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Aktuelle Beiträge / Archiv / Sonstiges

Verfolgte Minderheiten -
Die Jagd auf Menschen, die (scheinbar) etwas verbergen

Kolumne von Wolf Vogel

Es geschah am 12. März 1314. Vor der ehrwürdigen Kathedrale von Paris stand inmitten einer großen Menschenmenge ein Podest. Der Scharfrichter, über dem Kopf die Kapuze mit den beiden Sehschlitzen, wartete ungeduldig. Der Oberste der Templerritter, Großmeister Jacques de Molay, bestieg das Podest. Als letzter seines Ordens ging er, den Papst und den König verfluchend, in den Tod. Längst waren seine Mitbrüder verbrannt, die Güter konfisziert, das Geld vom französischen König Philipp für die Kriegskasse eingezogen worden.

Das Verfahren gegen die Templerritter war einer der größten Sittenprozesse der Geschichte. Das hatte es zuvor nie gegeben: ein ganzer Orden wurde angeklagt. Er war einflußreich, besaß große Ländereien und hatte vor allem viel Geld. Denn die Templer durften Geld gegen Zinsen verleihen. Nur den Juden war dieses "schmutzige Geschäft" bisher erlaubt gewesen. Die Templer waren fromme und bewunderte Christen, geheimnisvoll in ihren Riten und nur dem Papst gegenüber verantwortlich. Das gab Raum zu Spekulationen. Wer sich hinter dicken Mauern verbirgt, nichts über seinen Lebenswandel und seine Vorlieben verrät, ist verdächtig. Das Volk dagegen ist neugierig, will wissen, was der Nachbar treibt. Damals wie heute.

Um an das Geld der Templer zu kommen, ersann der französische König eine List: Er denunzierte die frommen Ritter. Er warf ihnen vor, vom Glauben abgefallen zu sein. Das reichte nicht für eine Anklage, denn es gab keine Beweise, und nur der Papst durfte einen Orden auflösen. Der nächste Vorwurf traf. Die Anklage lautete: Die angeblich so frommen Templer seien Päderasten. Sie verlangten von ihren Novizen, diese sollten ihnen bei Eintritt in den Orden die intimen Körperteile küssen. Novize konnte ein Junge schon mit sieben Jahren werden. Man wußte nichts Genaues. Das gab Raum für Spekulationen.

Wenn Menschen etwas verbergen, oder wenn der "anständige Bürger" glaubt, sie würden etwas verbergen, dann kommt Verdacht auf. Nach den Templern waren die Freimaurer dran, dann die Hexen. Wenn eine Frau als Hexe verdächtigt war, hatte sie nur eine Chance, mit dem Leben davonzukommen, wenn sie sich schuldig bekannte. Welche Schuld sie eingestand, war gleichgültig. Hauptsache, sie bekannte sich schuldig. Was hatten Hexen zu verbergen?

Was hatten die Freimaurer zu verbergen? Der Name entstand im Mittelalter, als die Gotik in Frankreich die Kathedralen in den Himmel wachsen ließ. Wer als Baumeister (Architekt), als Steinmetz oder als Maurer besonders begabt war, zog als "freier Maurer" von Baustelle zu Baustelle und verdiente damit mehrfach. Wo ein Freimaurer bereits gearbeitet hatte, machte er an den Stein ein Zeichen, sein Zeichen. Die Menschen sahen es als Geheimzeichen. Der Maurer lächelte und schwieg. Da begannen die Leute vor Neugier fast zu sterben.

Wie heute auch. Sie verzeihen dem Nachbarn alles, wenn er sich outet, wenn er bekennt, wenn er sich anklagt, wenn er in der Talkshow in seinen Gefühlen, Ängsten und Vorlieben herumwühlen läßt. Wehe aber, der Nachbar ist Homosexueller, Päderast oder Pädophiler und öffnet nicht sein intimes Herz, bekennt nicht, ein Sünder zu sein. Dann hat er offenbar etwas zu verbergen. Damit kann die Jagd auf ihn beginnen. Die Richter sind bereit; die Menschenmenge wartet. Der Scharfrichter hat die Kapuze abgenommen. Denn er ist heute kein Außenseiter mehr, sondern ein geachteter Mann. Oder eine Frau, deren Anklagen man begierig liest und in Vorträgen, Leitartikeln und Büchern zitiert.

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