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Aktuelle Beiträge / Archiv / Kinder

Kinder können Kinder bekommen -
Und Androhung von Strafe ist keine Lösung

Autor: Peter Tatchell

So die Schlagzeile einer überregionalen Massenzeitung am 10. Juli 2001. Laut dem deutschen Sexualforscher Norbert Kluge habe sich die Geschlechtsreife seit Mitte der 90er-Jahre bei den Jungen um 1,3 Jahre und bei den Mädchen um 1,7 Jahre nach unten verschoben. Wenn das so weitergehe, seien im Jahre 2010 Knaben bereits mit 9,9 und Mädchen mit 9,7 Jahren fähig, Nachwuchs zu zeugen.

Es ist denn langsam die Frage berechtigt, ob vor diesem Hintergrund Schutzalter von 18, 16 oder 14 Jahren noch zu rechtfertigen sind. Mit einer Anpassung soll nicht die dahinserbelnde Geburtenrate in Industriestaaten angehoben werden, sondern die Kriminalisierung von Jugendlichen aufhören, die ihrer natürlichen Entwicklung entsprechend leben wollen.

Im "Guardian" vom 1.8.01 schreibt Peter Tatchell*, das Schutzalter 16 kriminalisiere mehr als die Hälfte der britischen Teenager. Da könne nicht mehr von Schutz die Rede sein, da müsse von Verfolgung gesprochen werden. Das Schutzalter 16 stamme aus dem Jahre 1885, als man Schutzalter 13 über Bord warf. Und er fragt, ob junge Leute unter 16 nicht das Recht hätten, selbst zu entscheiden, wann sie zu einer sexuellen Beziehung fähig seien.

Zwei Vierzehnjährige, die heute einvernehmlichen Sex miteinander haben, riskieren in Grossbritannien Strafen von 10 Jahren bis lebenslänglich. Wie Erwachsene, die sexuelle Beziehungen zu Minderjährigen haben, werden auch sie im Register aller Sexualstraftäter eingetragen. Würden der 14-jährige Romeo und die 13-jährige Julia heute in Grossbritannien leben, kämen sie in die Verbrecherkartei, und ihre im Streit liegenden Eltern hätten keine Mühe, die Kinder auseinander zu bringen, sie brauchten nur Romeo bei der Polizei anzuzeigen.

Wohl werden nur wenige Jugendliche unter 16 Jahren verhaftet, aber das ist ein schwacher Trost für diejenigen, die es erwischt. Und dient auch nicht der seelischen Gesundheit all der vielen, die nicht erwischt werden, denn sie stehen unter einem Damokles-Schwert, das jederzeit auf sie niedersausen kann - sie bekommen die gefährliche Botschaft mit, dass Jugendliche unter 16 keine sexuellen Rechte haben, auch nicht zum Neinsagen.

Ob die Erwachsenen es wollen oder nicht: 14 ist heute das Durchschnittsalter für sexuelle Handlungen unter den Geschlechtern. Das ergab eine Studie des National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles 1994, wobei man aber nicht gleich schon an Koitus denken muss. Die Jugend kennt noch andere Möglichkeiten, wie Berichte aus den USA zeigen. Da aber jegliche sexuelle Handlung mit einer Person unter 16 Jahren von Gesetzes wegen ein Verbrechen ist - auch Petting unter Gleichaltrigen -, kriminalisiert ein Schutzalter 16 mehr als die Hälfte der Teenager. Das ist eine sonderbare Art der Schutzgewährung.

Schutzalter 14 wäre fairer und wirklichkeitsnaher, und - schreibt Peter Tatchell - es wäre auch zu wünschen, dass wie in der Schweiz einvernehmliche sexuelle Handlungen mit Jugendlichen unter 14 ebenfalls von Verfolgung ausgenommen würden, wenn der Altersunterschied nicht mehr als 3 Jahre beträgt. So könnte harmlosen Sexspielen unter Kindern und Jugendlichen besser Rechnung getragen werden.

Kritiker werden sagen, Vierzehnjährige seien noch nicht reif für eine sexuelle Beziehung. Nun, einige sind es, andere nicht; viele aber machen es trotzdem. Reife, so die Antwort, ist eine Sache der Sexualerziehung und der Erfahrung - doch die darf man ihnen nicht gänzlich verwehren, sonst beisst sich die Katze in den Schwanz. Im November 2000 wurden 42'000 Mädchen von 12 bis 16 zum Thema Schutzalter befragt, 87% fanden das Alter 16 zu hoch. In einer früheren Umfrage hatten sich vier von fünf Jugendlichen für ein tieferes Schutzalter ausgesprochen - und für eine bessere sexuelle Aufklärung.

Geben wir nochmals den Kritikern das Wort: Sie finden, das Schutzalter 16 sei besser imstande, die verletzlichen Jugendlichen zu schützen, als ein Schutzalter 14.

Dazu ist zu sagen, dass ein Schutzalter dem Kind überhaupt keinen Schutz garantiert. Kinderschänder kümmern sich nicht ums Schutzalter. Selbst ein Schutzalter 25 könnte Missbrauch nicht stoppen. Was Kindern und Jugendlichen Schutz gewährt, ist Sexualerziehung und die Gewährung von mehr Rechten. Sexualerziehung muss darauf zielen, Kinder und Jugendliche so stärken, dass sie sexuellen Belästigungen mit einem selbstsicheren "Nein" begegnen können.

Eine gute Sexualerziehung ist mehr wert als Abstinenz-bis-zur-Ehe-Kampagnen, wie Bush sie gegenwärtig wieder mit Geld fördern will, das er bei der Armutsbekämpfung in seinem Land und beim Umweltschutz einspart. Am Sexologie-Kongress in Paris 2001 sprach ein Forscher aus den USA zum Thema der Schwangerschaftsverhütung bei Teenagern. Er verteidigte die "postpone sexuality"-Theorie, d.h. das Keusch-Sein bis zur Ehe, wobei die Forschung die Aufgabe hat, Mittel und Wege zu finden, um der Jugend diesen Slogan schmackhaft zu machen. Doch die Jugend macht nicht mit. Unter den Industrienationen haben die USA die höchste Zahl an Schwangerschaften und Abtreibungen bei den unter 18-Jährigen. Darauf meinte ein Niederländer: "Mein Herr, wir in den Niederlanden weisen weltweit die tiefste Zahl schwangerer Teenager aus. Und wissen Sie, wie wir das schaffen? Nicht durch Postpone Sex. Bei uns wird von früher Kindheit an über Sex offen geredet und informiert. Wir haben Kondom-Autoamten an jeder Strassenecke und die Pille für Mädchen. Damit haben wir das erreicht!"

Peter Tatchel vom "Guardian" fährt in seinem Artikel fort: "Kanada, Deutschland, Italien und acht andere europäische Länder kennen ein gemeinsames Schutzalter von 14 Jahren. Verglichen mit Grossbritannien haben die meisten dieser Länder eine geringere Zahl an Teenager-Schwangerschaften, Abtreibungen und HIV-Infektionen. In diesen Ländern liegt auch das Alter erster Sexualkontakte höher. Selbst der frühere Bischof von Glasgow, Derek Rawcliffe, war für Schutzalter 14. Obwohl ich mit Bischöfen selten einer Meinung bin: in diesem Fall hat er Recht. Mit Androhung von Haft und Gefängnis schützen wir junge Leute nicht.

Peter Tatchell steht ein für schwule und andere Anliegen aufgrund der Menschenrechte. Er hat eine eigene Homepage: http://www.petertatchell.net/

© ITP / Übersetzung: pa

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