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Aktuelle Beiträge / Archiv / Medien
![Ausriss - Kinderfänger [© BILDBLog]](../site-images/hz.jpg)
Die BILD-Zeitung vom 15. März 2007 berichtet in einer Exklusiv-Story über den angeblichen Missbrauch zweier 11 und 12 Jahre alter Knaben. Grossseitig zeigt die BILD-Zeitung den 28-jährigen H.Z., nur mit Unterhose und T-Shirt bekleidet. Die Zeitung verzichtet darauf den Mann auf dem Bild unkenntlich zu machen. Dazu nannte sie den Vornamen und Beruf des Mannes und gab den Stadtteil Berlins bekannt in dem er wohnt. Die Überschrift, "Der Kinderfänger in den Unterhosen", lässt keine Zweifel offen.
- Der Mann ist ein Sexualstraftäter! -
Die BILD-Zeitung erweckt am 15. März den Eindruck, der abgebildete Mann habe den beiden Kindern Schlimmes angetan. Schliesslich sei er gemäss Auskunft der Polizei Leipzig bereits wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Die BILD-Zeitung, ganz betroffen, schreibt im Untertitel:
"Was hat er ihnen nur angetan?"
Einen Tag später, am 16. März doppelt die BILD-Zeitung nach:
"Warum sitzt dieser Kinder-Fänger nicht im Knast?"
Ganz am Ende des Artikels steht:
"Elf Stunden hatte Horst Z. so Zeit mit den Kindern. Was in der Zeit geschah, weiß niemand…"
Was gemäss BILD-Zeitung geschah -
Eine Textanalyse des Artikels vom 15. März 2007
Wir stellen hier die Orginalartikel aus der BILD-Zeitung den Gedanken gegenüber, die wir uns beim Lesen derselben gemacht haben. Objektiven Lesern empfehlen wir zunächst die Orginalartikel zu lesen und anschliessend unsere Gedanken dazu. Damit können Sie überprüfen, ob unsere Überlegungen abwegig sind. Ausserdem kann man so die eigenen Denkprozesse beim Lesen solcher Boulevardartikel kritisch überprüfen.

Bereits im Untertitel erfährt man den Namen und den Stadtteil des mutmasslichen Sexualstraftäters. Fahrlässig oder absichtlich wird sicher gestellt, dass die dort lebenden Menschen, die den Mann auf dem Bild kennen oder erkennen, sich um ihn "kümmern" können.

Aufschlussreich die Verwendung von Punkten in dem Text überall dort, wo man dem mündigen Leser aufgrund der angedeuteten Vermutungen zutraut, die von den Autoren gewünschten Schlüsse zu ziehen. Die BILD-Zeitung zieht sich damit aus der Verantwortung und spielt mit der Fantasie ihrer Leser.
"Zum Glück ist das gut gegangen..."
"Niemand weiss, was in den Stunden passierte..."
"Die Jungs folgtem ihm..."
"..., dass er ein vorbestrafter Sexualstraftäter ist - Kindesmissbrauch..."
Gemäss BILD-Zeitung mussten die beiden Kinder aus der Wohnung durch die Polizei "befreit" werden. Suggestion: Die Kinder wurden gefangen gehalten.
Das Klischee mit dem bösen Mann mit den Süssigkeiten wird bedient: "Er gab ihnen Gummibärchen, lockte sie:" Ein bisschen Gebrüder Grimm: Hänsel und Gretel. Und schon hat man eine bildhafte Vorstellung, welche bösen Absichten da im Spiel waren.
Selbstverständlich wird der Polizei Schlamperei vorgeworfen. Die Leipziger Polizei verschickt einen Fax, der in einem unbesetzten Büro der Berliner Polizei landet. Der mündige Leser soll einmal mehr vor Augen geführt werden, dass man mit solchen Verbrechern viel zu sanft umgeht und die Polizei im Umgang mit ihnen schlampt, weil sie das Thema offensichtlich zu wenig ernst nimmt.
Nochmals das Wort Befreiung. Die Ärzte konnten zwar keine Spuren von dem unausgesprochenen Verbrechen finden, jedoch ist es für die BILD-Zeitung klar, dass die beiden Kinder ein psychisches Martyrium durchleiden mussten. "Was geht in Kindern vor, die eine Nacht in der heruntergekommenen Wohnung dieses Unterhosen-Mannes verbringen mussten."
Naiv, wie der mutmassliche Sexualstraftäter zu sein scheint, rechtfertigt er sich gegenüber den BILD-Reportern. Und die Reporter, ganz selektiv in der Wahrnehmung, zitieren H.Z. mit den Worten: "Später schliefen sie in meinem Bett ein, ich habe ihnen zugeschaut,..." Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Textanalyse des Artikels vom 16. März 2007

Gemäss BILD-Zeitung "hielt" der mutmassliche Sexualstraftäter die beiden Kinder in seiner Wohnung. Das Wort "gefangen" wird nicht verwendet. Der mündige Leser wird ganz alleine die von den Autoren gewünschten Schlüsse ziehen. Etwas in einer Wohnung halten suggeriert, dass man etwas wie ein Tier hält. So werden Hunde in Zwinger, oder Fische in Aquarien gehalten. Bei einem vorbestraften Sexualstraftäter geht man automatisch davon aus, dass er Kinder in seiner Wohnung hält wie Tiere - also menschenunwürdig.
Wieder wird ein Klischee bedient, die Wohnung sei "schmuddelig".
Zurecht weist der befragte Rechtsanwalt, Herr Sven-Oliver Milke, auf den den Umstand hin, dass Z. der Polizei gegenüber die Anwesenheit der beiden Kindern zunächst verschwiegen hatte. Für diesen Umstand, der in der Tat fragwürdig ist, kann es verschiedene Erklärungen geben. So dürfte der Z. um 3.30 Uhr durch das Klingeln des Handy's eines der Kinder, aus dem Schlaf gerissen worden sein. Wollte er die beiden Ausreisser schützen, indem er ihren Aufenthalt verschwieg? Höchst wahrscheinlich war sich Z. nicht bewusst in welch heikler Lage er sich befand.
Für die BILD-Zeitung ist es "UNFASSBAR!", dass der "Kinderfänger" noch frei in Berlin herum läuft. Die Aussage der Polizei "Wir prüfen noch, ob eine Straftat vorliegt" ist der BILD-Zeitung zuwenig Action.
Gemäss BILD-Zeitung hat ein Angestellter der Polizei die Gefahr verkannt. Statt gleich alle Hebel in Gang zu setzen und den vorbestraften Mann zu verhaften (interessant: die BILD-Zeitung spricht diffus von Vorstrafe, nicht mehr wie einen Tag zuvor von Vorstrafe wegen Kindesmissbrauch), prüfen die laschen Polizisten erst, ob eine Straftat vorliegt. Skandalös! Würde es nach den Vorstellungen der BILD-Zeitung gehen, müsste "so einer" sofort dingfest gemacht werden.
Die letzten beiden Sätze des Artikels der BILD-Zeitung zielen erneut die Fantasie des "mündigen" Lesers an. Wiederum wird mit Pünktchen gearbeitet, um nicht schreiben zu müssen, was man eigentlich suggerieren wollte: "Elf Stunden hatte H.Z. so Zeit mit den Kindern. Was in der Zeit geschah, weiss niemand..."
Die wahre Geschichte hinter der Exklusiv-Story
Zwei Wochen nach dem Erscheinen dieser Exklusiv-Story in der BILD-Zeitung, gab es eine Gegendarstellung, natürlich wesentlich weniger auffällig wie die eigentliche Story:
![Ausriss Kinderfänger [© BILDBlog]](../site-images/hz/04.jpg)
In der Gegendarstellung nimmt Z. Stellung zu den erhobenen Anschuldigungen:
«In der Bildzeitung vom 15. März 2007 verbreiten Sie (…) über mich die Darstellung, ich sei wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Das ist falsch. Ich bin nicht vorbestraft.»
«Sie zitieren mich wie folgt: "Später schliefen sie in meinem Bett ein. Ich habe ihnen zugeschaut, bin wohl auch eingenickt." Dazu stelle ich fest: ich habe weiter gesagt, dass ich nicht in meinem Bett lag dabei, sondern auf einer Fitnessliege.»
«Zu ihrer Darstellung in der Bildzeitung vom 16. März 2007 (…), ich hätte die Jungs eine Nacht lang in meiner Wohnung gehalten, erst dann seien sie von der Polizei befreit worden, stelle ich fest: Die Jungs gingen ein und aus, auch ohne mich. Sie mussten nicht befreit werden.»
Die BILD-Zeitung kommentiert:
«(...) Z. hat recht. Die Falschbehauptung über die Vorstrafe basierte auf einer falschen Pressemitteilung der Leipziger Polizei, die zwischenzeitlich zurückgezogen wurde. Die Polizei ermittelte auch gar nicht wegen der Beherbergung der beiden Ausreißer gegen (...) Z., weil es keinerlei Straftaten gab.»
Also war die Leipziger Polizei an der ganzen Zeitungs-Ente schuld? Wohl kaum. Zwar verbreitete die Leipziger Polizei am 14. März tatsächlich eine Falschmeldung, wonach Z. wegen sexuellen Kindesmissbrauch vorbestraft sei, jedoch räumte sie bereits in dieser Pressemitteilung ein, dass den Kindern von Z. kein Leid zugefügt worden sei. Dies hinderte die BILD-Zeitung aber keineswegs einen Tag später genau dies zu suggerieren.
Der eigentliche Skandal
Doch es kommt noch besser: Bereits am 14. März, also noch immer einen Tag vor der Veröffentlichung der Exklusiv-Story in der BILD-Zeitung, nahm die Leipziger Polizei die Falschmeldung wieder zurück und informierte die Medien über den Fehler. Es ist also anzunehmen, dass die BILD-Redaktion bereits einen Tag vor der Veröffentlichung der Story über die wahren Hintergründe im Bilde war und trotzdem die Falschmeldung kolpotierte.
Selbst wenn man annehmen muss, dass auf der BILD-Redaktion durch Hektik und menschliches Unvermögen Fehler passieren können, ist es nicht nachvollziehbar, dass noch einen Tag später, also am 16. März die Falschmeldung nicht als solche erkannt werden konnte. Bezeichnend für den Boulevard-Journalismus, empfand man bei der BILD-Redaktion den eigenen Fehler nicht in dem Masse gravierend, dass man rechtzeitig eine eigene Gegendarstellung gebracht hätte. Erst zwei Wochen später, wohl auf Druck des Angeprangerten, veröffentlichte man eine kleine Gegendarstellung - wobei man den Fehler geschickt der Polizei in die Schuhe schob.
Kommentar ITP:
Über die Berufsethik von Boulevard-Journalisten gibt es nichts Neues zu sagen. Der hier vorgestellte Fall soll nur dokumentarisch als Beispiel für die Mechanik der Panikmache und der damit einhergehenden Manipulation der Massen durch den Boulevard dienen.
Wichtiger an dieser Stelle ist uns die Aufmerksamkeit auf das Verhalten von Z. zu richten. Bereits die Tatsache, dass er sich gegenüber der BILD erklärte, war auf eine tragische Weise naiv. Wie das Foto zustande kam und warum die BILD-Reporter wussten, dass die Wohnung von Z. "schmuddelig" war, lässt sich nur erahnen. Auch die Fotos lassen sich fast nur mit Naivität von Z. erklären. Das waren aber nicht die einzigen Fehler, die Z. angesichts der uns vorliegenden Informationen begangen hat: Die Aufnahme von zwei Ausreisserjungs, auch wenn vielleicht wirklich gut gemeint, ist gefährlich und fahrlässig. Denn, egal welche Vorgeschichte die beiden Jungs zum Ausreissen veranlasst hatte, es hätte verantwortungsbewusstere Wege gegeben, als sie einfach zu sich nach Hause einzuladen. Der grösste Fehler aber war es der Polizei bei der telefonischen Anfrage nicht gleich die Anwesenheit der beiden Kindern anzugeben. Dieses Verhalten lässt sich wohl nur durch die Uhrzeit des Anrufs, die Überrumpelung plötzlich mit der Polizei sprechen zu müssen und der kompletten Verkennung der delikaten Situation erklären.
© ITP-pe 2007 / Mit Dank an die Unterstützung von BILDBlog
Weiterführende Links:
Anhand eines Beitrags des Reporters Viktor Dammann kann man erkennen, wie gewisse Medienschaffende ihre Macht für ihre persönlichen Perversionen und Gefühle gegenüber wehrlosen Personen missbrauchen.
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