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"Menschen, die sexuell auf Kinder fixiert sind, stellen die Wissenschaft vor ein Rätsel. Die Versuche, Pädophile über eine Therapie wieder in die Gesellschaft zu integrieren, sind umstritten."
Mit dieser Einleitung beginnt ein Artikel von Jochen Paulus in der "Bild der Wissenschaft" (April 2004). Der immerhin 6-seitige Beitrag zieht die üblichen Register: ein abgedunkeltes Bild eines Mädchens mit Teddy, ein leerer Spielplatz vor Wohnblocks, Transparente mit Forderungen nach Todesstrafe für Kinderschänder sowie der Mörder Marc Dutroux in Handschellen dienen zur Illustration dieses Beitrags, der die meisten Leser wohl mit gemischten Gefühlen zurücklassen dürfte.
Der Artikel geizt nicht mit Fakten, die sich auf die Arbeiten renommierter internationaler Forscher stützen. Unter anderem finden die Studien von Rind et. al. Erwähnung, deren Erkenntnisse in einem eigenen Kasten zusammengefasst werden: Sexueller Missbrauch sei nicht zwingend schädigend und viele Opfer würden durch den Apparat aus Justiz und Psychiatrie erst "produziert". Bereits auf der ersten Seite wird detailliert dargestellt, dass sexueller Missbrauch nur selten von Pädophilen verübt wird - nämlich in weniger als 5% der Missbrauchsfälle. Der Großteil der Täter seien von der Veranlagung her heterosexuell und interessiere sich somit "nicht in erster Linie für Kinder".
Eine Erklärung, warum heterosexuell orientierte Männer Kinder missbrauchen findet der Autor bei Prof. Klaus Beier, dem Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft der Berliner Charité: Die nicht-pädophilen Sexualstraftäter hätten Probleme mit Frauen in ihrem Alter, z.B. wegen einer starken Intelligenzminderung. Dem eigentlichen Kern des Themas, der Pädophilie, nähert sich der Autor nur kurz:
"Solche Menschen, die sich meist schon als Teenager zu Kindern hingezogen fühlen und auch später keine anderen erotischen Interessen haben, sind für die Forschung ein großes Rätsel." Und weiter: "Ginge es lediglich darum, sich an dem Körper des Kindes als dem begehrtem Sexualobjekt zu befriedigen, dann wäre das oft befremdlich 'unerwachsene Drumherum' überflüssig", wird der verstorbene Gerichtsgutachter Eberhard Schorsch zitiert. Der Autor konkludiert "Viele Pädophile sind von Kindern nicht nur sexuell fasziniert, sondern von deren ganzen Welt. Sexualverkehr mit Kindern haben Pädophile selten, meist bleibt es beim Fummeln und Masturbieren - was für die Opfer nicht unbedingt weniger Folgen hat. Gewalt wenden Pädophile selten an."
In Stichworten fasst der Autor seine Erkenntnisse wie folgt zusammen:
Trotz guter Ansätze schafft es der Autor nicht, sauber zwischen den Themen Pädophilie und sexuellem Missbrauch zu unterscheiden. Es ist nicht immer deutlich, ob er mit "Pädophilen" Pädophile oder Sexualstraftäter meint, obwohl er diese Unterscheidung bereits eingangs und auch später für bedeutend hält. Die Stärke des Artikels liegt in der umfangreichen Recherche des Journalisten auf wissenschaftlichem Gebiet. Die Fakten werden fernab medialer Empörung dargestellt und eine Tendenz des Autors lässt sich nicht erkennen.
Allerdings wird der Artikel der Überschrift, die Informationen über "echte Pädophile" nahe legt, nicht gerecht. Das liegt zum einen an der leider doch nicht ganz klaren Abgrenzung zum Thema sexueller Missbrauch. Andererseits findet die Pädophilie nur Erwähnung im Zusammenhang mit Sexualstraftaten, so dass der Eindruck entsteht, dass es sich bei Pädophilen ausschließlich um Sexualstraftäter handelt. Über die große Mehrheit der straffrei lebenden Pädophilen, die in ihrem Dilemma von Staat und Gesellschaft allein gelassen werden erfährt der Leser leider nichts.
© ITP-mt 2004
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