"Wie lange noch?"

Spät nachts. Da ist es wieder, dieses Gefühl. Ein Gefühl vollkommener Entfremdung und Ohnmacht. Die Leute tanzen, sie haben Spass. Und ich stehe daneben und bin meilenweit entfernt von diesem Ort.

Da ist es wieder, dieses Gefühl. Ein Gefühl vollkommener Entfremdung und Ohnmacht. Die Leute tanzen, sie haben Spass. Und ich stehe daneben und bin meilenweit entfernt von diesem Ort. Ich gehöre nicht hierher, und doch bin ich hier. Menschen, die ich meine Freunde nenne und mit denen ich an diesem Abend schon viel gelacht habe- sie wollen mich zum Tanzen bringen, fragen was los ist. Aber es gibt keine Möglichkeit mich ihnen auszudrücken. Loslassen und einfach nur tanzen, diese Option besteht nicht mehr. Es ist bereits zu spät.

Ich habe mich verabschiedet und Trauer und Ängste steigen in mir hoch. Sie haben mich fest im Griff und lassen keine Ausgelassenheit und Fröhlichkeit mehr zu. Alles was jetzt noch hilft ist Rückzug. Alleinsein und trauern. Der Abend ist gelaufen. Es ist keine Kraft mehr da, um es zu ändern. Nur noch der Drang zu fliehen, wegzulaufen - irgendwo in den dunkelsten Wald, wo ich mich verstecken kann. Wo keine fröhlichen Menschen mehr sind, keine laute Musik, niemand vor dem ich mich zeigen muss. Nur noch Dunkelheit. In den Arm eines Menschen, der mich beschützt und bei dem ich mich wohl fühle, da will ich hin - auf der Suche nach Geborgenheit, nach einem Ende des Verstellens, des Konfliktes mit dieser Welt.

Ja, diese verdammte Welt, ich fühle mich ihr nicht zugehörig. Ich betrachte sie gerne von aussen, wie ein Fremder, der sich über ihr treiben wundert, das Suchen und Streben der Menschen – über die Härte, den Konkurrenzkampf, die Anfeindungen und Missverständnisse. Wundere mich, begreife sie, doch nachvollziehen kann ich sie nicht. Emotional bin ich hier nicht zu Hause - nur in der Natur und bei den Kindern. Beide strahlen die gleiche Ruhe aus, die gleiche Verletzlichkeit und die gleiche natürliche Schönheit. Aber was ist diese glitzernde Welt des Nachtlebens, die Welt der Partys und Flirtereien? Was passiert da, warum passiert das, warum machen Menschen das?

Es ist eine Kluft zwischen mir und den anderen Erwachsenen, die unüberwindbar scheint. Es gibt Grenzen, die man trotz Millionen von Soldaten wegwischt - doch andere überwindet man nicht. Warum kann ich das nicht einfach akzeptieren, um mein Leben zu leben? Weil ich andere Menschen brauche. Es ist ein Dilemma. Und viele gute Freundschaften haben dadurch schon einen Knacks bekommen. Es ist immer das gleiche, immer und immer wieder. Ich öffne mich einem Menschen, einem guten Freund. Und da plötzlich, da ist eine Wand, ein Panzer.

Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Dann mache ich die Schotten dicht, will meine Ruhe haben, alleine sein. Wir sind dann auf einer emotionalen Ebene angelangt, auf der ich anders fühle als die überwältigende Mehrheit der Menschen und die ich nicht artikulieren kann, vor deren Offenlegung ich sogar wahnsinnige Angst habe. Die Hilflosigkeit ist ernüchternd und die Unsicherheit zermürbend. Ich habe das bedrückende Gefühl, versagt zu haben. Nicht gut genug zu sein für die anderen, minderwertig und zurückgeblieben - ein Kind. Und das bin ich im Grunde auch.

Das ist das Trennende: mein Gefühlshaushalt gleicht der eines Kindes und nur mit Kindern oder anderen Gleichgesinnten (die so leicht zu finden sind wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen) kann ich ihn teilen und finde eine emotionale Gemeinsamkeit, die mich trägt und einen Ort, an dem ich mich total öffnen kann. Nicht aber bei meinen anderen Freunden. Wie oft soll ich noch „ja" sagen oder „hm", wenn einer meint die Frau dort drüben sei süss? Wie soll ich erklären, dass ich gerade geistig abwesend bin, weil ich Sehnsucht nach meiner Liebe habe und Angst, sie zu verlieren; oder weil ich mir Vorwürfe mache mich vielleicht nicht total unter Kontrolle gehabt oder mich zu auffällig verhalten zu haben? Es gibt keine Möglichkeit, meine Stimmung zu erklären. Sie ist da, und ich weiss warum. Aber teilen kann ich sie nicht. Dazu müsste ich etwas von mir preisgeben, das ich tunlichst zu verstecken versuche. Ich habe Angst, dass wenn ich mich öffne, dieses Etwas zu Tage treten würde – beispielsweise wenn ich mich gehen lasse und mit leuchtenden Augen einem bildhübschen Knaben hinterher sehe, weil ich Gedanken verloren bin.

Wie gerne würde ich auch einmal sagen: „Hey, der Junge da drüben, der ist ja süss!" Einfach so, zu meinen Freunden. Doch stattdessen muss ich diesen unglaublich wichtigen Teil meiner Persönlichkeit ausblenden. Wobei genau dass das Problem ist - er lässt sich nicht ausblenden, und ich will es auch nicht. Aber ich muss ihn verstecken und kann ihn nicht teilen, und schon garnicht kann ich sagen: Ich lebe ihn einfach und stehe dazu. Es gibt keinen Ausweg.

Und so sitze ich einmal mehr hier, während die anderen noch ausgelassen im Club feiern und habe Tränen in den Augen. Ich mag meine Freunde und es spricht für sie, dass sie mich morgen fragen werden, was denn los war. Ich werde es wieder auf die Musik schieben, wie ich es vorhin schon getan habe. Die wahren Gründe, die ich ihnen so gerne sagen möchte (wie sonst sollen sie mich verstehen?), verschweige ich. Fresse sie notgedrungen in mich hinein. Die Trauer bleibt bei mir, der Frust, die Entfremdung. Jede Freundschaft braucht eine Basis, ein gegenseitiges Vertrauen und Verstehen, und diese bröckelt dann.

Ich weiss das, sehe das, und kann es doch nicht ändern. Umso öfter es passiert, umso weniger schmerzt es - es wird schlichtweg zur Gewohnheit. Ich fühle mich dann schlecht, vergiesse ein paar Tränen und am nächsten Morgen versuche ich weiterzumachen als wäre nichts gewesen. Und irgendwie gelingt das dann auch. Doch mit jedem Mal schwindet auch ein Stück Optimismus und Hoffnung und weicht der Resignation. Wie oft dachte ich: jetzt habe ich endlich gute Freunde gefunden, jetzt ist es besser - und vergesse, dass es Dinge gibt, die uns unabänderlich trennen? Bis ich grausam daran erinnert werde, so wie vor ein paar Stunden. Dann stehe ich da, wieder allein auf dieser Welt. Unverstehend, unverstanden. Und die Fragen werden lauter:

Weshalb bin ich hier? Gehöre ich denn überhaupt hierher?

Aber ich bin nun einmal hier auf dieser so vertrauten Erde mit so fremden Menschen. Ich bin anders, anders als die meisten und nicht stolz drauf. So viele versuchen anders zu sein, etwas ganz besonderes und individuelles. Ich glaube sie wissen nicht, was es wirklich heisst, anders zu sein. Nicht äusserlich, durch eine abgefahrene Friseur, flotte Sprüche und grosse Posen. Sondern tief im Inneren, in der Gefühlswelt. Ich leide sehr darunter, was mir die Natur aufgebürdet hat. Oder war es Gott? Gibt es denn überhaupt einen Gott?

Es gibt Zeiten, da glaube ich einfach, dass alles schon seinen Sinn haben wird und es vielleicht auch einen Gott gibt - und wenn nicht, dann gehen wir halt in das ewige kollektive Nirwana ein und alles ist gut. Doch je älter ich werde, umso schwerer fällt mir das. Ich habe nach ihm gefleht, und Gott blieb still. Wie kann ich auf einen Gott hoffen und aus ihm meinen Optimismus ziehen, wenn er Menschen solche Lasten auferlegt? Man kann gegen diese Bürde nicht aufbegehren, man kann nicht für sie kämpfen - sie ist ein einziger Maulkorb. Und die Frage drängt sich auf, sie schreit immer wieder - anklagend und verzweifelt:

Warum, warum, warum?

Manchmal beneide ich die Priester, die in Gott ein Wesen gefunden haben, das ihnen Kraft gibt und bei dem sie zu Hause sind. Vielleicht geht es aber vielen von ihnen auch nicht besser als mir, und eigentlich sind sie tief in ihrem Inneren alleine auf dieser Welt. Ich finde keinen Gott, der mir das geben könnte, was ich bisher noch bei keinem Menschen wirklich gefunden habe: das tiefe Gefühl beiderseitiger Liebe und Geborgenheit. Und mit jedem Tag, an dem sich die alten Probleme und Konflikte wiederholen, schwindet ein Stück Hoffnung.

Woher soll ein Mensch seine Kraft ziehen? Wie lange kann ein Mensch das aushalten, ohne total zu verbittern und zu resignieren? Bin ich irgendwann einmal endgültig fertig mit dieser Existenz? Ich habe Angst davor. J., 22 Jahre

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