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Ein Junge wird geboren. Er wächst unter der Obhut der Mutter auf, die in den ersten Lebensjahren wichtige Pfeiler seiner Entwicklung setzt, die bestimmt, ob er körperliche Nähe empfängt, ihn spüren lässt, ob er ein erwünschtes Kind ist, die ihn Sprache und Verhalten lehrt. Wenn der Junge in den Kindergarten kommt, lernt er das Miteinander in einer grösseren Gruppe. Seine Erzieher sind wiederum Frauen. Auch in der Grundschule wird er es fast nur von Lehrerinnen unterrichtet. Erst in der weiterführenden Schule hat er auch männliche Lehrkräfte, die ihm sagen, was richtig und falsch ist. Ein Junge ist also bereits zehn Jahre alt und in entscheidender Weise geprägt, bevor er - ausser seinem berufstätigen Vater, den er meist nur am Abend oder am Wochenende sieht - einen Mann als Bezugsperson erhält.
Niemand wird der Mutter streitig machen, dass nach der Geburt vor allem sie ihr Kind liebevoll versorgt. Ein Mann ist aber für einen heranwachsenden Jungen von Anbeginn so wichtig wie die Frau für das Mädchen. Der Junge muss lernen, sich mit der Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht zu arrangieren, die Besonderheiten, Gefühle, Stärken und Schwächen zu begreifen und zu akzeptieren, gar lieben zu lernen. Er hat Fragen um seine Identität als werdender Mann.
Er möchte, ja er darf nicht nur von einer Frau Geborgenheit und Zärtlichkeit spüren, sonst entwickelt er in seiner Pubertät, während der Ablösung vom Kindsein und von den Eltern, Ängste gegen die Zuwendung eines Mannes. Solche Ängste wird er oft ein Leben lang nicht mehr los. Sie behindern ihn in der Schule, im Umgang mit Gleichaltrigen, im Beruf, in seinen Partnerschaften und während seiner Rolle als erziehender Vater. Besonders schlimm wirkt es sich auf die Rollenfindung des Jungen aus, wenn er von Frauen ständig ein negatives Bild vom Mann dargestellt bekommt. Wenn er dauernd hört, wie gewalttätig Männer sind, wird er gar nicht anders werden wollen, um nicht als unmännlich oder gar schwul zu gelten.
Eine Frau als alleinige Erzieherin hat für den Knaben fast immer fatale Folgen. Eine Frau kann sich in die Psyche eines Jungen nicht wirklich hineinversetzen. Sie kann nicht nachempfinden, welchen Stolz etwa ein Junge empfindet, wenn er spürt, ein Mann zu werden. Ebenso wenig gelingt es einem Mann, die Gefühle einer Frau zum Beispiel während der Schwangerschaft zu beschreiben. Die Seelen des Mannes und der Frau sind zu unterschiedlich, als dass ein wirkliches Verstehen möglich wäre.
Beide können im Lauf einer Partnerschaft viel voneinander lernen. Die tiefsten Gefühle sind aber nur dem eigenen Geschlecht verständlich. Ein Mädchen, das zum ersten Mal seine Menstruation bekommt, wird sich - wenn es wählen kann - nicht dem Vater, sondern der Mutter anvertrauen. Vielleicht wird es noch die beste Freundin informieren. Ein Junge, wenn er seelisch gesund erzogen worden ist, wird seinen ersten Samenerguss stolz dem Vater oder dem besten Freund erzählen. Das Glück, am Waldrand abends vor dem Zelt zu sitzen und den Sternenhimmel zu bewundern, wird der Junge kaum mit der Mutter, der Tante oder der grossen Schwester erleben.
Es schadet der Entwicklung des Jungen, wenn er in seiner Reifezeit nur oder zumeist von Frauen umgeben ist. Ein Junge braucht Männer um sich herum, mit denen er sich messen, mit denen er wetteifern kann, von denen er lernt, wie man einen Drachen baut, einen Fahrradreifen repariert, wie der eigene Körper auf Gefühle reagiert, und wie man lernt, partnerschaftlich mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht umzugehen. Es ist notwendig, den Mann in die Erziehung des Knaben stärker als bisher einzubinden und nicht argwöhnisch zu beobachten, ob zwischen beiden nicht zu viel Vertrautheit herrscht. Der Junge braucht diese Vertrautheit, sonst wird er in einem Klima des Misstrauens gegen das eigene Geschlecht heranwachsen. Die Folge ist Unsicherheit und falsches Verhalten, und hieraus bilden sich mangelndes Selbstwertgefühl und Aggressivität.
Wir brauchen eine neue Jungenkultur, in der ein Knabe seine Rolle als künftiger Mann finden kann, in der er lernt, auch das eigene Geschlecht und damit sich selbst zu lieben. Jungen müssen Gelegenheit haben, sich in Cafés, Clubs oder Freizeiteinrichtungen auch ohne Mädchen treffen zu können, wie dies bei Mädchen- und Frauencafés längst möglich ist. Sage niemand, infolge zu grosser Vertrautheit mit anderen Knaben, Männern oder dem eigenen Vater würde ein Junge am Ende noch homosexuell werden. Ein Mädchen wird ja auch nicht deshalb lesbisch, weil es die Mutter zur besten Freundin und Vertrauten erwählt hat.
© Wolf Vogel 2000
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