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Aktuelle Beiträge / Archiv / Sonstiges

Der Junge und die Fotografie -
Gedanken über ein streitbares Thema

Kolumne von Wolf Vogel

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag schreibt: "Menschen zu fotografieren bedeutet, ihnen Gewalt zuzufügen. Indem man sie sieht, wie sie sich nie gesehen haben, indem man Wissen über sie erhält, das sie selbst nie haben können, verwandelt man sie in Objekte, die man symbolisch besitzen kann." Ich bin zu wetten bereit, dass die meisten Frauen jeden Satz dieser Aussage unterstreichen würden, käme ihnen ein Bildband von David Hamilton oder Hajo Ortil in die Hand. Dagegen würden sie Susan Sontags Polemik empört zurückweisen, würde dieses Urteil auch für jene Mütter und Väter gelten, die ihre Kinder beim Familienspaziergang, während der Ferienreise oder unter dem Weihnachtsbaum fotografieren. Ist es also der Mensch an sich, der zur Kritik reizt, oder ist es lediglich die Nacktheit? Seit die Fotografie erfunden wurde, streiten die Menschen über die Bedeutung dieses Mediums. In die Kritik geriet von Anfang an die Darstellung des nackten Menschen, denn sie spielte in der Fotografie ebenfalls von Beginn an eine Rolle. Mit welcher Energie die Menschen jedoch über das Nacktfoto diskutierten, war unterschiedlich. In sittenstrengen Zeiten wurde jedes FKK-Bild als "pornografisch" eingestuft, in liberalen Zeiten waren Bücher und Zeitschriften mit solchen Fotos in großer Zahl zu kaufen - auch mit Knabenfotos. Die fotografische Darstellung eines nackten Menschen galt also nicht zu allen Zeiten als unmoralisch. Andres gesagt: Es ist nicht so sehr die Nacktheit, die zur Empörung ruft, sondern der Zeitgeist. Hatte vielleicht jener US-Jurist Recht, der in einem Prozess einmal sagte: "Obszön ist das, was einen Richter oder einen Staatsanwalt erregt"?

Wir besitzen viele Zeugnisse darüber, wie gern sich etwa ein Junge fotografieren lässt, wie stolz er ist auf das, was ihn zum Mann macht. Ein Knabe, der sich selbst als schön empfindet und von Menschen, die ihm wichtig sind, als schön bezeichnet wird, ist stolz auf seinen Körper und lässt sich und seinen Körper gern fotografieren. Seit es die Fotografie gibt, ist dies so, und weil es so ist, wurde es zum Streitpunkt der Moralisten gegen die Schönheit der Jugend. Vielleicht ärgern sich die Moralisten darüber, dass es ihnen in ihrer Jugend nicht auch möglich war, ihren Körper darstellen und die bewundernden Blicke genießen zu können - vielleicht auch darüber, dass sich Knaben trotz der Mahnungen und Warnungen immer wieder auch unbekleidet für Fotos zur Verfügung stellen. Die meisten Knaben setzen sich über die moralischen Bedenken lächelnd hinweg; man betrachte ihre Gesichter auf den Fotos. Sie sind nur dann - zu Recht - empört, wenn Bilder ohne ihr Einverständnis weitergegeben oder publiziert werden.

Es ist verrückt, dass die Abbildung eines schönen Jungen Misstrauen erregt, dass die Abbildung eines nackten Jungen sogar Neid und Ablehnung erweckt. Man schreit "Skandal" und kann nicht begründen, worin der Skandal eigentlich besteht. Sind wir etwa in Kleidern zur Welt gekommen? Wir bewundern die Jugend, den makellosen straffen Körper, aber dieser Körper muss vor unseren Augen verborgen werden. Etwas anderes lässt unser Neid nicht zu. Der Knabe darf nicht nackt vor uns treten, damit wir nicht in Versuchung geraten, ihn womöglich zu begehren. Manchmal sagen wir auch, ein Aktfoto würde dem Jungen die Würde nehmen. Dann vergessen wir, dass die Schöpfung jedem Menschen Würde gab, gleichgültig, wie alt er ist, und dass man diese Würde auch dadurch rauben kann, dass man den Menschen und seine natürliche Schönheit gering schätzt.

© Wolf Vogel 1999

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