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Dipl.-Psych. Michael Griesemer
Zur Rolle der Psychoanalyse bei einem Sündenfall des Strafrechts
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Fallbeispiel aus der psychoanalytischen Forensik
Auch bei der Pädophilie hat die Psychoanalyse durch Therapie -unterstellter oder echter- «Triebkonflikte» niemals eine Umorientierung von Pädophilen (als Beweis für diese Theorie) erbracht. Bereits bei der Homosexualität sind diese Dinge hinlänglich gescheitert. Dass dieser zentralen Annahme auch bei anderen Bildern der Krankheitslehre nie der Beweis gelungen ist, ist mithin der Grund dafür, warum die Psychoanalyse selbst bei der Behandlung definierter Krankheiten im wirklichen Sinne überall in der klinischen Psychologie und Psychiatrie an Boden verloren hat gegenüber effektiveren Behandlungsformen. Bei der Pädophilie hingegen darf dergleichen Unfug ungebrochen fort behauptet werden.
Zum anderen fällt auch bei Becker (s.o.) der Begriff «Perversion» auf: Der Perversionsbegriff deutet, wo er unter Fachlern in Gebrauch ist, auf psychoanalytische Autorenschaft hin. Einerseits besteht dabei ein grundsätzlich mangelndes Problembewusstsein, inwieweit man damit Rechtsradikalen bzw. der Volkesstimme über «Perverse» hofiert. «Perversion» legt aber zudem bereits die Theorie fest: Defizit & Krankheitsmuster .
Dem empirischen Psychologen werden in der obigen Lehrmeinung aber vor allem die verquasten (und empirisch niemals bestätigten) freudianischen Annahmen unbewusster «Kastrationsängste» (z.B. auch Berner, 1985) oder von «Vernichtungsfurcht» durch «Desintegration des Ich» (vgl. o.) auffallen. Speziell sollte man jedoch zunächst dazu wissen, dass «narzißtisch» nach Freud oder Morgentaler nichts mit der selbstbezogenen (narzißtischen) Persönlichkeit empirischer Persönlichkeitstests zu tun hat: Die Persönlichkeitsforschung hat Freud`s prägnanten Begriff zwar entlehnt, doch hat die empirische Narzißtische Persönlichkeit nichts mit Freud`s Narzißtischer Persönlichkeit zu tun. Hier wird von der Psychoanalyse außerdem (analog wie beim umstrittenen Ödipuskonzept) eine «unbewusste Kindheitsphase» unterlegt: Hier allerdings ist es die «narzißtische Phase» in der Babyzeit - um damit unterstellbar zu machen, dass eine (gleichfalls unbewusste) Fixierung des Säuglings an diese «narzißtische Phase» zu einer lebenslangen, schweren «Charakterneurose» namens Pädophilie führen könne. Die selbstverständlich gleichfalls wieder «unbewusst» ist.
Empirisch gibt es keine objektivierbare «narzißtische Phase» in der Frühkindheit. Es ist zwar leidlich zutreffend, dass in der frühen Babyzeit Persönlichkeitsgrenzen zur Mutter noch nicht in adäquater Form erfasst würden und der Säugling vieles an eigenen Wünschen daher auch für die Wünsche der Mutter hält. Ob dieser Zeitraum in irgendeiner Form jedoch prägend ist oder für Persönlichkeitsentwicklung irgendwelche Weichen stellt, ist absolut fraglich. Aber vor allem: Eine psychosexuelle Bedeutsamkeit lässt sich nicht objektivieren. Es gehört dies zu den Dingen, die nur innerhalb der Freudianischen Theorie Geltung haben - nicht aber in der empirischen Psychologie. Hinsichtlich der Spurensuche nach so etwas in Form z.B. des «narzißtisch-perversen» Erwachsenen verhält es sich ebenso: Bei jedem erwachsenen Menschen, dem wir das mit Einzelfall-Heuristik und plausibilistischer Argumentationskunst andichten wollten, würden wir - selbstverständlich - auch die eine oder andere selbstbezogene («narzißtische») Verhaltensweise finden können. Aber nur nach der Psychoanalyse und ihrer Axiomatik wären sie bereits «Beweis» für ihre Theorie. Morgentalers Schriften zum «Narzißmus» - auf sie beruft sich Frau Becker in ihrem Artikel zur sexuellen Objektpräferenz namens Pädophilie - fußen nun genau auf solchem Fundament.
Es gibt meines Wissens nicht auch nur eine einzige Stichprobenvergleichsuntersuchung, die je zum Ergebnis gehabt hätte, Pädophile seien im Vergleich zu Nicht-Pädophilen besonders «narzißtisch» (im Sinne Freuds), hätten derartig deutbare Kindheitsgeschichten - oder auch nur häufiger die Narzißtische Persönlichkeitsstörung als Nicht-Pädophile (im Sinne empirischer Tests).
Morgentaler - wie auch Frau Becker - mögen «bestätigende» Beobachtungen an für so etwas besonders «prägnanten» Einzelfällen Pädophiler aus ihrer Praxis haben: Die Methode der Psychoanalyse ist die Einzelfallheuristik - nicht der Stichprobenvergleich der empirischen Psychologie. Es gilt aber auch bei einer solchen Aneinanderreihung eindringlicher Einzelfall sammlungen, dass Ursache und Wirkung dabei nie eigens untersucht wurden, bevor charakterologische Pauschalbehauptungen getroffen werden: Ob, wenn in «prägnanten» Einzelfällen z.B. eine «übertriebene» (=«narzißtische») Kränkbarkeit festgestellt wird, dies dann nicht nachvollziehbar und sehr gut Folge (und nicht Ursache) der Pädophilie sein kann: Folgen der mit dieser Orientierung verbundenen sexuellen Entsagungen, Entwürdigungen und sozialen Verletzungen während der Persönlichkeitsbildung. (Zirkelschlussgefahr !).
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