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Aktuelle Beiträge / Archiv / Pädophilie

Monster mit menschlichem Antlitz

Autorin: Dea Birkett. Erschienen: "The Guardian" 07.09.1997

Niemand wird so gehasst und so verachtet wie die Pädophilen, gegen niemanden richten sich so heftige Kampagnen wie gegen Pädophile. Wie können sie sich auch nur vorzustellen, dass ihre Begierden irgendwie zu rechtfertigen seien! Was empfindet ein Pädophiler, wenn er wegen seiner Sehnsucht nach Sex mit Kindern vor Gericht steht, sich selbst aber unschuldig fühlt?

Um das herauszufinden, sprach Dea Birkett mit einigen Untermenschen der heutigen Gesellschaft.

Gil
Gil ist ein netter, alter Mann. Er lebt in einer kleinen Wohnung an der Küste, wo er mir Tee anbietet und etwas zum Knappern aus einer alten Biskuitbüchse mit Szenen aus dem ländlichen England. Mit seinen 75 Jahren ist er immer noch ordentlich und sauber gekleidet. Seine Wohnung ist bescheiden eingerichtet, peinlich sauber, und über einem Büchergestell hängen zwei Fotos von seinen erwachsenen Töchtern mit ihren Kindern. Wie er so seine Pfeife stopft, erzählt er mir von seinen Abenteuern als junger Mann bei der königlichen Marine, von seinen Erfolgen in Schwimmwettkämpfen, von seiner kürzlichen Scheidung von seiner Frau, in aller Freundschaft, nach 50 Jahren Ehe. Er berichtet von seinem gestrigen Gang zur Bibliothek - alles Dinge, wovon halt Leute, die in die Jahre gekommen sind, eben plaudern. Und dann erzählt er mir noch etwas, was meinen Eindruck von diesem netten Mann verwirrt. Er erzählt mir, dass er Kinder sexuell begehrt: "Ich möchte eine liebevolle Beziehung zu einem Kind", sagt er, und seine müden Augen werden ihm beim Gedanken wässrig.

Als ich ihn frage, wie alt denn das Mädchen sein sollte, meint er: "Acht oder neun, am liebsten blond, mit einem guten Charakter." Er schämt sich seiner Wünsche nicht. "Ich bin nur traurig, dass der Rest der Welt deswegen mit Verachtung auf mich niedersieht."

Pädophile sind die am meisten gefürchteten und verabscheuten Männer in unserer Gesellschaft. Überall im Land gibt es Gruppierungen von besorgten Müttern, manche nicht grösser als eine Kaffee-Runde, deren einziges Ziel es ist, Pädophile in ihrer Nachbarschaft aufzuspüren und zum Teufel zu jagen. Die Namen dieser Kampagnen - Feldzug gegen Pädophile / Eltern gegen Kindsmissbrauch / Macht des Volkes / Kenne Deinen Nachbar / Eltern für die Verschärfung des Sexualstrafrechts / Inoffizielle Kinderschutz-Vereinigung - verraten ihren missionarischen Eifer. Es ist eine Bewegung von unten, aus dem Volk. Lokale Zeitungen versehen sie oft mit den nötigen Unterlagen und Details längst vergangener Fälle von Kindsmissbrauch aus früheren Ausgaben. "Oxford Mail" und "Bournemouth Echo" führen informelle Datenbanken von Sexualstraftätern, und der "Scottish Daily Record" publizierte eine "Galerie der Schande" mit den Fotos 38 verurteilter Pädophilen. Sonntags-Boulevardblätter beschäftigen eigens Reporter, die sich der Jagd auf Kindersex-Monster widmen und damit ganze Seiten füllen. Das ganze Land ist von der Pädophilie besessen.

Lynchjustiz
Solche Bekanntmachungen führen unvermeidlich zu Gewalttaten. Im Mai 1994 wurde das Heim von Dennis Butlin durch eine Brandbombe zerstört, ein junges Mädchen kam dabei in den Flammen ums Leben. Im Februar 1995 wurde Lawrence Leydon in Edinburg von Unbekannten erstochen. Letzten August drangen Aktivisten mit einem Feuerlöscher in der Hand in die Wohnung des 44-jährigen David Moist ein und verletzten ihn schwer. Im selben Monat wurde in Belfast Desmond Moonan, 53, erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Das waren alles bösartige Angriffe. Aber wenn wir das Wort pädophil vor die Namen dieser Männer setzen, verhärtet sich unser Herz: sie haben nur bekommen, was sie verdient haben!

Was immer auch ihnen angetan worden ist und wie sie auch behandelt worden sind, wir empfinden kein Mitleid mit Pädophilen. Was sie tun, lässt sich mit nichts wieder gutmachen. Wer möchte schon für die Rechte, ja sogar für das Leben eines Mannes einstehen, der ein 4-jähriges Kind vergewaltigen möchte! Dauernd werden Vorstösse lanciert, die eine unbegrenzte Überwachung ermöglichen sollen, von der elektronischen Fessel bis zur chemischen Kastration.

Pädophilen-Register
Gerade letzten Monat muss sich ein verurteilter Pädophiler aufgrund des Sex Offender Acts bei der Polizei registrieren liess. Tut ers nicht, droht ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu 6 Monaten oder eine Busse von 5000 £. Letzte Woche beantragte der Präsident des Vereins britischer Polizeikommandanten beim Innenministerium, die Namen und Fotos derjenigen im Internet zu veröffentlichen, die einer Registrierung nicht nachkommen, so im Stile der Liste der "Most Wanted" des FBI. Die Interessengruppe Aktion gegen die Ausbeutung von Kindern hat schon die Forderung nach einem zweiten Register gestellt, das die Namen von Verdächtigen umfassen soll. Es gibt keine unschuldigen Pädophilen.

Alan Christie
Eines Abends im Januar sah ich fern, als das Bild eines Mannes gezeigt wurde, den Kopf verdeckt, die Schultern eingezogen. Mit einem Megafon peitschte eine Frau die Schreie an: "Biest raus! Biest raus!" Polizisten stiessen den gesichtslosen Mann die Treppe hinunter und führten ihn zu einem wartenden Auto, das ihn an einen Ort der Zuflucht bringen sollte, irgendwohin, wo ihn niemand kennen würde, wo er ins Schattendasein zurückkehren könnte, das Männer wie er leben. Sein Name war Alan Christie, früher Angestellter bei einer Küchen-Transportfirma. Eben hatte er in einer Herberge mit Zimmer und Frühstück Unterschlupf gefunden, nach sechs Monaten Gefängnis wegen sexueller Belästigung eines 4-jährigen Mädchens. Aber obwohl er seine Strafe abgesessen hatte, hatte dieser Mann ein Verbrechen begangen, das nie getilgt werden konnte. Sein Leben lang würde er ein Pädophiler sein.

Der Kopf des Mannes steckte unter einer grauen Decke, sein Körper war vornübergebeugt und schien mit jedem Schrei weiter zu schrumpfen. Die Frauen waren voller Wut, ausser sich, lechzend nach Blut. Mein natürlicher Platz wäre auf Seiten dieser zornigen Mütter gewesen, aber ich konnte mich nicht neben sie stellen. Wo war mein Platz innerhalb dieses Bildes? Unter der Decke steckte ein menschliches Antlitz. Ich wollte es sehen, es befragen, ihm gegenübertreten. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn er aus dem Schatten herauskäme, wenn ich in seine Augen schauen könnte. Ich wollte schreien, sie sollten doch aufhören, sodass ich das Gartenweglein hinaufgehen könnte, die Treppe hoch, an seine Tür klopfen, die Schwelle unserer grössten Ängste überschreiten und drinnen zu dem Mann sprechen könnte. Ich wollte diesem Teufel unter uns die Maske vom Gesicht reissen.

Gil ist eines dieser Teufelsgesichter. Das Landeskriminalamt verfügt über eine Datenbank mit rund 4000 Pädophilen, Gil ist einer von ihnen. Aber weil Pädophile so abgeschottet leben, weiss niemand genau, wie viele mehr es davon gibt. Noch weiss jemand wirklich, warum einige Männer von vorpubertären Kindern angezogen werden. Aber die Wahrheit ist halt nun einmal, dass es sie gibt, und wir müssen mit dieser Tatsache leben.

Woher wir unsere Informationen beziehen
Vieles wurde schon über diese Männer geschrieben, ganze Universitätsabteilungen widmen sich dem Thema Kindsmissbrauch, und Untersuchungen über Pädophilie sind ein blühendes Geschäft. Aber obwohl so viel wissenschaftliche Forschung betrieben wird: die betroffenen Männer werden nie unter Bedingungen befragt, die frei von Druck und Zwang sind. Ein Forscher an der Abteilung Missbrauch von Frauen und Kindern an der Universität von Nord-London, dessen Werk "Splintered Lives" die bisher einflussreichste Veröffentlichung über Kindsmissbrauch ist, sagte mir: "Wir sprechen nicht mit Vergewaltigern. Ich müsste sonst die Kalaschnikow herausholen."

Die Grundlagen für all unser Wissen über Pädophile stammen aus Studien über Sexualstraftäter auf Bewährung oder im Gefängnis, wo die Verurteilten sich befleissen, den Ansichten ihrer Wärter zu entsprechen, um so die Freilassung zu erreichen. Diese Männer sind deshalb voller Scham über das, was sie sind und was sie getan haben. Um der akademischen Lehrmeinung nicht zu widersprechen, bekennen dann viele von ihnen, als Kind selbst missbraucht worden zu sein. Es ist ein Circulus vitiosus: Wir glauben, dass sie Kinder missbrauchen, weil sie als Kind missbraucht worden sind, und locken dementsprechende Geständnisse aus ihnen. Dann gebrauchen wir diese Geständnisse als Beweis für die Ursachen ihres Verhaltens.

Gil
Wenige dieser Männer, wenn überhaupt, geben in diesen Untersuchungen zu, dass sie Pädophile sind, die nichts bereuen. Gil ist ein solcher Mann. Seine Geschichte ist sowohl einzigartig wie auch typisch für das Dutzend Männer, das ich traf. Jeder erinnert sich genau, wie sie zum ersten Mal feststellten, dass sie anders waren, unannehmbar anders. Gil ist der Ansicht, dass die Uhr seiner sexuellen Entwicklung anhielt, als - mit 13 - die Mutter die Familie verliess. Seitdem fühlt er sich hingezogen zu vorpubertären Mädchen. Viele Jahre lang versuchte er, sein Verlangen umzupolen; mit 21 heiratete er. "Doch kurz darauf schon merkte ich, dass ich einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Obwohl ich zu meiner Frau liebevoll und zärtlich war - so hoffe ich wenigstens -, wusste ich, dass sie nicht die Antwort auf meine sexuellen Probleme war. Ich tat alles, damit sie sich wohl fühlte, aber ohne innere Begeisterung. Dennoch hatten Gil und seine Frau zwei Töchter, auf die Gil sehr stolz ist. "Sie sind umwerfend", sagt er, "einfach toll." Er versuchte das Familienleben fortzusetzen, bekam eine neue Stelle im Maschinenbau, kaufte ein Haus in einem Vorort und trat der Konservativen Partei bei. Aber als seine Töchter grösser wurden, wurde ihm seine Rolle als ihr Vater unerträglich. "Ich zeigte ein normales Verhalten meinen Töchtern gegenüber, wie jeder Vater", erklärt er. "Nie tat ich ihnen etwas Unrechtes an. Aber dasselbe konnte ich nicht von den vielen Freundinnen und Kameradinnen meiner Töchter sagen. Einige von ihnen blieben gar über Nacht. Und es wurde mir immer bewusster, dass ich der Versuchung auf die Dauer nicht widerstehen konnte, ein hübsches halbnacktes Kind mitten in der Nacht aufzusuchen." Gil dachte an Selbstmord; es musste etwas geschehen. Er entschloss sich, nach 15 Jahren Ehe, seiner Frau die Wahrheit zu sagen. Sie war damals etwa so alt, wie ich jetzt bin. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie ich fühlen würde, wenn mein Gatte mir erzählte, er sei pädophil und habe Lust, die zehnjährige Freundin unser Tochter zu bumsen. Ich hätte Ekel empfunden für meinen Mann, und es hätte mich geekelt, ihn nur schon zu berühren. Doch Gils Frau blieb bei ihm. Zusammen arbeiteten sie daran, Gil von seinem "Leiden", wie sie es nannten, zu heilen. Freiwillig liess er sich in der Psychiatrie-Abteilung des örtlichen Spitals begutachten. Er versuchte es mit Psychiatrie, mit Aversions-Therapie mittels Elektroschocks, mit mächtigen Drogen und Gruppentherapie. Nach sechs Monaten gaben sich die Ärzte geschlagen: "Sie sind ein echter Pädophiler", sagten sie zu Gil und strichen ihn von der Therapie.

Gil zog sich in seine Fantasiewelt zurück. Er begann Kurzgeschichten zu schreiben, mit einem Pädophilen in der Hauptrolle, und natürlich verwickelt in eine Liebesbeziehung mit einem jungen Mädchen. Für Sex ging Gil zu jungen Prostituierten, die sich für ihn als kleine Mädchen kleideten. Erst als er diese Besuche seiner Frau beichtete, bat sie ihn um die Scheidung.

Gils Leben wurde aufgerieben im ständigen Kampf, nicht straffällig zu werden. Er ist nicht vorbestraft. Aber jeder Spaziergang entlang des Strandes ist für ihn eine fast unerträgliche Versuchung. "Vor einigen Jahren traf ich am Strand ein etwa 9-jähriges Mädchen. Sie kam auf mich zu, wollte plaudern und bat mich, sie mit ins Wasser zu nehmen. Sie sollte eigentlich bei ihrem Bruder bleiben, aber der hatte sich davongemacht, um in den Klippen herumzuklettern. Am Ende gingen wir zurück ihre Kleider holen. Sie zog sich um - vor mir, ohne jeden Versuch, sich zu bedecken - und schien mein Interesse gar ein bisschen zu geniessen. Als sie angezogen war, schlug ich vor, sie könnte doch zu einem Schluck Tee oder so zu mir nach Hause kommen, aber sie sagte, ihr Bruder würde wohl bald zurückkommen. Das wars dann halt. Aber für mich bestand kein Zweifel, dass dieses Kind zu mir als viel versprechenden Liebhaber aufschaute. Sie hatte sich vor mir ausgezogen, keinen Versuch gemacht, sich zu bedecken..."

Als er dieses Erlebnis hatte, war Gil bereits 70 Jahre alt. Und dennoch ging es nicht in seinen Kopf, dass dieses 9 Jahre alte Mädchen wahrscheinlich an einem gräulichen, zerbrechlichen alten Mann gar nicht sexuell interessiert war. Wir finden, die Körpersprache der Kinder sei klar und unmissverständlich; aber Gils Wahrnehmung ist von der unseren total verschieden. Was wir als unschuldige Geste eines Kindes wahrnehmen - eine Süssigkeit von uns annehmen, die Bitte, ihm die Strickjacke zuzuknöpfen - ist in Gils Augen etwas anderes, etwas mehr. Jede noch so unbewusste kindliche Geste ist für ihn eine Art Aufforderung. Seiner Ansicht nach begehrte ihn das Kind am Strand. Gil genoss es sichtlich, mir diese Geschichte zu erzählen, die in ihm zärtliche Erinnerungen weckte. Ein leichtes Funkeln befiel seine Augen bei der Erinnerung an diese verpasste Gelegenheit für eine echte Liebe. Diese Geschichte hatte nichts Schmutziges an sich. Sie schien beinahe unschuldig, obwohl das eine seltsame Bezeichnung ist für ein Begehren, das wir als abstossend betrachten. Es ist, als hoffte Gil, mit seinen 70 Jahren die Art sexueller Spielchen aufleben lassen zu können, wie sie Kinder unter sich treiben. "Grosse Brüste und Schamhaare sind nichts für mich. Ich habe gerne Spass." Als ich Gil fragte, was für Spielchen er denn mit einem Mädchen machen würde, sagte er, am liebsten wären ihm Piss-Spiele, "wie Kinder sie machen".

Wenn man in seiner ordentlichen Wohnung sass, bei einer zweiten Tasse Tee und noch ein paar Biskuits, konnte man leicht auf den Gedanken kommen, pädophil zu sein sei eigentlich gar nicht so schlimm. Hier war ein Mann, der gelernt hatte, mit seiner sexuellen Veranlagung zu leben; vielleicht sollten wir lernen, mit ihm zu leben. Aber als sich die Tür hinter mir schloss, war das Gefühl von Behaglichkeit, das ich in seiner Gegenwart verspürt hatte, bald weg. Die Begierden, die er so deutlich geäussert hatte, fand ich widerlich.

So erging es mir mehrmals in den nächsten paar Monaten. Auf jede Begegnung folgten Wellen von Emotionen, von Akzeptanz bis Widerwillen. War ich mit einem Pädophilen zusammen, beim Plaudern, Essen, beim Fernsehen oder beim Einkauf, fühlte ich mich vollkommen wohl. Das waren Männer, keine Monster. Aber sobald ich sie verlassen hatte, unser Gespräch auf dem Heimweg nochmals durchging, oder wenn ich unser Nachbarskind im Garten spielen sah, durchfuhr es mich beim Gedanken, was das, was ich gehört hatte, eigentlich bedeutete. Diese Männer wünschten sich Sex mit einem kleinen Kind. Und was noch schlimmer war: sie nahmen an, dass das Kind auch mit ihnen Sex haben möchte.

Eines Nachts, beim Babysitting, überraschte ich mich bei der Kontrolle der Fensterläden und Vorhänge im Kinderzimmer. Konnte jemand hereinglotzen? Konnte man das Zimmer von der gegenüberliegenden Wohnung aus einsehen? Die Angst war unvernünftig, unbegründet, aber ich konnte sie nicht unterdrücken. Es war mir im Gedächtnis geblieben, dass die Boulevardblätter oft aufgezeigt hatten, dass die Fenster von Pädophilen den Blick auf Kindertagesstätten und Spielplätze freigaben. Ich hatte von so einem Mann gelesen. "Kinder spielen im Blickfeld von Perversen", war die Schlagzeile. "Allein in seiner Einzimmerwohnung verbringt ein perverser Sexualstraftäter Stunde um Stunde beim lüsternen Schielen auf Kindergärtler, die unschuldig auf der andern Strassenseite schaukeln."

"Eltern freuen sich riesig, wenn sie ihre Sprösslinge von der Tagesstätte abholen - und ahnen nicht, dass im Fenster über ihnen ein Perverser sie beobachtet." Was wäre, wenn so ein Mann ins Zimmer dieses Mädchens schauen würde?

Dick
Als ich den "perversen Sexualstraftäter" aus diesem Zeitungsartikel traf, trug er eine gestrickte Krawatte und ein weiches Baumwollhemd, genau so wie auf dem Foto in der Zeitung. Dick war mit Leichtigkeit wieder zu erkennen, mit einer Ausnahme: er hatte nicht mehr den Blick eines gehetzten Tieres. Er lächelte und sagte, er freue sich, mich zu treffen.

Wie alle Männer, die ich traf und von denen die meisten viele Zeitungsspalten eingenommen hatten, hatte er nie mit einem Journalisten gesprochen noch war er je von einem kontaktiert worden. Seine Blossstellung in der Zeitung hatte eine Welle von Ereignissen ausgelöst, wie sie ähnliche Leute in ähnlichen Situationen landauf, landab erlebt hatten. "Es war neun Uhr abends, ich kam eben vom Laden um die Ecke nach Hause. Sie erwarteten mich auf der Strasse vor dem Häuserblock. Sie schlugen meine Brille kaputt und schrien: 'Bist du ein Perverser? Bist du so einer?' und schlugen mir ins Gesicht. Ein Zahn wurde mir ausgeschlagen. Ich fürchtete, ich würde nicht lebend da rauskommen. Als es das zweite Mal passierte, musste ich zur Behandlung ins Spital." Seither ist er schon zweimal umgezogen, aus Angst vor weiteren Gewaltausbrüchen.

Dick ist kürzlich wegen Besitzes von Kinderpornographie (in Wahrheit FKK-Material) zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Bei seiner Verhandlung stand er ohne Scham zur seiner pädophilen Veranlagung und bat, man möge ihm die Fotos lassen, da sie ihm helfen würden, keine Straftaten zu begehen. "Ich habe mein Möglichstes getan, um nicht gegen Gesetze zu verstossen. Nun werde ich dafür strafrechtlich verfolgt", sagte er. Früher war er Beamter, nun ist er arbeitslos, aber auch ohne Reue. In der Therapie hatte man ihm empfohlen, doch schwul zu werden. "Es war absurd, mich auf Männer abrichten zu wollen, wo ich doch ein echter heterosexueller Pädophiler bin." Wir therapieren zwar keine Mörder oder andere, die schwere Körperverletzungen begehen, aber wir therapieren verurteilte Pädophile. Unsere normalen Begriffe aus der Strafgerichtsbarkeit, die von Bestrafung sprechen, werden ersetzt durch ein beinah religiöses Vokabularium - beichten heisst enthüllen, pädophile Begehren sind irregeleitete Ansichten. Wir retten - oder versuchen wenigstens, den Verdammten zu retten. Grosser Eifer und viel Engagement haben Therapieprogramme für Kindsmissbraucher nur so aus dem Boden schiessen lassen. Gegenwärtig gibt es in 25 Gefängnissen für rund 600 Insassen Therapieprogramme für Sexualstraftäter; Bewährungsdienste haben landauf, landab 90 Programme aufgebaut, die jährlich etwa 2000 Straftäter durchlaufen. Die Örtlichkeiten für solche Gruppentherapien für Leute auf Bewährung werden geheim gehalten, denn Gebäude, in denen solche Kurse stattfanden, waren angegriffen worden.

Gruppentherapie
Die Männer, so ungefähr sechs an der Zahl, sitzen im Kreis; sie fühlen sich unbehaglich, warten auf einen Wink, wissen nicht, was sie sagen sollen, wie sie Reue bekennen sollen. Betritt man so eine Gruppe, ist es, als tue sich die Hölle in ihrer schlimmsten Vorstellung auf. Pete, 22, wurde dreimal schon wegen unzüchtiger Belästigung seines 10-jährigen Stiefbruders angeklagt; Bill, 73, hatte während Jahren ein Mädchen in seiner Nachbarschaft missbraucht; Tony, 17, sieht aus wie ein etwas ungeschickter 13-jähriger Brillenträger und hat schon zweimal Knaben unsittlich belästigt; Ralph, 41, hat seine Stieftochter von ihrem vierten bis zwölften Lebensjahr missbraucht, ihr die Augen verbunden, seinen Penis mit Marmelade beschmiert und sie geheissen, daran wie an einer Banane zu lutschen. Alle diese Männer leben gegenwärtig friedlich unter uns.

Die Therapieprogramme für Sexualstraftäter sind landesweit auffallend gleichförmig, seien sie nun für Leute in Gefängnissen oder auf Bewährung. Sie lehnen sich an an jene in den USA.

An erster Stelle muss vom Täter ein Schuldeingeständnis kommen, bevor er den Kreislauf seiner Straftaten durchbrechen kann. "Illegale sexuelle Fantasien" gelten als erster Schritt auf dem Weg in die Pädophilie. Ein Bericht des Innenministeriums über die Behandlung gefangener Sexualstraftäter hält fest, dass der Zusammenhang zwischen sexuellen Fantasien und Sexualstraftaten gegenüber Kindern erwiesen ist. Das Material, für dessen Besitz Dick bestraft worden ist, gilt als Beweis für seinen Wunsch, nicht nur sexuellen Missbrauch zu fantasieren, sondern auch zu leben. "Viele Leute glauben, dass solche Fantasien eine hübsche, unschädliche Sache seien. Solange sie sichs nur ausdächten, würden sies nicht wirklich tun. Ich bin überzeugt von Gegenteil", sagt Alex Lord, Chefpsychologe und Leiter der Therapieprogramme für Sexualstraftäter im Gefängnis von Woodhill. "Wir sprechen von gefährlichen, perversen oder ungesetzlichen Fantasien. Wir glauben, dass solche Fantasien rückfällig werden lassen."

Nach Meinung der Fachleute münden solche illegale Fantasien im so genannten "grooming", d.h.: die Pädophilen freunden sich mit einem Kind an, machen ihm Geschenke, nehmen es mit auf Ausflüge und gewinnen so sein Herz. Dann gehen sie über zu sexuellen Handlungen. - Man hofft, dass am Ende der Therapie der behandelte Täter diesen roten Faden sieht und auch das wahrhaft Schreckliche erkennt, das er verbrochen hat.

Ich fragte Alex Lord, ob es ihm was ausmachen würde, einen Sexualstraftäter in der Nachbarschaft zu wissen. "Wir alle leben das. Jeder hat einen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Sie müssen damit rechnen, sei es im örtlichen Schwimmbad, in der Schule, im Jugendclub - Sie müssen wachsam sein. Das war vermutlich schon immer so, aber heute verschliessen wir nicht mehr die Augen davor."

In der Kriegsführung gegen diese modernen Hexen kennt man keine graduellen Unterschiede. Eine moralische Linie führt von der Betrachtung von Fotos Jugendlicher in Badeanzügen - eine "illegale Fantasie" - nahtlos zum Begehren und damit zur sexuellen Handlung mit diesen. Wo auch immer sie sich befinden auf dieser Bahn hin zur Straftat: sie haben ein ruchloses, widernatürliches Verbrechen begangen. Sie haben ein Kind sexuell begehrt. Man wird immer mit Fingern auf sie zeigen, die nichts vergessen, sie sind gebrandmarkt - Perverse, Sexualstraftäter, Pädophile.

Charles
Eines Tages zeigte dieser Finger auf Charles, einen 57-jährigen Geschäftsmann. "Sie kamen um 6 Uhr morgens an einem Dienstag im Juni. Sie durchsuchten alle meine Sachen. Sie beschlagnahmten zwei Fotos, die in ihren Augen unzüchtig waren. Das eine zeigte einen Jungen mit nackter Brust, dessen Hände gefesselt waren. Seine Hosen hatte er an. Das andere zeigte einen Jungen, der Stockschläge bekam. Er war nackt, aber man konnte seine Geschlechtsteile nicht sehen. Sie sagten, diese zwei Fotos seien unanständig. Sicher waren die Knaben jung, vielleicht 13 oder 14. So wurde ich wegen des Besitzes von unzüchtigen Aufnahmen von Kindern angeklagt." Charles ist von Natur aus konservativ, altmodisch, ein sauber gefaltetes Taschentuch schaute aus seiner Tweed-Jackentasche. Er war den Fussstapfen seines Vaters und Grossvaters gefolgt, war aktiv in den örtlichen Wohltätigkeitsvereinen und hatte über 30 Jahre lang in der Territorialarmee gedient. Immer hatte er für die Torys gestimmt, und zu Hause hing ein Foto der königlichen Familie. Zur Entspannung gönnte er sich eine Runde Golf oder einen Drink in seinem Privatclub. Doch er führte ein Leben, das er 40 Jahre lang erfolgreich zu verheimlichen vermochte. Er war schwul und fühlte sich wie manche Männer, ob schwul oder hetero, angezogen von älteren Teenagern. Als ich Charles zum ersten Mal sah, stand er in der Zeitung, mit Schleife und im Smoking: "Das ist das Bild, von dem die Polizei nicht wollte, dass es besorgte Eltern sehen."

Obwohl ich langsam begriff, dass es das Monster aus unseren Vorstellungen nicht gab, war ich immer noch betroffen, als er zum erstenmal das Telefon abnahm und so ausgesucht höflich war. Er war als gefährlicher Teufel beschrieben worden, aber seine Stimme klang nicht anders als die eines Behördemitglieds des Ortes.

Charles' Vorgarten war voller Rosenbüsche. "Ich verbringe viel Zeit in meinem Garten", war das Erste, was er zu mir sagte. "Ich habe viel Zeit zur Verfügung, jetzt." Mit seiner Verhaftung hat Charles seinen Job verloren, seine Position in der Gesellschaft, viele seiner Freunde. Er versucht immer noch krampfhaft, seinen Namen reinzuwaschen. "Journalisten kampierten draussen vor meinem Haus, und mein Foto erschien in den Zeitungen, ich weiss nicht, wie oft. Aber keiner hat sich je die Mühe genommen, an meine Tür zu klopfen und vorher mit mir zu sprechen", sagte er.

"Ich bedaure, dass sies nicht getan haben. Ich hätte mit ihnen geredet." Ich lauschte einer Geschichte, die er noch niemandem erzählt hatte. "Schon lange habe ich Fotos von gut aussehenden jungen Männern gesammelt. Einst kam mir eine Kopie von Gay Times in die Hände, und ich antwortete auf ein Inserat, wo jemand Fotos von jungen Männern anbot. Ich liess mir einige zustellen - sechs verschiedene Modelle waren es. Als die Polizei bei diesem Händler eine Hausdurchsuchung machte, fand sie meine Adresse und durchsuchte auch mein Haus. Sie nahmen sogar dieses Foto von mir mit meiner 8 Jahre alten Patentochter mit." Er hielt das Foto hoch und zeigte es mir, beide drauf strahlten vor Freude, wie er ihr eine Gutenacht-Geschichte vorlas. "Es war verrückt."

Charles erklärte sich in zwei Punkten schuldig: des Besitzes von unzüchtigem Material und der Beihilfe zur Verbreitung dieses Materials, da er auf ein Inserat in Gay Times geantwortet hatte. Er wurde zu einer Busse von 800 £ verurteilt. "Die Polizistin liess mich im Glauben, es wäre nur eine kleine Sache. Ich hatte vor Gericht keinen Anwalt. Da ich bislang noch nie mit Gerichten zu tun gehabt hatte, wusste ich nicht, wen ich fragen sollte. Und meine Mutter und der Rest der Familie wussten nichts über mich; ich wollte keine Öffentlichkeit, ich wollte es nur hinter mich bringen."

Eine Woche später erschien der erste Artikel darüber in der lokalen Zeitung. Jemand in Charles' Büro sah ihn, und er wurde auf der Stelle suspendiert. "Sehr töricht sagte ich vor dem Chef, dass, wenn ich meinen Job verlieren sollte - ich hatte dort beinahe 20 Jahre lang gearbeitet -, und wenn das Militär davon erfahren sollte und ich meine Verbindungen mit den Territorialtruppen aufgeben müsste, wenn meine Mutter es erführe - sie ist 81 - und vor Aufregung darüber stürbe, dann würde ich nichts mehr in der Welt haben. Dann könnte ich ebenso gut nach draussen gehen, ein paar Kinder erschiessen und mich selbst dann auch umbringen. Und sie nahmen meine Worte ernst.

"Am nächsten Tag musste ich zu einer Hochzeit nach Vancouver fliegen. Das Büro sagte, ich solle nur gehen. Ich könnte meinen Arbeitsplatz räumen, wenn ich wieder zurückkäme. Und ich flog nach Kanada." Sein Büro informierte die Polizei. Bei der Heimkehr wurde er am Flughafen verhaftet und wegen Morddrohung angeklagt. Nach einem Wochenende hinter Gitter kam er für einen Monat in eine örtliche Klinik für Sexualstraftäter. "Alle Mütter wollten wissen, wer denn der Sexualstraftäter in der Gegend war. Da kam ihnen die Lokalzeitung zu Hilfe. Fotografen kamen an die Haustür. Ich ging rüber zum Haus meiner Mutter, da läuteten sie bei ihr. Wir mussten fliehen." Erst als er von seiner Mutter spricht, bricht seine Selbstbeherrschung zusammen. Ich kann es kaum fassen, als diese Parodie eines Engländers mit steifer Oberlippe weint.

Charles nennt seine Homosexualität seine "innere Natur". Ich bin die erste Person, der er davon erzählt hat. "Ich finde, diese Dinge sind sehr persönlich, und sie sollten es auch bleiben. Das ist Teil meines Problems. Ich gehe nicht in schwule Clubs - ich kann das nicht. Ich könnte nicht in Toilettenräumen herumhängen und jemanden aufgabeln. Ich möchte nicht so einer sein. Ich möchte ein angepasster, ordentlicher Mensch sein, von dem die Leute Gutes denken. Aber ich habe meine Veranlagung und muss damit fertig werden. Videos und Fotos haben mir dazu verholfen, das Bild des konventionellen, angepassten und ordentlichen Menschen für die Öffentlichkeit zu wahren."

War Charles eine Gefahr für Kinder, wie die Zeitungen und die Untersuchungsbehörden behaupteten? "Das ist absurd. Nie habe ich oder würde ich ein Kind belästigen. Ich verspüre keine Lust dazu. Das Schmerzlichste für mich war, dass ich öffentlich blossgestellt wurde nicht nur für das, was ich bin - ein Homosexueller -, sondern auch für das, was ich nicht bin. Ich bin kein Pädophiler."

Jetzt besucht Charles sein Haus gerade noch tagsüber, um nach dem Rechten zu sehen und die Rosen zu pflegen. Er sorgt dafür, dass frische Blumen im Wohnzimmer stehen, und zieht die Vorhänge, wenn er am frühen Abend das Haus verlässt, als ob er noch dort wohne. Aber nachts ist er bei seiner Mutter, die seit den Enthüllungen nicht mehr schlafen kann.

Nach dem einmonatigen Aufenthalt in der Klinik wurden alle Beschuldigungen gegen ihn fallen gelassen. Aber Charles' Leben ist bereits ruiniert. "Meine Karriere ist zerstört. Ich kann keinen andern Job bekommen. Ich darf nicht einmal mehr Golf spielen im Club. Das Verfahren hat mir alles geraubt."

Der Verdacht, ein Kinderschänder zu sein, macht die Betroffenen einerseits so klein und andrerseits überlebensgross. Er reduziert ihre Menschlichkeit und macht aus ihnen ein riesengrosses schreckliches Ungeheuer. Und weil sie nichts Menschliches mehr an sich haben, können wir mit ihnen verfahren, wie es uns beliebt.

Peter Hamilton-Harvey
Peter Hamilton-Harvey, 37, früherer Assistent des Pfadfindermeister und Philantrop in Bournemouth, wurde 1993 wegen sexueller Belästigung zweier Knaben ins Gefängnis gesteckt. Nach seiner Entlassung zog Hammie, wie ihn die Knaben in seinem Club genannt hatten, zu seinen betagten Eltern in ihr baufälliges Häuschen. Seither wurde das Auto seines 71-jährigen Vaters Michael, Kirchendiener, zertrümmert, Steine wurden gegen Fensterscheiben geschmettert, und das Auto eines Freundes wurde in Brand gesteckt - alles das Werk von Bürgern, die das Gesetz in ihre Hand genommen haben. Anonyme Briefe treffen ein: "Herr Peter Hamilton-Harvey. Angesichts Ihrer perversen und schmutzigen Veranlagung raten wir Ihnen in Ihrem eigenen Interesse und zu Ihrer Sicherheit: Ziehen Sie weg von Dorset". Um mögliche Angreifer abzuhalten, hat er sich zwei Gänse gekauft, die nachts in seinem Vorgarten herumlaufen.

Wie viele Männer, die ich kennen gelernt habe, bemüht sich Peter Hamilton-Harvey mit allen Mitteln, seinen guten Ruf wieder herzustellen. Er sagt, er wolle sein Geständnis widerrufen, aber das ist Kinderschändern nicht möglich. Hat er noch nicht gemerkt, dass solche Vorwürfe nicht mehr aus der Welt zu tilgen sind? Je mehr jemand gegen seine Verurteilung kämpft, desto öfter erscheint sein Fall in der Zeitung, und desto schuldiger wird er. Wer sich so heftig wehrt, liefert nur weitere Beweise für seine Einsichtslosigkeit und dass er die Schwere seiner Verbrechen nicht ernst nimmt. Dass pädophil zu sein nichts Schlimmes sei.

Tony Sheppard, früher Soldat und allein erziehender Vater zweier Knaben, sah Peters Foto in der Lokalzeitung und geriet in Wut. "Es schien mir, er kümmere sich einen Deut darum, was er den Kindern angetan hatte. Er grinste nur blöd. Er grinste und schien völlig locker zu sein, das Kinn auf seine Hände gestützt, als hätte er nichts Böses getan." Tony entschloss sich zu einer Bürgerwehr-Aktion gegen Peter. Tony war es, der die Scheiben von Peters Vaters Auto zertrümmerte und den Wagen seines Freundes in Brand steckte. Ich fragte ihn, wie weit er noch gegangen wäre, hätte man ihn nicht verhaftet. Tony spricht sehr kühl, sachlich: Die Absicht war, Peter Hamilton-Harvey in ein Wäldchen in Wareham zu führen und ihn dort an einen Baum zu nageln."

Die Beweise gegen Peter waren nicht zu widerlegen. Nach einer Fernseh-Spendenaktion hatte Peter drei Jungs zu sich nach Hause genommen, wo sie im Garten zelteten. Peter und die drei Knaben zogen sich bis auf die Unterhosen aus und krochen ins kleine, blaue Zelt. Laut Polizei-Protokoll legten sich zwei Knaben abwechselnd auf Peters Hintern und taten, als ob sie ihn fickten; dasselbe tat dann Peter mit den zwei Knaben. Die störten sich dabei, weil sie etwas pikte. Im Nachhinein bestätigte ein Arztbericht, dass Peter sich sein Schamhaar rasiert hatte.

Obwohl Peters Vater selbst unter den Angriffen der Bürgerwehr zu leiden hatte, hielt er fest zu seinem Sohn. "Wenn Sie bei Trunkenheit mit Ihrem Auto eine ganze Reihe Leute bei einer Bushaltestelle totfahren, sitzen Sie Ihre Strafe ab, und dann verfolgt Sie niemand in den Strassen und ruft Mörder hinter Ihnen her. Sie dürfen Ihr normales Leben wieder aufnehmen. Als Pädophiler oder Sexualstraftäter können Sie das nicht." Als wir in ihrem sonnigen hinteren Garten beim Tee sassen, fuhr ein Lieferwagen vorbei, und eine Stimme brüllte über den Rasen: "Pädophiler!"

Paul
Peter zuckt zusammen, wenn er Pädophiler genannt wird; Paul ist stolz, einer zu sein. Was wir "anmachen" nennen, nennt Paul "den Hof machen"; was wir als "Opfer" bezeichnen, nennt er "Freunde"; was in unsern Augen Missbrauch ist, nennt er "eine Liebesbeziehung". Paul wäre der Schrecken eines jeden Leiters eines Therapieprogramms für Sexualstraftäter, denn tief drinnen und unbeirrbar glaubt er, dass an seiner Sexualität nichts Schlechtes ist.

Seit mehr als 20 Jahren tritt Paul ein für Sex zwischen Erwachsenen und Kindern und für die Abschaffung des Schutzalters. Wenn es in den 90er-Jahren ein Schreckgespenst gibt, dann ist es Paul. Er ist auch ein guter Koch. Als er mir einen Steak-Kuchen auftischte, empfahl er mir wunderschöne Spaziergänge in der englischen Landschaft, für die er sich begeistern kann, und nennt mir hübsche Dörfer, die ich noch vor Einbruch des Winters besuchen sollte. Und während er mir Tipps gibt, wie ich meine seltenen Wochenende verbringen sollte, erzählt er mir, dass ein Kind, wie alt auch immer, seine Zustimmung zu sexuellen Handlungen geben könne. "Man muss nur aufs Kind hören und auf das, was es will. Aber leider hört unsere Gesellschaft nicht auf Kinder. Der Grundsatz, dass Kinder nicht in Sex einwilligen können, heisst nichts anderes, als dass wir sie nicht ernst nehmen." Er seufzt laut.

Bücher über Kinder reihen sich an seinen Wänden - Griechische Liebe, Die Kindsmissbraucher, Knabenliebe, Ansichten über Pädophilie - Bände über Kindsmissbrauch, Kindererziehung und Pädophilie kunterbunt nebeneinander, als ob sie in Pauls Augen dasselbe wären. Zwischen den Büchern hat es Fotos von Kinderstars, von Mark Lester zum Schauspieler, der im Film "Tod von Venedig" den Tadzio verkörperte. Er spricht leidenschaftlich über die guten Seiten einer Sexualität wie seiner, nicht nur für ihn persönlich, sondern für die ganze Menschheit. "Viele andere Kulturen halten Kindersexualität für selbstverständlich. Warum brauchen wir Wörter wie "pervers", um eine menschliche Beziehung zu umschreiben? Warum schreibt die Boulevard-Presse dauernd von diesen Perversen, Ungeheuern, Unmenschen? Es ist ein Mittel, die Leute zu verteufeln, sie herunterzumachen und vor der Öffentlichkeit als total schlecht zu präsentieren. In Wahrheit handelt es sich mehrheitlich nicht um schlechte Menschen. Einige von ihnen sind gar äusserst nette Leute. Einige geben den Kindern ihr Bestes als Lehrer, Pfadfinderführer oder was auch immer. Manche von ihnen haben Kinder sehr, sehr gern."

Es gibt nur wenige Dinge, in denen wir uns von der moralischen Seite her sicher fühlen, aber Sex zwischen Kindern und Erwachsenen ist eines davon. Aber sind die Dinge wirklich so eindeutig? Letzten Mai widerrief ein Appellationsgericht eine dreimonatige Gefängnisstrafe für einen 55-jährigen Mann wegen Sex mit seiner minderjährigen Freundin. Sie war eben 16 geworden, und er wollte sie heiraten. Im Juli rissen Sean Kinsella, 14, und Tracey Whalin, 33, die beste Freundin ihrer Mutter, aus nach Florida, was zur Verhaftung von Whalin und zur Berichterstattung in den Zeitungen führte. Gemäss der Gesetzgebung von Florida wurde sie in Ketten gelegt und hätte mit bis zu 20 Jahren Gefängnis bestraft werden können. In Grossbritannien war die Meinung der Leute moralisch geteilt, aber nur wenige hätten eine so harte Bestrafung unterstützt. Wäre das auch der Fall gewesen, wenn es sich um ein 14-jähriges Mädchen und einen 33 Jahre alten Mann gehandelt hätte? Oder wenn beide männlichen Geschlechts gewesen wären?

Während meiner Recherchetätigkeit traf ich Neil, einen Schwulen, heute 40-jährig, der es seit seinem neunten Lebensjahr genoss, Sex mit erwachsenen Männern zu haben. "Es scheint politisch korrekt zu sein, selbst innerhalb der Schwulenbewegung, gegen Pädophile eingestellt zu sein. Aber wenn ich schwule Freunde frage, wann sie zum ersten Mal Sex hatten, sagen sie: Mit 10, 11, 12, mit einem Kerl, der 22-jährig war. - Sehr wahrscheinlich war es ein Pädophiler."

Ist die von der Gesellschaft gezogene Grenze, ab welchem Alter man Sex haben kann, eine willkürliche? Paul glaubt, bezüglich seiner Wünsche sei er nur ein bisschen ehrlicher als die meisten von uns. "Vielleicht hatten die meisten Leute ähnliche Gefühle wie ich zu einer gewissen Zeit ihres Lebens", meinte er. "Manche bringen sie zum Ausdruck, manche verleugnen sie, aber sie sind da."

Ich mochte Paul; ich wünschte, er könnte geheilt werden. Ich fragte ihn, ob er denke, dass seine Veranlagung geheilt werden könnte, ob seine Sexualität zurechtgedreht werden könnte. Er seufzte erneut. "Ich mag das Wort 'heilbar' nicht, denn damit verbindet sich automatisch die Vorstellung, wir seien krank. Es gibt homosexuelle Leute, die krank sind, und heterosexuelle, die krank sind, aber ich glaube nicht, dass Pädophilie an sich eine Krankheit ist. Schliesslich, was ist Krankhaftes daran, die Schönheit eines Kindes zu schätzen?" Er schaut mir offen ins Gesicht. "Sie betrachten Sex für sich als etwas Selbstverständliches, aber wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihnen jemand sagen würde, Sie dürften nie Sex haben, nie? Sie würden sich elend fühlen, nicht wahr?"

Ich sah mir den Film "The Crucible" an, zusammen mit drei Pädophilen - drei "Hexen" von heute. Auf der Leinwand resümierte Staatsanwalt Danforth den Fall aus dem 17. Jahrhundert gegen diejenigen, auf welche die Gesellschaft anklagend mit den Fingern gezeigt hatte. "Entweder steht jemand auf der Seite dieses Gerichts oder stellt sich gegen es; es gibt keinen Mittelweg. Die Zeiten sind vorbei, wo sich das Böse unter das Böse mischte und die Welt durcheinander brachte. Heute sind, Gott sei Dank, die guten Leute getrennt von den bösen! Ich hoffe, Sie stehen auf unserer Seite."

Ich nahm noch etwas Popcorn vom Pädophilen, der neben mir sass. Gab es da wirklich keinen Platz dazwischen? Und wenn, wo stand ich? Durfte ich auch nur einen kleinen Schritt auf eine Person hin machen wie Paul? Irgendwo dazwischen, in einem Niemandsland, das noch nicht existiert, muss ein Ort der Begegnung sein. Aber jeden Tag, wenn ich die Zeitungen öffne und von einer neuen Kampagne erfahre, die die Strassen Grossbritanniens von "Perversen" und "Kinderschändern" räumen will, scheint mir dieser Ort der Begegnung ferner denn je.

Für Gil wenigstens ist der endlose Kampf, jemand anders zu sein, als er ist, vorbei. Er akzeptiert nun, was er ist. "Ich schäme mich nicht, pädophil zu sein. Ich bin stolz darauf, wie ich mein Leben in den letzten 60 Jahren gemeistert habe. Ich war so positiv eingestellt, wie es für einen von uns überhaupt möglich ist. Aber immer mit diesem schrecklichen Gefühl im Hinterkopf, dass man einmal den Versuchungen nicht widerstehen könnte, was das Ende dieses Lebens bedeuten würde."

Gil mag ein Alptraum für uns alle sein. Aber er ist nicht das Monster, wie wir es uns vorstellen. Hexen und Monster existieren nur in den Märchen von Kindern. Unter den verhüllenden Decken hatten die Männer, die ich aufsuchte, ein menschliches Antlitz.ch aufsuchte, ein menschliches Antlitz.

© The Guardian / Dea Birkett 1997. Auf ITP veröffentlicht mit freundlicher Genehmmigung der Autorin

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