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Aktuelle Beiträge / Archiv / sexueller Missbrauch
Rignano Flaminio, Italien
Rignano Flaminio ist eine kleine italienische Gemeinde nördlich von Rom. Ein Ort wo die Kirche noch im Dorf steht. Ausgerechnet da soll sich ein Kinderschänderring eingenistet haben. Europa wird mit einer Flut von Meldungen überschwemmt, die einmal mehr vor der Gefahr von "Kinderschänder-Ringen" warnen. Eltern fahren ihre Kinder zur Schule, damit diese nicht von Pädophilen entführt und vergewaltigt werden. Ermittlungsbehörden rechtfertigen ihre zunehmenden Gelüste nach Überwachung mit der Notwendigkeit des Bekämpfens pädokrimineller Gefahren und einige selbsternannte Psychotherapeuten/innen nutzen die mediale Plattform um das Bild des schwarzen Mannes an die Wand zu malen.
Was ist eigentlich genau passiert? Die Pendlerzeitung 20 Minuten berichtete:
Monatelang sollen drei Kindergärtnerinnen, einer der Ehemänner, eine Hausmeisterin der Vorschule und ein Tankwart 15 Kinder zwischen drei und fünf Jahren vergewaltigt haben. Die Taten sollen zu Hause bei einer der Lehrerinnen, Marisa Pucci, stattgefunden haben.
Als Teufel verkleidetDie Kinder sollen mit Drogen ruhig gestellt worden sein, berichtete die Ermittlungsrichterin Elvira Tamburelli: «In der Wohnung von Marisa Pucci gab es eine grosse Küche, mit einem langen Tisch und einem Bett; die Kleinen spielten «die Kinder», während Marisa Pucci die Rolle der «Mutter» übernahm. Die Kinder wurden komplett ausgezogen und draussen in die Kälte gestellt. Nachher wurden sie wieder hineingetragen und angezogen und Hörner aufgesetzt. Die «Grossen» trugen schwarze Kleider oder waren als Teufel mit Kapuze verkleidet.»
Vergewaltigungsszenen

«Meine Tochter übergab sich fast jeden Morgen und dann weinte sie immer wieder», beobachtete Maria C. bei ihrer kleinen Tochter Anna. Auch die Zeichnungen der kleinen Anna seien eindeutig gewesen - schwarz- und weisshäutige Teufel mit riesengrossen Geschlechtsteilen. Maria C. ging mit ihrem Verdacht zur Polizei. Auch andere Eltern wunderten sich über die immer dramatischeren Angstzustände ihrer Kinder, wenn sie morgens in den Kindergarten mussten.
Schon im vergangenen Herbst klagten die Eltern bei der Schulleitung darüber, dass ihre Kinder ein eigentümliches Verhalten an den Tag legten und dass ihre Geschlechtsteile immer wieder auffällig gerötet waren. Kinderärzte bestätigten, dass irgendjemand die Kinder vergewaltigt haben könnte. Die Schuldirektion erliess im Oktober strengste Regeln.
Zu lange mit den Ermittlungen gewartetDoch immer wieder gelang es den Lehrerinnen, die Kinder während des Unterrichts mit einem Auto in Puccis Privatwohnung in Rignano Flaminio zu bringen, wo bereits die anderen Angeklagten auf ihre Opfer warteten. Jetzt wird den Behörden vorgeworfen, zu lange mit ihren Ermittlungen gewartet zu haben.
Ein weiterer Angeklagter, Gianfranco Scancarello schrieb seinerseits Kinderprogramme für den öffentlichen TV-Sender Rai und ein katholisches Fernsehprogramm. Ausserdem arbeitete er für die italienische Bischofskonferenz. Seine Frau, Patrizia del Meglio, verfasste Handbücher, in denen sie darüber schrieb, wie man kleine Kinder für Kunst interessieren kann.
Die Polizei vermutet, dass Scancarello, der wie seine Frau und die vier anderen Angeklagten in Untersuchungshaft sitzt, die Vergewaltigungsszenen mit den Kindern filmte. Diese Filmaufnahmen sollen anschliessend im Internet vertrieben worden sein.
© 2007 «20 Minuten»
Medien berichten in ganz Europa über Rignano FlaminioIn ganz Europa wurde über den "Pädophilen-Skandal" berichtet. Selbst sonst seriöse Magazine und Fernsehanstalten schickten Reporter los, die unkritisch und ohne hinterfragen in ihren Berichten die abenteuerliche Version der Anklage übernahmen. Dabei ist alleine schon der Mix der von Klischees behafteten Schlagworte wie "Satanismus", "Pädophilie", "Vergewaltigung" und "Internet" bei der ganzen Geschichte in dem Masse unglaubwürdig, dass man als objektiver Beobachter nicht umhin kommt, die Geschichte kritisch zu betrachten.
Nicht so die Massenmedien: Hauptsache die Quote stimmt. Hauptsache die Story schlägt ein. Und beim Thema Kindesmissbrauch kann gar nicht zu sehr fantasiert und übertrieben werden. Es wird sowieso als Wahrheit geschluckt.
Doch noch während Europa über einen neuerlichen angeblichen Pädophilen-Skandal "aufgeklärt" wird, passieren in Rignano Flaminio wunderliche Szenen, die einem an Szenen aus einem Fellini Film erinnern. Überraschend werden fünf von sechs Angeklagte aus der Untersuchungshaft entlassen. Während nun die Eltern, denen man zuerst eingetrichtert hatte, dass ihre Kinder missbraucht worden seien mit Verbitterung reagieren, feiern die Angehörigen und Freunde der Angeschuldigten die Freilassungen mit einem rauschenden Fest.
Die Frankfurter Rundschau berichtet als eine der wenigen Medien ausführlich nach den Freilassungen:Im Wirbelsturm der Gefühle ließ der Pfarrer die Glocken läuten ob der triumphalen Rückkehr der zuvor Verhafteten und düste begeistert auf dem Motorino durchs Dorf. Jugendliche hupten bei Motorrad- und Vespa-Runden, wie sie es sonst bei Fußball-Meisterschaften tun. An der "Bar Sport" prangt ein Spruchband: "Die Rückkehr der Unschuldigen". Jene, die den Anschuldigungen nicht hatten glauben können, waren vor einer Woche zu einem demonstrativen Fackelzug vor das römische Gefängnis Rebibbia gezogen: für die vier Erzieherinnen, den Ehemann einer von ihnen und einen weiteren laut Kindererzählung "schwarzen Mann". Der Pfarrer war bei der Demo mit von der Partie.
Auch in der Öffentlichkeit wuchsen Zweifel an den Missbrauchsvorwürfen, als die prominenten Anwälte der erfahrenen Erzieherinnen zu Attacken gegen die Arbeit der Staatsanwaltschaft und Gutachter ansetzten. Sie sehen das Persönlichkeitsrecht zutiefst verletzt durch Berichte über sexuelle Gewalttaten: wie die Kinder durch einen Hinterausgang in ein Privathaus verschleppt, wie sie zu schmerzhaften "Spielen" missbraucht worden seien und wie sich die Erwachsenen dabei erregt haben sollen. Erzieherinnen als Monster - und Psychologen erklärten in Medien, dass Pädophilie kein ausschließlich männliches Verbrechen ist.
Die "Colpevolisti", die Partei der von der Schuld der sechs Inhaftierten Überzeugten, hatte die übergroße Mehrheit. Mit dem Fackelzug der Solidarität und den Anwaltsattacken verschob sich die breite Stimmung. Die "Innocentisti", die Partei der Unschuld, erhielt starken Zulauf. Nach neun Monaten der Ermittlungen gerieten der Staatsanwalt und die Gutachterin, die die Schilderungen der Kinder für "voll glaubwürdig" erklärt hatte, zunehmend in ein schiefes Licht.
Auch das Verhalten der Eltern schien immer mehr fragwürdig: Haben sie ihre Kinder beeinflusst, ihnen gar etwas suggeriert, was sie in ihrem Alter gar nicht wissen konnten? War den Kleinen Gewalt angetan worden, obwohl physische Zeichen davon nicht sichtbar waren? Eltern befragten ihre Kinder über die mutmaßlichen Sexspiele intensiv, machten dabei Videoaufzeichnungen, die in Zeitungen ausführlich protokolliert wurden. War das nicht erst recht schädlich?
Die Eltern sind hilflos, wütend und verzweifelt. Es wird von Neigungen unter ihnen berichtet, jetzt Selbstjustiz zu üben. Sie reagierten vorerst zurückhaltend: Die Beschuldigten seien nicht freigesprochen, sondern nur aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Die Feststellung des Gerichts, es gebe keine schwer wiegenden Indizien, hat die betroffenen Eltern verletzt.
Dass das Gerichtsverfahren andauert, haben diejenigen verdrängt, die in der "Bar Sport" und auf dem Rathausplatz feiern. Sie empfingen die Heimkehrer aus dem römischen Knast mit Blumen. "Danke an alle", rief eine von ihnen, "die Gerechtigkeit triumphiert am Ende immer." Dass die Wahrheit von Rignano Flaminio am Ende tatsächlich ans Licht kommt, dafür sind die Voraussetzungen nicht günstig. Auch nicht dafür, dass wieder Normalität einkehrt im Dorf.
© 2007 «Frankfurter Rundschau»
Kommentar von ITP:Was nun in Rignano wirklich mit den betroffenen Kindern passiert ist oder nicht, wird sich aufgrund der Vorgeschichte wohl kaum noch objektiv aufklären lassen. Zweifelsohne mussten die Kinder etwas erlebt haben, wodurch die Aussagen erst zustande gekommen sind. Doch was nun genau wirklich passiert ist und was erst durch Befragung und Beeinflussung der Kinder als Realität wahrgenommen wird, dürfte schwer zu trennen sein.
Kritik ist einmal mehr an jene Medien zu richten, die durch Aufbauschen der Geschichte sicherlich nicht mitgeholfen haben den Fall zu klären. Gerade durch vorschnelle Berichterstattung und dem dadurch erzeugten Raum für Spekulationen, ist die freie Sicht auf den Fall versperrt. Die volle Namensnennung der Angeschuldigten ist dazu noch ein nicht umkehrbarer Eingriff in Persönlichkeitsrechte, doch das wurde in den letzten Jahren bei Berichten im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch zur üblichen Praxis.
Aufschlussreich auch die Betrachtung, welche Medien den Fall als Skandal nach ganz Europa vermittelt haben. Jedenfalls waren es nicht die gleichen Medienorgane, die dann auch über die Freilassung der Angeschuldigten berichtet haben.
Abschliessend noch einige Hinweise im Zusammenhang mit dieser Geschichte:"Kinderschänderringe" oder auch "Pädophilenringe" sind öfter in den Medien auftauchende Phantome, zu denen es keine Definition gibt. Es sind Begriffe die viel Raum für Fantasie lassen. So kann zum Beispiel die Bekanntschaft zweier Pädophilen ausreichen um für gewisse Medienschaffende die Bekanntschaft an sich als Pädophilenring zu bezeichnen. Es klingt eben sehr viel besser und löst andere Gefühle aus als wenn zum Beispiel berichtet würde: Zwei befreundete Konsumenten von Kinderponografie haben übers Internet kinderpornographische Dateien ausgetauscht.
"Satanismus" und "Teufelsanbetung" sind Begriffe, die besonders in sehr katholischen Gegenden geeignet sind, Emotionen zu schüren. In Zusammenhang mit der Vergewaltigung von Kindern weckt dies auch religiöse Urängste wie die "Befleckung" des "Unschuldigen" - also Heiligen. Sozusagen der Inbegriff des Triumphs des Teufels über die Liebe oder aber eben der Triumph von Böse über Gut.
"Diese Filmaufnahmen sollen anschliessend im Internet vertrieben worden sein." So berichtete 20 Minuten. Eine andere Zeitung konnte sogar die genauen Preise der Filme angeben: "Die Filme wurden für 30 bis 300 Euro im Internet verkauft". Sollte es tatsächlich filmisches Material über die Vergewaltigungen geben, dann gäbe es höchst wahrscheinlich nicht so viele Zweifel über den Fall. Aber, das Internet dient wunderbar als Projektionsfläche für alle Schandtaten - gerade wenn es um organisierte Kriminalität geht. Dabei sind die Zeiten, in denen das Internet ein rechtsfreier Raum war längst vorbei.
Fazit:Eine Geschichte, beladen mit sehr vielen Klischees, die mehr dazu diente dem Volk einmal mehr mit dem Phantasma "Kinderschänderring" in reichlich drastischer Form das Gruseln beizubringen. Tragisch, dass neben dem offensichtlich dilettantischen Vorgehen der Ermittlungsbehörden gerade die mediale Skandalisierung die Aufklärung des Falls höchst wahrscheinlich unmöglich gemacht hat.
© ITP-pe 2007
Weiterführende Links:
Eine Exklusiv-Story bei der BILD-Zeitung und die wahre Geschichte dahinter. Eine Dokumentation wie gerade in Boulevardmedien mit dem Thema "Kindesmissbrauch" wissentlich und mit Kalkül ein Klima von Angst und Wut erzeugt wird.
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