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Die Texte auf ITP-arcados stammen von verschiedenen Autoren mit teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen zum Thema Pädophilie.

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Interview mit Marita Wagner

Marita Wagner : 1985 bin ich als Nachrückerin der ersten grünen Bundestagsfraktion nach Bonn gegangen und 1987 Mitglied des Bundestages geworden. Neben meinem Hauptschwerpunkt "Gesundheitspolitik" habe ich mich intensiv mit Frauenpolitik befasst und die Kampagnen gegen sexuellen Kindesmissbrauchs mitbegleitet und getragen. Diese Kampagnen waren wegweisend, da sie zum ersten Mal ein Thema in die Öffentlichkeit brachten, das bis dahin kaum beachtet wurde und gerade mal unter dem Blickwinkel "Böser Onkel im Wald mit Süssigkeiten" betrachtet wurde. Es ging uns darum aufzuzeigen, dass Missbrauch sich in erster Linie innerfamiliär abspielt und der "böse Onkel" meistens im heimischen Wohnzimmer auf der Couch zu finden ist.

Zur damaligen Zeit, es waren noch die Ausläufer der "sexuellen Befreiung" vor allem durch die Kommunebewegung, gab es in der Schwulenbewegung reichlich Sympathie für pädophile Gedankengänge. Oder anders ausgedrückt, die Pädophilen versuchten sich der Schwulenbewegung zu bedienen und ihre Interessen auch durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule der Grünen zur Geltung zu bringen. Im Zuge dessen kam es auch zu einem Antrag der BAG Schwule auf einem Parteitag der Grünen NRW, der allerdings durch das Einschreiten der grünen Frauen, ich war daran beteiligt, verhindert werden konnte.

Im Internet kursiert noch immer die falsche Annahme, dass dieser Antrag durchgekommen sei und die Grünen NRW diesen Antrag angenommen und es im Parteiprogramm aufgenommen worden sei. Dies ist allerdings falsch.

Ich habe mich auch nach meiner Bundestagszeit gesundheitspolitisch und frauenpolitisch engagiert und mich mit dem Thema "sexueller Missbrauch" beschäftigt. Sowohl im Vorstand der Grünen NRW, als auch als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen NRW, als auch durch meine Arbeit als Kindertherapeutin.

Nachdem ich mich lange nicht mehr mit Pädophilen befasst hatte, sie sind damals und vor allem nach der Anerkennung der Schwulen so ziemlich abgetaucht und waren politisch nicht mehr präsent, bin ich erst durch das Internet wieder auf sie gestossen, und witzigerweise durch einen notorischen Pädohasser und angeblichen Kinderschützer. Danach habe ich das Trollforum eröffnet und es gab und gibt dort wichtige Diskussionen bezüglich Pädophilie, Einvernehmlichkeit, Missbrauch und sonstigem.

ITP: Als Sie die Kampagnien gegen sexuellen Kindesmissbrauchs mit begleitet haben, wie war die Situation davor? Sind Sie zufrieden mit dem Resultat?

Bevor die Bundesarbeitsgemeinschaft Frauen bei den Grünen sich um das Thema gekümmert hat, gab es sexuellen Kindesmissbrauch nur in der Form, dass der böse Onkel im Wald mit Bonbons lauert. Sexueller Missbrauch in der Familie und im familiären Umfeld war quasi nicht existent. Nicht nur Gewalt gegen Frauen wurde als "Familiensache" angesehen, sondern auch Missbrauch und Gewalt gegen Kinder. Durch die Kampagne der Grünen Frauen wurde die Thematik so langsam in der Öffentlichkeit wahrgenommen und es wurde reagiert.

Es gab, wie es immer so ist, wenn ein Thema neu aufkommt, auch Überreaktionen, aber letztendlich kann ich nur sagen, dass es eine Sensibilisierung gegeben hat und diese bis heute anhält. Kinder werden, gerade auch vor Gerichten, ernster genommen und nicht mehr als frei verfügbare Dinge angesehen - ein zweiter Schritt nach dem, dass Frauen nicht als Eigentum des Mannes angesehen werden. Von daher bin ich mit dem Resultat sehr zufrieden.

In der Fachwelt wird oft darüber gestritten, ob Pädophilie nun eine psychische Krankheit oder aber eine eigenständige, der Hetero- und Homosexualität gleichwertige sexuelle Orientierung sei. In letzter Zeit spricht man mehr von sexueller Ausrichtung. Was ist Ihre Meinung dazu?

Das Problem fängt schon bei der Definition von "Pädophilie" an. Darüber sind sich die angeblich Pädophilen offensichtlich nicht einmal selber einig. Wenn man sich einschlägige Foren anschaut, geht es dort in der Regel um Kontakte mit postpubertären Kindern. Bzgl. der Definition der Pädophilie folge ich der Wissenschaft, und die sagt, dass Pädophile auf präpubertäre Kinder fixiert sind.

Eine sexuelle Orientierung oder Ausrichtung bezieht sich auf das Geschlecht. Dies kann bei einer Pädophilie nicht festgestellt werden. Der angebliche Geschlechtspartner ist entweder männlich oder weiblich. Somit stellt sich die Frage, wo da eine Orientierung oder Ausrichtung zu endecken sei, die vor allem sexuell begründet sein soll.

Zudem haben Kinder keine den Erwachsenen entsprechende Sexualität. Genauso wenig hat ein Damenslip oder ein Männerschuh eine Sexualität. Von daher ist es folgerichtig, dass die Pädophilie zu den sexuellen Deviationen gezählt wird. Es gibt keinen sexuellen Partner.
Alle Erklärungsversuche der Pädophilen, die mir bisher bekannt sind, scheitern entweder daran, dass sie versuchen eine nichtsexuelle Beziehung zum Kind hochzuhalten, was dann aber wieder nichts mit Sexualität zu tun hat, oder daran, dass ihre Beziehung zu dem Kind auf den simple consent reduzieren, damit die nicht vorhandene Sexualität der Kinder für sich ausblenden und Kinder damit zu Objekten degradiert werden.

Sie sagen: "Eine sexuelle Orientierung oder Ausrichtung bezieht sich auf das Geschlecht. Dies kann bei einer Pädophilie nicht festgestellt werden." Wir haben da eine andere Beobachtung: die meisten Pädophilen, die mit ITP-arcados in Kontakt treten, verlieben sich in ein spezifisches Geschlecht und dessen spezifische Merkmale. Pädophile, die sich sowohl in Mädchen wie auch in Knaben verlieben, sind bei uns sehr selten. Steht unsere Beobachtung im Widerspruch zu Ihrer Aussage?

Pädophile verlieben sich in präpubertäre Kinder, die sich lediglich bzgl. der primären Geschlechtsorgane äusserlich unterscheiden, welche noch unterentwickelt sind. Pädophile empfinden postpubertäre Kinder nicht als attraktiv, obwohl diese eine vollendete, deutliche Geschlechtsausformung zeigen. Damit ist klar, dass für den Pädophilen die Ausrichtung an der Geschlechtlichkeit in den Hintergrund tritt.

Die spezifischen Charaktereigenschaften von Mädchen und Jungen spielen Ihrer Meinung nach dabei keine Rolle?

Geschlechtlich ausgerichtete Charaktereigenschaften sind bei Kindern natürlicherweise kaum ausgeprägt und bilden sich erst mit der Pubertät. Es bleibt damit eine Tatsache, dass sich der Pädophile an dem jungen Menschen in seinem vorwiegend geschlechtslosen Stadium orientiert.

Dass Pädophile dennoch angeben, ein Geschlecht zu präferieren, dürfte daran liegen, dass sie in dem Kind einen Erwachsenen sehen (Projektion) und ihm auch dessen Sexualität unterstellen. Dabei missverstehen sie Einflüsse aus dem kulturellen Umfeld und deuten sie geschlechtspezifisch (Jungen tragen Hosen, Mädchen tragen Kleider - auch wenn ihnen das individuell gar nicht entspricht).

Spezifische Charaktereigenschaften von Jungen und Mädchen, die kulturell bedingt sind, haben nichts mit Sexualität zu tun.

Bei Anzeigen wegen sexuellem Kindesmissbrauchs sind jeweils hauptsächlich Mädchen betroffen. Das Verhältnis liegt etwa bei 85% Mädchen und 15% Jungen. Dem gegenüber meldeten sich in den vergangenen 10 Jahren überdurchschnittlich viele Knabenliebende bei unseren Beratern. Nur ganz selten gibt es Anfragen von Mädchenliebenden. Und in dieser recht kleinen Gruppe von Mädchenliebenden sind es wiederum häufig Väter, oder andere inzestiöse Situationen, die zur Sprache kommen (was bei Knabenliebenden wiederum äusserst selten der Fall ist). Wie erklären Sie sich diese Phänomene?

Ich denke, dass da zwei Problemkreise miteinander vermischt werden.

Der Anteil der Pädophilen an der Gesamtbevölkerung ist nicht sonderlich hoch. Von daher sind die bekannten Statistiken völlig wertlos und lassen keine Rückschlüsse zu. Da müsste man eine Statistik haben, die den sexuellen Missbrauch nach familiär und ausserfamiliär unterscheidet. Und dann noch dazu, ob es sich um Pädophile handelt. Ebensowenig wird zwischen Pädophilen und Ephebophilen unterschieden.

Dass sich hauptsächlich knabenliebende Männer melden, mag auch daran liegen, dass Päderasterie seit jeher gesellschaftlich wahrgenommen wird, während der Missbrauch von Mädchen erst spät thematisiert wurde. Der knabenliebende Mann wird also eher mit dem Verdacht der Pädophilie konfrontiert und sich entsprechend damit befassen. Zumal die Gesetzgebung sich auch ausschliesslich auf männliche Schwule beschränkte und Frauen sexuell nicht wahrgenommen wurden.

Heute hingegen wird jeder sexuelle Missbrauch mit Pädophilie in Verbindung gebracht. Die beiden Begriffe werden in der Gesellschaft als Gleiches wahr genommen. Besonders absurd, wenn Journalisten schreiben: XY sei wegen Pädophilie angeklagt worden. Wir sind eine der einzigen Stimmen die andauernd auf den Unterschied der Begriffe hinweisen. Aus Ihrer Sicht eine Differenzierung, die man vernachlässigen kann?

Man muss da wohl in der Handhabung der Begriffe in der Schweiz und Deutschland differenzieren. Mir ist jedenfalls bei der Verlinkung von Artikeln aus der Schweiz aufgefallen, dass man recht "grosszügig" mit dem Begriff "Pädophile" umgeht und selbst der Familienvater, der wegen sexuellem Missbrauch verurteilt wird, als Pädophiler bezeichnet wird. Dies ist bei Artikeln in Deutschland so nicht festzustellen.

Grundsätzlich sollte hier schon unterschieden werden. Pädophil zu sein heisst nicht unabdingbar, dass man gewalttätig ist oder wird. Ebensowenig ist jemand pädophil, wenn er Kinder sexuell missbraucht. Es gibt dazu genügend Statistiken und Bücher, in denen klar unterschieden wird.

Warum es sich so in der Schweiz eingebürgert hat, ist mir nicht klar, da ich die Entwicklung nicht verfolgt habe.

Sexueller Missbrauch ist, wie jedes Sexualdelikt, ein Machtmissbrauch und auch als solches zu benennen. Unabhängig davon, wer wen sexuell missbraucht. Eine Fokussierung auf Pädophile birgt die Gefahr, dass man die Mechanismen von Gewalt nicht mehr erkennt und Begrifflichkeiten verwässert. Eine Differenzierung ist immer nötig, da nur sie den Fokus einengt, den Blick auf Täter verbessert und somit auch eine bessere Basis für Prävention ist.

Wo beginnt Ihrer Meinung nach sexueller Missbrauch. Wann kippt gesunde Zärtlichkeit ins Illegale? Gibt es da für Sie klare Grenzen?

Zärtlichkeit, Geborgenheit und "sich aufgehoben fühlen" hat nichts mit Sexualität zu tun. Immer dann, wenn der Erwachsene seine Sexualität mit ins Spiel bringt, ist die Grenze erreicht.

Im übrigen "kippt gesunde Zärtlichkeit" nicht mal so einfach ins Illegale. Solange der Erwachsene ein Kind als Kind und nicht als Sexualpartner begreift, "kippt" da gar nichts. Es ist vorprogrammiert, dass das Kind überfordert und somit sexuell missbraucht wird, wenn man ein Kind als sexuelles Objekt ansieht.

In Beziehungen zwischen Pädophilen und Kindern kommt es vor, dass das Kind auch Zärtlichkeit vom Pädophilen einfordert. Sei dies nun in Form von Umarmung, Gutnachtkuss etc. Ist da die Grenze bereits überschritten, wenn es dem Pädophilen mehr gibt als einem heterosexuellen Menschen?

Ich wundere mich darüber, dass bei Pädophilen die Sexualität solch einen hohen Stellenwert hat. Weder heterosexuelle, noch homosexuelle Menschen empfinden bei jeder Berührung oder Annäherung eine sexuelle Erregung. Man kann Freunde umarmen, ohne eine sexuelle Regung zu haben. Pädophilen scheint das fremd zu sein.

Bei Kindern muss man auf keine sexuelle Botschaft achten. Sie ist nicht vorhanden.
Wenn ein Erwachsener die Geste des Kindes für sich sexuell missinterpretiert, ist die Grenze schon überschritten. Denn die Botschaft des Kindes ist eine andere.

Viele Pädophile haben gerade eine andere Überzeugung: Viele äussern sich in Gesprächen dahingehend, dass ihnen die Freundschaft und Beziehungen zu Kindern viel zu wichtig wären, als dass sie diese durch sexuelle Handlungen gefährden würden. Ist es nicht so, dass es bei Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern tausende von Fallen und potentiellen Fehlern gibt, die beim Kind ein Trauma auslösen können (psychische oder physische Gewalt), die durch den Fokus auf mögliche sexuelle oder scheinbar sexuelle Handlungen komplett vernachlässigt werden?

Viele Pädophile sind allerdings auch der Meinung, dass diese Freundschaft durch ihre sexuelle Neigung "besonders" würde. Das ist allerdings ein Trugschluss, tiefe und innige Beziehungen entstehen durch asexuell geprägte Einflüsse, die Sexualität ist eine "Nebensache".

Wenn es den Pädophilen um die Beziehung geht, müssen sie asexuell leben und haben somit keine pädosexuelle Beziehung mehr. Dies entspricht allerdings nicht der öffentlichen Forderung von Pädophilen auf ihr Recht auf Ausleben ihrer sexuellen Neigung. Es mag sein, dass zu ITP-arcados solche Pädophile kommen, denen es lediglich um eine freundschaftliche Beziehung zu Kindern geht. Es gibt aber offensichtlich, ist in den entsprechenden Foren nachlesbar, auch Pädophile die da ganz anderer Meinung sind. Vielleicht liegt es an der Art Ihrer Beratung, dass diese nicht bei Ihnen landen?

Dass von Pädophilen immer wieder darauf verwiesen wird, dass es noch andere Traumtisierungen von Kindern gibt und diese doch viel schlimmer seien, ist mir nicht neu. Es ist allerdings ein Totschlagargument. Ich kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Da spielt bei Ihrer Beobachtung wohl auch eine Rolle, dass Sie mit sexuellem Missbrauch konfrontiert werden und die anderen Bereiche von Traumatisierungen weitgehend ausgeblendet sind. Bei Jugendämtern und Beratungsinstitutionen spielen Misshandlung, Verwahrlosung und familiärer sexueller Missbrauch eine überwiegende Rolle. Ihr Fokus ist da eingeengt und verhindert somit wohl den Blick auf das Ganze.

Hinzu kommt, dass Pädophile ein Trauma nicht nur durch sexuelle Handlungen verursachen, sondern bereits durch die Herabstufung des Kindes zum Sexualobjekt - und diese ist latent allgegenwärtig. Warum bekommt es etwas geschenkt, warum ist man freundlich zu ihm? Welche Erwartungen werden dafür an das Kind gestellt? Wie geht es dem Kind, wenn sich der Erwachsene in seiner Verliebtheit irrational benimmt und von ihm geführt werden möchte, es überhöht und nicht auf seine Persönlichkeit eingeht? Das führt alles zu Überforderungen, die traumatisch sind und stark gehäuft in Beziehungen zwischen Pädophilen und Kindern auftreten.

Es ist nur scheinbar sinnvoll, Traumatisierungen von Kindern auf oberflächliche Ursachen zurückzuführen und diese in sexuell und körperlich zu unterscheiden - wobei beides ein Angriff auf den Körper ist. Die Traumatisierung findet im Kopf statt. Hintergangen zu werden und sich auf nichts verlassen können. Geborgenheit als Gegenwert zu empfinden. Das ist Utilitarismus. Und den kann allenfalls ein Erwachsener verkraften, aber kein Kind.

Zwischenhalt! ITP-arcados bezieht sein Know-How aus 13 Jahren Arbeit, nicht aus der Lektüre von Internetforen. Und uns sucht auch nicht einfach nur eine Sparte des Spektrums auf. Wir haben täglich mit jeder Sparte zu tun und unterscheiden darum auch strikt zwischen Kernpädophilen und sogenannten Ersatzobjekttätern.

Sie sprechen von der Forderung von Pädophilen auf ihr Recht ihre Sexualität auszuleben. Dies entspricht nicht unserer Beobachtung: Erstens sind die ein bis zwei Prozent Pädophilen einer westlichen Gesellschaft keine homogene Gruppe, zweitens gibt es in diesen Untergruppen nur ganz wenige Einzelfiguren, die dieses Recht einfordern. Kann man also da von Forderungen _der_ Pädophilen sprechen? Tut man damit nicht gerade jenen unrecht, die zwar p ädophil sind, jedoch abstinent leben?

Ich habe nirgendwo von Forderungen _der_ Pädophilen gesprochen. In meiner Antwort kamen verschiedene Untergruppen der Pädophilen vor. Auch die, die abstinent leben. Insofern sehe ich nicht, dass ich irgendjemandem Unrecht getan hätte.

Themawechsel: Zu Beginn des Interviews sagten Sie, dass Sie mit dem Resultat der Sensibilisierung des Themas Kindesmissbrauchs in der Öffentlichkeit sehr zufrieden seien. Noch aber gibt es gemäss aller polizeilichen Kriminalstatistiken enorm viele Anzeigen wegen Delikten gegen die sexuelle Integrität bei Kindern. Was müsste aus Ihrer Sicht an der Prävention verbessert werden, um die konstant hohen Zahlen zu veringern?

Ich sprach von dem Resultat der Kampagne der grünen Frauen von vor über 20 Jahren. Damals wurde zum ersten Mal das Thema in die Öffentlichkeit gebracht. Und dass es eine Wirkung gezeigt hat, sieht man unter anderem daran, dass die polizeilichen Kriminalitätsstatistiken inzwischen eine Rubrik dafür aufgenommen haben. Und auch die zunehmende Zahl an angezeigten Delikten ist ein nachträglicher Erfolg der damaligen Kampagne. Dies bedeutet allerdings im Umkehrschluss nicht, dass es damals nicht so viele Delikte gab. Sie werden heute öffentlich und thematisiert. Betroffene sind heute aufgeklärter und wenden sich eher an Beratungsstellen. Kinder gehen, spätestens wenn sie erwachsen werden, dann doch zu den Gerichten, weil sie sehen, hören und lesen, dass ihnen nicht mehr unbedingt die Schuld für den Missbrauch zugewiesen wird, was damals noch der Fall war.
Prävention gegen Missbrauch, egal von wem, ist in erster Linie die Herstellung von Öffentlichkeit und eine Politik, die für Familien angemessene Angebote bereit hält. Gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und damit verbundener Perspektivlosigkeit ist es wichtig, dass Familien als Ganzes abgeholt und aufgefangen werden und man sich um soziale Brennpunkte angemessen kümmert.

Leider wurden viele niedrigschwellige Angebote, wie zum Beispiel Familienberatungen, Schularbeitenhilfen und ähnliches, im Zuge der kommunalen Finanzknappheit abgeschafft oder sehr ausgedünnt. Damit kommt zur Abeitslosigkeit und Sozialhilfe hinzu, dass die Familien mit ihren Problemen völlig auf sich gestellt sind. Aber das, was jetzt als Forderungen hoch gehandelt wird, sind Überwachungsmassnahmen, aber keine Hilfeangebote. Die ohnehin stigmatisierten Familien werden noch mal stigmatisiert.

Demnach glauben Sie, dass der sexuelle Kindesmissbrauch in Familien besonders bei sozial schwachen Familien auftritt?

Sexueller Missbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten vor und Patentrezepte gibt es dagegen nicht. Die Herstellung von Öffentlichkeit und die Wahrnehmung innerhalb der Bevölkerung ist die wichtigste Voraussetzung für eine wirkungsvolle Prävention.

Eines der Probleme ist aber, dass schon durch die Regierung unter Kohl eine Entsolidarisierung und eine Ellenbogenmentalität einsetzte, die vor allem sozial schwache Schichten getroffen hat. Dies führt wesentlich häufiger dazu, dass eine nicht mehr vorhandene Macht im Arbeitsleben und auch in der Gesellschaft zu weiteren Machtmissbräuchen führt. Es gilt, dies erst einmal wahrzunehmen und vor allem zurückzunehmen.

Denn Kinder aus sozial schwachen Familien sind anfälliger für Zuwendungen. Sowohl emotionaler, wie auch materieller Art. Sie geraten dadurch in die Gefahr von Fremdtätern ausgenutzt zu werden, die ihnen die fehlende Zuwendung anbieten und dafür Gegenleistungen erwarten.

Die aktuellen Ansätze tragen solchen Entwicklungen nicht Rechnung und sind damit ungeeignet um präventiv gegen Missbrauch - wobei das für mich nicht alleine steht und ich Misshandlung und Verwahrlosung für Kinder für ebenso schädlich ansehe - vorzugehen.

In den letzten 10 Jahren wurden etliche Sanktionen bei Straftaten gegen die sexuelle Integrität von Kindern verschärft. Begründet wurde jede Verschärfung der Gesetzeslage damit, dass es der besseren Prävention und dem besseren Schutz der Kinder dienen würde. Im Wechsel mit dem Kampf gegen das Phantom "Terror" dient insbesondere der Kampf gegen Kinderpornographie für teilweise massive Eingriffe in die Privatsphäre der Bevölkerung. Eine nötige Entwicklung?

Gesetzliche Veränderungen betrafen hauptsächlich die Delikte, die sich auf das Internet beziehen. Es wurde versucht auf ein neues Medium zu reagieren. Diese Reaktion war sehr unbeholfen und man verzettelte sich in hilflosem Aktionismus. Ich gehe aber davon aus, dass es da einen Wandel geben wird.

Eine andere Frage ist die, dass man Kinderpornografie als Totschlagargument benutzt, um Eingriffe in die Privatsphäre zu legitimieren. Dieses Argument läuft sich allerdings inzwischen wohl auch tot. Spätestens nach dem Eingeständnis des Oberfahnders in Halle, der schon hat verlauten lassen, dass der Kampf gegen Kipo verloren ist.

Es ist richtig, dass der Kampf gegen Kinderpornographie über die Konsumenten ein aussichtsloser ist - allerdings wurde von Anfang an darauf hingewiesen, dass man hier im Schwerpunkt die Produzenten verfolgen und ihnen den Boden entziehen muss. Das bedeutet Kooperationen mit anderen Ländern und sorgfältige, abgestimmte Aktionen und keine effektheischende Eigenwerbung.

Wie beurteilen Sie die Absichten der Ärzte um Prof. Beier, die an der Berliner Charité das Präventionsprojekt "Kein Täter werden" betreiben?

Es ist eine Erweiterung des Ansatzes: Prävention beim Täter. Zu diesem Ansatz gehören ja schon seit Jahren Therapie-Angebote, die Täter vor Rückfällen bewahren sollen - die Charite setzt das Angebot nun vor eine Überführung bzw. Verurteilung und kann somit auch weitere Grundlagenforschung betreiben.

Das Angebot gilt damit für "potentielle" Täter. Darunter fallen natürlicherweise auch Pädophile, die mit der Rückstellung ihrer sexuellen Bedürfnisse Schwierigkeiten haben, aber auch die, die einen Leidensdruck bezüglich ihrer sozialen Situation haben.
Die Ergebnisse dürften dafür sorgen, dass man verschiedene Gruppen stärker trennen und individueller charakterisieren kann.

Wichtig ist bei dem Modellprojekt auch, dass sich Betroffene austauschen und ihre Isolation damit ein Stück weit überwinden können.

Sie engagieren sich seit Jahren gegen einen dubiosen "Kinderschutz"-Verein. Ein Kinderschutzverein, der in der Fachwelt nicht ernst genommen wird. Was motiviert Sie gerade gegen diesen Verein und seinen Vorsitzenden sich zu engagieren?

Ich bin auf diesen Verein bei meinen ersten Gehversuchen im Internet in den Heiseforen gestossen und war reichlich irritiert, dass ich von dem Vorsitzenden prompt als "mutmassliche Tätersympathisantin" bezeichnet wurde. Dies war mir, die ich aus der Frauenbewegung komme und mich jahrelang im Kinderschutz engagiert habe, noch nie passiert und ich habe mich dann damit mal etwas näher befasst. So bin ich auch auf andere dubiose Vereine und Organisationen, die vorgaben sich um Kinder zu kümmern, gestossen und habe einiges, im Team mit anderen, auf meiner Webseite dokumentiert. Zudem habe ich darüber Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung im Internet kennengelernt, die zum Teil leidvolle Erfahrungen mit diesem Verein gemacht haben.

Zum Glück ist man inzwischen in den Medien davon abgerückt jeden als Experten zu bezeichnen, der eine HP mit entsprechendem Titel trägt. Ich denke, dass wir vom Trollforumteam eine Menge dazu beigetragen haben, dass solchen selbsternannten Experten das Handwerk gelegt wurde.

Was halten Sie als Pionierin der Frauenbewegung von den folgenden Thesen: Männliche Gewalt gegenüber Frauen wurden in den letzten Jahren zu recht oft thematisiert und diskutiert. Aus der Enttabuisierung folgten viele Gesetze, die Frauen vor männlicher Gewalt schützen sollen. Gänzlich tabuisiert, bzw. undiskutiert sind hingegen die viel subtileren Gewaltakte von Frauen gegenüber Männern. Gemäss verschiedener Psychotherapeuten stellen solche subtilen Gewaltakte von Frauen gegenüber Männern eine zunehmend gewichtige Rolle bei männlichen Patienten. Dabei spielen die missbräuchlichen Anschuldigungen bei oftmals schwer zu beweisenden Delikten wie sexuelle Belästigung nur eine Spitze dar. Auf den Punkt gebracht: Männer sind physisch den Frauen oft überlegen, wohingegen die Frauen gegenüber den Männern gerade auf der Klaviatur der psychischen "Kriegsführung" im Vorteil sind.

Ist es nicht ein grundsätzlicher Denkfehler anzunehmen, dass Frauen die besseren Menschen sind als Männer? Sind aus diesen Thesen heraus geschlechterspezifische Gesetze nicht grundsätzlich mit äusserster Vorsicht zu fordern bzw. anzuwenden?

Ich kann an der Gesetzgebung nicht ablesen, dass Frauen bessere Menschen als die Männer sein sollten. Die Gesetze, die zum Schutz von Frauen und Kindern erlassen wurden, haben konkrete Hintergründe und machen zu dieser Ihrer These keine Aussage.
Gewalt gegen Frauen und Kindern war und ist ein Machtproblem. Daran ändert sich auch nichts, wenn es inzwischen Frauen gibt, die sich zu wehren wissen.

Die Situation für Frauen hat sich durch die Gesetzgebung deutlich verbessert, auch wenn dieses nicht durchgängig beobachtet werden kann. Missbräuchliche Anschuldigungen gab und gibt es immer. Gesetze können nicht alles letztendlich regeln. Dafür sind Gerichte da, um die Sachverhalte zu klären. Aber auch nicht alles, was gesetzlich geregelt ist, kommt zur Anzeige.

Gerichte müssen sich allerdings bei ihrem Urteil auch auf Gutachter stützen, wie z.B. Psychotherapeuten. Wenn diese befangen und unprofessionell sind und nur die Seite eines Geschlechts - ob nun männlich oder weiblich - wahrnehmen wollen, dann können missbräuchliche Anschuldigungen zu Fehlurteilen führen.

Besten Dank für das Interview

© 2007 ITP-pe

Dieses Interview entstand zwischen April und Juli 2007. Weitere Fragen und Meinungen sind ausdrücklich erwünscht. Nutzen Sie dazu bitte unser Verweis Kontaktformular

Weiterführende Links:

Link Trollforum

Seiten und Forum mit einem speziellen Fokus auf einen dubiosen Kinderschutzverein in Deutschland

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