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Dipl.-Psych. M. Griesemer.
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Interviews / Interviews mit Pädophilen
ITP: Du sprichst von "Interessieren" und du sprichst von einer Altersspanne von 5 bis 25. Ist es tatsächlich dasselbe Interesse, das du einem Fünfjährigen oder einem 25-Jährigen entgegenbringst?
Arne: Das hängt immer vom Einzelfall ab. Generell finde ich die meisten fünfjährigen Jungs irgendwie süss oder niedlich, was aber wahrscheinlich den meisten Leuten so geht, denn Kinder sind ja in erster Linie süss. 25-Jährige finde ich eher weniger niedlich, und süss nur in Ausnahmefällen, nämlich wenn sie noch nicht so erwachsen und männlich aussehen. Dann könnte ich mich auch in einen 25-Jährigen verlieben, wogegen ich mich in einen Fünfjährigen bisher noch nicht verliebt habe.
Anders sähe es aus, wenn ich jetzt das Interesse, das ich einem 13-15-Jährigen entgegenbringe, mit einem 25-Jährigen vergleiche. In 13- bis 15-Jährige habe ich mich schon öfters verliebt, in einen Gleichaltrigen bisher nur einmal richtig (als ich 19 war), da ist es also schon so, dass mich Jungs, die etwa zehn Jahre jünger sind als ich, generell mehr interessieren als Gleichaltrige. Wie gesagt kommt das aber immer auf den Einzelfall an. Es gibt 15-Jährige, die schon sehr reif und erwachsen wirken und genauso gibt es (wenn auch sehr selten) Jungs in meinem Alter, die noch recht jugendlich wirken.
Es ist also das Jugendliche das dich anzieht. Aber Jugend ist doch etwas vergängliches...?
Ja. Leider, muss ich dazu sagen. Mir fällt's auch immer sehr schwer, das an mir selbst zu akzeptieren. Zwar bin ich mit meinen 25 Jahren noch weit entfernt vom Greisenalter und habe auch den Vorteil, dass ich ein paar Jahre jünger aussehe, aber wirklich jugendlich wirke ich halt nicht mehr. Und ich mache mir da auch etwas Sorgen, dass ich einen potenziellen Partner vielleicht irgendwann nicht mehr attraktiv finde, wenn er mir zu alt aussieht.
Natürlich habe ich die Hoffnung, dass das Interesse an meinem Partner dann im Laufe der Zeit mit dem Alter "mitwachsen" würde, aber ob das wirklich so ist, kann ich natürlich erst sagen, wenn ich eine dementsprechend lange Beziehung hinter mir gehabt habe - habe ich bisher allerdings nicht.
Wenn du an die Personen zurückdenkst, in die du dich bisher verliebt hast, was genau war es, was dich an ihnen fasziniert hat?
Mit 15 hatte ich mich in ein 11-jähriges Mädchen verliebt, wobei verliebt vielleicht etwas übertrieben ist, da ich sie überhaupt nicht kannte (war allerdings fast immer so bei den Personen, in die ich mich verguckt hatte - ich war zu schüchtern, die anzusprechen bzw. ich dachte, wenn ich jetzt jemanden anspreche, der so viel jünger ist, könnte der gleich sonstwas denken). Das Mädchen war in meiner Schule und obwohl sie schon ein halbes Jahr dort war, fiel sie mir erst ziemlich genau nach meinem 15. Geburtstag auf (so als hätte irgendwas in mir Klick! gemacht und ich fühlte mich plötzlich zu Kindern hingezogen - vorher stand ich nämlich ganz normal auf gleichaltrige Mädels). Bei diesem Mädchen hatte mich ausschliesslich das Äussere angesprochen, ihren Charakter kannte ich ja überhaupt nicht. Heute glaube ich, dass der Grund, dass ich mich in sie verguckte, schon damals ihr eher jungenhaftes Aussehen war.
Ich hatte da sogar mit meinen Eltern darüber zu sprechen versucht, weil ich schon wusste, dass es ungewöhnlich ist, sich mit 15 in eine Elfjährige zu vergucken, aber die hatten bloss Kommentare wie "Musst du dich denn immer in Kinder verlieben?" übrig, was wenig hilfreich war (und auch nicht stimmte, denn es war das erste Mal, dass ich mich in ein jüngeres Mädchen verguckte). Also gab ich's auf, mit jemandem darüber zu reden und machte in den nächsten Jahren alles mit mir selbst aus. Schon mit 16 erkannte ich mich selbst als pädophil und schämte mich dafür, zumal in den Medien dauernd zu hören war, dass ein Pädophiler mal wieder ein Kind vergewaltigt und ermordet hatte. Ich hatte wohl auch Angst, allein schon für meine Gedanken bestraft zu werden.
Darum war ich auch froh, mich mit 19 in einen Jungen zu verlieben, der bloss ein paar Monate jünger war als ich. Das war ein Kollege im Zivildienst, und er faszinierte mich aus mehreren Gründen: Zum einen, weil er noch ziemlich jugendlich aussah (ich hatte ihn auf 16 geschätzt) und auch ziemlich zerbrechlich und zurückhaltend wirkte (vielleicht erkannte ich da eine Art Seelenverwandtschaft), zudem war er magersüchtig und eine ehemalige Klassenkameradin meinte zu mir, magersüchtige Jungs sind oft schwul, sodass ich mir ernsthaft Hoffnungen machte und mich da ziemlich reinsteigerte. Nach ein paar Monaten, als ich's nicht mehr aushielt und auch schon einen (halbherzigen) Selbstmordversuch hinter mir hatte (nicht allein aus dem Grund, aber das war wohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte), gestand ich ihm meine Liebe per Brief und bekam sogar eine Antwort (ebenfalls schriftlich), dass er meinen Mut bewundere, ihm das zu gestehen, aber eben nicht schwul sei. Das ist dann auch gefühlsmässig bei mir angekommen und ich habe mich da nicht mehr so reingesteigert und mich dann auch wieder "entliebt".
Momentan habe ich mich in einen 14-jährigen Nachbarsjungen verguckt, was auch schon wieder 1 1/2 Jahre läuft. Die Gefühle für ihn haben sogar eine siebenwöchige Beziehung mit einem 18-Jährigen überdauert und sind danach umso stärker zurückgekommen. Dabei kenne ich diesen Jungen eigentlich auch nicht. Alles was ich weiss ist, dass er ab und an mal 'ne Runde Basketball vor seinem Haus spielt und trotz seiner Grösse von etwa 1,80 m noch sehr kindlich wirkt, sowohl optisch als auch von seinen Bewegungen her. Und ich glaube, gerade das fasziniert mich an ihm, dass er momentan in dieser Phase zwischen Kind und Erwachsenem ist und von beidem etwas hat. Wobei er letztes Jahr, als ich ihn das erste Mal sah, gerade mal 13 1/2 war und noch nichts erwachsenes an sich hatte (und auch noch weit über zehn Zentimeter kleiner war als jetzt).
Um von ihm loszukommen (und auch aus finanziellen Gründen) ziehe ich in einigen Wochen um, damit ich ihn nicht mehr ständig sehen muss. Anders klappt das mit dem "entlieben" wohl nicht, denn einem 14-Jährigen kann ich ja schlecht meine Liebe gestehen, um dann eine deutliche Abfuhr zu bekommen, das wäre unverantwortlich.
Was waren die weiteren Gründe für den halbherzigen Selbstmordversuch?
Zum einen hatte ich gerade mein Abi hinter mir und war ziemlich orientierungslos, wie das Leben nun weitergehen sollte. 13 Jahre lang war ich in der Schule gewesen, die mein Leben zu einem grossen Teil bestimmt und auch eine Gleichmässigkeit hineingebracht hatte, und nun war das Ganze plötzlich vorbei. Da wurde mir plötzlich mit einem Schlag bewusst, dass die Kindheit nun zu Ende und ich erwachsen war. Ausserdem wurde mir damals auf einmal klar, wie sehr ich mich eigentlich in meiner Jugend zurückgezogen und wie viel ich dabei verpasst hatte, vor allem an sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen. Dies alles zusammen führte dann dazu, dass ich nicht mehr leben wollte. Als meine Eltern davon erfuhren, waren sie auch ziemlich schockiert, weil sie glaubten, ich sei zufrieden mit meinem Leben, da ich mir nie etwas anmerken liess und nie über meine Probleme sprach (ausser mit einigen Bekannten im Internet).
Wie ist es heute mit den sozialen Kontakten? Hast du Freunde finden können?
Nicht so richtig. Es gibt eigentlich nur zwei Leute, die ich wirklich Freunde nennen könnte. Beide kenne ich aus dem Internet und beide wohnen ziemlich weit weg, aber ich habe mich mit beiden schon mal getroffen und ich telefoniere auch mit beiden regelmässig. Nur ständig was gemeinsam unternehmen kann ich mit ihnen aufgrund der grossen Entfernung natürlich nicht.
Hier an meinem Studienort habe ich leider keine richtigen Freunde. Es gibt ein paar Kommilitonen in der Uni, mit denen ich mich ganz gut verstehe und auch ganz nett unterhalten kann, aber mehr als gute Bekannte sind das leider nicht. Ich gehe auch äusserst selten abends weg, das kommt vielleicht mal alle paar Monate vor. Abgesehen von der Uni hocke ich also meistens zuhause rum, genau wie die letzten zehn, elf Jahre auch.
Warum gehst du nicht aus? Hast du keine Interessen, die du mit anderen Erwachsenen teilen könntest?
Teils, teils. Zum einen bin ich kein Freund von Discos und grossen Partys (wenn, dann nur im kleinen Kreis und mit nicht so lauter Musik, sodass man sich wenigstens noch unterhalten kann) und ich denke, das ist auch einer der Gründe, warum ich irgendwann den Anschluss an Gleichaltrige verloren habe, zumal ich ohnehin nicht gerade frühreif war. Ich hing also noch in meiner Spielphase fest, während ich schon damals das Gefühl hatte, dass mich die anderen in meinem Alter irgendwie überholt haben. Zum anderen habe ich aber auch Angst vor Ablehnung und fühle mich Gleichaltrigen irgendwie unterlegen. Darum fühle ich mich in der Umgebung von Erwachsenen (bzw. deutlich älteren Erwachsenen) auch irgendwie wohler, denn mit denen brauche ich mich nicht zu vergleichen, weil da die "Fronten" klar sind. Ähnlich sieht's bei Jüngeren aus, obwohl ich mit Kindern und Jugendlichen eigentlich kaum Kontakt habe.
Bist du manchmal neidisch auf die anderen, die in Discos und auf grosse Partys gehen? Hast du das Gefühl, dass du etwas verpasst? Oder hast du deine eigenen Hobbys, für die du aber keine Gesellschaft benötigst?
Auch hier kann ich wieder mit teils, teils antworten. Ich bin schon oft neidisch auf meine Kommilitonen, die ständig auf Partys und in Kneipen gehen und habe das Gefühl, da vieles zu verpassen (im Grunde genommen mache ich jetzt im Studium ja genauso weiter wie damals in der Schule und ziehe mich zurück), aber ich weiss auch, dass mir Kneipenbesuche und Partys einfach nicht gefallen. Ich würde viel lieber irgendwelche Dinge machen, wo nicht gesoffen und wo man nicht mit lauter Musik zugedröhnt wird: Radtouren und Spieleabende zum Beispiel. Darum freue ich mich auch schon auf die Semesterferien. Dann werde ich an einigen archäologischen Ausgrabungen von meiner Uni teilnehmen. Da die wie letztes Jahr auch irgendwo in der Pampa sind, müssen wir die Abende mit dem ausgestalten, was wir da haben: Und das sind meist Brett- und Kartenspiele. Dadurch, dass man da mehrere Wochen quasi 24 Stunden am Tag miteinander verbringt, lernt man seine Kommilitonen auch besser kennen. Ich hatte nach den Ausgrabungen letztes Jahr sogar gehofft, dass ich danach mehr Anschluss an meine Mitstudenten finden würde, aber im Wintersemester lief's genauso weiter wie im Sommer davor - ich zog mich in mein Schneckenhaus zurück.
Und genauso lief's auch dieses Sommersemester wieder, trotz dass ich Anfang des Jahres drei Monate eine stationäre Psychotherapie gemacht habe, um genau dieses Problem anzugehen (und auch meine Pädophilie, denn angeblich war die Klinik auch spezialisiert auf Sexualtherapie). Gebracht haben diese drei Monate leider nicht viel, zumal ich zu den Therapeuten auch kein richtiges Vertrauensverhältnis aufbauen konnte und das Thema Pädophilie nur in den raren Einzeltherapiestunden ansprechen konnte, da ich Angst hatte, von den Mitpatienten ausgegrenzt zu werden, wenn ich dieses heikle Thema in der Gruppentherapie angesprochen hätte.
Zu den Hobbys: Die meisten meiner Hobbys sind schon solche, wofür ich keine Gesellschaft benötige. Aber ich denke, das hat sich erst dadurch entwickelt, dass ich mich in der Pubertät mehr und mehr zurückzog. Damals habe ich vor allem Comics gezeichnet (und mir dabei eine komplette Fantasiewelt aufgebaut, mit Charakteren, die richtige Persönlichkeiten und eine Geschichte hatten) und vor dem Computer gehockt, heute lese ich eher als zu zeichnen - und hocke dank Internet noch mehr vor dem Computer. Einzelgängerisch war ich zwar auch als Kind schon, aber damals hatte ich noch einige Freunde, weil auch die Interessen passten. Wir haben im Garten rumgetobt, sind auf Bäume geklettert, haben mit Bauklötzen und Legos gespielt und so weiter. Eben alles, was man als Kind so macht. Diese gemeinsamen Interessen verschwanden aber in der Pubertät und ich musste mir die Zeit damit vertreiben, in meinen Comics eine eigene Welt aufzubauen. Dass ich mich damit immer mehr ins Abseits und in psychische Probleme manövrierte, wurde mir erst richtig bewusst, als meine Jugend vorbei war - eben zu dem Zeitpunkt, als ich mich damals nach dem Abi umbringen wollte.
Der Rückzug ist Geborgenheit und Fluch zugleich?
Ja, irgendwie schon. Zum einen überfordert mich vieles in der Welt "da draussen", vor allem was zwischenmenschliche Kontakte angeht, zum anderen habe ich dadurch aber auch das Gefühl, neben dem Leben zu stehen. Ich stehe quasi am Bahnhof und warte darauf, dass es weitergeht, während der Zug des Lebens an mir vorbeifährt und ich nicht aufspringen kann, weil er für mich nicht anhält.
Warum mich zwischenmenschliche Kontakte oft überfordern, weiss ich leider trotz intensivster Selbstbeobachtung bis heute nicht ganz genau. Ich vermute, dass es daran liegt, dass ich ADS habe (Aufmerksamkeit-Defizit-Syndrom) und darum viele Dinge, die es im zwischenmenschlichen Kontakt zu beachten gilt, einfach nicht so mitgekriegt habe, vor allem in früher Kindheit. Jedenfalls würde das meine Unsicherheit und Schüchternheit erklären, die ich eigentlich "schon immer" hatte, wenn ich mal bei meinen älteren Verwandten frage. Wobei Schüchternheit wahrscheinlich nicht wirklich zutrifft, denn ich habe eigentlich keine Probleme damit, in der Uni vor einer grösseren Menge Leute zu stehen und Referate zu halten, nur der zwischenmenschliche Kontakt, vor allem mit mehreren Leuten gleichzeitig, überfordert mich oft und lässt mich unsicher werden.
Dadurch konnte ich auch nie ein richtiges Selbstbewusstsein aufbauen, obwohl sich zumindest das in den letzten Jahren schon ein wenig gebessert hat. Ich bemerke also auch durchaus Fortschritte bei mir, habe aber trotzdem das Gefühl, in vielen Dingen meinen Altersgenossen noch weit hinterherzuhinken. Ich fühle mich zum Beispiel auch gar nicht wie 25, sondern eher wie 14 oder 15, weil ich oft das Gefühl habe, in Sachen Sozialkompetenz und Gefühlswelt irgendwie in der Phase steckengeblieben zu sein, während ich mich geistig und intellektuell durchaus mit anderen in meinem Alter messen kann, denke ich.
Hast du aufgrund deiner Selbsteinschätzung eine Therapie begonnen oder wurdest du dazu gedrängt?
Aufgrund meiner Selbsteinschätzung. Ich hatte schon mit 19 begonnen, eher halbherzig nach einem Psychotherapeuten zu suchen, das aber erst mit 23 ernsthafter getan und auch eine sehr nette und kompetente Therapeutin gefunden. Leider musste ich dann wegen meines Studiums umziehen und habe hier erstmal keinen Therapeuten gefunden beziehungsweise bin immer wieder an den nächsten verwiesen worden, weil einige Therapeuten sich mit meinen Problemen, vor allem dem Thema Pädophilie, überfordert fühlten. Schliesslich bin ich bei einem Sexualtherapeuten gelandet, der mir den stationären Aufenthalt empfohlen hat.
Leider konnte er mich nach dem Ende der Therapie aus zeitlichen Gründen nicht weiter behandeln, hat mich aber an einen Therapeuten an meinem jetzigen Wohnort verwiesen, bei dem ich hoffentlich demnächst eine Psychotherapie anfangen kann.
Etwas zur Eile gedrängt hatte mich nur mein Einzeltherapeut in der Klinik. Mit dem bin ich am Ende des stationären Aufenthalts im Streit auseinandergegangen, weil ich mich seiner Meinung nach nicht schnell genug bemüht hätte, danach einen ambulanten Therapeuten zu finden. Im Nachhinein vermute ich, dass er die Sorge hatte, ich könnte sonst sexuell übergriffig werden, was sich negativ auf den Ruf der Klinik auswirken könnte. Offenbar hatten die Therapeuten auch nicht das Vertrauen in mich, dass ich niemals irgendwas Sexuelles mit einem Kind anfangen würde - möglicherweise auch deswegen, weil ich einmal während der Therapie am Wochenende eine Mitpatientin bei ihr daheim besucht habe und auch einige Stunden mit ihrem 14-jährigen Sohn verbracht habe.
Wir haben uns aber bloss nett unterhalten und er hat mich abends auf eine Party mitgeschleppt, wo ich niemanden kannte und bloss stundenlang blöd in der Ecke rumgesessen hatte, sodass ich dann nachts um vier frustriert in die Klinik zurückgefahren bin, und dort natürlich erstmal "beichten" musste, was genau ich an dem Abend gemacht habe, denn um die Uhrzeit zurückzukommen war ja schon etwas ungewöhnlich. An irgendwas sexuelles hatte ich während der ganzen Zeit, die ich mit dem 14-Jährigen verbracht hatte, nicht mal ansatzweise gedacht, obwohl ich ihn schon ziemlich attraktiv fand.
Hinterher haben die Therapeuten mich dazu gedrängt, der Mitpatientin zu sagen, dass ich pädophil bin, was ich erst nicht einsehen wollte, weil ja nichts vorgefallen war. Schliesslich habe ich mich aber doch dazu überreden lassen, ihr das im Beisein meines Einzeltherapeuten zu gestehen, und ich war heilfroh, dass sie nicht ablehnend reagiert hat. Ich habe auch immer noch Kontakt mit ihr und sie und ihren Sohn erst vor einer Woche wieder besucht. Offenbar hat sie mehr Vertrauen in mich als die Therapeuten das hatten.
Du sagtest, dass du dich sowohl als schwul als auch als pädophil empfindest. Was bedeuten für dich diese Worte?
Schwierige Frage. Schwul bedeutet für mich, dass ich auf junge Männer stehe (bzw. eigentlich eher Jungs im meinem Alter, da ich weder mich noch viele andere Gleichaltrige wirklich als Männer ansehe - Männer sind für mich Leute jenseits der 30), pädophil bedeutet, dass ich auf Kinder und Jugendliche stehe. Natürlich nicht nur im sexuellen Sinne (obwohl sexuelle Fantasien dabei ohne Frage auch eine Rolle spielen), sondern auch und vor allem gefühlsmässig. Auch bei Gleichaltrigen wünsche ich mir eher Zärtlichkeit und Geborgenheit, weniger den Sex (nur wie gesagt, der gehört schon auch dazu).
Wie reagierten die Therapeuten auf deine Probleme? Welche Ratschläge, bzw. Instrumente gaben sie dir mit auf den Weg?
Im Endeffekt lief alles immer wieder darauf hinaus, dass mir die Therapeuten in der Klinik sagten, ich solle mehr mit meinen Kommilitonen unternehmen, dann würden auch meine Probleme (sowohl die pädophile Neigung als auch die Minderwertigkeitsgefühle) mehr in den Hintergrund treten - dabei war ja genau das das Problem: Ich traute (und traue) mich einfach nicht, mehr und lockerer auf meine Kommilitonen zuzugehen, weil ich ständig Angst habe, was falsch zu machen. Nur konnte ich den Therapeuten das offenbar nicht deutlich genug machen oder sie sahen meine Probleme als nicht so schwerwiegend an wie ich selbst. Möglicherweise habe ich denen auch einen falschen Eindruck vermittelt, da ich jedes Mal, wenn die fragten, was ich mir fürs Wochenende (da durften wir eine Nacht daheim verbringen) vorgenommen hatte, sagte, ich würde mal gerne Kontakt mit meinen Kommilitonen aufnehmen und mit denen am Wochenende was unternehmen. Wollte ich auch gerne, nur traute ich mich dann doch nie, zumal ich's einfach als schwierig empfand, Kontakt mit denen aufzunehmen, wenn ich sie die Woche über nicht sah. Es fällt mir ja schon schwer genug, wenn ich die fast täglich sehe.
Aus diesen ständigen Versprechungen (die ich glaube ich auch irgendwann nur noch deshalb machte, weil ich das Gefühl hatte, von den Therapeuten Ärger zu bekommen, wenn ich mir für das Wochenende gar nichts vornahm), die ich nicht einhielt, schlossen die Therapeuten dann auch irgendwann, dass ich gar keine Lust hätte, was an mir zu ändern. Das wurde wohl auch noch dadurch geschürt, dass ich in den letzten paar Wochen dann tatsächlich keine Lust mehr hatte. Zum einen, weil ich mich unverstanden fühlte und die Therapeuten nicht mehr als diejenigen ansah, die mir helfen wollten, sondern eher als meine "Gegner", gegen die ich mich zur Wehr setzen musste, zum anderen aber auch, weil 14 Wochen stationäre Psychotherapie wirklich eine verdammt lange Zeit sind und ich irgendwann einfach genug hatte. Die letzten zwei, drei Wochen habe ich dann auch nur noch mein Programm abgearbeitet wie früher den Stundenplan in der Schule.
Hast du Kontakt zu deiner Familie? Wenn ja, zu wem und in welcher Form?
Kontakt habe ich eigentlich zu allen meinen Familienmitgliedern, vor allem zu meinen Eltern und meinem Bruder, mit denen ich mindestens einmal die Woche telefoniere - rüberfahren geht wegen der hohen Zugpreise nur alle zwei, drei Monate mal. Aber auch zu zwei meiner Tanten und zu meinem Opa habe ich regelmässigen Kontakt - und bis auf meinen sehr konservativen Opa wissen auch alle eben genannten Bescheid, dass ich schwul bin, und seit einiger Zeit auch, dass ich pädophil bin. Wegen meiner klaren Haltung zum Thema Pädophilie (keine sexuellen Kontakte mit Kindern) haben auch alle recht gefasst reagiert (auch wenn eine meiner Tanten mich nach dem Outing erstmal zum Eisessen eingeladen hat, weil ich ihr leid tat) und ich kann auch mit allen relativ offen darüber sprechen - vor allem mit meinen beiden Tanten, weil die nicht ganz so zum engsten Familienkreis gehören wie meine Eltern und mein Bruder.
Apropos Outing: Inzwischen wissen recht viele über meine Neigungen Bescheid, unter anderem zwei ehemalige Klassenkameraden und einige meiner Internet-Kumpels. Und von keinem habe ich Ablehnung oder Distanzierung erfahren, obwohl ich vor jedem Outing Angst davor hatte, ausser beim Outing einer meiner Tanten gegenüber. Da habe ich mich nämlich mal verplappert, weil ich dachte, die wüsste das schon, worauf sie dann erstmal genauer nachgehakt hat. Sie hat dann aber recht locker reagiert und mir nur eingeschärft, dass ich aufpassen sollte, wem ich das erzähle.
Du betonst, wie wichtig dir der Verzicht auf jegliche sexuelle Handlung mit Kindern ist. Welche Gründe liegen dieser Überzeugung zugrunde?
Der Hauptgrund ist, dass ich selbst mal ein Kind war und weiss, dass ich damals nicht mal im Traum an sexuellen Kontakte mit Erwachsenen gedacht hätte. Natürlich sind Kinder neugierig und manche Pädophile nutzen das für ihre Zwecke aus, indem sie die Kinder manipulieren (zum Beispiel beim Rumtoben scheinbar zufällige sexuelle Berührungen machen) oder sogar unter Druck setzen (indem sie eine Freundschaft zu dem Kind aufbauen und ihm Geschenke machen, sodass es sich im Gegenzug verpflichtet fühlt, auch sexuelle Spiele mitzumachen).
Viele Pädophile behaupten auch, man würde die sexuelle Entwicklung der Kinder fördern, wenn man als Erwachsener sexuelle Handlungen mit ihnen auslebt und dass Kinder ja auch sexuelle Wesen sind. Natürlich haben auch Kinder eine Sexualität, ohne Frage, aber die sieht nun mal völlig anders aus als bei Erwachsenen und Kinder sollten ihre Sexualität sicher auch untereinander erkunden und ausleben, aber keinesfalls mit Erwachsenen. Denn die erwachsene Sexualität ist völlig anders als die kindliche, und der Erwachsene wäre bei einem sexuellen Kontakt mit einem Kind immer in einer dominanten Position, nicht nur körperlich, sondern auch, was die geistige und sexuelle Entwicklung angeht. All das sind Gründe, sexuelle Kontakte jedweder Art mit Kindern abzulehnen - das ist jedenfalls meine Meinung.
Bei rein freundschaftlichen Kontakten sehe ich das allerdings anders. Einer meiner Bekannten, bei dem ich geoutet bin, meinte, ich sollte mich von Kindern generell fernhalten und am besten nicht mal mehr Sendungen mit Kindern im Fernsehen anschauen, was ich aber für arg überzogen halte. Natürlich sollte jeder Pädophile in sich selbst hineinhorchen und schauen, wie viel Kontakt er sich selbst mit Kindern zutraut, ohne übergriffig zu werden, aber prinzipiell denke ich, dass es nichts verwerfliches ist, auch als Pädophiler Kontakt mit Kindern zu haben.
Natürlich muss man da gut aufpassen, gerade auch, wenn der Kontakt enger wird. Ich selbst würde mir zum Beispiel nicht zutrauen, mit einem Kind zu kuscheln, weil ich die Sorge hätte, dass ich da doch mal eine "falsche Bewegung" mache, denn ich denke, das ist in so einer Situation schneller passiert als man denkt.
Und man muss auch angemessen damit umgehen können, wenn ein Kind von sich aus irgendwelche sexuellen Dinge anspricht oder gar sexuelle Handlungen anfangen will. Das ist keineswegs ein Freibrief für Pädophile, dies zu erwidern (nach dem Motto: "Das Kind hat ja angefangen"), sondern im Gegenteil ist es da Aufgabe des Erwachsenen, diesen Kontakt sofort wieder in angemessene Bahnen zu lenken.
Ich habe zum Beispiel vor einigen Monaten mal mit einem 12- und einem 13-Jährigen Basketball auf einem nahe gelegenen Sportplatz gespielt. Der ältere der beiden Jungs fragte mich plötzlich unvermittelt, ob ich mir manchmal Pornos anschaue. Instinktiv habe ich die Frage ignoriert und bin gar nicht weiter drauf eingegangen, und der Junge hat auch nicht mehr nachgehakt. Unter Umständen können so aber Situationen entstehen, die gefährlich werden können.
Wie stellst du dir deine persönliche Zukunft vor?
Irgendwie wünsche ich mir schon eine Familie mit Kindern, wobei das natürlich schwierig ist, wenn man schwul ist, obwohl's da natürlich auch die Möglichkeit der Adoption gibt. Vor allem wünsche ich mir aber, einen (volljährigen) Partner zu finden, mit dem zusammen ich alt werden kann. Ich denke, da habe ich als jemand, der sowohl schwul als auch pädophil ist einen Vorteil gegenüber Leuten, die nur auf Kinder stehen, zumal Kinder ja auch in die Pubertät kommen und vielen irgendwann "zu alt" werden.
Wie oben schon gesagt ist es natürlich möglich, dass auch mir ein junger Erwachsener Partner irgendwann zu erwachsen und zu männlich aussieht und ich zumindest sexuell kein Interesse mehr an ihm habe, aber solange ich noch keine längere Beziehung hatte, weiss ich das natürlich nicht.
Manchmal habe ich zwar schon die Sorge, dass ich aufgrund meiner speziellen Interessen nie einen passenden Partner finde und dass mir die Zeit wegläuft, weil sich irgendwann kein 18- oder 20-Jähriger mehr für mich interessiert, weil ich dem dann zu alt bin, aber gerade darum sollte ich vielleicht gerade jetzt aktiv werden und suchen, zumal der Unterschied zwischen 20 und 25 ja noch nicht so drastisch ist. Auch viele meiner Mitstudenten sind erst Anfang 20 und mein bester (Internet-)Kumpel sogar erst 19, trotzdem verstehen wir uns bestens und es gibt noch keine "Generationenkonflikte" wegen des Altersunterschieds.
Gibt es auch gesellschaftliche Veränderungen, die du dir wünschst?
Schon, wobei es natürlich sehr lange dauert, bis sich die Gesellschaft ändert. Es ist selbst heute noch schwierig, sich als homosexuell zu outen und man muss aufpassen, wem gegenüber man das tut. Mit einer pädophilen Neigung ist das natürlich noch schwieriger. Zum einen spielen da sicher Vorurteile eine Rolle, die durch die Medien noch geschürt werden ("Alle Pädophilen sind Kindermörder", ums mal etwas überspitzt auszudrücken), zum anderen sorgen aber auch viele Pädophile selbst dafür, dass man sie nicht ernst nimmt, vor allem, wenn sie die Legalisierung sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern fordern, denn das wird die Gesellschaft sicher nie akzeptieren - aus gutem Grund, wie ich finde.
Dass die meisten Leute vernünftig und durchaus tolerant sind, was die pädophile Neigung an sich angeht, habe ich ja wie bereits erwähnt in meinem eigenen Umfeld miterlebt. Niemand von den Personen, denen gegenüber ich als pädophil geoutet bin, hat sich danach von mir abgekehrt. Ich denke aber, das liegt vor allem an zwei Aspekten: Erstens kannten die Leute mich alle schon vorher. Hätte ich mich gleich mit "Hi, ich bin Arne und bin pädophil" vorgestellt, hätten sie mich bloss auf diesen einen Aspekt reduziert, wodurch ich natürlich Ablehnung provoziert hätte. So aber kennen sie mich schon genauer und wissen, dass mein Charakter noch weit mehr umfasst als meine sexuelle Orientierung. Zweitens, und ich denke, das ist genauso wichtig, habe ich den Leuten immer klipp und klar gesagt, dass ich jeglichen sexuellen Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern ablehne und mir noch nie was zu Schulden habe kommen lassen.
Ich denke, mancher hätte den Kontakt mit mir abgebrochen, wenn ich gesagt hätte: "Ach, so ein bisschen Sex mit Kindern schadet doch nicht", ganz unabhängig davon, ob ich Sex mit Kindern auch wirklich ausleben würde. Ehrlich gesagt könnte ich mir auch nicht vorstellen, näheren Kontakt mit jemandem zu haben, der sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern befürwortet. Ich könnte sicher intensiv über dieses Thema diskutieren und streiten, aber anfreunden könnte ich mich mit jemandem, der so eine Ansicht vertritt, sicher nicht.
Gäbe es eine Pille, die aus dir augenblicklich einen normalen Hetersosexuellen machen würde, würdest du diese Pille schlucken?
Ja, sofort, ohne zu zögern. Ich versuche zwar inzwischen, meine Sexualität zu akzeptieren (sowohl die pädophilen als auch die rein homosexuellen Anteile), aber es ist doch ein verdammt schwieriger und wahrscheinlich auch langer Prozess, bis ich das endgültig schaffe. Oft genug denke ich, es wäre so viel schöner, heterosexuell zu sein, weil das einfach viel leichter und auch gesellschaftlich akzeptiert wäre - zumal ich auch so schon genügend Probleme habe.
Aber so eine Pille gibt's leider nicht, und darum muss ich eben versuchen, das beste aus meinem Leben zu machen, so wie ich bin - auch wenn's mir oft schwer fällt.
Besten Dank für das Interview
Gern geschehen
© 2007 ITP-pe
Dieses Interview entstand im Juli 2007. Weitere Fragen und Meinungen sind ausdrücklich erwünscht. Nutzen Sie dazu bitte unser
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