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"Jegliches Laster erreichte den Gipfel", spottete der römische Dichter Juvenal (60-140 nach Christus). Rom galt damals als der Sündenpfuhl der Welt. Die strengen Ehegesetze verboten den Männern jeden Seitensprung und trieben sie damit in die Mädchenbordelle und auf die Knabenmärkte. Die Zimmer der Häuser waren mit erotischen Bildern bemalt, Frauen hatten miteinander Sex, Männer lagen mit Männern, Frauen, Mädchen und Knaben im Bett, und wer es sich finanziell leisten konnte, besaß pornographische Texte und Zeichnungen.
Die Zeit danach entdeckte die Sittsamkeit und den Stachel für das sündige Fleisch. Im Mittelalter lag die Heiratsgrenze noch bei 12 Jahren für Mädchen und 14 bei Jungen. Der Kirchenlehrer Augustinus, die Kaiser Karl der Große und Friedrich Barbarossa und viele andere berühmte Männer der Geschichte schliefen mit Minderjährigen - völlig legal. Doch bald erfand die katholische Kirche die Traktate gegen den Sex, die Zensur (1486 durch den Erzbischof von Mainz), überwachte und kontrollierte das öffentliche Schulwesen (durch die Jesuiten) und schaute den Knaben auf die Hände - unter der Bettdecke.
Die Politiker änderten in der Folgezeit die Sittengesetze wie die Wirte ihre Speisekarten. Der "Zeitgeist" änderte sich ständig - bis heute. Sittenstrenge Staaten zwingen liberalen Ländern ihre Moral auf. Einmal ist der orale Sex verboten, ein anderes Mal die Prostitution oder die Pornographie. Vor 20 Jahren konnte man Magazine kaufen, deren Besitz heute verboten ist. Man behauptet, der Jugendschutz erfordere diese Verbote. In Wirklichkeit will man junge Menschen von ihrer eigenen Sexualität fernhalten. Auf keinen Fall, so glaubt man, dürften sie zur Erotik verführt werden. "In einer Gesellschaft, die die Sexualität nicht ausdrücklich bejaht, müssen Jugendliche in irgendeinem Sinne immer zur Sexualität verführt werden", schrieb der deutsche Philosoph Arno Plack. Und: "Von wem können Jugendliche besser lernen als von einem sexuell schon Erfahrenen?" Diese Sätze sind 1974 in einem viel gekauften Buch erschienen. Heute bekäme ein Autor für solche Worte öffentlich Prügel. Und warum? Weil der Zeitgeist und der Neid mittlerweile die Moral bestimmen, nicht die Vernunft.
© Wolf Vogel 2001
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