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Unsere Gesellschaft bestimmt die Normen und Werte unserer Einstellung zur Sexualität. Sie schreibt ein soziales Drehbuch für unser sexuelles Verhalten - gewissermaßen eine Anleitung, die von Generation zu Generation übertragen wird, sich aber immer ein wenig verändert. Dabei gibt es unterschiedliche Drehbücher für die verschiedenen Lebensalter. Abweichende Varianten der allgemein als akzeptabel empfundenen sexuellen Betätigung werden nur geduldet, solange sie in der Kindheit stattfinden. Diese Varianten werden deshalb genehmigt, weil man den sexuellen Bezug leugnet und Kinder nicht für fähig hält, vollgültig sexuell zu empfinden. Selbst seriöse Psychologen und Sexualforscher unterliegen solcher Fehleinschätzung. Dabei ist längst erwiesen, dass auch Erwachsene heimliche Phantasien und Wünsche haben, die von der Norm abweichen und die wir uns erst in unseren Träumen eingestehen.
Im Traum überschreiten wir Grenzen, die eigentlich nicht überschritten werden dürfen. Freilich widersetzen wir uns diesen Gedanken, weil sie uns in einen Konflikt mit der Norm und damit mit unserer sozialen Sicherheit bringen. Wenn wir mit einem Menschen mit abweichendem Verhalten konfrontiert werden, kann dies dazu führen, dass wir gewissermaßen in einen Spiegel unserer eigenen heimlichen und unerlaubten Wünsche blicken. Diese Konfrontation facht einen Konflikt an: die eigenen Phantasien (präsent in dem Menschen mit abweichendem Verhalten) streiten mit der gesellschaftlichen Norm. Wir fühlen uns von diesem Menschen bedroht oder beginnen ihn gar zu hassen.
Kinder dürfen in einem gewissen Rahmen auch nichtakzeptierte Varianten der Sexualität probieren, weil sie nach herkömmlicher Meinung kein vollwertiges sexuelles Empfinden besitzen. Dass diese Auffassung falsch ist, lässt sich leicht im Alltag (man beobachte Kinder etwa am Badestrand oder in der Sauna) feststellen. Was Kinder tun, tun sie spielerisch, ohne Leistungsdruck und ohne moralische Bedenken. In der Pubertät wird Sexualität dann eine äußerst seriöse Angelegenheit. Im Elternhaus und in der Schule wird meist nur über die Fortpflanzung und - in erstaunlicher Ausführlichkeit - über die Gefahren sexueller Betätigung und über Aids geredet. Selten oder nie werden im Elternhaus das angenehme und kreative Spiel und die Lust am sexuellen Erlebnis geschildert. Die meisten sexuellen Spielarten werden als abnormal und krankhaft dargestellt, mindestens aber negativ bewertet. Die Studien, nach denen die meisten Menschen ihre Sexualität als sehr viel variationsreicher erlebt haben, als die Norm gestattet, werden verschwiegen.
Wir lernen in unserem sozialen Drehbuch, dass wir uns hinsichtlich unseres sexuellen Empfindens eigentlich nur wenig unterscheiden. Dadurch glauben Jungen oder Mädchen, welche etwa homoerotische Empfindungen haben, sie seien die Einzigen mit andersartigen Gefühlen. Zusätzlich zu dieser Verwirrung der Gefühle werden Kinder und Jugendliche, die ein breites Spektrum an sexuellen Wünschen in sich spüren, noch mit Ausgrenzung und Verachtung bestraft (Erwachsene zusätzlich mit juristischen, medizinischen oder therapeutischen Maßnahmen).
Die Gesellschaft und ihre maßgeblichen Inhaber von Macht (Politiker, Juristen, Therapeuten, Theologen) argumentieren mit der stets "gleichgebliebenen Akzeptanz von allgemein gültigen Werten". Sie übersehen dabei, dass derjenige, der bestimmte Verhaltensweisen ablehnt, immer nach Argumenten sucht, die diese Ablehnung rechtfertigen. Und derjenige, der eine sexuelle Abweichung stützt, sucht nach Theorien und Vorbildern, die seine Meinung stärken. Ein entscheidendes Kriterium zur Beurteilung von menschlichem Verhalten ist vor allem die eigene Sozialisation. Wer in der lange Zeit geltenden christlichen Anschauung aufgewachsen und geprägt ist, dass sexuelles Verhalten ausschließlich zwischen heterosexuellen, verheirateten Erwachsenen zum Zwecke der Fortpflanzung genehmigt werden kann, wird für abweichendes Verhalten kaum Verständnis aufbringen. Toleranz würde auch bedeuten, eingestehen zu müssen, wie viele lustvolle Erlebnisse man selbst im Leben versäumt hat. Kinder und Jugendliche haben so gut wie keine Chance, aus diesen Normen auszubrechen. Während beim Mädchen die Angst vor einer Schwangerschaft oder die Furcht, sich ohne Wissen der Eltern entsprechende Verhütungsmittel zu besorgen, oft zu einer negativen Einschätzung sexuellen Begehrens (zumindest vor der Ehe) führen, sehen sich Jungen der gesellschaftlichen Forderung ausgesetzt, sexuelle Abstinenz üben zu sollen. Der Hinweis auf die hohe moralische Verantwortung und die Warnung vor einer Schwangerschaft verbieten ihnen den Kontakt zu Mädchen, der gesellschaftliche Druck durch Eltern, Schule und Gleichaltrige den Kontakt zum eigenen Geschlecht. Sie sollen Enthaltsamkeit ausgerechnet in dem Alter leben, in dem ihr Körper die stärksten sexuellen Impulse bereithält. Das Resultat ist eine prüde Einstellung zur Sexualität, wie sie in Zeiten christlicher Beeinflussung nicht stärker war. Das heißt nicht, dass Jungen keusch leben. Aber sie gestatten sich ihre sexuellen Wünsche nur im Geheimen, sie leben ihre Begierde sozusagen im Untergrund, sie liegen mit Mädchen, Schulfreunden oder Männern im Bett, ohne dass es ihre Umgebung wissen darf. Sie erleben Sexualität im Zusammenhang mit schlechtem Gewissen. Sie müssen schweigen, wo sie liebend gern über ihre Erfahrungen, ihre Freuden und Enttäuschungen berichten und sich austauschen würden. Sie müssen ihre Gefühle verstecken und sich gleichzeitig vorwerfen lassen, sie seien gefühllos. Gemeinsam zur Heimlichtuerei kommt die Angst zu versagen, nicht dem Bild vom ebenso zärtlichen wie potenten jungen Mann zu entsprechen. Sie glauben, einen professionellen Liebhaber abgeben zu müssen, ohne dass es ihnen je gestattet worden wäre zu üben. Der Junge darf, ja muss alles mühsam erlernen: in der Schule, in der Lehrzeit, im Studium. Die sexuelle Lehrzeit ist im sozialen Drehbuch seines Lebens nicht vorgesehen, mehr noch: sie wird als störend, als von der Norm abweichend, als unmoralisch angesehen und gebrandmarkt. Der Jugendliche darf nicht fragen, um welcher Werte willen die Norm errichtet worden ist, er wird nicht eingeladen, an der Gestaltung von Normen mitzuwirken. Er hat sich lediglich zu fügen.
"Ich soll mich drein fügen / und nicht fragen / warum ich das soll / und ich soll nicht fragen / warum ich nicht fragen soll." (Erich Fried, 1979)
© Wolf Vogel 2000
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