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Aktuelle Beiträge / Archiv / Medien

Kommentar zur Berichterstattung um den Fall Natascha Kampusch

Prof. Dr. J. C. Aigner

Prof. Dr. Josef C. Aigner (Foto: Hefel)

Eine bitterböse Abrechnung mit der Sensations-Berichterstattung rund um den Fall von Natascha Kampusch. Geschrieben von Prof. Dr. Josef Christian Aigner. Veröffentlicht in der Zeitung "Der Standard" vom 1. September 2006. Auf ITP veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Autors.

Kommentar der anderen:
"Komm schon, Natascha"

Von der Doppelmoral einer latent pädophilen Kultur -
Von Josef Christian Aigner

Der Umstand, dass Natascha Kampusch sich in ihrem am 28.8. veröffentlichten Brief mehrmals gegen die Beantwortung von Fragen nach "intimen Details" im Zusammenleben mit ihrem Entführer auszusprechen, ja solches mit Ahndung zu drohen gezwungen sah, zeigt schon, wie scharf unsere Gesellschaft (in Gestalt der Medien) auf intime Handlungen an Heranwachsenden ist. "Alle wollen immer intime Fragen stellen", sagt die Entführte in ihrem eindrucksvollen Schreiben.

Was diese junge Frau spürt: dass in Wirklichkeit alle oder zumindest viele scheinbar darauf warten zu erfahren, was die suizidierte "Bestie" (so der "Kleinformat"-Jargon) mit der Kleinen/ Heranwachsenden/ vielleicht recht ansehnlichen Jugendlichen (wir hätten doch so gern ein Foto von ihr!) so gemacht hat. Man wüsste doch zu gerne, wann das erste Mal, wie oft und in welcher Weise es das "Monster" mit der Wehrlosen (übrigens ein beliebter pornographischer Topos) getrieben hat.

Und nur zu gern würden einige Wochenmagazine - wie schon in anderen Fällen - Bilder mit halb- oder ganz nackten Jugendlichen veröffentlichten, die der perverse Täter vielleicht im Geheimen aufgenommen hat.

Pressekonferenz zu N. Kampusch

Pressekonferenz - Die kleinste Info ist eine Schlagzeile wert.

Psychologe von N. Kampusch

Der Psychologe von N. Kampusch verliest einen Brief in dem Natscha darum bittet: Lasst mir Zeit!

Kann man bei einigen nach Interviews geifernden Medien noch ein gewisses profanes Interesse an den Entwicklungsbedingungen eines solchen Kindes, sozusagen an einem abgewandelten Kaspar-Hauser-Schicksal, zugestehen, vermute ich bei den meisten Magazineuren und ihrem Publikum (also uns!) jenes latente pädophile Interesse, das in gewisser Weise unsere gesamte Kultur kennzeichnet:

Eine Kultur wohlgemerkt, in der renommierte Wäschefirmen mit vorpubertären Mädchenmodellen in scharfen Strapsen werben, ohne dass sich außer ein paar Feministinnen jemand aufregt; eine Kultur auch, in der das Kindweib mit allen (nebenbei bemerkt auch homophilen) Zügen des noch nicht "ausgewachsen Weiblichen", des "Knospenhaften" (so eine Werbung), als Ideal an sexueller Attraktivität und Anziehung protegiert und ausgebeutet wird; eine Kultur weiters, die schon ganz jungen Menschen (auch Buben) oft keine andere Sicherheit erlaubt, als das spröde Selbstbewusstsein einer selbstverletzenden und/oder sich frech entblößenden Körperlichkeit (wenigstens damit und dadurch "sind sie jemand"!); eine Kultur schließlich, die Jugendlichkeit bis zum Exzess zum lebenslangen Fetisch erhebt und das Alter bestenfalls als statistisch bedeutender werdenden Marktwert schätzt!

Eine Kultur andererseits, die Forschungen über Pädophilie, die zu verstehen versuchen, was mit diesen Tätern los ist, wüsten Verharmlosungs-Beschimpfungen unterzieht, wie es einst Rüdiger Lautmanns Buch "Die Lust am Kind" im profil ergangen ist; eine Kultur, in der Männer sich massenhaft Teenie-Pornos reinziehen, während bei Auffliegen einzelner Täter selbst der Ruf nach bisher als inhuman geltenden Strafen laut wird.

Eine Kultur also, in der diesbezüglich ein gerüttelt Maß an Verlogenheit herrscht, die jede vernünftige Diskussion über diese traurigen Dinge zu verhindern scheint.

Immer schon war in dieser Kultur die Sexualität und das Stieren darauf der Hauptgrund für die (doppelmoralische) Empörung über die Gewalt an Kindern. Immer schon waren nicht-sexuelle Gewalttaten an Minderjährigen weniger interessant bis toleriert - als ob es nicht auch dem sexuellen Missbrauch zumindest ebenbürtige Grauslichkeiten an Kindern gäbe. Wer dies - wie der Autor - selbst im Interesse moderner Kinderschutzarbeit referierte, wurde sofort der Verharmlosung sexueller Gewalt bezichtigt.

Der Fall Natascha Kampusch, oder besser: der offenbar intakte und emotional tiefgehende Intellekt dieser jungen Frau, bringt sowohl auf der Täterseite als auch auf der Opferseite unser vorgeprägtes Bild gehörig ins Wanken (nicht umsonst spricht sie von "ewigen Verleumdungen", "Fehlinterpretationen", "Besserwisserei"): kein ohnmächtiges, der pathologischen Sexgier des Entführers ausgeliefertes Opfer auf der einen Seite, kein durch und durch entmenschlichter Perverser auf der anderen.

Stockholm-Syndrom hin oder her: auch eine Beziehung zwischen zwei solchen Menschen ist komplizierter und facettenreicher, als sich das viele von uns aus dem eigenen (öden) Beziehungs-Alltag heraus vorstellen können.

Die Betreuer Natascha Kampuschs tun gut daran, diese junge Frau - falls sie es nicht ohnehin selbst kann - vor der latenten pädophilen Geilheit, mit der das Interesse am Schicksal dieses Mädchens und ähnlicher Fälle heutzutage durchsetzt ist, zu schützen und den von der sensationslüsternen Bevölkerung beauftragten Medien eine radikale Abfuhr zu verpassen. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil diese Frau und ihr Leidensweg etwas Besonderes ist, ihr insbesondere ihre "intimen oder persönlichen Details", wie sie so schön sagt, "alleine gehören".

© Prof. Dr. Josef Christian Aigner 2006

Der Autor ist Psychoanalytiker und Sexualtherapeut an der Universität Innsbruck.

© ITP-pe 2006

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