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Aktuelle Beiträge / Archiv / Kinder
Das ist der Seufzer einer Mutter am Bett ihres schlafenden Sohnes,
der mit 12 Jahren schon der Unschuld entsagte..
Die Mutter kann es immer noch kaum fassen. Wie konnte sie nur so gottsträflich naiv sein, sich von ihm so hintergehen lassen! Von ihrem Sohn, der doch so ein richtiger Junge ist, Fischstäbchen heiss begehrt, Hotdogs am Laufmeter verschlingt, Gummibärchen in sich hineinstopft und den "Rosaroten Panther" und das "Tal des roten Flusses" auf dem Piano klimpert, bis jemand um Gnade winselt; er ist begeistert von Gruselfilmen und schleicht um den Nacken seiner kleinen Schwester wie "Jack der Vampir".
Sie will den Jungen ja nicht unterdrücken, ihm nicht alle Freiheiten nehmen, aber nun wird sie alles tun, um ihn zu schützen: Er darf nicht mehr ins Internet, ohne dass Vater oder Mutter dabei sind.
Was ist passiert?
Der Junge war immer ein glänzender Schüler gewesen, hatte beste Noten nach Hause gebracht, liebte das Fach Geschichte über alles und hatte sich nach Schulschluss jeweils ohne Aufhebens hinter seine vielen Hausaufgaben gemacht. So auch in den ersten Monaten des 7. Schuljahres. Er bat um Zutritt zum Internet, was ihm die Mutter auch erlaubte. Schliesslich war es für die Schule: da musste er was fürs Fach Biologie nachschauen, dort was über chinesische Geschichte.
Bis nach den ersten Monaten des 7. Schuljahres der Hausaufgaben immer weniger wurden, er nach hastiger Zwischenmahlzeit zu seinem Freund (zum Spielen!) eilte... Wie war ich doch blöd! Seine Streifzüge im Netz unterlagen keiner Beschränkung meinerseits, schliesslich klangen seine Begründungen vernünftig: "Ich muss noch was in Biologie nachschauen, und in chinesischer Geschichte brauche ich noch Unterlagen über Mao. Und dann suche ich noch etwas über Gruselfilme und Max Schreck. Das kann ich aber nicht, wenn du mir dauernd hinterher bist, da komm ich nirgends hin."
So stellte ich meinem Jungen denn meinen Computer im Büro-Zimmer zur Verfügung - "für Forschungszwecke". Schliesslich war er seit Jahren ein Schüler mit lauter Sechsern im Zeugnis, und die Lehrer schätzten ihn sehr. Dummkopf, dein Name ist Mutter! Lassen Sie mich erzählen, wohin das schliesslich führte.
In den ersten paar Monaten der 7. Klasse (da war er 13), kam der Junge jeden Tag mit einem Haufen Hausaufgaben nach Hause. Einmal waren es Statistiken oder etwas Aktuelles, oder es war eine Arbeit in Biologie. Stets machte sich der Junge ohne grosses Aufheben in der Stille seines Zimmers an die Aufgaben. Aber gegen November verbrachte der Junge immer weniger Zeit mit Hausaufgaben. Beschäftigt mit seinen beiden Schwestern und meiner eigenen Arbeit, dachte ich, er habe sich nun in den Arbeitsrhythmus der 7. Klasse eingelebt und teile seine Zeit einfach klüger ein. Ha ha haaa! Gegen Mitte November hatte er überhaupt keine Hausaufgaben mehr. Und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Jeden Nachmittag platzte er ins Haus, warf seinen Tornister irgendwohin, wo sicher jemand seine Rippen brechen musste, eilte zielstrebig zur Küche, um sich einzuverleiben, was nicht nagelfest war, und mit einem "Keine Hausaufgaben! Ich gehe zu Pete Roller Coaster Tycoon spielen" war er weg.
Roller Coaster Tycoon ist ein Computerspiel, in welchem die Spieler Achterbahn fahren; der Junge war besessen davon. Wärs nach ihm gegangen, hätte er sich jeden Tag zu Pete gebeamt, aber nun schritt ich zur ernsten Vernehmung: "Wie kommt es, dass du keine Hausaufgaben hast? Letztes Jahr hattest du massenweise Hausaufgaben an dieser Schule."
"Ich weiss auch nicht, es ist wirklich komisch."
"Aber du musst doch wissen, was los ist! Keine Aufgaben? Gar keine?"
"Ich habe sie noch in der Schule erledigen können."
"Und die Lehrer gaben dir nichts weiter zu tun? Gar nichts?"
"Nein, Mama, ich versteh das selbst nicht." (Jetzt lügt er mir schon direkt ins Gesicht! Aber sein verwirrter Blick wirft mich um, ist er doch so durcheinander wie ich.)
Ich versuch es noch einmal: "Gab es irgendwie neue Überlegungen über weniger Hausarbeiten?"
"Die Lehrer geben Extra-Punkte für zusätzliche Hausaufgaben, aber das macht ja keinen Sinn, wenn man sonst schon lauter Sechser schreibt."
"Aber du schreibst ja gar nicht lauter Sechser!"
"Doch, doch. Ich werde, ich habs vor. Ich habe einige Sechser bekommen. Mach dir keine Sorgen. Vielleicht gönnen die Lehrer uns einfach mehr Freizeit und geben uns dieses Jahr deshalb weniger Hausaufgaben."
Was für ein geschliffener Gesprächspartner! Jetzt, wo ich das schreibe, denke ich: "Hätte ich eigentlich noch ein grösserer Idiot sein können?" Aber es gab weder Anrufe noch Briefe von den Lehrern, die auf kommende Probleme hingewiesen hätten. Aber dann spätabends murmelte er fast wie zufällig: " Übrigens, morgen habe ich ein Quiz in Biologie." Eine Minute später präzisierte er seine Aussage: "Eigentlich ist es kein richtiges Quiz, eher ein Test." Und zwei Minuten später gestand er: "Genau genommen ist es eine Prüfung."
Nach seiner tristen Darbietung bezüglich der "Prüfung" nahte der Tag der Abrechnung rund eine Woche später, als mich eine Mutter anrief und fragte, ob ich auch zum Elternbesuchstag kommen würde. Elternbesuchstag? Davon hörte ich zum ersten Mal.
Als er sich an jenem Nachmittag wieder durch die Tür drückte mit seinem "Keine Hausaufgaben!", fing ich ihn ab und sagte: "Es ist Elternbesuchstag. Wir werden deine Lehrer treffen und sie fragen, warum ihr den ganzen letzten Monat keine Hausaufgaben gehabt habt."
Der Junge erbleichte und schluckte tief. Schaut, schaut! Man konnte direkt fühlen, wie sehr sein kleines 7.-Klässler-Hirn um eine Ausrede rang. Als ich seine kleine Schwester auf ihren Sitz im Auto verfrachtete, ächzte er: "Also, weisst du, in Geschichte bin ich mir nicht so sicher. Da weiss ich nicht genau, was für eine Note ich habe."
"Ah wirklich? Du meinst, du hast eine Drei?" Dabei war dieser Junge in den Jahren zuvor von Geschichte begeistert gewesen. Es folgte eine Stille, die alles erklärte. Und mir wurde klar, dass der Junge lediglich auf eine Drei hoffte - und die war nicht einmal sicher.
Ich erfuhr einiges am Elternabend, einschliesslich der Tatsache, dass - man höre und staune - die Lehrer nie aufgehört hatten, Hausaufgaben zu geben. Sein Biologielehrer sagte: "Ihr Sohn hat 200 Punkte verpasst, weil er es versäumt hat, Arbeiten einzureichen." Sein Mathelehrer meinte: "Hm, er hat angefangen, mit seinem Banknachbar Eddie zu schwatzen, und seither geht Mathe bei ihm zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus. Er hat acht Aufgaben versäumt, mindestens." Sein Geschichtslehrer sagte: "Er ist ein grossartiger Junge. Nur lebt er seit einiger Zeit auf dem Mars." Alles in allem: Der Junge war nirgends durchgefallen, aber er hatte so schlechte Noten wie noch nie: eine 2 in Geschichte.
Nach mehreren Tagen voller Tränen, Dispute und Empörung wegen der Lügen und der allen Betroffenen gegenüber erwiesenen Respektlosigkeit holte ich endlich tief Atem und sagte: "O.K., ich frage dich nicht voller Wut, ich frage dich nur: Was hast du dir dabei gedacht? Was hast du dir dabei gedacht, als du hier einen Monat lang Tag für Tag auftauchtest und uns anlogst, und deinen Vater, und deine Schwester, die am Tisch sass und stundenlang an ihren Hausaufgaben kaute?"
Nach einer Pause sagte er: "Ich wollte sehen, wie viel es vertragen würde."
Das war die erste ehrliche Antwort von ihm seit Monaten. Natürlich musste er alles nacharbeiten, jeden einzelnen Auftrag und jeden Extrapunkt, den er sich hätte holen können. Ich wurde sein grausamer Aufseher. Ich strich ihm die zauberhafte Bergtour mit seinen Onkeln. Ich konfiszierte seine Achterbahn- und Nintendo-Spiele. Lollipops gabs keine mehr im Haus, sie waren weggesperrt im Kofferraum des Autos.
Ich machte ihm klar, dass in seiner Familie Nachlassstundung kein Thema wäre. Sämtliche Extra-Aufgaben würden nachgemacht werden, mit oder ohne Zusatzpunkte - offen gestanden: er verdiente keine Zusatzpunkte, denn die andern Kinder hatten ihre Aufgaben zur Zeit eingereicht. Die kurzen Weihnachtsferien nutzte er zum Aufholen, zwei Stunden täglich.
Nach den Ferien reichte er all seine Aufgaben ein, und von mir musste er täglich seine Schultasche kontrollieren lassen. Er schien irgendwie erleichtert, dass alles ans Tageslicht gekommen war. Und ich war stolz auf ihn, dass er alles wieder in Ordnung gebracht hatte, aber ich hätte nur allzu gerne gewusst, was ihn so aus dem Geleise geworfen hatte. Ende Januar sollte ichs endlich herausfinden.
Eines Abends war ich unten, als einer seiner Freunde anrief. Mein Junge ging nach oben, liess aber den Hörer unaufgelegt. So lauschte ich schamlos nach Anhaltspunkten, um ein weiteres katastrophales Schulhalbjahr zu vermeiden. Und ich hörte ihn nuscheln: "Hoi, Sam, hast du abgespritzt in der Geschichtsstunde?" Während die beiden in schallendes Gelächter ausbrachen, setzte bei mir fast die Atmung aus.
Später konfrontierte ich ihn damit und sagte: "Vielleicht sind deine Noten so lausig geworden, weil ihr in der Geschichtsstunde abgespritzt habt?"
"Nein, ich nie! Das ist nur eine Redensart", wand er sich.
"Gut", sagte ich und brachte es sogar fertig, elterlich korrekte Worte zu finden, "denn, weisst du, Masturbieren ist etwas total Normales. Aber das kannst du in deinem eigenen Zimmer machen, nicht im Klassenzimmer."
"Ich weiss das doch, glaubst du, ich weiss das nicht!"
Am nächsten Tag ging ich, noch immer leicht taumelnd, an den Computer, um seine E-Mails durchzuchecken und mir die Webseiten anzusehen, die er besucht hatte, hatte ich doch eine leise Ahnung. War das nun falsch, was ich tat? Drang ich damit in seine Privatsphäre ein? Wenn er 16 oder 18 wäre, aber er war ja erst zwölf! Ich sah keine andere Möglichkeit. Ich musste in Erfahrung bringen, was mit ihm los war.
Seine E-Mails enthielten nichts Besonderes - das Übliche bei 7.-Klässlern: Tipps, die weitergegeben wurden, wie man einen Freund/eine Freundin gewinnen konnte; einen elektronischen Kettenbrief, der Bargeld versprach, und auf einer E-Mail stand nur: "Wie gehts?"
Dann machte ich mich hinter seine Webseiten-Besuche. Vielfach gings um Schulwissen, Max Schreck, Afrika... Und dann stiess ich auf sie: Freies Bums-Theater, das Sexleben von Berühmtheiten, riesentitten.com. Ich begab mich auf die Seiten, um zu sehen, wie schlimm es war - und es hätte schlimmer nicht sein können. Es war sehr schlimm. Ouh, ouh, ouh!
Sein Vater war nun dran, ihn mit den Fakten zu konfrontieren. Den Jungen würgte es im Hals, seine Augen irrten nach Halt. Schliesslich stiess er mit gespielter Erleichterung hervor: "Das? Das ist altes Zeug, das ist schon Jahre her."
Wie lange denn? Als er sieben war?
Sein Vater erwiderte: "Die Liste der besuchten Webseiten gibt nicht an, dass du etwas z.B. 1995 besucht hast. Sie zeigt nur, was du in letzter Zeit besucht hast."
In die Enge getrieben, gab er schliesslich zu, dass er Sexseiten aufgesucht hatte, aber er schwor, nie mit jemandem gechattet oder etwas gekauft zu haben. Er tat es nur, weil ihm die Kameraden in der Schule gesagt hatten, welche Seiten er ausprobieren sollte. Ich mischte mich ins Gespräch, und wir sprachen über die Entwürdigung der Frau durch die Art und Weise, wie sie auf diesen Webseiten gezeigt wurden, und dass er zwei Schwestern hatte...
Und dann tat ich etwas, wovon er immer noch keine Ahnung hat und was ich ihm erst erzählen werde, wenn er erwachsen ist. Ich verschaffte mir eine anonyme E-Mail-Adresse eines anderen Internet-Providers und schrieb meinem Sohn eine E-Mail, indem ich vorgab, ein Fremder zu sein, ein Mann. Ich schrieb was von: "Hi, wie gehts? Hast du Spass an unseren Webseiten? Wie alt bist du denn, junger Mann? Schreib zurück."
Ich schrieb nichts Widerliches und schlug ihm auch kein Treffen vor. Ich wollte ihm nur zeigen, dass er beim Surfen auf Sexseiten von Schleichern aufgespürt werden könnte, die nach Kindern Ausschau halten.
Einige Stunden später tönte es vom Computer her mit ängstlich-fragender Stimme: "Mama, kennst du jemanden mit diesem Namen?"
Unschuldig dreinschauend, sagte ich: "Nein. Warum, was hat er geschrieben?"
Er war nervös und meinte nur: "Nichts, schon gut. Er scheint nur zu wissen, welche Seiten ich besucht habe."
Darauf erklärte ich ihm: "Leute können dir ein so genanntes Cookie in die E-Mail setzen und dann nachverfolgen, in was für Webseiten du dich bewegst. Tu einfach nicht dergleichen - und gib ihm auch keine Antwort. Er wird dich in Ruhe lassen." (Ich weiss nicht, ob das mit den "Cookies" so funktioniert, aber es tönte auf alle Fälle plausibel.)
Der Junge atmete erleichtert auf, obwohl ich feststellen konnte, dass er den Namen des Fremden noch den ganzen Abend mit sich herumtrug und rätselte, wer das wohl sein konnte. Wie ich ihm geraten hatte, schrieb er nie zurück, und so liess ihn der "Fremde" in Ruhe. Auch darf er nun nur noch unter Aufsicht surfen, einer von uns Eltern ist immer mit im Zimmer.
Manchmal frage ich mich: Wie konnte ich nur je geglaubt haben, eine gute Mutter zu werden. Ich hatte ja von nichts eine Ahnung. Und immer noch frage ich mich, ob ich das Richtige tat, als ich den Namen eines Fremden annahm und ihm die E-Mail schrieb. Wahrscheinlich nicht. Aber ich war so verängstigt. Ich musste ihm zeigen, dass er nicht anonym surfen konnte, dass seine Aufenthalte auf solchen Webseiten ihm gefährlich werden konnten. Ich wollte ihm - zu seiner eigenen Sicherheit - Angst einjagen.
Er ist ein guter Junge. Er verschlingt Bücher und fleht um jeden Fernsehfilm, und beim Zahnarzt schlingt er seine Arme um mich oder seinen Vater.
Wie soll ich aus ihm einen verantwortungsvollen und liebenden Mann machen, wenn gleichzeitig Sexgeschichten von Berühmtheiten und Gratis-Bums-Theater auf ihn eindringen? Ich kann es nur tun, solange ich weiss, wo er sich in seiner Entwicklung als Teenager befindet. Ich kann ihn "Pollock" sehen lassen an Stelle von "Hannibal", "Babettes Fest" an Stelle des "Schweigens der Lämmer". Ich kann ihn zu einem Vortrag von Schwester Helen Prejean mitnehmen. Ich kann ihn und seine Schwestern zum Skifahren in die Berge fahren. Ich kann ihn mit zur Kirche nehmen, obgleich er mir neulich erklärt hat, er glaube nicht an Gott oder ziehe es vor, an Zeus anstatt an Gott zu glauben. Ich kann mit ihm weiterhin spazieren gehen...
Was könnte ich noch für ihn tun? Er ist ein lieber, fröhlicher Junge, der "BigBoos.com" hört und denkt: "Das ist was für mich. Das muss ich ausprobieren." Ich weiss, dass ich ihn nicht ewig schützen kann. Ich weiss auch, wenn ich mich bei Eltern umsehe, die schon ältere Kinder haben, dass das, was mir jetzt so schlimm vorkommt, mir in der Rückblende als völlig harmlos erscheinen wird. Was ich im Tiefsten möchte, ist, dass der Junge noch ein bisschen länger ein Junge bleibt. Er entgleitet mir viel zu schnell aus seiner Kindheit!
Es wird wahrscheinlich Zeit, ihm die "Achterbahn" wieder zurückzugeben. Seine Noten sind bedeutend besser geworden. Und während er schläft, werde ich ihm vielleicht ins Ohr flüstern: "He, mein Schatz, könntest du nicht noch ein bisschen länger ein Kind bleiben?"
© Margot Nightingale (Pseudonym einer Schriftstellerin aus dem südlichen Kalifornien)
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