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Aktuelle Beiträge / Archiv / Sexueller Missbrauch

Überforderte Jugend

Nachgedanken zum sexuellen Übergriff in Zürich-Seebach / von Allan Guggenbühl

Schlagzeilen im Blätterwald

Brutale Gruppenvergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens. Gefühlskalte Albaner, Mazedonier, Somalier sperren ein Mädchen in ein Zimmer und vergehen sich an ihr. Ein perverser Männlichkeits-Test? Eine weitere Eskalationsstufe der Jugendgewalt?

Verständlicherweise sind Eltern entsetzt, Schulbehörden verängstigt und viele Mitbürger tief besorgt. Der Ruf nach härteren Strafen, Frühwarnsystemen, grösserer Kontrolle wird laut. Und auf höchster Ebene wird darüber nachgedacht, ob den «Papierschweizern» unter den Tätern das Bürgerrecht aberkannt werden soll.

Der Vorfall in Zürich-Seebach ruft Entsetzen hervor. Die Vorstellung, dass junge Burschen ein jüngeres Mädchen sexuell misshandeln, ist unerträglich. Zentrale Werte unserer Gesellschaft werden verletzt. Körperliche Integrität, das Schutzalter und die Achtung des weiblichen Geschlechts sollten für alle eine Selbstverständlichkeit sein. Wie sind solche Vorfälle möglich? Können wir sie verhindern? Versagen unsere Assimilationsbestrebungen?

Um Antworten zu bekommen, müssen wir zuerst über die Bedeutung der Sexualität bei jungen Menschen nachdenken.

Angst und Unsicherheit

«Dürfen wir Sie etwas fragen?» Zwei 12-jährige Mädchen wenden sich schüchtern an ihren Lehrer-Praktikanten. «Wir getrauen uns nicht», fügen sie hinzu und kichern. Souverän antwortet der zwanzigjährige Student, dass es keine dummen Fragen gebe. Daraufhin zeigt ein Mädchen auf die Lende des Mannes: «Wie lange ist eigentlich Ihrer?»

Die Frage schockiert und überfordert den jungen Mann. Im Gegensatz zur Vorstellung, die viele Erwachsene von Jugendlichen haben, verfügen bereits 12- und 13-Jährige über lebhafte sexuelle Fantasien und Bedürfnisse. Obwohl ihr Denken und Verhalten viele kindliche Züge aufweist, ist ihre körperliche Entwicklung oft schon ziemlich weit fortgeschritten.

Kinder in diesem Alter suchen zögernd, widerstrebend oder entschlossen erste sexuelle Erfahrungen. Vielfach stehen diese Erlebnisse nicht in Einklang mit dem psychischen Entwicklungsstand. Obwohl Sexualität in den Medien und im Internet omnipräsent ist, sind viele Jugendliche bei diesem Thema unbeholfen.

Pornos wirken auf sie abstossend. Das Thema «Sexualität» ist mit grosser Scham behaftet. Sie sehen zwar die Bilder und hören von Eskapaden, doch bei der Umsetzung hapert es. Wie kann ich ein Mädchen ansprechen? Wann soll ich mit der Freundin schlafen? Sowohl für Mädchen als auch für Knaben ist das Thema zudem mit Angst verbunden. Es fällt ihnen schwer, über erste Erfahrungen oder Übergriffe zu sprechen. Knaben neigen dazu, ihre Unsicherheit mit Macho-Allüren zu überspielen. Lehrpersonen und den meisten Erwachsenen gegenüber verhalten sich Jugendliche bedeckt. Zwar wird geprahlt, geklatscht, werden Bilder heruntergeladen, doch Mädchen und Knaben fällt es schwer, ihr Inneres Erwachsenen preiszugeben.

Unter Gleichaltrigen

Der Austausch über erste sexuelle Erfahrungen und das Ausloten der Grenzen geschieht grösstenteils unter Gleichaltrigen. Den Peers wird erzählt, was man letzten Samstag erlebt oder wie der Kollege einen ausgeführt hat. Wie weit man gegangen ist, erfährt allenfalls die beste Freundin oder die Clique. Eltern und Lehrpersonen werden ausgeschlossen.

Sowohl Mädchen als auch Knaben richten sich während der Adoleszenz nach den Normen und Codes ihre Altersgruppe. Wie über Sexualität geredet, gepröbelt und wie sie ausgelebt wird, wird von den Vorstellungen der Altersgenossen geprägt. Natürlich wird auch hier geschummelt. Erfolge werden übertrieben, Übergriffe bagatellisiert oder Erlebnisse dramatisiert.

Da sie sich gegenüber den Alten bedeckt halten, dient die Jugend den Erwachsenen immer wieder als Projektionsfläche. «Meine Klasse organisiert wilde Sex-Partys, an denen es einzelne Mädchen mit jedem treiben», glaubt ein Oberstufenlehrer zu wissen. Und eine Mutter mischt ihrer vierzehnjährigen Tochter heimlich jeweils die Pille in ihren Milchdrink, aus Angst vor den Folgen der vermuteten Eskapaden.

Der Vorfall im Zürcher Seebach-Quartier brachte verschiedene dieser Problematiken zutage. Unabhängig von der Schwere des Übergriffs zeigten Reaktionen, dass alte Ängste geweckt wurden und stark projiziert wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass ähnlich heftig über einen Vergewaltigungsfall unter Erwachsenen debattiert wird.

Der Vorfall wurde zu einem Skandal, bevor der genaue Tatbestand eruiert worden war. Die Vorstellung einer Massenvergewaltigung brachte schlimmste Befürchtungen zutage. Bevor die Abklärungen begonnen hatten und obwohl auch das Verhalten des Mädchens Fragen aufwirft, wurden Forderungen gestellt und Konsequenzen gezogen: Strafen, grössere Kontrolle, mehr Schulsozialarbeit und schulische Präventionsmassnahmen. Wir wurden Zeugen einer kollektiven Hysterie, in der sich Fakten mit Fiktion vermischten. Bringen Ausländer laxe Sexualvorstellungen in unser Land? Wird unsere Jugend durch Pornos sexualisiert? Die Situation ist jedoch komplizierter, und wirksame Massnahmen sind schwieriger.

Die erste Grundregel bei sexuellen Übergriffen betrifft die Abklärung. Es gibt kaum ein Thema, in das mehr hineinfantasiert und projiziert wird. Oft greift zudem das Täter-Opfer-Schema nicht, da komplizierte Beziehungsgeflechte, Vorgeschichten oder spezifische Milieus berücksichtigt werden müssen. Fast immer wird zudem verleugnet – oder werden nach Vorfällen Schutzbehauptungen aufgestellt. Nur mit Hilfe einer vorurteilslosen, professionellen Abklärung kann festgestellt werden, was wirklich geschah. Zu einer solchen Analyse gehört, dass die Schilderungen aller Beteiligter, auch der Opfer, sorgsam und unabhängig von der öffentlichen Sicht hinterfragt werden.

Eine Frage des Respekts

Wenn über Massnahmen nachgedacht wird, dann müssen wir von der Lebenssituation und effektiven Einstellungen der Jugendlichen ausgehen. Ausländische Jugendliche lauern nicht mutwillig unseren Töchtern auf und zeichnen sich auch nicht durch eine lockere Sexualmoral aus. Viele Jugendliche aus dem Balkan haben im Gegenteil das Gefühl, dass man in der Schweiz den Frauen nicht genügend Respekt entgegenbringt.

Einige ausländische Jugendliche sind jedoch durch die offene Zurschaustellung sexueller Reize und die Unabhängigkeit der Frauen überfordert. Die Werte, die in ihrer Familie gelebt werden, widersprechen dem Verhalten der Frauen in der Öffentlichkeit. Diese Jugendlichen bewegen sich zwischen zwei Kulturen und sind überfordert. Oft wissen sie nicht, welche sexuellen Rituale und Regeln bei uns gelten. Darf ich im Tram neben einem Mädchen sitzen? Wie reagiere ich auf ein leicht anzügliches SMS ?

Die Darstellung der eigenen Weiblichkeit und das Einfordern der gleichen Rechte der Mädchen erleben sie als Irritation. Sie verstehen nicht, dass ein sexuell experimentierfreudiges Mädchen auch das Recht hat, Nein zu sagen. Viele sind verwirrt und kompensieren ihre Unsicherheit mit Macho-Verhalten. Solche Jugendliche brauchen eine realistische Einführung in unsere Sexual-Codes. Wie läuft das Flirten in der Schweiz ab? Wie bahnen sich sexuelle Kontakte an und vor allem: Wo liegen die Grenzen?

Überschätzte Strafen

Sanktionen und Strafen auf sexuelle Übergriffe sind notwendig, doch ihre präventive Wirkung wird überschätzt. In den Kreisen, in denen sich die Jugendlichen bewegen, werden Strafen meist als abstrakte Grössen wahrgenommen. Es mangelt den meisten Jugendlichen an Fantasie, um sich die Auswirkung einer Massnahme vorzustellen. Strafen können sogar als Ehre empfunden werden. Wer bestraft wurde, hat bewiesen, dass er den Mut hatte, den Staat herauszufordern. Er wird so zu einem «richtigen» Mann.

Da Jugendliche ihr Sexualleben vor den Erwachsenen verbergen, sind die Möglichkeiten der Schule oder aussenstehender Fachpersonen begrenzt. Man will seine Kollegen und Kolleginnen nicht verraten, sondern achtet den Peer-Code. Demonstrative Hilfestellungen der Erwachsenen bergen zudem immer die Gefahr der Instrumentalisierung. Die Jugendlichen merken, dass das Thema Sexualität interessiert und zu vermehrter Aufmerksamkeit verhilft. Zu glauben, dass durch vermehrte Pausenplatz-Präsenz oder durch den punktuellen Einsatz von Sozialarbeitern effektiver interveniert werden kann, ist naiv.

Die Integration von Jugendlichen ist eine umfassendere Aufgabe. Entscheidend für die Prävention von sexuellen Übergriffen sind Bezugspersonen, die Zeit und Energie haben, mit Jugendlichen eine konstante Beziehung aufzubauen. Diese Auseinandersetzung darf jedoch nicht nur über die Helfer-Schiene, sondern sollte in einem positiven Kontext erfolgen. Sie muss Hochs, Tiefs und vor allem auch Konflikte beinhalten. Wir können nicht nur mit der Forderung nach Beachtung sexueller Codes an die Jugendlichen herantreten, sondern müssen sie in unsere Lebenskultur und Geschichte einführen. Wir dürfen Jugendliche nicht nur als potenzielle Gewalttäter oder Opfer ansprechen, sondern als neugierige und wertvolle Mitmenschen.

Jugendliche ernst nehmen

Vor allem bei männlichen Jugendlichen lässt sich diese Beziehung am besten über Themen aufbauen. Ihre Interessen, Fantasien und Ziele sollten die Grundlage der Beziehung sein. Viele ausländische Jugendliche nehmen über Musik, Sport oder Bildungsinhalte die Auseinandersetzung mit heimischen Erwachsenen an. Sie möchten ihre Herkunft mit der Vergangenheit der Schweiz vergleichen oder erfahren, wie mit Themen wie Gewalt und Beziehung der Geschlechter umgegangen wird. Im Rahmen einer solchen Auseinandersetzung können unsere Werte vermittelt werden. Task-Forces oder Trainingsprogramme bleiben meistens an der Oberfläche. Auf diese Weise werden ausländische Jugendliche auch in unsere Codes und Umgangsformen eingeführt. Oft übernehmen Lehrpersonen oder Lehrmeister die Rolle dieser Bezugsperson. Leider führt die Einführung des Fachlehrer-Systems an unseren Schulen dazu, dass diese Rolle in den Hintergrund rückt. Sieht eine Lehrperson wöchentlich mehr als sechzig Schüler, sind solche Beziehungen weniger wahrscheinlich.

Dringend notwendig ist zudem, dass männliche Jugendliche in gleichgeschlechtlichen Gruppen ihr Mannsein reflektieren können. Im Rahmen der Schule oder Berufsschule sollte es ihnen möglich sein, über männliche Rollen, Identitäten, Mythen und das Verhältnis zum anderen Geschlecht nachzudenken. Solche Gruppen müssen jedoch vorurteilslos geführt werden, ohne heimliche Umerziehungs-Absicht oder ausgehend von einem defizitären Männerbild.

St. Galler Tagblatt

www.tagblatt.ch

Veröffentlicht im St. Galler Tagblatt vom 6. Dezember 2006

Autor: Prof. Dr. Allen Guggenbühl
Bild: ITP
Veröffentlicht auf ITP mit der freundlichen Genehmigung des
Autors

Zum Autor:

Allen Guggenbühl ist Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM) in Bern und Zürich/Stockholm. Dozent für Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich und am HAP in Zürich. Autor verschiedener Bücher und Artikel, Kantonaler Schulberater.

Link extern Institut für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM)

Kommentar ITP:

Mitte 2006 wurde der Fall Rhäzüns bekannt. Siehe Bericht auf ITP: "Ein fünf Jahre altes Mädchen wird von zwei Buben sexuell missbraucht". In der Folge kamen immer mehr ähnliche Fälle ans Licht der Öffentlichkeit. Besonders der Fall Seebach und der Fall Steffisburg lösten verständliche Angst und Emotionen bei der Bevölkerung aus. Die Boulevardmedien sprangen voll auf das Thema auf. Um zwischen den neusten Schreckensmeldungen die Emotionen möglichst hoch halten zu können, wurden auch alte und längst abgeschlossene Fälle beschrieben (Beispiel: Fall "Felsberg"). Ob das im Interesse der dortigen Opfer war ist fraglich. Behörden wurden für ihre, bei Kinder- und Jugenddelikten übliche, zurückhaltende Medienpolitik kritisiert.

Schuldige wurden gesucht und auch sehr rasch gefunden: Die Ausländer. Der zu freizügige Umgang mit Sexualität. Die Gutmensch-Politik der letzten 20 Jahre. Die linken Parteien, die immer mehr Überfremdung zulassen.

Je nach politischer Couleur oder Interessen wird gefordert: Mehr Krippenplätze. Bessere Sexualerziehung in den Schulen. Strengere Schulen. Verbot von Handys an Schulen. Verbot von Ballerspielen. Die Frau "zurück an den Herd". Mehr Überwachung.

Mit dem Thema Pädophilie haben diese Fälle wenig zu tun. Mit sexuellem Missbrauch jedoch viel. Die Art der Berichterstattung gleicht sehr der Berichterstattung um Pädophilie. Es geht um die Lieblingsthemen des Boulevard: Sex & Kriminalität & kindliche Opfer. Daraus ergibt sich dann: Grosse Empörung. Schnell Schuldige, die man verteufeln kann. Schnelles politisches Kapital woraus man profitieren kann. Schnell halbgare Gesetze schaffen. Diese im Namen der Vorfälle verkaufen und durchsetzen (Beispiel: Überwachung).

Allan Guggenbühl lieferte mit seinem Text einen differenzierten Beitrag zu den Geschehnissen. Wir teilen weitestgehend die darin enthaltenen Aussagen und Gedanken. Es ist wichtig, dass Fachleute wie Guggenbühl trotz hochgefahrenen Emotionen wichtige Aspekte in die Diskussionen einfliessen lassen. Nur so besteht die Chance in Zukunft Bedingungen zu schaffen, um die Anzahl solcher Straftaten zu minimieren.

© ITP-pe 2006

Nachtrag 17. Oktober 2007

20 Minuten berichtet am 30. September 2007

Unerwartete Wende im Fall Seebach: Voraussichtlich kann die Massenvergewaltigung keinem der Verdächtigen nachgewiesen werden.

Vor einem Jahr soll die 13-jährige Michelle in M.s* Kinderzimmer von ihrem Freund und 13 Kollegen mehrmals vergewaltigt worden sein. Doch nun, kurz vor der Urteilsverkündigung, nimmt der Fall eine groteske Wende: Laut der «SonntagsZeitung» kann die Tat voraussichtlich keinem der Jugendlichen nachgewiesen werden.

Offenbar habe keiner der Angeschuldigten ein Geständnis abgelegt. Vielmehr befürchten die Behörden Entschädigungsforderungen von den Jugendlichen. M.s Mutter J.* kritisiert jedenfalls jetzt schon die Polizei: «Die haben meinen Sohn einfach vorverurteilt, das ist nicht die feine Art», sagt sie gegenüber 20 Minuten.

Nach Ansicht von Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch wirft die damalige Kommunikation tatsächlich Fragen auf: «Wenn man von Tätern und Vergewaltigung spricht, sollte man schon starke Indizien haben», kritisiert er. Andernfalls dürften die Behörden den Fall nicht derart gross fahren. Die Stadtpolizei will zu den Vorwürfen vorerst keine Stellung nehmen.

Kommentar ITP-arcados:

Erstaunlicherweise fand diese Wende im Vergleich zu den Vorverurteilungen kaum Beachtung in den Medien. ITP-pe

© 2007 20 Minuten / Romina Lenzlinger

Weiterführende Links:

Link Ein fünf Jahre altes Mädchen wird von zwei Buben sexuell missbraucht

Ein bizarrer Fall schockiert die Schweiz - alle rufen nach Sanktionen - Keiner interessiert sich für die Ursachen.

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