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Literatur und Filme / R. Lautmann: Pädophilie - Portrait des Pädophilen
"Mich reizt nicht nur die Sexualität, mich reizt das ganze Kerlchen. Von den Zehenspitzen bis zu den Haaren, eigentlich alles. Du kannst ihm viel erklären, du kannst mit ihm allen möglichen Blödsinn machen. Er kam zum Beispiel eines Abends an und sagte, daß sie in der Schule Bergwerk durchgenommen haben. Ich: "Bergwerk ist was Schönes, da kannst du was erleben, das Einfahren, das ist schon was." "Haben wir nicht gemacht." Ich: "Also, wir fahren jetzt nach Bochum, wo das nächste Bergwerksmuseum ist." - Wir haben dann später dort alles angeguckt. Manche Leute haben bestimmt gedacht, daß wir beknackt sind. In die engsten Flöze sind wir reingekrochen, wir sahen aus wie die Schweine. Dann bei den Sprenglöchern haben wir mit Stöcken nachgeprüft, ob die auch richtig tief sind. Da lagen Bohrköpfe, Diamantbohrer, runde und viereckige Köpfe. Er hat den Bohrer in die Hand genommen und einmal gedreht. Wir haben also Bergwerk richtig erlebt, und mitzuerleben, wie er sich darüber freut, das war toll."
Wer ist ein Pädo? Diese Geschichte, deren begeistert-nachdrücklicher Ton mir noch im Ohr liegt, bordet über von sexueller Symbolik; aber sie schildert keine einzige sexuelle Handlung. Der Erzähler gehört zu den so genannten echten Pädophilen, deren erotische Gefühle sich ganz auf Kinder richten und manchmal auch in Wollust erfüllen. Die Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ist im engeren Sinn pädophil, wenn sie von Liebesempfindungen getragen wird und sexuelles Begehren einschließt, und zwar von Seiten des Älteren. Er ist es, dessen Wünsche, Deutungen und Vorgehen die pädosexuelle Situation aufbauen. Deswegen stehen die Erwachsenen im Mittelpunkt meiner Recherche.
Das sexuelle Begehren nach Kindern in Worte zu fassen fällt nicht gerade leicht, weder dem Untersucher noch den pädophilen Gesprächspartnern. Die Prominenz, ja Deutungsherrschart der Mißbrauchsfigur läßt unser Unterfangen fast wie ein Sakrileg erscheinen. Doch geht es hier gar nicht darum, mich einer Themenkonjunktur entgegenzustemmen, vielmehr beschäftigt mich die schlichte Frage: Was finden Pädophile eigentlich an Kindern? Hierzu schweigt die stattliche Literatur zum Thema, so als wäre es unaussprechlich oder gar verboten, daran zu rühren.
Die in Deutschland verbreiteten Bilder zum Mißbrauch an Kindern nehmen sich weniger bunt und phantastisch aus als in den Vereinigten Staaten. Dort werden so bizarre Szenen beschrieben wie Satansanbetung mit rituellem Kindersex, Verbrechen von weiblichen und männlichen Nursen, millionenfach geraubte Kinder sowie Milliardengeschäfte mit Kinderpornographie. Vielleicht werden derartige Tribunale auch bei uns noch anberaumt werden. Allerdings eignet sich die soziale Gegend in Deutschland oder anderen europäischen Ländern nicht gerade dazu, als ein Dschungel interpretiert zu werden, der jede erdenkliche Grausamkeit birgt.
Die gegenwärtig ausufernde Bereitschaft, jegliches erotisches Signal, das an ein Kind ergeht, als Mißbrauch zu brandmarken, verwirrt die Begriffe. Leider werden damit Unterschiede des Inhalts, der Intensität, der möglichen Folgen u.s.f. eingeebnet, die einen guten Sinn machen: für das Verstehen und Erklären, für die präventive, strafrechtliche und therapeutische Intervention. Die heutige Prominenz verdankt sich nicht den Sexualwissenschaftlern, sondern Ein-Thema-Forscher/innen sowie Aktivistinnen. Die Sexualwissenschaft hat die Erwachsenen-Kind-Kontakte von Anfang an differenziert betrachtet. Bereits der Klassiker Richard v. Krafft-Ebing stellte die Schändung an geschlechtlich unreifen Personen dar und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Er sprach von den "trostlosesten und größten Scheußlichkeiten" und meinte: "Das Gefühl sträubt sich dagegen, solche Verbrecher gegen die kindliche Unschuld noch für geistig normale Menschen zu halten."2 Gleichwohl führte Krafft-Ebing 1896 eine Spezialkategorie ein, die Paedophilia erotica. Darunter faßte er Fälle, "bei welchen weder tiefstehende Moral noch psychische oder physische Impotenz sexuell Bedürftige zu Kindern hintreiben, sondern vielmehr ... eine psychosexuale Perversion". Hier tritt die Neigung zu unreifen Personen als eine primäre auf, zielt auf leichtere Handlungen und verschafft mächtige Lustgefühle; gegenüber Erwachsenen sind diese Perversen sexuell unerregbar. Krafft-Ebing hielt das für eine paradoxe Erscheinung.
Kurz bevor die Mißbrauchsdebatte in ihre heutige heiße Phase trat, resümierte ein unverdächtiges Handbuch den Forschungsstand. Die Kindesbelästiger wurden in drei Arten eingeteilt, die über ein "diskriminierendes Potential" verfügen, d.h. unterschiedliche Erklärung und Behandlung verlangen. Die materialgesättigte und autoritative Abhandlung gelangt zu einer Dreier-Typologie der Delikte an Kindern:3
In diesem Buch stelle ich ausschließlich den ersten Typus vor, dem schätzungsweise 5% der pädosexuell aktiven Männer zuzurechnen sind.
Wie ich auf das Thema gekommen bin
Wie kam ich zu einem Gegenstand, den fast alle meiden, und wie bin ich als empirischer Sexualforscher vorgegangen? Um 1980 hatte ich öffentlich nach der Opferqualität einiger Sexualdelikte gefragt. Deswegen wandte sich in der Folgezeit eine Reihe von Strafbedrohten an mich. So einig man sich darüber war, daß der sexuelle Mißbrauch von Kindern unterbunden und bestraft werden muß, so übel war die Lage der erklärten Kindesliebhaber. Zwischen sich selbst und einem Mißbraucher sahen sie ungefähr so viel Gemeinsames wie zwischen einem sexuell aktiven Mann und einem Vergewaltiger. Sie waren mit sich selbst im reinen und hielten ihre erotisch-sexuelle Praxis für in Ordnung, ja sogar nützlich für die Kinder. Vor Gericht indessen schlug ihnen gerade das zum Nachteil aus: Ihre Taten bedeuteten keinen Ausrutscher, sondern waren planmäßig begangen und würden sich gewiß wiederholen. Nur ihrer Zärtlichkeit und Fürsorge hatten sie es zu verdanken, nicht viel früher aufgefallen zu sein. Nun aber standen drakonische Strafen und allerlei Aufsichtsmaßnahmen an.
Was konnte ich den Pädos - so nannten sie sich in Abgrenzung zu den Mißbrauchern - raten? Kriminalpolitische und sexualwissenschaftliche Fürsprache genossen sie kaum. Im Gegenteil: Seit den frühen Achtzigern entwickelte sich eine besondere Sensibilität hinsichtlich des Inzests und Kindesmißbrauchs. In der Fachliteratur fanden sich nur wenige Studien, die sich mit der sozialen und ethischen Möglichkeit einer Pädophilie beschäftigten. Da diese Untersuchungen meist von offensichtlich selbst interessierten und bewanderten Autoren stammten, kam ihnen allenfalls eine eingeschränkte Glaubwürdigkeit zu. Daß die Parteilichkeit kaum je offengelegt war, nährte nur den Pro-domo-Verdacht und machte die Sache nicht besser. Öffentliche Meinung zum Kinder-Sex und Selbstverständnis der Pädophilen standen in denkbar schärfstem Widerspruch zueinander. So lautete mein Rat denn: Ihr müßt euch mehr öffnen, wenn ihr weniger verteufelt sein wollt. Damit setze ich auf die aufklärende Kraft erfahrungswissenschaftlicher Vernunft.
Wie wir vorgegangen sind
Die Situation ist da, sagte ich mir 1990, als die Finanzierung eines mittleren Forschungsvorhabens klappte.4 Die aus einer Psychologin und zwei soeben diplomierten Sozialwissenschaftlern sowie mir bestehende Studiengruppe - niemand darunter mit einschlägiger Vorliebe - begann das Projekt. Es hieß Phänomenologie sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern und bezog sich auf Männer und Frauen, auf Mädchen und Knaben. Die Suche nach pädophilen Frauen blieb zwar nicht völlig erfolglos, erwies sich aber als so schwierig, daß dieser Teil des Projekts vorzeitig beendet wurde. Bei den pädophilen Männern öffneten uns die schon erwähnten Gespräche den ersten Zugang, über den wir bald hinausgehen konnten, um Interviewpartner in sehr verschiedenen Lebensumständen zu gewinnen. Neben den einigermaßen selbstbewußt auftretenden Knabenliebhabern haben wir schließlich auch die versteckter lebenden Mädchenfreunde aufgefunden.
Dies ist das erste deutschsprachige Projekt, das die sozio-sexuellen Seiten der Pädophilie empirisch erforscht. Es bewegt sich entschieden außerhalb psychiatrischer oder kriminologischer Ansätze, die auf so eingeengte Populationen wie Patienten, Anstaltsinsassen oder Straffällige beschränkt bleiben müssen. Unser Vorhaben zielt auf das sogenannte Dunkelfeld, d.h. wir beschreiben eine unausgelesene Gruppe. Pädophilie wird von uns gegen Inzest und Kindesmißbrauch abgegrenzt: Die Erwachsenen-Kind-Kontakte finden nicht innerhalb der Familie statt, stellen keine Ersatzhandlungen dar und beruhen nicht auf Gewalt als Selbstzweck.
Wir haben sechzig Männer interviewt. Eine Reihe weiterer Pädophiler führte mit uns informelle Gespräche oder überließ uns Aufzeichnungen. Die mehrstündigen Interviews wurden so offen wie möglich gestaltet. Ein Leitfaden half, keinen wesentlichen Aspekt zu vergessen. Unter den Befragten befanden sich zu etwa zwei Dritteln Knabenliebhaber, zu einem Drittel Mädchenfreunde, einige zeigen sich an beiden Geschlechtern interessiert.
Skeptiker pflegen zunächst einmal die Gültigkeit solcher Untersuchungen zu bestreiten, weil die Auswahl der Befragten nicht repräsentativ sei. Gewiß, unsere Stichprobe wurde nicht aus der Grundgesamtheit aller pädophilen Männer gezogen, und zwar einfach deshalb, weil diese notwendig unbekannt ist. Ein brauchbares Kriterium müßte sein: Welche Erhebung reduziert die denkbaren Verzerrungen in der Auswahl? Die üblichen Studien kriminologischer oder psychiatrischer Provenienz versuchen nicht einmal, aus dem Ghetto ihrer Spezialfälle - straffällige und/oder therapiebedürftige Männer - herauszukommen. Wir hingegen haben die Untersuchungsgruppe auf vielfältige Weise zusammengesetzt: Gruppenbesucher angesprochen. Suchanzeigen in Stadtzeitungen aufgegeben, in FKK-Zeitschriften inseriert, uns im Schneeballverfahren weiterempfehlen lassen. Unsere Stichprobe entstammt also dem weitesten Einzugsgebiet, das wir uns vorstellen und erreichen konnten.
Die über mehrere Jahre laufende Untersuchung hat uns manchen forschungsethischen Kopfschmerz bereitet. In einer pädosexuellen Begegnung wendet das Kind seine genitale Potenz einem Mann oder einer Frau zu, die oder den es entweder später überhaupt nicht oder so jetzt noch nicht begehrt. Dieser Widerspruch wirft Fragen auf, und zwar jenseits aller allgemeinmoralischen Bedenken. Wie verarbeitet das Kind das Erleben? Das ist eine empirisch zu beantwortende Frage, die kaum erforscht wird und in vielen westlichen Ländern nicht einmal erforscht werden darf. Negative Antworten sind weder logisch noch entwicklungspsychologisch vorgezeichnet. Zudem sind soziale und emotionale Diskrepanzen zwischen den Beteiligten einer sexuellen Situation aus vielen anderen Szenen geläufig. Nicht zufriedengeben kann man sich mit der kategorischen Argumentation von David Finkelhor, dem Haupt seriöser Forschung über Kindesmißbrauch in den USA. In einer aufschlußreichen Debatte über die vielgelesene Erhebung von Theo Sandfort befindet Finkelhor, für das Pädosexualitätsverbot komme es letztlich auf empirische Forschung nicht an: "Einige Arten sozialer Beziehungen verletzen tief verwurzelte Werte und Prinzipien unserer Kultur über Gleichheit und Selbstbestimmung. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist eine davon."
Ich möchte hier genauer argumentieren: Der Moralverstoß liegt nicht im pädosexuellen Akt selbst, sondern in der unwillkommenen Adressierung, Ausbeutung, Ausnutzung eines anderen, d. h. in der Beeinträchtigung von dessen Persönlichkeitsentfaltung. Wo die Autonomieverletzung beginnt, ist begrifflich und empirisch zu klären, aber für eine Begegnung zwischen Erwachsenem und Kind steht sie nicht immer schon logisch fest. Ganz offensichtlich kommen wenigstens einige Beziehungen vor, bei denen keine Intervention vonnöten ist: Die Kinder hängen an ihrem Liebhaber und könnten ihn jederzeit verlassen, wenn sie nur wollten.
© Prof. R. Lautmann
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