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Literatur und Filme / K. Cervik: Was ist Pädophilie

Karl Cervik: Was ist Pädophilie

Rezension von ITP-arcados

Da hat sich einer schon viel vorgenommen, wenn er es wagt, ein Buch herauszugeben, das ein tatsächlich "strittiges Thema" mit einer ein für allemal klaren Antwort erledigen will.

Dass sich Cervik jedoch seiner Grenzen bewusst ist, bekennt er im Untertitel: "Annäherung".

Da sind schon einmal Zeichen gesetzt, dass sich hier ein engagierter Mensch mit dem Thema befasst. Einer, der zur Erkenntnis gekommen ist, dass diese provozierende Frage dringend gestellt werden muss. Zu viele Fachleute, die in der themabezogenen Praxis leider einiges zu bewirken und zu (ver)urteilen vermögen, nehmen für sich das Recht in Anspruch, den Begriff "Pädophilie" in etwa folgenden Worten ein für alle Mal klarzustellen: "Pädophilie ist verwerflich. Pädophile sind Straftäter und eine Bedrohung für Kinder. Darüber gibt es nichts zu diskutieren."

Doch, es gibt darüber sehr viel zu diskutieren. Und es wird auch! Nur nehmen es leider genau die nicht zur Kenntnis, die sich als kompetent bezeichnen und sich dank der Stimmung in der Gesellschaft ohne Nachweis einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit dem Thema auch so fühlen können.

Die Nachteile von wissenschaftlichen Abhandlungen über ein Thema sind bekannt: Sie sind für Laien zu schwer verständlich und zu umfangreich und für die Akademiker und die themabezogenen Fachleute zu einseitig, weil sich dahinter meistens ein Ansatz findet, in welchem man den Erkenntnissen oder Ansichten des Autors des vorliegenden Werkes zustimmen, diese kritisieren oder ablehnen kann. Es bleibt dann oft bei einer theoretischen Fachdiskussion, welche sich nur schwerfällig in die Praxis einnistet.

Bei einem Thema, das gesellschaftlich so explosiv ist wie ein volles Pulverfass, geht es mir in der Vorstellung des vorliegenden Buches nicht um eine detaillierte Kritik des Inhalts oder um allfällige Mängel oder Schwächen in der Arbeit des Autors. Es möge mir vielmehr gelingen, möglichst viele zur Überzeugung zu bringen, dass das wirklich ernsthafte Durchackern des vorliegenden Werkes ein Dürfen (nicht ein Muss!) sein sollte für alle, die sich aus irgendeinem Grund mit dem Thema Pädophilie zu befassen haben.

Ein "Dürfen" wird es schon deshalb, weil bereits das Inhaltsverzeichnis eine abwechslungsreiche und schon fast verdächtig voyeuristische Vielfalt verspricht und die verkraftbare Anzahl der Seiten des Büchleins die Lust auf die Entdeckung der darin aufgelisteten Spezialitäten nicht gleich wieder verdirbt und das Lesen auf unbestimmte Zeit verschoben wird. So befasst sich denn schon das erste Kapitel mit dem Thema: "Publikumsgeschmack und Medienvoyeurismus".

Wer dem Zitat "Jegliche Gewalt gegen Kinder ist verwerflich" (das Zitat ist, wie alle folgenden, dem Buch entnommen) zustimmt und gleichzeitig zu hinterfragen vermag, ob der Begriff "Kinderschänder" nicht auch "die betroffenen Kinder schändet", kommt ins Grübeln.

Spannend ist die Auflistung in einen immer enger werdenden individuellen Betroffenheitsgürtel für die vom Thema "Pädophilie" Berührten.

Der Eindruck verstärkt sich mit jedem Kapitel, dass Wissenschaftler auf dem Gebiet der Sexualität von den Fachleuten in der Praxis immer noch als "Paradiesvögel ohne Macht und Einfluss" betrachtet werden und deren Aussagen höchstens wie eine überflüssige Luxus-Delikatesse gelegentlich mal zu Gemüte geführt werden. Denn "die meisten Menschen - Journalisten machen hier keine Ausnahme - fühlen sich "als ihre eigenen sexuellen Experten"! Auch wenn dies "zu einem gewissen Grade stimmt", so ist es doch kein Wunder, dass selbst ernannte Experten und Verfasser von Aufklärungsbüchern "Hochkonjunktur verspüren, eine Marktlücke wittern und die anhaltende Abwesenheit der Sexualwissenschaft in der Öffentlichkeit für ihre streckenweise laienhaften und wirklichkeitsfremden Interpretationskünste ausnutzen".

Cervik gibt im zweiten Kapitel "Stimmen aus Wissenschaft und Praxis" das Wort mit einem gut fundierten und gegliederten - wenn auch verständlicherweise nicht umfassenden - Inventar von wissenschaftlichen Aufsätzen zum Thema. Er gliedert diese in "sexualwissenschaftliche", "negative pathologisierende", "differenzierende" und "juristische" Betrachtungsweisen. Man kommt aus dem Grübeln zu neuen Erkenntnissen. Die Spannung, die das Thema bietet, steigt.

"Auf kaum einen Bereich richten sich so viele Sehnsüchte, Erwartungen und Hoffnungen wie auf die Sexualität." Auch bei Pädophilen!

Besonders anerkennenswert ist, dass darauf eine "Selbstdarstellung Pädophiler" folgt, was Cervik zwar den Verdacht auf Voreingenommenheit anhängt, den er aber durch seine nüchterne Betrachtungsweise überzeugend in diskussionswürdige Schranken zu legen vermag. So wehrt er sich vehement dagegen, wenn einer behauptet: "Pädophilie ist ein Talent!" Hier spürt man, wie das Herzblut des Autors zu pochen beginnt. Und es braucht schon viel üblen Willen, wenn man nicht spätestens hier merkt, was das Herzanliegen des Autors ist: "Es muss deutlich werden, dass Pädophilie die Bezeichnung für eine sexuelle Orientierung ist und nicht mehr und nicht weniger. Wie der Einzelne seine sexuelle Orientierung einsetzt, ist dessen eigene Entscheidung und hat mit der sexuellen Orientierung nichts zu tun."

So wird auch deutlich, dass es unmöglich ist, was Gruppierungen und gewisse Fachleute für sich in Anspruch nehmen: nämlich "eindeutig und endgültig zu definieren, was denn Pädophilie ist". Ausser eben eine definierte sexuelle Orientierung!

Wenn Cervik Parteinahme für die Betroffenen attestiert werden sollte, dann wohl nur in positivem Sinne durch seine Eigenwerbung in diesem Kapitel: "Dieses Buch appelliert auch an die Verantwortung des Pädophilen, solche Grenzlinien einzuhalten." Denn: "Ein Pädophiler ist immer in Gefahr der Grenzüberschreitung - heisst es. Das ist aber jeder Erwachsene in anderen Beziehungen ebenso, sonst gäbe es nicht so viele Vergewaltigungen oder sexuelle Nötigungen."

Das ist auch in den folgenden Erörterungen zur "Theorie der strukturellen Gewalt" zu bedenken. Als eine vorausblickende, wohl überlegte Beurteilung mit Vorschlägen zu neuen Strategien in der Prävention folgt ein Beitrag des Zürcher Psychologen Peter Näf. Kampagne gegen den sexuellen Missbrauch: Eine tragische Bilanz.

Grenzlinien werden kaum eingehalten, wenn es um die Ausschlachtung von negativen Ereignissen geht, welche dem Thema Pädophilie angelastet werden. An einigen mehr als denkwürdigen Vorkommnissen und deren medialer Präsentierung wird im 3. Kapitel mehr als deutlich, dass "Berichterstattung in Missbrauchsfällen" wegen der "Schwierigkeiten und Folgen für alle Betroffenen keine wie jede andere ist".

Der Titel gibt in seinem Nachsatz zu denken: Auswüchse der pädophilenfeindlichen Äusserungen - Wiederaufleben nazistischer Terminologie?

Es werden denn auch gleich sozusagen "Zehn Gebote" vorgestellt, die "für die journalistische Arbeit" eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Das 4. Kapitel befasst sich mit der "Umgangsweise mit sexueller Gewalt gegen Kinder" Die Fragen sind hochaktuell: "Anprangern oder Therapie?" - Wie soll reagiert werden auf "sexuelle Gewalttaten an Kindern"? Natürlich interessiert hier besonders die "kriminologische Realität", welche noch weit entfernt ist von der hier vertretenen Forderung: "Unser Strafrecht ist aus dem Rachegedanken hervorgegangen. Es muss durch ein Wiedergutmachungsrecht abgelöst und neu begründet werden."

Im 5. Kapitel wird das "Schlagwort vom sexuellen Missbrauch" hinterfragt, einer "dritten Form" von "sexuellen Handlungen mit Kindern". Es ist die folgenschwerste, weil hier wirklich nur unschuldige Opfer zurückbleiben. Bei der ersten Form ging es um "gewaltfreie pädophile Beziehung", bei der zweiten um "sexuelle Nötigung von Kindern", was das Thema der bisherigen Ausführungen war.

Nun geht es um Anklagen lediglich auf Grund eines "vagen Verdachts", die durch eine "allgemeine Hysterie" eine folgenschwere Eigendynamik entwickeln. Vorfälle wie der "Fall Nordhorn" und der "Mainz/Wormser Kinderschänderprozess" werden aufgrund der in solchen Fällen aus dem Affekt entwickelten Massnahmen und der angewandten Praxis durchleuchtet und entlarvt. Die Hetzjagd in England ist ein neueres Beispiel für von selbst ernannten Kinderschützern geplanten Kampagnen auch in anderen Ländern.

Das 6. Kapitel befasst sich mit Gesetzesparagraphen und der sie bildenden Politik.

Es wäre eine trockene Materie, wenn man sie nicht z.B. mit der Frage angehen könnte: "Wann führen ein Zungenkuss oder andere erotische Zärtlichkeiten zwangsläufig zur Verhängung einer Freiheitsstrafe?" Diese und andere juristische Spitzfindigkeiten werden erörtert, kritisiert und neue juristische Lösungsvorschläge aus politischer Sicht diskutiert und kommentiert. Wen das nicht interessiert und wer Urteile zum Thema allein den Juristen und Politikern überlassen will, soll sich dieses Kapitel ersparen. Das wäre zwar höchst bedauerlich, denn hier werden noch weitere höchst brisante Fragen erörtert. Das Buch beschränkt sich auf Diskussionen zur juristischen Lage in Deutschland und Österreich mit einem Lichtblick auf die Niederlande. Die Schweiz bleibt in den Kommentaren unerwähnt.

Abschliessend folgen in einem Nachwort von Thorsten Kall Gedanken unter dem Titel: Gesellschaftlicher Rückschritt am Beispiel der Bewertung der Ephebophilie.

Hier werden neue Problemkreise angeschnitten, die zu weiteren Publikationen animieren könnten und hier nur mit einigen Gedanken zu einer denkwürdigen Entwicklung zum Beispiel im Zusammenhang mit der Schwulenbewegung dargestellt sind.

Thorsten Kall hat auch das Vorwort zum Buch geschrieben. Ich glaube, es ist dem Autor Karl Cervik gelungen, was Kall angekündigt hat, nämlich dass dieses Buch zu einer "Rückbesinnung auf Sachlichkeit" und zu "differenziertem Denken" beitragen soll.

Und ich kann mich seinem Aufruf nur anschliessen:

"Auch wäre es begrüssenswert, wenn dieser Veröffentlichung weitere sachliche Auseinandersetzungen folgen würden."

© ITP-mj

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