In der Taz kommt Therapeut Christoph Ahlers zu Wort. Sylvia Tanner von der Beratungsstelle für Pädophilie kommentiert einige seiner Aussagen; im Sinne einer Zweitmeinung und als Anregung zum Nachdenken.
taz: Herr Ahlers, der Fall des mutmaßlich rückfällig gewordenen Sexualstraftäters X (Namen der Redaktion bekannt). Warum kocht die Volksseele beim Thema sexueller Kindesmissbrauch immer so hoch?
Christoph Ahlers: Weil die Opfer schutzlose Kinder sind und es sich um Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung handelt. Das ist eine Kombination, die bei allen Menschen maximale Empathie auslöst. Die Reaktion ist Abscheu und Wut, zumal bekannt ist, dass durch Sexualstraftaten psychische Schäden verursacht werden können. Wichtig ist in diesem Kontext, zwischen sexuellem Kindesmissbrauch und Pädophilie zu unterscheiden. Die überwiegende Mehrzahl von sexuellem Kindesmissbrauch wird von nichtpädophilen Tätern begangen.
Sylvia Tanner: Dies sind sehr wichtige Hinweise. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sich der Schutz von Kindern gesetzlich nach ihrem Geburtsjahr richtet und nicht nach ihrer emotionalen und sexuellen Reife. Das Schutzalter legen denn verschiedene Länder auch unterschiedlich fest; es liegt zwischen 12 und 20 Jahren.Was "schutzlose" und damit schützenswürdige "Kinder" sind, darüber besteht kein Konsens.
taz: (Ein Verurteilter) wird in den Akten als pädophiler Täter geführt. Vor seiner Haftentlassung im Februar 2007 hatte die Staatsanwaltschaft Potsdam auf die Gefährlichkeit des Mannes hingewiesen. Wäre es ratsam gewesen, die Anwohner des Falkenhagener Feldes in Spandau vor ihm zu warnen?
Christoph Ahlers: Zu dem konkreten Einzelfall kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus der Bekanntmachung von Sexualstraftätern folgt, ist aus den USA bekannt: Die entlassenen Männer wurden stigmatisiert. In keinem Fall ist eine kriminalpräventive Wirkung nachgewiesen worden. Dadurch wird einer Resozialisierung und Wiedereingliederung solcher Menschen entgegengewirkt. Es kann doch gar nicht anders laufen, als dass die Nachbarschaft auf die Barrikaden geht; Bürgerwehren entstehen, die vor den Häusern Wache halten. Die Männer werden ausgegrenzt und isoliert. All das erhöht das Risiko neuer Straftaten.
Sylvia Tanner: Auch straffrei lebende Pädophile fühlen sich ausgegrenzt und isolieren sich oft, denn leider sind die meisten Menschen noch nicht in der Lage, "Pädophilie" von "sexuellem Missbrauch" zu unterscheiden. Wie sollten junge Pädophile ein Outing wagen, wenn die Gesellschaft sie lediglich als Monster wahrnimmt?
taz: Wie können Anwohner ihre Kinder dennoch schützen?
Christoph Ahlers: Vor allem dadurch, dass sie in engem Kontakt zu ihren Kindern stehen. Mit ihnen viel Zeit verbringen und eine enge Beziehung zu ihnen haben - sodass die Kinder wissen, sie können mit allem, was sie bewegt und was sie erleben, zu ihren Eltern kommen. Besonders gefährdet sind Kinder, die wenig Aufmerksamkeit, Fürsorge, Geborgenheit und Aufgehobenheit in ihren Elternhäusern erfahren. Kinder, die viel auf sich allein gestellt sind und bei denen die familiäre Kommunikationskultur es gar nicht hergibt, dass sie sich anvertrauen können.
Sylvia Tanner: Damit die Mütter zuhause für ihre Kinder sorgen könnten, müssten sie ein Gehalt beziehen; leider sind nicht alle Väter gut bezahlte Kaderangestellte. Denkt man Ahlers Argumentation zu Ende, müssten Scheidungen verboten werden - da sie bei den Kindern ja oft auch Schäden hinterlassen. Ich selbst würde jedenfalls wieder einen verantwortungs- und liebevollen Pädophilen in unsere (harmonische!) Familie integrieren - denn Pädophile sind sehr einfühlsam; sie haben meist mehr von ihrer Kindheit in sich bewahrt als nichtpädophile Erwachsene (was sich oft auch in auffallend ausgeprägten pädagogischen Fähigkeiten zeigt. Von einer Grundschul-Lehrerlaufbahn rate ich dennoch ab - einem Lehrer, der viel Zeit mit Kindern verbringt und wenig mit Erwachsenen, wird leider schnell misstraut; und von einem solchen Misstrauen bis zum Verlust der beruflichen Existenz ist nicht weit).
taz: Über (einen Verurteilten) heißt es, er sei deshalb so gefährlich, weil er therapieresistent sei. Ist Pädophilie denn heilbar?
Christoph Ahlers: Nein. Die sexuelle Ansprechbarkeit durch vorpubertäre Kinderkörper ist in der Persönlichkeitsstruktur verankert. Sie lässt sich therapeutisch nicht löschen oder ins Gegenteil verkehren.
taz: Könnte sich ein Pädophiler trotzdem verantwortungsvoll verhalten?
Christoph Ahlers: Durchaus. Die bedingende Voraussetzung ist, dass der Betreffende ein Problembewusstsein dafür entwickelt, dass er sexuell auf Kinder ansprechbar ist. Daraus folgt in der Regel ein Leidensdruck. Das sind die bedingenden Voraussetzungen für eine Therapiemotivation und für den eigenen Willen, keine Übergriffe zu begehen. Wenn das erfüllt ist, sind die therapeutischen Optionen groß: Denn dann lernen die Betroffenen, dass sie zwar an ihrer sexuellen Präferenz nicht schuld sind, aber für ihr sexuelles Verhalten verantwortlich.
Sylvia Tanner: Der junge Pädophile muss verstehen lernen, dass das Kind ihn lieben kann - es sich aber in der Regel nicht "ver-liebt" und kein "erwachsenenähnliches Begehren" zum Tragen kommt. Dass Kinder sich für Sexuelles interessieren, ist allerdings üblich und entspricht normalem Neugierdeverhalten.
taz: Was passiert bei einer Therapie?
Christoph Ahlers: Im Rahmen einer solchen spezialisierten Sexualtherapie findet ein trainingshaftes Einüben statt, bezogen auf realistische Lebenssituationen. Es geht darum, sich so zu verhalten, dass nichts passiert. So wie ein erfolgreich behandelter Alkoholiker, der sagt: "Ich bin der Horst, ich bin Alkoholiker und seit 30 Jahren trocken", kann ein erfolgreich behandelter Pädophiler sagen: "Ich bin der Peter, ich bin pädophil und seit 30 Jahren verhaltensabstinent." Dazu kann jeder Patient eine begleitende medikamentöse Behandlung beantragen. Wir sprechen hier von einer kombinierten Psychopharmakotherapie.
taz: Gesetzt den Fall, ein pädophiler Täter ist therapieunwillig - ist Wegsperren dann wirklich die einzige Lösung?
Christoph Ahlers: Die Rufe, jemanden für immer wegzusperren, sind ja verfassungsrechtlich sehr schwierig. Fakt ist: Jemand der sich weigert, sich helfen, sprich: behandeln zu lassen, dem ist nicht zu helfen. Gegen den Willen eines Patienten ist keine Behandlung möglich. Wenn er Übergriffe begeht, muss dafür gesorgt werden, dass das nicht passieren kann.
taz: Was sagen Sie zu Eltern, die von der Polizei vor einem Sexualstraftäter gewarnt werden und ihre Kinder dennoch mit so einem Mann in ihrer Wohnung allein lassen?
Christoph Ahlers: Das ist der eigentliche Tabubereich in dieser gesamten Thematik: dass Kinder, die zu Hause wenig Zuwendung bekommen, die viel allein, auf sich gestellt oder sogar verwahrlost sind, natürlich empfänglich werden für die Zuwendung anderer Erwachsener. Solche Kinder haben ein signifikant höheres Risiko, Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden.
taz: Im konkreten Fall soll sich (ein Mann ) an die Kinder einer sozial benachteiligten, unter Betreuung des Jugendamts stehenden Familie rangemacht haben.
Christoph Ahlers: Das Phänomen ist bekannt. Häufig handelt es sich gerade um allein erziehende Eltern, in der Regel sind das ja eher Mütter als Väter. Sie sind oft überfordert und dann schlechterdings froh, wenn sie die Kinder mal vom Hals haben, wenn jemand sagt, ich gehe mit denen auf den Spielplatz. Genau diese Einlassstelle suchen oft Personen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Nicht immer steckt hinter so einer Kontaktaufnahme eine Täterstrategie, also der boshafte, hinterlistige Versuch, ein Kind sexuell zu missbrauchen.
taz: Warum geht es dann?
Christoph Ahlers: Personen mit pädophiler Sexualpräferenz interessieren sich ganzheitlich für Kinder. Sie verlieben sich in Kinder und wünschen sich mi ihnen partnerschaftliche Beziehungen, ein Teil davon ist Sexualität. Wenn die Kinder mit Beginn der Pubertät dem kindlichen Körperstatus entwachsen, verliert sich das Interesse eines Pädophilen nach und nach.
Sylvia Tanner: Meinen langjährigen Beobachtungen zufolge stimmt das nicht. Die sexuelle Komponente ebbt zwar ab und verschwindet, die Beziehung selbst aber mündet oft in eine lebenslange, tiefe Freundschaft.
taz: Kann man Eltern, die alle Warnungen ignorieren, einen Vorwurf machen?
Christoph Ahlers: Zumindest kann man aufzeigen, dass sie ihren Teil der Verantwortung für die Geschehnisse nicht getragen haben.
taz: (Ein Verurteilter) hatte die Auflage, sich keinen Kinderspielplätzen und keinen minderjährigen Mädchen zu nähern. Sind das realistische Auflagen?
Christoph Ahlers: Aus Sicht der Gesellschaft sind das verständliche Auflagen. Meiner Einschätzung nach ist eine totale Kontrolle nahezu unmöglich. Viel mehr wäre geholfen, wenn jede Person, die wegen sexuellen Kindesmissbrauchs aktenkundig wird, einer sachverständigen Begutachtung zugeführt würde. Denn diejenigen, die eine Pädophilie haben, bedürfen einer ganz anderen therapeutischen Herangehensweise als diejenigen, die Ersatzhandlungstäter sind. ff
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