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Die unselige englische Königin Victoria ist seit 98 Jahren tot; nun bekommt auch das nach ihr benannte Zeitalter der moralischen Verdummung einen weiteren Riss. Das britische Parlament (Unterhaus) hat mit 336 gegen 129 Stimmen die Senkung des Schutzalters für homosexuelle Kontakte von 18 auf 16 Jahre beschlossen. Damit wurde die Obergrenze dem heterosexuellen Verkehr angeglichen.
1994 hatte das Parlament das Schutzalter für schwulen Sex bereits von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt; für eine weitere Senkung fand sich damals keine Mehrheit. Nun erreichte die Labour-Partei mit ihrer Mehrheit im Unterhaus einen weiteren Abbau sexueller Diskriminierung. So wurde auch ein Antrag abgelehnt, das frühere Schutzalter für Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern beizubehalten. Wie ein Missbrauch durch Autoritätspersonen geahndet werden soll, wird noch geprüft. Bei der Abstimmung verzichteten die Parteien auf den üblichen Fraktionszwang.
Das britische Oberhaus (House of Lords) muss der Gesetzesinitiative noch zustimmen. Ein Nein könnte allenfalls verzögern, nicht aber verhindern, dass die neue Vorschrift in Kraft tritt. Zu stark waren die Argumente für eine Änderung der Schutzaltersgrenze in der engagiert geführten Debatte gewesen. Unter den Rednern waren sechs homosexuelle Abgeordnete; auch der britische Kultusminister Smith ist bekennender Schwuler. Eine Labour-Abgeordnete, selbst Mutter eines schwulen Sohnes, gab zu bedenken, welch unerträglicher Druck vor einer Übertretung des Gesetzes auf einem Teenager laste, der seine homosexuellen Neigungen entdecke. Auf der Zuhörertribüne unterstützten Aktivisten für sexuelle Gleichstellung lautstark die Diskussion.
Bis zuletzt hatten konservative Kräfte in Politik und Kirche verhindern wollen, dass das Schutzalter sinkt. Das Oberhaupt der Angelikanischen Kirche, Erzbischof George Carey von Canterbury, mahnte die Abgeordneten, die alten Grenzen beizubehalten, um "kein falsches Signal" an die Bevölkerung zu senden. Diesem Argument schloss sich auch der katholische Erzbischof Basil Hume an. Der Verführungsgedanke scheint aus den Köpfen der Moralisten nicht verschwinden zu wollen - als ob ein Verhalten, welches die Mehrzahl der Bevölkerung für extrem widerlich und widernatürlich hält, dazu noch ungemein verführerisch sei.
Auch aus den Reihen der konservativen Parlamentarier gab es Äußerungen, die eher in die Sprechstunde eines Psychiaters als in eine öffentliche Anhörung passen. Ein Tory-Abgeordneter sagte, Homosexuelle seien von den Heterosexuellen so verschieden, dass sie niemals als gleichwertig angesehen werden dürften. Als ob das Sexualverhalten der einzige Wert wäre, der einen guten oder schlechten Menschen ausmacht! Ein Parteikollege verstieg sich gar zu der Aussage, dass der Schöpfer - hätte er gewollt, dass Männer miteinander geschlechtlich verkehren - dem Menschen einen anderen Körperbau gegeben hätte. Man sollte dem Mann leihweise ein Video von Jean Daniel Cadinot zur Verfügung stellen.
Es bleibt zu hoffen, dass sich in Großbritannien (und in vielen anderen Ländern) die Erkenntnis durchsetzt, dass Sexualität ein individuelles Geschenk der Schöpfung an jeden Menschen ist, das er im Einvernehmen mit einem anderen Menschen nutzen und sich daran erfreuen darf. Denn es ist nicht wichtig, mit wem jemand ins Bett geht, sondern wir sollten lediglich darauf achten, wie er das tut.
© Wolf vogel 2001
Ergänzungen von der ITP Redaktion:
Grossbritannien, Mai 2001: Nachdem das britische Oberhaus den Vorschlag für eine Senkung des Schutzalters auch für Homosexuelle auf 16 Jahre zum dritten Mal abgelehnt hatte, setzte die Regierung Blair - gestützt auf den "Parliament Act" - das Gesetz im Dezember 2000 von sich aus in Kraft. Nun gilt in Grossbritannien das gleiche Schutzalter 16 sowohl für Heterosexuelle wie auch für Homosexuelle.
Verboten bleibt aber in England und Wales weiterhin, in Schulen Homosexualität als eine von mehreren möglichen Lebensformen zu erwähnen. Das Verbot war 1988 von der konservativen Regierung Thatcher eingeführt worden.
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