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| Wortmeldungen | Podiumsdiskussion Luzern | NLZ |
Pädophilie - alles nur Hysterie? Der Film Capuring the Friedmans, der zurzeit im stattkino Luzern läuft, beschäftigte sich mit dem Schicksal einer amerikanischen Familie, deren Vater - ein Konsument von Kinderpornographie - wegen Verdachts auf Kindsmissbrauch festgenommen wurde. Zum eigentlichen Skandal werden im Film die Recherchen der Polizei und die Verhöre mit Schülern gemacht, die auf eine eigentliche "Lynchjustiz" der Familie hinausläuft. Nicht gerade skandalös, aber zumindest sehr zwiespältig war die Podiumsdiskussion zum Thema Pädophilie, die im stattkino diese Woche im Anschluss an den Film stattfand. Marcel Erni (Name von der Redaktion geändert), der als Pädophiler am Podium teilnahm, kritisierte die Sensationsgeilheit der Medien, die "nicht die Wahrheit suchen, sondern Einschaltquoten wollen". Von den beschworenen Skandalen angeblich pädophiler Vergehen bleibe nach einer genauen Abklärung sehr oft nicht mehr viel übrig.
Marcel Erni, dem noch nie eine Straftat nachgewiesen wurde, verneinte auf ein entsprechendes Nachfragen aus dem Publikum nicht, dass es manchmal zu Vergewaltigungen von Kindern komme, nur: "In welcher Sexualität gibt es das nicht?" Wenn er persönlich von Pädophilie rede, dann meine er "Liebe und nicht Sex". Er sei für die jungen Knaben, denen er sich zugetan fühle, ein Vorbild, und er sei sich der Andersartigkeit dieser Liebe sehr wohl bewusst.
Für mehr Verständnis für pädophil veranlagte Menschen plädierten an dieser Diskussion auch der deutsche Psychologe Michael Griesemer und Sylvia Tanner, die eine Beratungsstelle für Pädophilie führt. Griesemer betonte, dass der allergrösste Teil der pädophilen Menschen - rund 3 Prozent der Bevölkerung - ihrer Neigung nur in der Fantasie nachgehen und deshalb kaum oder selten sexuelle Handlungen an Kindern unternehmen würden. Die Medien dagegen würden alle diese Menschen unisono zu Monstern machen. Zudem gebe es immer wieder Kinder, die aussagen, dass sie sich keineswegs sexuell missbraucht gefühlt hätten.
Der Konsum von Kinderpornographie bezeichnete der Entwicklungspsychologe als "unglückliche Kompensation" von pädophilen Menschen. Laut Sylvia Tanner sind pädophil veranlagte Menschen immer auch Opfer, die unter den Diffamierungen der Gesellschaft zu leiden hätten. Pädophile könnten sich verlieben wie Menschen mit herkömmlichen sexuellen Präferenzen. "Und die betroffenen Kinder und Jugendlichen lieben diese Menschen auch, einfach auf eine andere Art, mehr als Kumpel und väterlichen Freund."
Auf die rein juristische Optik konzentrierte sich an diesem Podium der Luzerner Untersuchungsrichter Georges Frey, während die Zürcher Psychiaterin Brigitte Hasler immerhin zaghaft die Frage nach Macht und Verantwortung zwischen den ungleich Beteiligten einer pädophilen Beziehung stellte.
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