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Aktuelle Beiträge / Archiv / Kinder

Heimerzieher bedauern Verlust an Intimität

In ein paar Jahren (oder Jahrzehnten?) wird man für die heutige Hysterie um den sexuellen Missbrauch nicht nur ein mitleidiges Lächeln übrig haben, man wird sie auch verfluchen, weil sie viel Zärtlichkeit im Keim erstickt hat.

Väter wagen nicht mehr, ihre Kinder zu streicheln; in Jugendstrafanstalten lässt man Zöglinge lieber durchs Fenster springen, als dass man sie zurückhielte (weil man ihn oder sie ja dann anfassen müsste - was dem Aufsichtspersonal verboten ist!) ...

In ihrem Buch "Intimität: Bedroht oder bedrohlich?" lassen Joanka Prakken und Piet Driest 18 Heimerzieher über Zärtlichkeit und Intimität zu Wort kommen. Die Autoren wollen damit eine Diskussion in Gang setzen über erlaubte und unerlaubte Formen in der Betreuung von Kindern. Die Frage lautet: Wo sind die Grenzen zu ziehen?

Den befragten Heimerziehern macht diese Frage zu schaffen. Ein ehemaliger Gruppenleiter in einer Internatsschule für schwierige Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren erzählt: "Wenn nachts ein Kind an deine Tür klopft, musst du unverzüglich einen zweiten Kollegen aufwecken. Du musst drauf achten, dass immer zwei von den Heimleitern zugegen sind. Früher deckten wir die Jugendlichen zu, wenn sie zu Bett gingen, und sagten ihnen liebevoll gute Nacht. - Nun machen wir das vom Gang aus."

Wer alle Interviews im Buch gelesen hat, wird mit diesem Gruppenleiter übereinstimmen, der mitten im Interview seufzte und meinte, er wäre besser Maurer geworden.

Warum kann man richtig lieb und zärtlich sein mit alten Leuten, die geistig nicht mehr so recht im Kopf sind, nicht aber mit Kindern? Warum können sich Frauen punkto Zärtlichkeiten viel mehr erlauben als Männer? Ein Zeitungsartikel, der im Buch erwähnt wird, berichtet von einem Turnlehrer, der ein Mädchen von den Ringen stürzen liess - weil er nicht gewagt hatte, es anzufassen.

Die Missbrauchshysterie ist allerdings in den Interviews kein Thema. Die Heimerzieher scheinen resigniert und allfällige Gefühlsregungen an die (eiskalte) Kette gelegt zu haben.

Wer verletzt die zarte kindliche Seele: der Jugendführer, der sich zu sehr gehen lässt, oder die Gesellschaft, die - nach einer Periode von (vielleicht zu viel) Toleranz - nun ins andere Extrem fällt und überall sexuellen Missbrauch wittert?

In England werden dem männlichen Personal im Pflege- und Erziehungswesen Auflagen gemacht: Sie dürfen keine Kinder auf den Schoss nehmen, keine Windeln wechseln, den Kindern nicht auf die Toilette helfen, ohne es sei eine weibliche Kollegin dabei. Wann sind wir so weit, dass selbst für Väter solche Vorschriften erlassen werden?

Übersetzung und Zusammenfassung eines Artikels von Prof. Dr. Sjaak van der Geest (Universität Amsterdamm)

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