Das mysteriöse Verschwinden eines drei Jahre alten Mädchens. Die Eltern setzen voll auf die Medien. Bei allem Mitgefühl und Verständnis eine äusserst gefährliche Strategie.
erry und Kate McCann, ein britisches Arzt-Ehepaar aus Rothley in der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire, waren mit ihrer dreijährigen Tochter Madeleine und ihren zweijährigen Zwillingen Amelie und Sean im Urlaub in der portugiesischen Region Algarve. Die McCanns wohnten dort mit ihren Kindern in der Luxus-Ferienanlage "Ocean Club" am Strand von Praia da Luz.
Am Abend des 3. Mai 2007 ist Madeleine auf mysteriöse Weise aus ihrem Bett verschwunden. Die Kinder schliefen bereits, während die Eltern zusammen mit Freunden in einem nahe gelegenen Tapas-Restaurant zum Abendessen waren. Etwa jede halbe Stunde schauten die Eltern zu den Kindern, ob noch alles in Ordnung sei. Doch plötzlich war die dreijährige Madeleine spurlos verschwunden. Die sofort herbeigerufene Polizei fand Anzeichen, die auf eine Entführung hindeuteten.
Eine der schlimmsten Situationen für die Eltern
Es gibt keine schwierigere und hilflosere Situation für Eltern, als wenn das eigene Kind spurlos verschwindet. Man weiss nicht was geschehen ist, was das Kind durchgelitten hat oder noch immer durchleidet und es ist ungewiss, ob man das Kind jemals wieder sehen wird. Neben den Gedanken an das Kind beherrschen Selbstvorwürfe und die Leere nach dem Verlust eines geliebten Menschen jede Sekunde des Denkens. Selbst das Auffinden einer Leiche wäre eine Art Entlastung. So lange aber ein Kind spurlos verschwunden ist, bleibt immer eine Hoffnung übrig. Es stellt sich einem immer die Frage, ob man wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat um das Kind zu finden.
Die verzweifelten Eltern von Madeleine beschlossen, die Medien, insbesondere die Yellow-Press, für das Auffinden ihrer vermissten Tochter zu nutzen. Bereits am Tag der Entführung wandten sie sich mit Hilfe eines britischen Fernsehsenders persönlich an die Täter und baten diese, Madeleine unbeschadet freizulassen. Da es aber an Informationen mangelt, Madeleine war einfach spurlos verschwunden, entpuppten sich die meisten Informations-Krümel als Spekulationen. Zeitungen aus aller Welt druckten schon einen Tag nach dem Verschwinden Fotos des Mädchens auf ihren Titelseiten ab, europaweite Suchaktionen folgten. Das Paar selbst reiste von Land zu Land, um für ihre Sache zu werben und Hinweise für das Auffinden des Kindes zu sammeln.
Beispielloser Medienrummel
Die Familie Madeleines bezeichnet ihre Anstrengungen zur Aufklärung des Falles bereits selbst als "Kampagne". Sie sind, innerhalb kürzester Zeit, durch ihr Engagement, selbst zu Medienstars geworden. Um weltweit noch mehr Menschen anzusprechen und rund um die Uhr über den neuesten Stand zu informieren, sorgte Gerry McCann für die Erstellung einer professionellen Internetseite. "Bring Madeleine Home" ( www.findmadeleine.com).
Diese stiess auf ein riesiges Interesse seitens der Weltöffentlichkeit. Im Mai 2007, also kurz nach Inbetriebnahme, wurde die Seite bereits 50 Millionen mal aufgerufen. Es entstand ein Netzwerk verschiedenster Organisationen, die sich für den Schutz von Kindern einsetzen (oder sich dies zumindest auf ihre Fahnen schreiben). Zum 50. Tag des Verschwindens des Mädchens lassen Menschen an verabredeten Orten weltweit Luftballons mit dem Bild Madeleines in die Luft steigen. Die Mutter hofft so, dass das Gesicht ihrer Tochter "von El Salvador bis Polen" für jeden sichtbar wird.
Zahlreiche Prominente haben sich ebenfalls in den Fall eingeschaltet. Fussballstars wie David Beckham und Cristiano Ronaldo appellierten an die Menschen weltweit, bei der Suche nach dem Mädchen mitzuhelfen. Berühmte Persönlichkeiten, wie die "Harry Potter"- Kinderbuchautorin Joanne K. Rowling, spendeten eine Rekordsumme von 2,2 Millionen Euro als Belohnung für Hinweise zur Ergreifung der Täter. Bei einem Besuch der McCanns beim Papst, segnete dieser ein Bild von Madeleine.
Das Instrumentalisieren von Öffentlichkeit und Medien ist keine ungefährliche Strategie. Durch die Mobilisierung und Mithilfe von Millionen von Menschen weltweit können möglicherweise bedeutende Hinweise auf die Täter erbracht werden - nützliche und wertlose. Der Druck auf die Entführer könnte anwachsen und Fehler ihrerseits sind eine mögliche Folge. Das Verstecken des Mädchens kann für die Täter auf Dauer, durch die ständige Präsenz des Falles in den Köpfen der Menschen, immer schwierigere Ausmasse annehmen. Netzwerke können ausgebaut werden, um an ähnliche Schicksale zu erinnern. Allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Gefährdung des Lebens des Mädchens durch die permanente Aufmerksamkeit immer wahrscheinlicher wird.
Die ständige Mobilisierung der Medien kann aber auch negative Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit der Aufklärung des Falles haben. Da sich eine riesige Anzahl von Menschen dafür interessiert einen Beitrag zur Lösung des Rätsels beizusteuern, verfolgt die Polizei weltweit eine Vielzahl von möglicherweise falsche Spuren, die kostbare Zeit kosten. Auch Scharlatane, die lediglich Aufmerksamkeit erregen wollen, werden angelockt und versuchen ihr Glück. Geschäftemacher versuchen mit gefälschten Homepages an die Gelder von Spendern zu gelangen. Die Polizei wird in ihrer Arbeit eher behindert als unterstützt. Auch Journalisten, die sich als Hobby-Detektive versuchen und auf der Suche nach der Exklusivstory auf eigene Faust mögliche Tatorte durchstöbern, können wertvolle Spuren vernichten und die Informationstaktik der Ermittlungsbehörden unterlaufen.
Spurlos verschwundene Kinder
Etwa 100.000 Personen registriert die Polizei in Deutschland jährlich als vermisst, davon rund 45.000 Kinder und Jugendliche und 55.000 Erwachsene. Etwa 80% der Fälle klären sich schnell wieder auf. Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Aufklärungsrate sogar bei 99%. Die meisten Kinder die spurlos verschwinden "reissen aus", weil sie mit einer Situation oder einem Problem zuhause nicht fertig werden. Auch eine grosse Gruppe der vermissten Kinder wurde von einem der Elternteile verschleppt. Die Wahrscheinlichkeit tatsächlich Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden ist für Kinder relativ gering.
Einblendung während der Halbzeit beim FA-Cupfinale zwischen Chelsea and Manchester United im ausverkauften Wembley-Stadion.
Obwohl die Aufklärungsrate bei verschwundenen Kinder bei 99% liegt gibt es Fälle die nie aufgeklärt werden. Ganz wenige bleiben für immer verschwunden. In der Schweiz gelten zur Zeit 11 Kinder als langzeitvermisst. Warum also bewegt gerade Madeleine die ganze Welt in diesem Masse? Ist es eine Frage des Geldes? Haben die Eltern von Madeleine mehr Mittel die Medien zu mobilisieren als die anderen? Wie auch immer: Es ist auf alle Fälle nötig, bei aller Betroffenheit und dem Mitgefühl für die McCanns, die anderen vermissten Kinder nicht zu vergessen. Aktionen wie die Einblendung beim FA-Cupsfinale im Wembley-Stadion muten da zuweilen etwas eigenartig an, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig eine Unzahl von Kinder vor Hunger oder wegen fehlendem Wasser sterben. Aber dieses Unbehagen kann wohl nur ein unbeteiligter Beobachter empfinden. Ist man selbst als Vater oder Mutter mit der Situation, des Verschwindens des eigenen Kindes, konfrontiert, würde man auch Himmel und Hölle in Bewegung setzen um das eigene Kind wieder zu finden.
Die Boulevardmedien geben mächtig Gas
Äusserst dankbar nahmen insbesondere Boulevard-Medien das Angebot der McCanns an, die Suche nach Madeleine durch die Medien zu führen. Konnten die Medien damit doch die Löcher füllen, die sich jeden Sommer an der Nachrichtenfront auftun. Wie stark der Druck bei dieser Geschichte durch die Regenbogenpresse ist, zeigt sich nicht zuletzt an den vorzeitigen - und wie sich bislang nachträglich immer herausstellte - fälschlich inhaftierten Personen. So zum Beispiel der ortskundige Freund der McCanns, der zu Beginn aktiv bei den Ermittlungen mitgeholfen hatte und der plötzlich selbst in der Verdacht geriet etwas mit dem Verschwinden von Madeleine zu tun zu haben. In Zeitungen und TV-Stationen kursierten aber bereits sein Name und sein Bild. Dazu die Schlagzeile: "Wo hat er Maddy versteckt?"
Für die Boulevardmedien war schon frühzeitig klar in welchem Bereich die Täterschaft anzusiedeln wäre. Wahlweise war in den Schlagzeilen von "Kinderschänder-Ringen", "internationalen Pädophilen Netzwerken", "Organhändler", "kriminelle Adoptivganoven" und sogar "Zigeunerbanden" die Rede. Sorgfältig gepflegte Feindbilder. Phantome des Boulevard. Mit der Realität hat das alles freilich nichts zu tun - mit sorgfältig investigativen Journalismus schon gar nicht. Aber wahrscheinlich will die Leserschaft genau solche Spekulationen lesen. Es ist äusserst beruhigend, wenn man zu Berichten über gesellschaftliche Misstände oder dramatische Einzelschicksale gleich den Verantwortlichen in Form einer sowieso verhassten Gruppe präsentiert bekommt.
Und so nimmt man die jeweiligen Hexenjagden bei der Präsentation von möglichen Verdächtigen gerne in kauf. Gerade die Betroffenheit und das Mitgefühl scheinen Kollateralschäden zu rechtfertigen. In extremen Fällen endet dies in Morddrohungen oder Lynchjustiz gegenüber den Verdächtigen. Die Risiken eines solchen Medienspektakels sind also unkontrollierbar und vielfältig. Natürlich ist der Einsatz aller möglichen Mittel seitens der Familie für jeden verständlich. Die Familie ist auf den Zug des "Big Brother-Phänomens" aufgesprungen und versucht, die Gier der Medien auf tagtägliche Berichterstattung über Schicksale und Reaktionen von Menschen in extremen Situationen für sich positiv zu nutzen.
Die Frage die bleibt: Nutzen die McCanns die Medien oder werden die McCanns von den Medien benutzt? pe