Bericht eines Pädophilen

Als Kind hat man Gefühle, die zunächst weder kontrolliert noch reflektiert werden: man liebt ganz einfach, man hasst, man fühlt sich einsam,.... In der Pubertät beginnt man, über sich und auch über seine Gefühle nachzudenken

Mein Glück war, dass ich nicht religiös erzogen worden bin und daher die ganze Geschichte von Sünde und Moral kaum mitbekommen habe. Allerdings bin ich auch nicht "frei" erzogen worden. Über Sexualität redete man zuhause wenig. Wenn sie zur Sprache kam, dann im Zusammenhang mit Körperpflege oder Fortpflanzung, nie mit Gefühlen.

Als Kind habe ich Knaben bewundert, beneidet - und manchmal auch geliebt: die Kameraden waren meist sportlicher als ich, ihnen schien alles viel leichter zu fallen, auch der Kontakt zu ihresgleichen oder später zu Mädchen. Intuitiv wusste ich schon zu dieser Zeit, dass ich besondere Gefühle für Jungen empfinde, die ich meiner Umwelt verheimlichte. Ich erlebte meine Verliebtheit als etwas unheimlich Schönes, Zartes, aber auch Zerbrechliches. Schon im Pubertätsalter spürte ich auch klar das erotisch-sexuelle Interesse, nahm dieses jedoch noch nicht als bleibende Veranlagung wahr, und sah auch keine Möglichkeit, diese Gefühle auszuleben. Mit 16/17 Jahren begann mir klar zu werden, dass ich "anders" veranlagt bin. Ich setzte mich mit Homosexualität auseinander. Dabei wurde mir aber sofort klar, dass ich nicht homosexuell bin: Ich stand nicht auf Männer, sondern auf vorpubertäre und pubertäre Knaben. Mit 18 Jahren kaufte ich erstmals in einem Sexshop Hefte mit nackten Knaben und auch ein dort erhältliches Buch über Pädophilie. Staunend nahm ich wahr, dass ich nicht der Einzige bin und dass es Literatur über solche Dinge gibt. Auch mit dem Strafgesetzbuch habe ich mich in dieser Zeit auseinandergesetzt. Sehr bewusst habe ich in meine Gefühlswelt hineingehorcht und Folgendes festgestellt: Solch schöne Empfindungen die ich in mir trage - Liebe, Lust zu einem Jungen zärtlich zu sein, diesen glücklich zu machen - können unmöglich schlecht sein. Ich war so überzeugt davon, dass ich auch mit Bestimmtheit wusste, dass sich die Verfasser der Gesetzestexte, die Feministinnen, die Öffentlichkeit ganz einfach irren. Ich wusste aber auch, dass ich ein schwieriges Leben vor mir haben würde und dass ich diskret sein muss. Heute bin ich davon überzeugt, dass die Natur Pädophile hervorbringt, weil es diese ganz einfach braucht: Wir haben uns um vernachlässigte oder alleingelassene Kinder zu kümmern und sollen in der Erwachsenenwelt immer wieder die Interessen der Kinder wahrnehmen. Wir sollen dafür kämpfen, dass schon Kinder zu reifen Persönlichkeiten werden, die wissen, was sie wollen, die nein - aber auch ja ! - sagen können.

Akzeptanz

Die Klarheit meiner Gefühle war so durchdringend, dass ich schon damals wusste, dass meine Liebes-Orientierung nicht änderbar ist. Da ich diese Liebe zugleich als etwas Beglückendes wahrnahm, wollte ich auch nichts daran ändern.

In diesem Zusammenhang war für mich schwierig, wie meine Mutter auf meine Veranlagung reagieren würde. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Letztlich wusste ich aber, dass ich mein (pädophiles) Leben leben muss. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass für meine Mutter meine Veranlagung eine grössere Last ist, als für mich selbst.

Das Anders-Sein bedeutete eine Bürde für mich, aber auch ein Herausragen: Ich bin hierin etwas Besonderes, ich "kann" etwas, das andere nicht können. Auch heute erlebe ich meine Pädophilie als eine Kunst: Ich finde auf einer Ebene Kontakt zu Jugendlichen, die den meisten Erwachsenen verwehrt ist. Damit meine ich übrigens durchaus nicht Sexualität sondern eher ein partnerschaftliches Gefüge, welches kaum von Abhängigkeiten und überhaupt nicht durch Machtgefälle geprägt ist. Das Wort "Kunst" drückt aber auch den exotischen (künstlichen, d.h. über-natürlichen, in positivem Sinne) Reiz aus: Kunst gefällt oder missfällt, Kunst wird oft missverstanden und falsch wahrgenommen, künstlerische Begabung löst oft auch Neid aus.

Beziehungen

Ich hatte lange (und habe teilweise heute noch) Schwierigkeiten, in meinen Beziehungen zu Mitmenschen meine Gefühle zu zeigen. Gegenüber Jungen ist es Angst vor Ablehnung meiner Liebe, bei andern Menschen die Angst, nicht verstanden oder vorverurteilt zu werden. Ich fürchtete die Verletzungen durch solch negative Reaktionen und wollte diese daher vermeiden. Auch mit Hilfe einer Therapie (bei einer sehr verständnisvollen Frau) konnte ich glücklicherweise viele dieser Blockaden abbauen. Dies führte zunächst dazu, dass ich sehr klar für mich entschieden habe, meine Liebe auch ausleben zu wollen. Ich nahm damit das Risiko einer Strafverfolgung bewusst in Kauf. Selbstverständlich wollte ich alles mögliche tun, um einer Verdächtigung in dieser Richtung aus dem Weg zu gehen. Aber sollte es einmal zu einer Verhaftung kommen, würde ich nichts bereuen. Der dann hohe Preis meiner Liebe schien mir den Wert derselben noch zu erhöhen. Zaghaft - auch Fehler machend - habe ich meine ersten Freundschaften zu Jungen erlebt. Jedes Mal wurden die Freundschaften schöner und intensiver, auch intimer. Meine Erfahrung war, dass Jungen (wie wohl alle Menschen) gerne geliebt werden. Natürlich erwidert nicht jeder diese Liebe. Selten nur gibt es aber verletzende Äusserungen. Eher stösst man ganz einfach auf Desinteresse. In meinem sonstigen Umfeld wissen nun viele, aber nicht alle über meine Veranlagung Bescheid. Diese führt manchmal zu heissen Diskussionen, andere ignorieren diesen Teil meiner selbst. Ich habe in ganz wenigen Fällen erlebt, dass sich jemand meiner Pädophilie wegen von mir distanziert hat. Zum Teil vermute ich hier auch eine (verdrängte) Pädophilie. Heute wirkt meine Knabenliebe manchmal auch als Prüfung: Wer deswegen nichts mit mir zu tun haben will, ist einer Beziehung auch nicht wert. Auffallend ist, dass interessante, kreative, intelligente Menschen kaum je mit meiner Pädophilie Probleme haben. Auf die dummen und langweiligen Menschen verzichte ich gerne.

Ängste

Zum einen gab es da die Angst vor Straffälligkeit. Aber: auch die Angst vor Einsamkeit. Mit der Zeit wurde der Wunsch nach Beziehungen stärker als die Ängste vor Straffälligkeit. Und irgendwann erlebte ich, dass es vor allem Spass macht, sich (wenigstens in dieser Hinsicht) strafbar zu machen. Es gab auch die Angst, der kleine Freund könnte irgendwo, irgendwann etwas von den gemeinsamen Erlebnissen erzählen. Nur einmal machte ich den Fehler, einen Jungen zu bitten, den Eltern nichts vom sexuellen Aspekt unseres Kontaktes zu erzählen (selbstverständlich ohne die Verknüpfung mit Drohungen). Genau dieser Junge erzählte dann der Mutter etwas, als ob ich ihn erst auf diese Idee gebracht hätte.... Es gab Zeiten, wo ich Angst vor einer Verhaftung hatte. Ich denke, dass ich diese Ängste verdrängt habe. Vielleicht auch darum habe ich in dieser Zeit versucht, möglichst viel erotisch-sexuelles mit Knaben zu "erleben", manchmal fast suchtartig. Die Gefahr ist natürlich, dass solche Kontakte dann zu oberflächlichen sexuellen Abenteuern werden, die man sonst gar nicht eingehen würde.

Als es eines Montags um 6 Uhr an der Tür klingelte, wusste ich sofort, wer dies sein musste. Dennoch war der Zeitpunkt für mich überraschend.

Allerdings war ich froh, dass ich zu diesem Zeitpunkt beruflich nichts mehr mit Kindern zu tun hatte, so dass nicht auch noch meine berufliche Existenz von Grund auf gefährdet war.

Verhaftung

Als ich die Tür öffnete, begehrten vier Herren in Zivil Einlass und der vorgezeigte Hausdurchsuchungsbefehl ermächtigte sie, in meinem persönlichen Kram zu wühlen und mitzunehmen, was ihnen beliebte. Mit ihrer Erlaubnis rasierte ich mich und duschte ausgiebig - man liess mich dabei sogar allein - und fand hier meine Fassung wieder.

Untersuchungshaft

Zunächst dachte ich, dass die Sache in wenigen Tagen ausgestanden sein würde. Man forderte kooperatives Verhalten und stellte mir für die diesbezügliche Mitarbeit auch in Aussicht, dass dann die Untersuchungshaft nicht allzu lange dauern würde. Tatsache ist, dass die Polizei weder berechtigt ist, solche Versprechungen zu machen, noch in der Lage ist, diese zu erfüllen. Über Untersuchungshaft haben nur der zuständige Bezirksanwalt und allenfalls der Haftrichter zu entscheiden.

Die Zeit der Untersuchungshaft war für mich psychisch die Phase der grössten Belastung. Hier weiss man noch nicht, wie lange man in Haft bleibt, hier besteht die akute Gefahr des Arbeitsplatz-Verlusts, dass Beziehungen zusammenbrechen, dass sich Nahestehende von einem abwenden. Hier litt ich unter der abrupten Trennung von M. und V., zwei eng mit mir befreundeten Knaben. M., knapp zwölfjährig, war sehr sensibel und ich fürchtete die psychischen Folgen, wenn er polizeilich befragt würde. Ich wusste, dass er am Rollenkonflikt zwischen seinem Verhalten den Eltern, der Polizei und mir gegenüber zerbrechen könnte. Ich stand tausend Ängste aus und sandte letztlich erfolglose Stossgebete zum Himmel. Als es dann doch zur Befragung kam, musste er sich voyeuristische Fragen gefallen lassen, wie z.B. ob er im Zusammensein mit mir einen Samenerguss gehabt hätte, was für die Verurteilung eines Pädophilen aus juristischer Sicht ein absolut bedeutungsloses Detail ist. Wundert es da einen, wenn bekannterweise viele Kinder aus Polizeibefragungen Schaden davontragen?

Besuche sind in der U-Haft stark eingeschränkt, der Postverkehr wird gänzlich kontrolliert, telefonieren ist nicht möglich. Wenn die Gefängnisse nicht überfüllt sind, ist man in der Regel in Einzelhaft. In dieser Zeit ist es wichtig, dass man die (wenigen) Möglichkeiten zur Hafterleichterung nutzt: Besuche des Sozialdienstes, ev. des Pfarrers, Kontakte zum Anwalt, ev. ärztliche Betreuung (prakt. Arzt, Psychiater, ev. Medikamente). Auch sollte man versuchen, sich von den Problemen abzulenken, indem man etwas tut (z.B. eine Sprache lernen, lesen, basteln etc.)

Aussageverhalten

Aus taktischen Gründen, die mit konkreten Beziehungen zusammenhingen, war ich zuerst und einige Tage lang kooperativ. Ich wollte die Polizei "beschäftigen" und ablenken. Dies ist mir gelungen, indem ich mich in einigen (eher harmlosen) Fällen selbst belastet habe. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich dann aber konsequent jede weitere Zusammenarbeit abgelehnt und alle Aussagen verweigert. Dies hat sicherlich zur Verlängerung der U-Haft geführt. Allerdings spielte das keine grosse Rolle mehr (die Sache war ja nun bei der Arbeitsstelle ohnehin bekannt). Der Grund für meine Verweigerung war in erster Linie der Umstand, dass ich meine Beziehungen zu M. und V. schützen wollte und auch, dass ich aus den ersten Befragungsprotokollen von Knaben ersehen konnte, welch "dreckige" Methoden die Polizei verwendet hatte. Da wurde gedroht und nach strafrechtlich kaum relevanten Details gefragt, die klar darauf hindeuteten, dass sich der betreffende Beamte auf voyeuristische Weise aufgeilt. Ich denke, dass ich in der gleichen Situation heute auch wieder genau so reagieren würde. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass ich die vollständige Aussageverweigerung in jedem Fall für die beste Lösung halte. Diese mag am ehesten angebracht sein, wenn viele miteinander verknüpfte Delikte passiert sind, wo ein Einzel-Geständnis schon die Entdeckung des nächsten Delikts in die Nähe rückt. Auf jeden Fall ist aber eine umfassende Lebensbeichte eine unnötige Selbstbelastung, die zwar im Moment befreiend wirken kann, aber wirklich nichts bringt. Gerade dies kommt aber (leider) immer wieder vor, wo jemand psychisch zusammenbricht und sich durch die Erzählungen Luft verschafft. Oft wird dies später bitter bereut. Bei einem vereinzelten Delikt - wo auch der "Beweis" schon auf dem Tisch liegt - kann ein zurückhaltend-vorsichtiges Geständnis die beste Lösung sein.

Grundsätzlich kann man sich auch immer darauf berufen, sich nicht mehr genau an die Ereignisse zu erinnern und Vorfälle verharmlosen bzw. herunterspielen.

Verteidiger

Sinnvollerweise sucht man sich einen guten Rechtsanwalt schon zu einem Zeitpunkt, wo man ihn noch nicht braucht. Gut ist ein Verteidiger meines Erachtens dann, wenn er nicht von vornherein mit pädophilen Delikten Mühe hat. Es ist aber nicht nötig - und womöglich sogar ungünstig - wenn der Rechtsanwalt sich öffentlich pro-pädophil geäussert hat oder immer wieder Pädophile verteidigt. Wichtig ist, dass der Anwalt das Strafrecht gut kennt, dass er ein wenig "Power" und ein gewisses Durchsetzungsvermögen hat. Dabei sollte er aber immer höflich-korrekt bleiben. Auch ist der Rechtsanwalt kein persönlicher Freund, dem man alles erzählen kann und soll. Allerdings sollte man zum Anwalt Vertrauen haben (können) und ihm die strafrechtlich relevanten Fakten klar auf den Tisch legen, um mit ihm gemeinsam eine vernünftige Strategie auszuarbeiten.

Anwälte sind teuer. Dennoch lohnt es sich meines Erachtens auch in Bagatellfällen einen Rechtsanwalt zu nehmen. Dieser hat Zugang zu den Strafakten in einer frühen Phase der Untersuchung, die dem Angeklagten erst viel später vorgelegt würden. Auch kann der Anwalt als neutrale Kontaktperson mit dem Untersuchungsrichter aus einer viel stärkeren Position heraus verhandeln bzw. das Vorgehen des Untersuchungsrichters kritisieren.

Wenn die zu erwartende Strafe ein gewisses Mass überschreitet, hat man Anrecht auf einen Pflichtverteidiger, der vom Staat vorfinanziert wird. Die Auswahl eines solchen Anwalts ist aber eingeschränkt und in der Praxis nehmen sich Verteidiger oft weniger Zeit für - schlechter bezahlte - Pflichtmandate.

In der Untersuchungshaft kann und sollte man verlangen, dass der Verteidiger für Besprechungen ins Gefängnis kommt. Hier können wichtige Aussage- und Verhaltensstrategien besprochen werden. Auch erfährt man so im direkten Kontakt mit dem Anwalt mehr über den Stand der Strafuntersuchung, indem man beispielsweise Aussageprotokolle durchlesen und sich so mit den einzelnen Vorwürfen frühzeitig auseinandersetzen kann.

Auch vor Gericht wirkt es anders, wenn ein Rechtskundiger mit den juristisch korrekten Argumenten verteidigt. Das Unschulds-Gestammel oder das Erzählen von Ausreden etc. eines Angeklagten wirkt in erster Linie peinlich und verhilft kaum zu einer milderen Strafe.

Teufelskreis

Ein Gerichtsverfahren irgendwelcher Art ist belastend. In Zeiten grosser Belastung steigen die Bedürfnisse nach Anlehnung, Verständnis und Geborgenheit. Ich habe in dieser Situation selbst erlebt, wie das Bedürfnis Jungen kennenzulernen und auch Sex-Abenteuer zu suchen sprunghaft angestiegen ist, und fast suchtartige Ausmasse erreicht hat. Kurz vor einer zu erwartenden Verhaftung, nach der Untersuchungshaft oder auch nach dem Absitzen einer Gefängnisstrafe habe ich dies bei mir und bei Freunden in ähnlicher Situation besonders stark erlebt. Gerade in solchen Situationen ist es aber besonders gefährlich diesem Drang nachzugeben und kann geradezu selbstzerstörerische Formen annehmen. Ein Bekannter meinerseits konnte sich nach der Verbüssung einer Haftstrafe nicht beherrschen und wurde nur kurze Zeit später erneut verhaftet und über ihn ist nun die Verwahrung verhängt worden.

Liebe

Schon während der Untersuchungshaft belastete mich die Frage, wie M. das Bekanntwerden auch der sexuellen Seite unserer Beziehung verarbeiten würde. Ich wusste, dass er mich liebte und schützen wollte. Aber wie würden seine Eltern reagieren? Was vermochten die Polizeiverhöre bei ihm zu zerstören? Meine Verlustängste waren so gross, dass ich gerne zu einer hohen Strafe verknurrt werden wollte, wenn ich mir damit erkaufen könnte, mit M. wieder sprechen und unsere Beziehung klären zu können.

Nach der U-Haft nahm ich bald mit seinen Eltern telefonisch Kontakt auf. Die Eltern wollten aber jeden weiteren Kontakt ihres Sohnes zu mir unterbinden. Ich konnte diese Situation kaum aushalten, habe ihm ähnlich aussehende Jungen auf der Strasse angesprochen in der Hoffnung, es könnte M. sein. Ein knappes Jahr später habe ich schliesslich M. einen Brief geschrieben, in dem ich versucht habe ihm das zu schreiben, was er so nötig über das Geschehene erfahren musste. Später habe ich erfahren, dass ihm dieser Brief viel bedeutet hat und er diesen immer wieder gelesen hat. Doch es dauerte nochmals anderthalb Jahre, bis sich M. bei mir wieder gemeldet hat und dies schliesslich zu einem Gespräch zwischen uns und seinen Eltern geführt hat. Ein weiteres Jahr später haben wir uns erstmals wieder alleine getroffen. Heute ist daraus eine weniger enge, aber gute Freundschaft geworden.

Therapien

Pädophilie hat zwingenderweise nichts krankhaftes an sich. Damit haben Pädophile grundsätzlich auch nicht eine Therapie nötig. Wie ich weiter oben erwähnt habe, hat mir aber eine langjährige Therapie geholfen, meine sexuelle Ausrichtung voll zu akzeptieren und Beziehungsängste abzubauen. In schwierigen Lebenssituationen kann eine gute Therapie gerade auch pädophilen Menschen viel bringen.

Vor dem Gerichtstermin habe ich eine zweite Therapie angefangen, diesmal mehr aus prozesstaktischen Gründen. Gebracht hat mir diese allerdings wenig.

Wenn auch einigermassen klar ist, dass kein Therapeut Pädophilie, Homosexualität, Heterosexualität oder andere sexuelle Vorlieben wegtherapieren kann, so ist doch unbestritten, dass in einer gut laufenden Therapie Lebensschwierigkeiten erfolgreich angegangen werden können. Ein Ziel einer solchen Therapie könnte es beispielsweise für einen pädophilen Menschen sein, Lebensformen auszubilden, die ermöglichen, sich so zu verhalten, dass man nicht straffällig wird und dennoch ein befriedigendes Leben führt. Vor Gericht werden solche Bemühungen oft als solche erkannt und wirken sich manchmal auch strafmildernd aus. Wenn Gerichte allerdings ihrerseits Therapien "verordnen" halte ich dies für eher fragwürdig.

Gericht

Der Prozess vor Gericht - meist in aller Öffentlichkeit - ist unangenehm. Hier wird man noch einmal zu allen relevanten Punkten befragt. Ausser einem kurzen Schlusswort kann man sich vor Gericht nicht frei äussern. Es ist darum gut, wenn man sich gedanklich auf alle möglichen Fragen vorbereitet und sich kurze, sachbezogene Antworten zurechtlegt. Vor Gericht macht es kaum Sinn, Aussagen zu verweigern. Allerdings soll man sich auch nicht selbst belasten, soweit man nicht vorher sowieso schon ein Geständnis abgelegt hat. Gerade wenn die verhandelten Ereignisse länger zurückliegen, können auch Bemerkungen sinnvoll sein, dass man sich nicht (mehr) an die Ereignisse erinnert etc. Vermeiden sollte man nach Möglichkeit Widersprüche zu Aussagen die zuvor beim Untersuchungsrichter gemacht worden sind (wo ja in der Regel auch der Verteidiger anwesend war). Aussagen die man noch früher bei der Polizei (ohne Verteidiger) gemacht hat, können eher korrigiert werden. Auf jeden Fall bleibt man mit Vorteil höflich und korrekt.

Generell muss man sich auch - mit dem Rechtsanwalt - entscheiden, welche Art von Verteidigungsstrategie zu einem passt. Will ich den naiven Ersttäter spielen? Zeige ich Reue? Will ich politisch-sexualwissenschaftlich argumentieren? Will ich verharmlosen? Will ich über meine Liebe sprechen?

Presse

Die Presse kann an allen Gerichtsverhandlungen grundsätzlich teilnehmen. Wenn die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen wird, erhalten Presseleute die Anklageschrift und später einen Auszug aus dem Gerichtsurteil zugestellt. Man muss grundsätzlich -also immer auch mit Berichten in den Medien rechnen. Allenfalls kann man versuchen mit Hilfe des Anwalts zu verhindern, dass in der Presse Namen oder andere persönlichen Angaben publiziert werden. In der heutigen Zeit halte ich es bei pädophilen Delikten für wenig sinnvoll, Journalisten Interviews zu gewähren. Insbesondere ist zu beachten, dass sich Journalisten beim Gespräch oft verständnisvoll geben, ihre Berichte dann aber meist ganz anders klingen.

Berufung

Wenn man mit dem Gerichtsurteil nicht einverstanden ist, kann man sich überlegen, ob man Berufung gegen das Urteil einlegen will. Dies führt dann auf der nächsthöheren Ebene zu einer weiteren Gerichtsverhandlung. Für eine Berufung spricht die mögliche Minderung des Strafmasses bzw. ein Freispruch beim nächsthöheren Gericht sowie der Zeitfaktor (wenn die Delikte bald verjähren). Gegen eine Berufung sprechen die hohen Kosten (Anwalt, Gerichtskosten), die Verschleppung (die Ungewissheit dauert viel länger) und das Risiko, dass die Staatsanwaltschaft eine sog. Anschlussberufung machen kann, was zu einer Verschärfung der Strafe führen könnte. Auch sind Fälle, die vor Obergericht verhandelt werden, möglicherweise für die Boulevardpresse von grösserem Interesse.

Mentale Vorbereitung auf den Strafvollzug

Manche Menschen legen bewusst in ihrem Leben eine Pause ein, wo sie sich zurückziehen, um über ihr Leben nachzudenken, um sich auch neue Lebensziele zu setzen.

Dafür nehmen sie Meditationskurse, gehen in ein Kloster, machen in einer Selbsterfahrungsgruppe mit - und zahlen viel Geld dafür.

Für mich sollte der Aufenthalt im Gefängnis zu dieser Lebenspause werden, die ich auch ganz bewusst erleben und mitgestalten wollte.

Als Junge wollte ich immer einmal in einem Internat leben. Mich zog die Atmosphäre von ausschliesslich männlicher Lebensgemeinschaft an. Ich stellte mir vor, dass die starken äusseren Strukturen der Autoritäten unter den Schülern zu einer besonderen Art von Solidarität und Gemeinschaftsgefühl führen könnte. Warum sollte dies im Gefängnis nicht so werden? Dies wollte ich nachholen und als Erwachsener erleben !

So oder so wollte ich dafür sorgen, dass mir persönlich der Strafvollzug etwas bringt. Dazu habe ich mich mit Büchern versorgt, die ich in aller Musse studieren wollte. Gleichzeitig sollte ich damit der Justiz die Möglichkeit nehmen, mich wirklich zu bestrafen.

Strafvollzug

Ich habe den Strafvollzug - im Gegensatz zur U-Haft - nicht als schlimm erlebt. Man kann sich darauf vorbereiten und einstellen. Auch ist hier die Dauer der Haft in der Regel klar gegeben. Ich habe versucht, die Zeit im Knast nicht als verlorene Lebenszeit zu sehen, sondern als Chance: Ich wusste hier werde ich viel lernen: Umgang mit für mich ungewohnten Menschen, Lernen mit Einschränkungen verschiedenster Art umzugehen (das kann man im späteren Leben immer wieder mal brauchen !), Zeit haben für Dinge, die ich schon immer mal tun wollte (und die Zeit nicht dafür gefunden habe). Vielen Hobbys kann man auch im Knast nachgehen. Oder man kann für sich in der Zeit des Strafvollzugs neue Hobbys schaffen.

Werktags wurden morgens um 06.30 die Zellen aufgeschlossen. Danach hatten wir Zeit um zu duschen und um das Morgenessen in der Kantine einzunehmen. Von 07.10 bis 11.45 Uhr wurde gearbeitet. Mittagessen gab es um 12.00 Uhr. Um 13.15 ging die Arbeit wieder los und dauerte bis 17.00 Uhr. Das Abendessen gab es um 17.30 Uhr. Danach hatte man Zeit zur freien Verfügung, wo man in Gruppenräumen fernsehen konnte, mit Kameraden Tischtennis oder Fussball spielen oder sich auch gegenseitig in den Zellen besuchen konnte. Abends um 22.15 wurde man wieder für die Nacht eingeschlossen. Am Wochenende hatte man entsprechend mehr Zeit fürs gesellige Beisammensein.

Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit recht (unerwartet für mich) schnell vorbeigeht. Schon nach zwei Monaten konnte ich erstmals an einem Wochenende Urlaub beziehen.

Gefangenen-Hierarchie: Delikte

Im Gefängnis ist man wer, wenn man viel Geld gescheffelt hat. Als Pädophiler, der kein Geld gemacht hat, sondern "nur geliebt" hat, rangiert man in der alleruntersten Schublade. Wenn man in der Presse nicht mit Foto und/oder Name bekanntgemacht wurde, ist es aber auch nicht unbedingt nötig, die Art der Delikte den Mit-Häftlingen zu sagen. Mir schien es geschickt zu sein, auf Fragen im Sinne einer Notlüge zu antworten: Ich gab an, mit harten Pornos gehandelt zu haben. Dies entspricht zwar nicht der Wahrheit, ist aber nahe genug an der Wahrheit, dass ich dies glaubwürdig vertreten konnte. Man hat dies zur Kenntnis genommen und kaum je weiter mit mir darüber gesprochen. Ich habe ausnahmslos niemandem meinen wirklichen Haftgrund erzählt. In einer so engen Gemeinschaft muss man wohl auch bei einem sog. besten Freund (dem ich lieber die Wahrheit erzählt hätte) damit rechnen, dass er’s irgendwann mal doch weiter erzählt....

Hätte ich gar keine Auskunft gegeben, wären die wildesten Spekulationen losgegangen. Recht bald hätte man mich dann wohl in die Kategorie der "Kindli-Ficker" gesteckt. Das Wort macht übrigens den Wissensstand der Leute im Knast (und der Leute im Volk) über Pädophilie deutlich: erstens man "fickt" (ficken = einzig mögliche Form des Geschlechtsverkehrs; dies ist das etwas einfach wirkende Klischee der Heterosexuellen) und zweitens "Kindli" (also kleine Kinder oder Babys, sicher keine Jugendlichen !).

Im offenen Strafvollzug werden Leute mit Sexualdelikten eher gemieden bzw. man lästert hinter dem Rücken über diese Leute. Gewalttätige Auseinandersetzungen waren generell sehr selten. In den 19 Monaten meiner Haftzeit habe ich nur zweimal Gewalt mir gegenüber erlebt. Beide Male haben dann andere Anwesende die Sache im Keim erstickt. Im geschlossenen Strafvollzug herrscht generell mehr Gewalt, natürlich dann auch besonders gegenüber Pädophilen.

Gefühle im Gefängnis

Im Strafvollzug lebt man. Eigentlich fast wie draussen. Man nimmt sich und damit seine Problem auch hierhin mit. Man wird hier ähnliche Schwierigkeiten haben (oder eben nicht haben), wie in Freiheit. Es gibt also auch im Knast Ängste, Verliebtheit, Stress, Ärger, Müdigkeit, Glücksgefühle, Langweile oder Lust auf Sex.

Das Besondere im Strafvollzug äussert sich aber in zwei Bereichen: man kann sich nicht bewegen wann und wie man will (man kann also nicht vor Problemen "Davonlaufen" und hat u.U. eingeschränkte Rückzugsmöglichkeiten) und es gibt keine Frauen (zumindest nicht unter den Häftlingen).

Man wird hier mit diesen Gefühlen wohl auch ähnlich umgehen, wie man das von der Freiheit her kennt. Aber auch hier sehe ich eine Chance: Da man sich hier abseits und losgelöst von allen bisherigen Bekannten befindet, kann man auch experimentieren und sein Rollenverhalten oder das allgemeine Verhalten verändern und so neue Erfahrungen sammeln und sich selbst besser kennen lernen.

Auch die Mit-Gefangenen habe ich nicht so spektakulär erlebt, wie ich dies erwartet hatte: Der Geldfälscher, der Mörder, der Drogen-Dealer, der Drogen-Konsument und der Sexualstraftäter: alles sind eigentlich ganz normale Menschen (was heisst schon normal....?!), die mir unsympathisch oder sympathisch, die dick oder dünn, dumm oder intelligent sein können. Ich habe versucht, in jedem Menschen den Menschen selbst und nicht sein Delikt zu sehen. Ich bin gut gefahren mit dieser Art auf die Knast-Kameraden zuzugehen.

Beziehungen im Strafvollzug

Beziehungen im Knast sind Beziehungen auf Zeit. Nachher sieht alles wieder anders aus: Mit den Knast-Bekanntschaften will man in der Regel nichts mehr zu tun haben, weil sie einen an diese Zeit erinnern. Auch ist man später wieder in seinem angestammten Milieu: die Drögeler wieder auf der Gasse, Ausländer in ihrer Heimat etc. Daraus ergibt sich, dass im Gefängnis entstehende Freundschaften tendenziell egoistischer gefärbt sind und ihr Ende zeitlich voraussehbar ist.

Ich habe eine recht intensive Beziehung zu einem 21jährigen jungen Mann gehabt, die ihre schwierige aber auch schöne Seiten hatte. Eine andere Freundschaft mit einem deutlich älteren Südamerikaner hat auch sexuelle Formen angenommen. Manchmal waren wir auch eine Gruppe von fünf oder sechs Leuten in einer Zelle, die laute Musik hörend einen Joint hat kreisen lassen - verbotenerweise, versteht sich. In solchen Situationen habe ich mich durchaus geborgen und wohl gefühlt.

Auch hier habe ich natürlich manchmal unter der Trennung von M. gelitten, auch wenn ich von ihm (allerdings nicht gerade oft) gelegentlich einen Brief bekommen habe.

Läuterung

Ich glaube, dass alles seine guten Seiten hat, auch der Strafvollzug. Ich denke, es tut uns reichen Bürgern der 1. Welt ganz gut, wenn wir mal am eigenen Leib erfahren, wie es ist, nicht zu den Privilegierten zu gehören. Ich habe einen Südamerikaner kennengelernt, der erzählt hat, dass für ihn dieses Gefängnis fast ein Paradies ist: Hier hat er ein Dach über dem Kopf, sanitäre (funktionierende !) Installationen, genügend und gutes Essen und sogar Arbeit. Auch muss er nicht damit rechnen, hier von Drogen-Dealern auf der Strasse erschossen zu werden. Einzig die Frauen vermisst er hier....

Ich konnte meine Ziele von Läuterung erreichen, wenn auch nicht im Sinne des Gesetzgebers. Durch meine Knast-Erfahrung bin ich vielleicht toleranter gegenüber Mitmenschen geworden, reicher an Erfahrungen und damit auch reifer.

Pädophile Überlebensstrategien

Man kann verzichten und sublimieren: Das Leben wird sicherer, man riskiert kein Gefängnis. Allerdings entgeht einem auch viel Glück. Ein graues Leben. Aber vielleicht kommt man zu beruflichem Erfolg, materiellem Reichtum und kann seinem Leben einen anderen Sinn geben?

Man kann vorsichtiger werden: Möglichst wenig Kontakte zu andern Pädophilen. Wenn es zu einer "heissen" Beziehung kommen sollte: keine Videos, Fotos, Notizen, Briefe aufbewahren. Die Zahl der Beziehungen beschränken: nicht akzeptieren, dass der junge Freund andere Bekannte mitbringt (= erhebliches Risiko !). Zu dieser Variante gehört, dass man mit einer möglichen Strafuntersuchung und den daraus entstehenden Folgen rechnet und diese bewusst akzeptiert.

Man kann auswandern: Vorsichtig sein muss man heute überall. Aber in fremden Ländern und Kulturen lauern unbekannte Gefahren. Auswandern ist auch eine Illusion: seine Probleme nimmt man mit; man wird auch ganz weit weg ähnliche Schwierigkeiten haben wie zu Hause. Dennoch können sexuelle Kontakte zu Minderjährigen im Ausland teilweise besser gelebt werden als hier. Aber vielleicht vereinsamt man als Ausländer in einer fremden Kultur, wo man die Sprache nur bruchstückhaft beherrscht?

Warnung: Strategien, die ganz einfach die Unterdrückung des Sexualtriebs erzielen wollen, halte ich für untauglich und gefährlich: Triebstau-Reaktionen können dann wirklich zu gewalttätigem Handeln, z.B. gegenüber Kindern führen. (Entlassene nach jahrelangem Aufenthalt in Gefängnissen oder geschlossenen Kliniken sind Paradebeispiele hierfür.) rg

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