hat schwere depressive Schübe, mit oder ohne Verfolgungswahn; extreme Schwierigkeiten im sexuellen Bereich; Abneigung gegen das andere Geschlecht; Wasch - und Putzzwang; multiple Persönlichkeiten - sprich Schizophrenie; Psychosen.
Besteht nicht eine gewisse Gefahr, bei der ungeheuren Vielzahl der Symptome, diese nur einer Sache zuzuordnen? Waren es die sexuellen Gewaltanwendungen, war es die fehlende Unterstützung, die offensichtlich emotionale Kälte, das Vermissen einer echten vertrauenswürdigen Bezugsperson etc.?
Ich würde sagen, alles was sich auf den sexuellen Bereich ausweitet ist klar und deutlich den Missbräuchen zuzuschreiben. Die anderen Symptome die vorhanden sind kann ich für mich sowohl dem Missbrauch als auch der restlichen Situation zuordnen. Nehmen wir z.B. die Esssucht: Ich esse um eine gewisse Leere in meinem Innern zu füllen. Gleichzeitig wirkt das Essen auch als Schutzschild: Wenn mein Körper eine gewisse Form angenommen hat, bin ich vielleicht nicht mehr attraktiv genug für das andere Geschlecht und somit geschützt.
Angst - Angst habe ich weil ich den Gewalttaten und Missbräuchen hilflos ausgeliefert war. Angst hatte ich aber auch verlassen zu werden - alleine zu sein - mir fehlte sicherlich eine vertrauenswürdige Bezugsperson. Die genannte Sypmtomatik umfasst meine gesamte Kindheit bis ins Alter von 14 Jahren. Der Grossteil dieser Zeit war von Missbräuchen verschiedenster Formen geprägt. Also ziehe ich den Schluss: Ohne Missbrauch mit einer besserern Kindheit, würde ich an den genannten Symptomen nicht leiden.
Sie sprechen von "Missbräuchen verschiedenster Formen". Was muss man sich darunter vorstellen?
Zum einen natürlich der sexuelle Missbrauch und zum anderen der Missbrauch in Form von körperlicher Züchtigung, sprich Schläge durch die Mutter. Was ebenfalls sehr schlimm ist, ist der emotionale Missbrauch - sprich man wird nur gesehen und geliebt, wenn man tut was richtig ist. Richtig ist natürlich immer nur das, was sich die Erwachsenen vorstellen.
Für ein Kind ist es sehr schwierig wenn die Mutter sich umdreht und sagt: "Du bist nicht mehr meine Tochter, du bist für mich gestorben" oder "Du bist nicht einmal der schwarze Dreck unter meinen Fingernägeln wert". Ganz beliebt sind auch Säzte wie: "Dein Vater hätte besser in den Rhein gewichst, dann wärst du heute noch unterwegs" Nur weil man einen Fehler gemacht hatte. Es konnte passieren, das sie mich tagelang nicht beachtet hat, egal wie sehr ich mich anstrengte, den begangenen Fehler wieder gut zu machen.
Missbraucht fühlte ich mich auch, wenn ich für die Familie beim Pfarrer um Geld betteln musste, diverse Gegenstände wie Kleidung und Geschirr in Antiquitätengeschäften verkaufen musste oder wenn ich mit Zetteln in der Hand in den Tante Emmaladen zum anschreiben geschickt wurde. Ich wurde losgeschickt mit dem Satz: "Wenn du das nicht schaffst dann haben wir heute Abend und morgen nichts zu essen. Ich weiss nicht was ich den Kindern erzählen soll. Auf dich kann ich mich verlassen, du schaffst das schon." Der nervliche Druck und die Anspannung unter der ich stand war unbeschreiblich. Man muss bedenken, ich war selber noch ein Kind im Alter zwischen 9 und 11 Jahren. Die Verantwortung die hier auf mir lang war fast nicht erfüllbar.
Ich spreche hier vom Gesamtmissbrauch meiner Person. Welches Kind im Alter von 8- 13 Jahren muss putzen gehen bei Fremden, betteln, einmal sogar stehlen, ohne eigenes Wissen. Es ist zu viel um es hier aufzuführen. Es ist in meinem Buch nachzulesen.
Wenn Pädophile von ihren Freundschaften berichten, dann ist ihnen meistens das Wohl des Kindes enorm wichtig - mehrheitlich wichtiger als ihr eigenes. Solche Missbräuche wie Sie sie beschreiben, drehen jedem kinderliebenden Menschen den Magen um. Gleichzeitig stellt sich bei Pädophilen beim Lesen solcher Berichte immer auch eine Wut ein: Genau wegen solchen sexuellen Missbräuchen, die ja nicht Folge von Freundschaften und Beziehungen, also von Liebe - aus Pädophilie - entstehen, sondern den Ursprung in sozialer, finanzieller und emotionaler Armut ihre Wurzeln haben, entsteht durch entsprechend undifferenzierte Medienberichte ein komplett falschen Bild von pädophilen Menschen. Können Sie nachvollziehen, dass pädophile Menschen diese Differenzierung einfordern?
Ja, ich denke es geht darum dass sie den Gewaltfaktor und die Abhängigkeit heraus haben wollen. Durch Ihre Beschreibung entsteht ein Bild, dass diese Menschen das was Sie tun aus Liebe tun.
Insofern kann ich nachvollziehen, dass sie eine Differenzierung anstreben und wünschen.
Mir persönlich ist zu wenig bekannt über die Beziehung zwischen Pädophilen und Kindern. Ich kann von mir aus nur sagen, dass Sex zwischen Kindern und Erwachenen sowie Zärtlichkeiten die Eindeutig zur sexuellen Stimulierung dienen tabu sein sollten. Sexualität gehört für mich in den Erwachsenenbereich.
Gerade wenn es um sexuelle Experimente zu Beginn der Pubertät geht, meinen die meisten Menschen, Kinder sollten solche Erfahrungen unter sich machen. Finden Sie, angesichts der gewaltigen Unterschiede im physischen und psychischen Bereich auch bei Gleichaltrigen, der nicht immer geraden sensiblen und toleranten Art wie Kinder unter einander umgehen, der oft noch fehlenden Fähigkeit selbstkritisch und verantwortungsbewusst zu handeln und angesichts der immer öfter in der Presse zu entnehmenden Fällen von Vergewaltigungen unter Kindern, diese Haltung für richtig? Was würden Sie Pädophilen entgegnen, die meinen, sie könnten sehr wohl zwischen Experimentierwunsch und echtem sexuellen Verlangen aus Liebe unterscheiden und damit eventuelle sexuelle Erfahrungen für das Kind sicherer gestalten?
Ich bin der Meinung das trotz allem was in den Medien gezeigt wird, die Kinder ihre Sexuellen Erfahrungen mit sich selbt (was ich für sehr wichtig halte, damit sie sich, ihren Körper und ihre Wünsche kennenlernen) und mit entwaigigen Gleichaltrigen machen sollten.
Zu der zweiten Frage: Ich bin mir nicht sicher ob bei den Pädophilen hier wirklich die sichere sexuelle Erfahrung für den Jugendlichen im Vordergrund steht - oder ihr eigenes körperliches und seelisches Verlangen Kinder zu lieben.
Kinder beginnen normalerweise schon sehr früh damit ihren Körper und ihre Genitalien zu erforschen. Da ich gelernte Kinderpflegerin und Mutter bin, weiss ich von was ich spreche. Für mich wäre es undenkbar, dass hier ein Pädophiler einem drei- oder vierjährigen Kind sichere Sexualität gewährleistet.
Ich würde dem Erwachsenen zudem nahe legen, dass es vielleicht sein kann, das er anfängliches Experimentieren von sexuellem Verlangen unterscheiden kann. Doch wer gibt dem Jugendlichen die Sicherheit, dass der Erwachsene nicht plötzlich umschwenkt und mehr an seinen Bedürfnissen und Wünschen interessiert ist.
Für mich steht diese Art der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kind/Jugendlicher nicht zur Debatte. Genau dies würde ich dem jeweiligen Erwachsenen auch mitteilen.
Sie haben über Ihre Geschichte ein Buch geschrieben. Was war Ihnen besonders wichtig beim Schreiben?
Es war mir sehr wichtig die Situation aus meiner Sicht zu schildern. Im Buch konnte ich alles erzählen was mir auf der Seele lag. Das Schweigen wurde gebrochen, endlich begann man damit darüber zu reden. Sehr wichtig war mir auch zu zeigen, dass man trotz allem leben kann. Dass es Liebe und Vertrauen gibt - Menschen insbesondere Männer die lieben können ohne zu missbrauchen. Ich wollte aufzeigen, dass es Möglichkeiten gibt, die Angst ein Stück weit zu verlieren; sich der Vergangenheit und auch den Tätern zu stellen. Es ist eines der besten Gefühle gewesen die ich je empfunde habe, als die Macht auf meiner Seite lag.
Ausserdem wollte ich die vielfältigen Symptome aufzeigen, die eine solche Vergangenheit begleiten. Hier ist es mir besonders wichtig Ärzte und Therapeuten zu erreichen. Man kann sehr schnell eine fehlerhafte oder nicht ausreichende Diagnose erhalten. Ich kenne das von mir selbst. Man wird darauf hin mehr oder weniger falsch therapiert und medikamentiert und alle Beteiligten wundern sich warum keine Verbesserung der Erkrankung eintritt.
Eines meiner grössten Ziele ist die Prävention. Ich möchte, dass Kinder geschützt werden und dass wenn ein Kind sich schon in Gefahr befindet, man möglichst schnell die Situation richtig erkennt und dementsprechend handeln kann. Wenn Täter dieses Buch lesen, mögen sie erkennen, was Sie den Opfern antun. Wir müssen ein Lebenlang mit diesen Folgen leben.
Prävention und Aufklärung sind meine obersten Ziele. Mit meinem Buch spreche ich nicht nur für mich, sondern ein bisschen für alle Opfer von Missbrauch - ob weiblich oder männlich.
Welche Resonanzen erhielten Sie für Ihr Buch?
Die Resonazen auf mein Buch waren überwiegend positiv. Man bewunderte meinen Mut und meine Offenheit mit dieser schweren Thematik an die Öffentlichkeit zu gehen.
Ich werde ermutigt auf diesem Weg weiterzugehen und somit für alle Opfer zu sprechen.
Ich erhielt auch Aussagen die weniger positiver waren. Man warf mir zum Beispiel vor, dass ich pornographisch geschrieben hätte und somit Täter zu etwaigigen Taten animieren würde. Viele stellten sich wiederum die Frage, ob man so offen mit dem Thema umgehen dürfe ohne, dass der Verdacht der "Erfindung" entstünde.
Die meisten Menschen waren betroffen und sehr verletzt als sie lasen was mir passiert war und wie ich heute versuche mit den Folgen zu leben. Verzweiflung, Wut, Trauer und Enttäuschung über die Ignoranz meiner Mutter und heute auch über die Justiz sind andere sehr wichtige Reaktionen für mich. Von therapeutischer Sicht her höre ich ebenfalls nur positive Resonazen.
Das Buch wurde ebenfall von Vereinen gegen sexuellen Missbrauch positiv aufgenommen. Viele haben es in ihre Bibliothek aufgenommen. Was mich auch sehr gefreut hat, ist dass mein Buch ebenfalls in der Schweiz und in Österreich bei verschiedenen Vereinen wie z.B. Zivilcourage usw. positiv aufgenommen und auf ihrer HP veröffentlicht wurde.
Auch ich möchte Sie zu Ihrem Mut beglückwünschen. Letzte Frage: Welchen Rat würden Sie Pädophilen geben, die durch die mediale und gesellschaftliche Verallgemeinerung (Pädophilie=sexueller Missbrauch) versteckt in der Gesellschaft leben? Wie kann man aus ihrer Sicht Leid auf beiden Seiten in Zukunft möglichst minimieren?
Leid vermeiden denke ich funktioniert nur durch Aufklärung. Es ist eine sehr schwierige Angelegenheit. Es ist eine normale und automatische Denkweise, dass man davon ausgeht, das Pädophilie = sexueller Missbrauch ist. Klingt vielleicht seltsam, aber die Gesellschaft weiss zu wenig über diese Randgruppe. Die Menschen dieser Randgruppe werden wohl immer damit leben müssen, dass Sie von der Gesellschaft nicht mit Achtung angesehen werden.
Solange keine Delikte vorliegen bzw. solange nicht der Versuch gestartet wird, diese Neigung auszuleben, besteht ja nicht der Zwang die Menschheit damit zu konfrontieren. Sie leben dann ihr Leben mehr oder weniger "normal". (Wobei ich mich ehrlich frage, wie das funktioniert, wenn sie Kinder doch so sehr lieben? Aber auch ich kenne das Bild des Pädophilen zu wenig). Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Missbrauch geschieht in den meisten Fällen durch Familienmitglieder oder gute Bekannte und Freunde der Familie. Es sind in den seltensten Fällen wirklich Fremde. Zudem weise ich hier wieder auf den Gewaltfaktor und die Geheimhaltung hin. Diese Menschen haben meines Erachtens nur ihre eigene Befriedigung im Sinn. Hier geht es darum ein schwächeres Opfer zu haben, das still hält und schweigt.
Das Buch von Angela Moonlight:
Machtverhältnisse spielen hier eine sehr grosse Rolle. Diese Menschen haben häufig Schwierigkeiten eine Partnerin zu finden oder mit einer gleich starken Person zurecht zu kommen. Ich für meinen Teil würde sogar soweit gehen, dass " Missbraucher" häufig an Minderwertigkeitskomplexen leiden. Sie kommen in ihrem Leben einfach nicht zurecht - Frauen sind etwas was sie ängstigt - selbst die schwächste Frau ist stärker als ein Kind. Ein Kind ist auf vielfältige Weise manipulierbar. Es setzt sich in der Regel nicht zur wehr. Eine Frau wehrt sich irgendwann - auch wenn es lange dauert.
Auch wir, die Opfer müssen mit den verschiedensten Reaktionen der Gesellschaft leben. Hier ist ebenfalls von Verständis bis zur Verachtung alles möglich. Häufig erhalten wir noch die Schuld für das was geschehen ist, weil wir da waren, zu hübsch waren oder weil unsere Mutter krank war und nicht wollte. Therapie denke ich ist eine Art Hilfe zu erfahren. Wobei ich ehrlich gesagt glaube, dass diese Randgruppe es immer schwer haben wird.
Besten Dank für das Interview
© 2007 ITP-pe
Nachtrag von Angela Moonlight
Mein Papa, der mich in allem was ich tat unterstützt hatte, verstarb am 17. Juni 2007.
Er war der einzige Mensch in der ganzen Familie den ich immer geliebt habe und immer lieben werde. Er war es, der immer sagte: "Du bist mein Fleisch und Blut - ich stehe hinter dir egal was geschieht."
Ich durfte meinen Papa auf seinem letzten Weg bis zum Schluss begleiten. Er lag sechs Tage lang in einem künstlichen Koma und verstarb dann. Seine letzten Worte , die er mir vor seiner Erkrankung zukommen liess waren:
"Sagt Angela, ich liebe sie über alles."
Angela Moonlight im Juli 2007
Dieses Interview entstand zwischen April und Juli 2007. Weitere Fragen und Meinungen sind ausdrücklich erwünscht. Nutzen Sie dazu bitte unser
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