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Aktuelle Beiträge / Archiv / Medien
9. Oktober 2007
Cover von DATUM (10/07)
"Spielverderber -
Die Pädophilen. Eine Kinderkrankheit."
In der Zeitschrift «DATUM», einem österreichischen Magazin "für den anspruchsvollen Leser", versuchen die Autoren Anna Giulia Fink und Solmaz Khorsand das Phänomen Pädophilie zu beschreiben. Mit dem Anspruch möglichst objektiv und umfassend zu berichten, kommen neben Fachleuten sowohl Sexualstraftäter und auch pädophile Aktivisten ausführlich zu Wort. Die Autoren Fink und Khorsand wagen gerade mit der Darstellung der Positionen von pädophilen Aktivisten einen Tabubruch. Offensichtlich um Fairness und Objektivität bemüht überlassen sie es dem Leser aufgrund der beschriebenen Meinungen sich selbst eine Meinung zu bilden. Das Ergebnis ist ein mutiger Beitrag zur freien Meinungsäusserung und Meinungsbildung.
Der mündige Leser
Mit dem Vorgehen von Fink und Khorsand pädophile Ideologen zu Wort kommen zu lassen, beweisen die beiden Autoren neben Mut ein Vertrauen in ihre Leserschaft, die man sich auch in anderen anspruchsvollen Magazinen wünschen würde. Meinungsfreiheit und die umfassend objektive Berichterstattung sind unterschätzte Werte in einer nach der Maxime Gerechtigkeit funktionierenden rechtsstaatlichen Demokratie. Die Berichterstattung zum Thema Pädophilie erschöpft sich seit Jahren fast ausnahmslos bei der Darstellung des typisch zwanghaften Sexualmonsters, das aus niederen Beweggründen wie der Übermacht über das Opfer oder anderen geistigen Defiziten heraus in egoistischem Sinne immensen Schaden anrichtet. Diese Darstellung wird gebetsmühlenartig wiederholt. Oft sind solche Berichte, selbst wenn sie anspruchsvoll geschrieben sind, komplett losgelöst von einer spezifischen Recherche und könnten als Vorlage für jede Menge weiterer Berichte dienen, bei denen man dann nur noch die Namen, Orte und Daten ändern müsste. Es gibt nicht viele Medienschaffende, die ihre Konsumenten für mündig und intelligent genug halten um sie mit politisch unkorrekten oder dem Mainstream widersprechenden Meinungen zu konfrontieren.
Die Autoren Fink und Khorsand scheinen ihre Leser jedoch für mündig zu halten und das ist schon einmal höchst erfreulich. Ganz dem Anspruch des Magazins «DATUM» werden sie aber nicht gerecht. Ihr Text weist einige Finten und unpräziese Details auf, die einem aufmerksamen und kritischen Leser in's Auge springen. Im Profil des Magazins «DATUM» steht unter anderem: «DATUM» "will glaubwürdige Geschichten, die ihm (dem Leser Anm. der Red.) einen Mehrwert an Wissen bescheren, der für ihn konkret im Alltag nutzbar ist" vermitteln. Diesem Anspruch widersprechen solche journalistischen Finten wie sie im Folgenden durch ITP-arcados beschrieben werden.
Böse Onkels
Der Text beginnt mit der Vor- und Darstellung eines Mannes mit dem Pseudonym Martin Dnik. Martin Dnik hat "Knopfaugen" und "Wurstfinger". Er "leckt sich mit der Zunge über die Lippen" und "reibt sich den Bauch". Da mag man den Autoren nicht wirklich glauben, wenn sie den Mann "sympathisch" finden, wie sie unmittelbar nach dieser bildlichen Charakterisierung schreiben. Fast scheint es, als hätten sie sich überaus mutig zu dem Wort "sympathisch" durchringen müssen und seien von der eigenen Courage erschrocken, da sie dann gleich anfügen: "Der 51-Jährige spricht über seine Lieblingsserien, beschreibt bekannte Charaktere und Szenen und lässt so immer wieder kurz vergessen, mit wem man es zu tun hat."
Der Start in den Text ging gründlich in die Hose. Als Leser findet man den Mann nämlich bereits alles andere als sympathisch. Und man hat zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal erfahren was er denn verbrochen hat. Nun geht es natürlich nicht darum in einem solchen Text einen 'Solchen' als sympathisch oder unsympathisch darzustellen, es geht nur darum ihn vorzustellen, so wie man auch sonst einen Menschen vorstellen würde. Mit dieser bildlichen Darstellung versuchte man möglicherweise den Text etwas bunter zu machen - leider blieb dabei der hohe Anspruch auf der Strecke. Denn, es ist eigentlich egal wie Dnik aussieht, es ist egal was er gerne isst (hier sind es in seinem Fall absolut unwichtigerweise "Rindsrouladen") und es ist egal ob er sich mit der Zunge über die Lippen leckt oder den Bauch reibt: Die Worte Lecken und Reiben in diesem Kontext zu verwenden ist ungeschickt. Die Worte "Lecken", "Reiben" und "Wurstfinger" haben im Kontext eine negative Wirkung. Selbst die "Rindsrouladen" wirken. Und das ist nicht guter Journalismus.
Pädophilie - Eine (Kinder-)Krankheit?
Der Text enthält einiger solcher Finten, die unnötig sind und dem hohen Anspruch schaden. Aber es sind nicht nur diese Finten. Im Text hat es auch unpräzise und irreführende Informationen. So ist es zum Beispiel unpräzis was «DATUM» über die Häufigkeit von selbst erlebtem sexuellen Missbrauch bei Pädophilen schreibt. Es gibt nur ganz wenige wissenschaftliche Auswertungen die sich dann aber ausnahmslos auf Sexualstraftäter stützen. Die Aussage, Pädophile seien meist als Kind selbst missbraucht worden, suggeriert, dass dies eine Ursache sei, was irreführend und wissenschaftlich nicht haltbar ist.
Eine weitere Ungenauigkeit hat sich in einem Abschnitt mit dem Titel "Fragen an die Maus - Was ist Pädophilie" eingeschlichen:

Sexualwissenschaftlich ist es umstritten als was Pädophilie gilt. Neigung? Orientierung? Ausrichtung? Gerade die fehlenden Unterscheidungsmerkmale zu anderen "sexuellen Orientierungen" spricht dafür, dass Pädophilie als eine eigene sexuelle Orientierung zu gelten hat.
Das Fehlen einer therapeutischen Massnahme zur "Linderung" der Krankheit Pädophilie, insbesondere das Fehlen von krankheitsspezifischen Symptomen spricht dagegen, dass man Pädophilie als Krankheit bezeichnen darf. Dem gegenüber ist pädosexuelles Verhalten und auch das Empfinden normabweichend und kann darum als abnormal, also in der Laiensprache als "krank" bezeichnet werden. Das Problem dabei ist: was in der Laiensprache "krank" bedeutet hat nur wenig mit der medizinischen Bezeichnung von Krankheit zu tun. Und so kann und muss es möglich sein, dass jeder Mensch, egal welcher sexuellen Orientierung, Ausrichtung oder Neigung als gesund zu gelten hat, solange er nicht leidet oder seine Umwelt unter ihm leidet. Viele Menschen haben vielleicht absurde und möglicherweise auch illegale sexuelle Fantasien, leben aber glücklich, legal und intergriert. Also darf man alleine wegen der sexuellen Ausrichtung, Orientierung oder Neigung alleine nie von Krankheit sprechen.
Die Klassifizierungen der ICD-10 und insbesondere der DSM-IV sind umstritten und überholt, dienen aber noch ausreichend der psychologisch diagnostischen Beschreibung des Phänomens. Mehr aber nicht. Schon gar nicht kann aufgrund der Beschreibung des Phänomens in diesen Klassifizierung darauf geschlossen werden, dass man von Krankheit spricht, weil man damit der Definition des Begriffs Krankheit nicht gerecht wird.
Weit moderner und präziesr ist die durch Ahlers, Schaefer und Beier im „Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit in DSM-IV und ICD-10.“, Sexuologie 12 (3/4) , S. 145 (2005) dargestellten Aufteilung der menschlichen Sexualität in drei verschiedene Komponenten:
a) Die sexuelle Orientierung: Die Orientierung bezieht sich auf das Geschlecht, also auf Männer oder auf Frauen. Als Orientierungen gibt es Heterosexualität, Homosexualität und Bisexualität.
b) Die sexuelle Ausrichtung: Die Ausrichtung bezieht sich auf das Alter der bevorzugten Sexualpartner. Hier unterscheidet man das Interesse am kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Körper.
c) Die sexuelle Neigung: Der Begriff der Neigung bezieht sich auf die Sexualpraktiken, also die Art und Weise, in der jemand seine Sexualität auslebt bzw. ausleben möchte. Die Bandbreite der in Frage kommenden sexuellen Neigungen ist gross. Ein Mensch kann z. B. sadistisch geneigt sein, masochistisch, voyeuristisch, exhibitionistisch oder fetischistisch.
Betrachtet man die menschliche Sexualität mit diesen drei Komponenten, dann stellt sich die Frage, woran man nun den Begriff Krankheit festlegen will. Am Empfinden, am Verhalten, an der Orientierung - oder in der Abweichung vom Normalen? Und wer definiert nun "normal"?
Therapie? Ja oder nein? Wenn ja, zu welchem Zweck und zu welchem Nutzen?
Gerade zur Frage von Therapieangeboten für Pädophile wirkt der Text ungenau und in sich selbst nicht schlüssig.

Der Text enthält viele Voten die eine positive Bewertung von Therapien enthalten. Nicht nur Dnik, der pädophile Sexualstraftäter äussert sich sehr positiv dazu, auch die zu Wort kommenden 'Experten' werden nicht müde Therapien als wirksame Massnahme anzupreisen. Einzig die Autoren scheinen nicht ganz der präventiven Wirkung von Therapien zu vertrauen und schreiben im Kontext von gebetsmühlenartigen Wiederholungen, man höre den Therapeuten aus Dnik sprechen oder die eingetrichterte Antwort kommt zu schnell um wirklich aufrichtig zu sein.
Es stellt sich die Frage: Therapie? Wozu überhaupt? Kann es motiviertes Therapieziel sein für einen Teil der Gesellschaft als kleinere potentielle Zeitbombe wahrgenommen werden? Stellt nicht die gesellschaftliche Stigmatisierung selbst eine unüberwindbare Barriere vor jede mögliche geistige Heilung und Einsicht auf? Richtig und wichtig für eine therapeutische Massnahme ist die Kontrolle der Verhaltensebene, die erworben werden kann. Für die sexuelle Ausrichtung, Neigung oder Orientierung ist kein Mensch selbst verantwortlich und durch keine therapeutische Massnahme kann eine gesellschaftskonforme Umpolungen erreicht werden. Weiter sucht sich kein Mensch aus, welche sexuellen Vorlieben er hat. Aber über die Selbstakzeptanz, über Selbstsicherheit und über das Erreichen einer stabilen sozialen und existentiellen Grundlage kann man für einen Betroffenen, und damit auch indirekt für die besorgte Gesellschaft, reale Sicherheit schaffen. Leider werden gerade Sexualstraftäter oft daran gehindert existentiell und integriert zu leben, was ein Hauptgrund für die Rückfallgefahr von entlassenen Sexualstraftätern darstellt.
Darf man ein Interview mit einem 'Solchen' abdrucken?
Das Interview mit De Jonge, einem Protagonisten der europaweit bekannten niederländischen "Pädophilenpartei" ist wohl der mutigste Teil des ganzen Berichts. Nur wenige Menschen werden, nach den wütenden und empörten Berichten in der europäischen Presse, sich jemals die Mühe gemacht haben selbst auf der Webseite der PNVD (Partei für Nächstenliebe, Freiheit und Vielfalt) nachzulesen, worum es dieser Partei eigentlich geht. Neben vielen durchaus sinnvollen und gesellschaftlich verträglichen Forderungen, fordert sie aber das Schutzalter auf 12 Jahre zu senken und Tiersex zu legalisieren. Diese Forderungen waren der Anlass für besorgte Zeitgenossen auf die Barrikaden zu steigen. Verbote wurden gefordert, Demonstrationen und Mahnwachen abgehalten. Die drei aktiven Parteigenossen wurden als Gefahr für die westliche Welt wahrgenommen und mussten unter Polizeischutz gestellt werden, wobei erstaunlicherweise die Forderung nach der Senkung des Schutzalters auf 12 Jahre (also zwei Jahre tiefer als zur Zeit in Deutschland und ein Jahr tiefer als in Japan und Spanien wo das Schutzalter zur Zeit bei 13 Jahren liegt) als gefährlichste Forderung angesehen wurde, während die Forderung nach legalem Tiersex kaum Beachtung fand. Folglich galt die Partei fortan als "Pädophilenpartei" - und war somit in der Wahrnehmung der meisten Menschen noch schlimmer und gefährlicher als jede noch so radikale oder neofaschistische Partei. Darf man nun mit einem 'Solchen' ein Interview führen und seine Meinung auch noch abdrucken? Wenn man Meinungsfreiheit als ein schützenswertes Gut empfindet, muss man auch solche Meinungen aushalten. Der mündige Leser wird sich über die Argumente schon selbst eine eigene Meinung bilden können. Es ist den Autoren und dem Magazin «DATUM» hoch anzurechnen, dass sie den Mut dazu fanden.
Fazit
Der Bericht endet mit den zweideutigen Worten: "Ob sich Martin Dnik trotzdem vorstellen kann, eigene Kinder zu haben? „Warum nicht. Ich habe kein Problem damit“, sagt er ernst."
Gut gemeint ist nichts anderes als schlecht gemacht. Der ganze Bericht kommt in seiner Gesamtheit nicht aus seinen gut kaschierten Werturteilen heraus. Die Autoren haben sich sozusagen immer wieder selbst kleine Rettungsanker mit eingebaut um im Fall der Fälle (zu heftige Kritik) sich selber doch noch aus der Affäre retten zu können. Dazu dient nicht nur die Finte mit dem schlechten Start, sondern auch wie der Bericht endet - nämlich bewertend und ungläubig. Der dicke Dnik geht ERNSTHAFT davon aus, dass er keine Probleme damit haben könnte wenn er eigene Kinder hätte.
Der Bericht hätte das Potential gehabt auch für Experten Neues zu liefern, hätte man bei der Beschreibung von Pädophilie (Fragen an die Maus) nicht einfach den entsprechenden Wikipedia Artikel abgeschrieben sondern aktuelle Forscher befragt. Die offensichtlichen Vorbehalte der Autoren gegenüber den heute gängigen Therapieansätzen und ihrer Wirkungen wären auch interessante Punkte gewesen. Diese Vorbehalte, die im Bericht nur angedeutet werden, jedoch das Empfinden der besorgten Bevölkerung wiedergeben, sind nämlich durchaus angebracht. Leider aber hat bislang niemand den Mut gefunden wirklich mit kritischen Fragen der forschenden Wissenschaft auf den Zahn zu fühlen.
© ITP-pe 2007 Quelle: «DATUM 10/07 »
Weiterführende Links:
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