Vor hundert Jahren hat die Wissenschaft die Libido des Menschen entdeckt. Sie hat seine Wünsche, Triebe und Begierden erforscht und mit Namen benannt. Sie hat alle Facetten der Erotik aufgespürt. Es wurden darüber Bücher und Aufsätze geschrieben, Symposien einberufen, Tagungen und Seminare abgehalten, leidenschaftlich diskutiert. Kolumne von Wolf Vogel
Die Sexualwissenschaft hat die urwüchsige Kraft des erotischen Empfindens in Schubladen gepresst und mit griechischen oder lateinischen Bezeichnungen versehen. Sie hat dem Laien vor Augen geführt, dass es viele Formen des sexuellen Genusses gibt. Damit hat sie Staunen, Neid bei den einen und Schuldgefühle bei den anderen erzeugt. Die Sexualwissenschaft hat Menschen in Gruppen eingeteilt und damit Leid geschaffen. Geholfen hat sie denen, die sie durch Aufklärung beschützen wollte, nur in wenigen Fällen.
Nun ist, so scheint es, die Sexualwissenschaft am Ende. Sie wird nur noch gehört und ernst genommen, wenn sie den Abweichler von der Norm ebenfalls verdammt oder zumindest für krank erklärt. Die Sexualwissenschaft wollte Minderheiten integrieren und hat neue Ausgrenzungen geschaffen. Kann man ihr, ihren Fragen, Untersuchungen und Ergebnissen, ihrem Anspruch, den Menschen Gutes zu tun, noch vertrauen? Oder sollten wir nicht vielmehr laut sagen und schreiben, dass sich niemand für seine erotischen Begierden entschuldigen und an den Pranger stellen lassen muss? Sollten wir nicht anmerken, dass Sexualität ein Geschenk der Schöpfung an jeden Menschen ist: das Kind, den Jugendlichen, den Erwachsenen, den Alten?
Fragen lassen müssen wir uns, ob wir unseren Partner achten, seine Wünsche respektieren, ihm mit unserer Lust nicht schaden. Aber die Menschen einzuordnen in "Mehrheiten" und "Minderheiten" ist in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr nötig. Wichtig ist, dass wir zum Samariter, nicht zum Verfolger werden. Die Botschaft für den Start in ein neues Jahrhundert kann nur lauten: sorge dich um die Lust, nicht um die Last. Wir brauchen in Zukunft eine Geisteshaltung, in der Sexualität in erster Linie kein Problem, sondern ein Vergnügen ist. Wolf Vogel