Ein fünf Jahre altes Mädchen wird von zwei Buben missbraucht

Kleine Männer in grosser Not

Ende August 2006 wird bekannt, dass Mitte Juni 2006 in Rhäzüns (GR) zwei Buben (13 und 10 Jahre alt) ein fünf Jahre altes Mädchen neben einem Spielplatz in ein Gebüsch gelockt und sie dort vergewaltigt haben. Die Aufregung ist gross. Das Geschehene prangt auf den Frontseiten der in- und ausländischen Boulevardblättern. Auch alle grossen TV-Stationen reissen sich um Bilder von der beschaulichen Ortschaft Rhäzüns. Alle fragen sich, warum konnte das passieren und viele schütteln verwundert den Kopf, wenn Albert Fausch (Jugendanwalt vom Kanton Graubünden) erklärt, dass man Kinder nicht wegsperren könne, sie noch nicht strafmündig seien und ihnen ausser der Versetzung in eine andere Schule nicht mal eine grosse Strafe droht.

Was ist denn genau passiert?

Manche Medien berichten darüber, dass beide Buben das Mädchen vergewaltigt haben. Detailliertere Berichten zufolge hat der Jüngere das Mädchen festgehalten, während der Ältere versucht habe in sie einzudringen. Gemäss Schweizer Fernsehen bestreitet der Junge diese Darstellung und spricht davon keine Erektion gehabt zu haben. Gemäss dem Opfer aber sei der Junge in sie eingedrungen, während der Jüngere es nur versucht habe. Wichtig in dem Zusammenhang ist das Wort "Vergewaltigung". Tatsächlich kam es dazu, da die beiden Buben gegen den Willen des Mädchens und mit klarer Absicht einer sexuellen Handlung gewaltsam vorgegangen sind. Auch wenn es nicht zu einem vollendeten Geschlechtsverkehr gekommen ist, trifft auf die Tat der Tatbestand der Vergewaltigung nach Art 190 StrGB zu.

Warum der grosse Wirbel?

Es ist schon für viele Menschen eine bizarre Vorstellung, wenn zwei so junge Buben sexuelle Gewalt gegen ein Mädchen anwenden. Es passt so gar nicht zur Vorstellung vieler, dass Kinder keine sexuellen Bedürfnisse hätten. Auch zerbricht bei einigen der Mythos des unschuldigen braven Kindes. Auch ist die Vorstellung grässlich, dass das Mädchen unter Umständen ein Trauma erfahren hat, was es für den Rest seines Lebens, besonders im Umgang mit Sexualität, traumatisch geprägt haben könnte. Und doch erstaunt das internationale Interesse an dem Fall. Denn unter Kinder kommt es laufend zu Übergriffen, weil Kinder unter sich fast immer in Konkurrenz stehen und stets eine Portion Minderwertigkeitsgefühl kompensieren müssen. Kinder dürfen vieles nicht, was Erwachsene dürfen. Trotzdem sind auch Kinder der Medienflut und der Werbung ausgesetzt, die teilweise explizite erotische Inhalte transportieren. Besonders jene Medien die am lautesten berichten, die mit immer neuen Enthüllungen und detaillierteren Beschreibungen sich präsentieren, sind nicht unschuldig an dieser Situation.

Die Eltern treten an die Öffentlichkeit

Gemäss St. Galler Tagblatt möchte die Mutter mit dem Schritt an die Öffentlichkeit erreichen, dass man sich mit sexueller Gewalt unter Kinder und Jugendlichen auseinandersetzt. Sie möchte, dass künftig solche Taten verhindert werden können und glaubt, mit dem Schritt an die Öffentlichkeit könne man etwas bewirken. Diese Motivation ist verständlich. Regula Schwager von der Kinderschutzorganisation Castagna wird zitiert: "Dass Kinder Kinder vergewaltigen, ist leider kein Einzelfall" und die Gefahr solche Grenzüberschreitungen als "Dökterle" abzutun sei noch weit verbreitet. Die Frage die sich uns stellt ist nur, wo beginnt "Dökterle" und wo endet es? Und: Wer bestimmt diese Grenzen? Im konkreten Fall gibt es hierzu keine Frage, doch wie sieht es in anderen Fällen aus?

Die Not des Knaben

Alle Fachleute bescheinigen eine Zunahme von sexuellen Gewaltdelikten unter Jugendlichen und Kindern während den letzten Jahren. Alarmierend sei, dass die Täter zum Teil sehr jung seien. Es verstört, wenn beim ansonsten pflegeleichten Sohnemann harte Pornografie auf dem Handy gefunden wird. Wen wundert es? Da sind auf der einen Seite die kommerziell eindeutigen Angebote, die gerade bei Boulevardmedien grossen Platz zur Anpreisung finden. Da ist auf der anderen Seite eine feministisch dominierte und geprägte Pädagogik, die den heranwachsenden Knabe nicht mehr erreicht. An wem soll sich der Knabe in seiner Unsicherheit und dem Wunsch zur Stärke noch orientieren? Doch statt sich zu überlegen, worin die Ursachen liegen und Korrekturen in der Entwicklung vorzunehmen, erschallen nun die Rufe nach "drastischen Strafen". Oder wie ein Leser aus Österreich meint: "Beide gehören weggesperrt."

Kommentar von ITP

Ob sexuelle Übergriffe unter Kinder und Jugendlichen wirklich zunehmen, ist gar nicht mal so sicher. Heute schaut man aber bestimmt genauer hin und man ist darauf sensibilisiert, also findet man auch mehr. Die Dämonisierung der männlichen Sexualität, die komplett unterschätzte sexuelle Neugierde auch bei jungen Knaben und die kommerzialisierten und stets zunehmenden Sexangebote in den Medien ergeben ein Spannungsfeld, in demKnaben Gefahr laufen, die Orientierung zu verlieren.

Knaben entwickeln relativ früh sexuelle Gefühle. Sex ist oft schon ab acht Jahren, manchmal auch schon früher, ein höchst interessantes Thema für Knaben. Schon vor der Pubertät entdecken Knaben ihren Körper und können sexuelle Lust empfinden, auch wenn ihr Körper noch nicht so weit ist. Das Ausleben dieser Gefühle bereitet aber grosse Schwierigkeiten. Denn die Mädchen, wenn auch schneller in der Entwicklung, teilen oft weniger das Interesse der gleichaltrigen Knaben. Was dem Knaben bleibt ist die gesellschaftlich halbwegs tolerierte und doch heimliche, und irgendwie mit dem Mythos des Verbotenen belegte, Onanie. Viele Pädagogen wissen um die Notwendigkeit der Onanie beim Knaben, plädieren dafür und ermutigen Knaben zuweilen dazu. Doch dies ist die äusserste Grenze für einen Knaben. Bereits das Ausleben der Sexualität mit gleichaltrigen Freunden ist gesellschaftlich nur selten möglich, denn gerade in dem Alter wo es um männliche Stärke geht und um einen unheimlichen sozialen Druck zu den Coolen zu gehören, ist es fatal wenn man als Schwuli gilt.

Angesichts immer öfter publik werdenden Fällen von sexuellen Gewaltdelikten unter Kindern und Jugendlichen, könnte man mal die Ansicht vieler hinterfragen, wonach man die Kinder bei den Erfahrungen und Entdeckungen der eigenen Sexualität alleine lassen soll. Wie genauer man hinschauen wird, wie mehr wird man feststellen, dass ein älteres und dominanteres Kind nicht unzimperlich ist, wenn es darum geht seine Bedürfnisse auf Kosten eines jüngeren und schwächeren Kindes auszuleben. Wie bei allem im Leben gehört zu einer guten Entwicklung auch eine gute Erziehung. Nur beim Thema Sexualität findet Erziehung heute, dank umfassender Pädophilenphobie, kaum noch statt. Und so saugen Knaben heute die Information rein, zu der sie Zugang haben. Das hierbei ein komplett falsches Bild von Liebe und Zärtlichkeit vermittelt wird, ignoriert man. Moderner ist: man ruft nach drastischen Sanktionen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

Nachtrag 1

Am Sonntag, 22. Oktober 2006 wird bekannt, dass in Felsberg (GR) im Februar 2005 ein 12 Jähriges Mädchen durch drei Buben sexuell missbraucht und vergewaltigt wurden. Der Haupttäter war zum Zeitpunkt der Tat 13, seine beiden Mittäter 12 Jahre alt. Als Strafe mussten die Buben im Spital Chur einen Sozialeinsatz leisten. Dem Mädchen geht es heute gemäss seiner Mutter wieder gut. Opfer wie Täter gehen noch in die gleiche Schule, das Mädchen seit der Vergewaltigung aber in die Parallelklasse. St. Galler Tagblatt

Nachtrag 2

"Es nützt den Opfern nichts": Jugendanwältin Barbara Looser plädiert zugunsten der Opfer für Zurückhaltung in der Berichterstattung. "Fälle, die in die Zuständigkeit des Jugendstrafrechts fallen, sind generell nicht öffentlich und unterstehen dem Amtsgeheimnis" So Looser im St. Galler Tagblatt. Andere Jugendanwälte pflichten ihr bei. Leo Scherrer, Jugendanwalt Thurgau: "Es nützt in den wenigsten Fällen den Tätern und schon gar nicht den Opfern, wenn die Öffentlichkeit breit informiert wird."

Im Fall von Rhäzüns, wo zwei Buben ein fünfjähriges Mädchen vergewaltigt haben, fand die Mutter des Opfers den Weg an die Öffentlichkeit für wichtig und sinnvoll. Im Fall von Felsberg, kam die Sensationspresse erst durch einen anonymen Denunzianten auf den Fall. Gegen den Willen der Eltern. Sowohl Täter und Opfer sahen sich fast zwei Jahren nochmals mit den Geschehnissen konfrontiert. Wohl zum Leidwesen des Opfers als auch der Täter.

Straftaten unter Kindern sollen kein Tabuthema sein, aber man sollte immer zwischen öffentlichem Interesse und den Interessen der Beteiligten abwägen. Es ist etwas scheinheilig, wenn Journalisten in den Sensationsmedien sich moralisch über kindliche Täter entrüsten und gleichzeitig durch die Berichterstattung eine erneute mögliche Traumatisierung beim Opfer leichtfertig in Kauf nehmen. St. Galler Tagblatt, 25. Oktober 2006

 

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