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Dekadon: Das Protokoll

Kurzbeschreibung:

Ein Missbrauchsprozess entpuppt sich als raffinierte Inszenierung des Bundesjustizministeriums zur Überführung eines Juristen, der eine Blutspur sondergleichen im Strafrecht hinterlassen hat

Im Mittelpunkt steht die Tragödie des - vermutlich - homosexuellen Jungen Marc, dessen Problem konsequent übersehen wird, indem es um die Verurteilung eines anderen geht; und des Pädophilen Jannings - seinerseits eher ein gescheiterter Homosexueller als der Missbrauchsunhold des Volksglaubens. Je mehr sich für den Leser aber die tragische Wirklichkeit der beiden Antihelden vor Gericht auftut, desto bestürzter registriert er hinter der geordneten Fassade der Rechtsstaatlichkeit und des bürgerlichen Missbrauchsjargons eine ausgemachte Vergewaltigung des Einzelwesens durch sein selbstgerechtes bürgerliches Kollektiv. Bevor die ministerielle Kommission das Höllenszenario als Bewährungsprobe für einen Juristen enttarnt, mutiert der zu Beginn unscheinbare Prozess zu einem atemberaubenden und infamen Kesseltreiben gegen Aussenseiter - das sprichwörtlich jeden Prozessbeteiligten am Ende in den Abgrund gestürzt haben wird.

Dieser Handlungsfaden ist allerdings nur Vordergrund eines fein ziselierten Vexierspiels und Sittengemäldes um bürgerliche Abgründe und den psychologischen Zustand der gewendeten Gesellschaft: "Vor der Wiedervereinigung hatten die Leute ein Bedürfnis nach universeller Toleranz, nach der Wiedervereinigung haben sie ein Bedürfnis nach kurzen Prozessen." Ebenso wie das Duell des "durchgeprügelten Linken mit Stasi-Belastung" und Gesinnungsprüfers Stecher mit dem erzkonservativen Schurken im Talar, so ist auch das Missbrauchsthema nur Aufhänger für das Höllenspektakel und gleichnishaft in der Realisation: Im Prinzip ist "Das Protokoll" in allen seinen Erzählsträngen Versinnbildlichung eines alten Menschheitsthemas im modernen Kolorit: der mitleidlosen Vergewaltigung des Einzelwesens durch sein Kollektiv - hinter den Scheinrationalisierungen seiner Zeit, sonst wäre so was nie möglich. Letztlich ist "Das Protokoll" eine gründliche Abrechnung mit einem Parteien- und Mediensystem, das für Stimmen- und Quotenmaximierung bedenkenlos der bürgerlichen Mitte hofiert - bis sie wie ein wild gewordener Mob über ihre Aussenseiter herfällt.

Erwähnenswert ist abschliessend vielleicht, wie der Autor mit dem heiklen Aufhängerthema umgeht. Er kennt scheinbar nur zu gut das Dilemma, ein heikles Thema wie Kindesmissbrauch für jede hausbackene ideologische Politkritik zu missbrauchen - nichts anderes beklagt er, wenn er seinen Paria - den Pädophilen Jannings - durch ein ganzes Kollektiv eigensüchtiger Ideologen zerbrechen lässt: Einer feministischen Sachverständigen dient er als "Männertäter", einem erzkonservativen Staatsanwalt als "perverser Sittenstrolch", einem homosexuellenphobischen Richter als seelische Infektionskrankheit für junge Buben, und einer angewiderten Zuschauerrotte als Verwirklichung ihres Familiensinns. Das Problem, ein vielschichtiges Thema platt für hehre Ziele zu plakatieren, lehnt er als befasster Psychologe in diesem Bereich erkennbar ab. Statt dessen begründet er seine Einbettung des Themas, indem er differenziert einem Strafprozess und seinen Kontroversen Raum gibt: Kenntnisreich und hinter der spielerischen Handlung verborgen, weiß er um seine Verantwortung und gibt dahinter einen profunden wissenschaftlichen Abriss über facts & fiction des Feldes. Im Gedächtnis bleibt im "Protokoll" in diesem Zusammenhang vielleicht seine turbulente Vernehmung der "Sachverständigen Waldt". Hinter der fast aberwitzig-trockenen Spielhandlung verbirgt sich - komprimiert auf gerade mal 12 Seiten - eine forensische Auflistung der typischsten Begutachtungsfehler in der Sachverständigenszene. Mit anderen Worten: Er begründet, wieso er zu dem Schluss kommt, die derzeitige Missbrauchsdiskussion sei entartet, Hysterie und Vergewaltigung des stigmatisierten Einzelwesens. An einer Stelle geht z.B. hervor, eine banale Trias von Erhebungsfehlern durch heißgestrickte Aufdeckungs- und Aufklärungsmotive ("Rosentaleffekte, Pygmalyoneffekte sowie Stichprobenverzerrungen durch statistische Selbstselektion") seien wissenschaftlicherseits für die entstandene Hysterie in der Bevölkerung und Fachwelt verantwortlich. In der Tat erscheint die öffentliche Diskussion derzeit über Kindesmissbrauch am Ende seiner Tragödie fassadenhaft, unwirklich, voller virtual realities und - angesichts der real Betroffenen dahinter - wie ein gigantisches Potemkin´sches Dorf. Eine bürgerliche Schein- und Phantasiewelt, die mit der tragischen menschlichen Wirklichkeit oft ernüchternd wenig zu tun zu haben scheint - in der es vor Kindchenengeln und Tätermonstern nur so wimmelt. Die Tragödie des kleinen Marc wird hier hoffentlich für ein Umdenken sorgen, was eine demagogische, hasserfüllte Diskussion betroffenen Einzelwesen eigentlich angetan hat.

«Das Protokoll» (...) beeindruckt durch feine psychologische Zeichnung der Figuren. (...) Ein Buch über die Zwänge und das Verdrängte des Menschen (...) es ist unmöglich, zu diesem Buch keine Meinung zu haben.
Fouque Verlag

«Dramatisches Schauspiel mit viel Spannung und fundiertem Hintergrund, das durchaus auch f6uuml;r eine Verfilmung interessant wäre.»
Kontrast Verlag

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