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Wissenschaft

Pädophilie aus der chinesischen Perspektive

Autor: Prof. Dr. Emil M. L Ng, Universität Hong Kong

In der traditionellen chinesischen Medizin gab es niemals eine Krankheit, die Pädophilie oder Homosexualität genannt wurde oder diesen Krankheiten irgendwie ähnlich war. Das gilt übrigens auch für die meisten der anderen sogenannten sexuellen Abweichungen.

Darstellungen von "Kinderliebe" sind in der historischen und der neueren chinesischen Literatur häufig zu finden. Darunter befinden sich Passagen lustvoller heterosexueller oder homosexueller Erlebnisse von Kindern ab einem Alter von 12-13 Jahren miteinander oder mit Erwachsenen. Kinder werden für gewöhnlich als sexuelle Wesen beschrieben und erotische Stimulation sowie sexuelle Spiele betrachtet man als förderlich für ihre gesunde Entwicklung (Chen, 2000). Das Mindestalter für Beischlaf liegt in China augenblicklich bei 18 Jahren für beide Geschlechter. Für die Heirat liegt es bei 22 Jahren für Männer und 20 Jahren für Frauen (Ruan & Lau, 1997). Aber in historischen Zeiten, als die Bevölkerungskontrolle noch keine Rolle spielte, waren die Altersgrenzen viel niedriger.

Während der meisten Epochen der chinesischen Geschichte lag das von der Regierung empfohlene Mindestalter für die Hochzeit zwischen 12 und 16 Jahren, es war aber nicht juristisch bindend, vor allen Dingen nicht bei den gehobenen Klassen und einigen ethnischen Minderheiten. Bis zur ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gab es in der chinesischen Hubei Region, aber nicht nur dort, immer noch die Tradition der Kinder-Ehemänner. Ein Junge jeglichen Alters und sogar vor der Geburt, konnte durch Vermittlung der Eltern mit einer erwachsenen Frau vermählt werden. Zweck dieser Heirat konnte eine Sicherung des Status oder des sozialen Netzwerks der Familie sein, oder aber jemanden zu finden, der bei der Erziehung behilflich ist. Nach der Hochzeit schlief das Paar in einem Bett, genau wie alle anderen Ehepaare. Niemanden interessierte es, welche Art von sexueller Beziehung sich zwischen den beiden entwickelte und wann dies geschah. Normalerweise begannen sie mit Sexspielen, welche beide Partner wollten und auch durchführen konnten bis sie eines Tages den Beischlaf vollzogen, wenn der Junge alt genug war es zu wollen und bereits auch konnte. Es war üblich, dass der Junge sich eine zweite Frau suchte wenn er älter wurde, die näher an seinem eigenen Alter lag. Aber er behielt trotzdem seine erste Frau, liebte und respektierte sie.

Schmidt stellt die Fähigkeit von Kindern, eine gültige Einwilligung zu sexuellen Aktivitäten mit Erwachsenen zu geben vehement in Frage. Trotz seiner soliden Argumentation klingt es für Chinesen, welche sich der Wichtigkeit von sozialen (und damit erwachsenen) Werten besonders bewusst sind, überaus irrelevant und scheinheilig gerade das Argument der Einwilligung bei der Diskussion um pädophile Handlungen in den Vordergrund zu stellen. Es ist nämlich fraglich, wie häufig sich Erwachsene, gerade in der westlichen Gesellschaft, in der individuelle Menschenrechte so stark betont werden, wirklich bemühen, eine gültige Einwilligung von ihren Kindern zu bekommen, bevor sie sie etwas machen lassen? Bemühen sich Eltern um eine gültige Einwilligung, bevor sie ihre Kinder kurz nach der Geburt taufen lassen? Benutzen Erwachsene nicht Belohnung, Bedrohung, Bestrafung, Überredung, Verführung und Täuschung um ihre Kinder wieder auf den rechten Weg zu bringen, wenn diese durch Worte oder Handlungen ausdrücken, dass sie nicht essen, schlafen, mit Erwachsenen spielen oder in die Schule gehen wollen? Haben Erwachsene jemals versucht das "Trauma" zu untersuchen welches bei den Kindern entstehen kann indem man ihnen soviel "Gutes" aufzwingt ohne ihre gültige Einwilligung? Es gibt zwar auch bestimmte Situationen in denen Erwachsene die Wünsche der Kinder respektieren und nach ihrer Einwilligung fragen, allerdings nur wenn die Wahlmöglichkeiten in dem für die Erwachsenen akzeptablen Bereich liegen.

Daher ist die anscheinend rechtschaffende und humanitäre Diskussion über die kindliche Selbstbestimmung und Einwilligung zum Sex bloss ein weiteres Spiel welches Erwachsene spielen, um Kindern ihre eigenen Wertvorstellungen aufzuzwingen. Wenn Erwachsene Kinder zu Handlungen veranlassen, bei denen die Wertvorstellungen der Erwachsenen nicht gespalten sind, wird die Debatte um die kindliche Einwilligung als irrelevant betrachtet und aus Bequemlichkeit für die Eltern einfach unterschlagen. Was aber sexuelle Aktivitäten von Kindern betrifft so stellt man die Frage nach der Einwilligung nur, weil nicht alle Erwachsenen die gleichen Wertvorstellungen haben. Unabhängig davon, was die Kontrahenten auf der jeweiligen Seite sagen, lässt sich aus ihren Aeusserungen alleine nicht schliessen, dass eine Seite ein grösseres Interesse am Wohlergehen von Kindern und Kinderrechten hat, als die andere Seite. Beide Seiten konzentrieren sich auf das Argument der Kinderrechte und benutzen es ausschliesslich, um ihre eigene vorgefasste Meinung oder ihre eigenen Bedürfnisse bezüglich kindlicher Sexualität zu unterstützen. Mein Beitrag soll die Diskussion um sexuelle Rechte von Kindern nicht behindern. Solche Diskussionen werden das Verständnis dafür erweitern, wie Erwachsene Sexualpolitik für ihre Ziele benutzen können. Und sie werden die wirkliche Bedeutung der sexuellen Rechte von Kindern und ihre Fähigkeit zur Einwilligung deutlicher werden lassen. Die Leute sollten aber daran erinnert werden, dass ein moralisches Unbehagen welches sie in Bezug auf die Autonomierechte von Kindern eventuell verspüren, nicht gelindert werden kann, indem sie sich auf eine der beiden Seiten in der Pädophilie-Diskussion schlagen.

© Prof. Dr Emil M. L. Ng

Übersetzung: ab
Erschienen in: Archives of Sexual Behavior, Vol. 31, No. 6, December 2002, pp. 491-492
(Abdruck der Übersetzung nach schriftlicher Genehmigung des Autors)

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