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Dipl.-Psych. Michael Griesemer

Nautilus-Studie zur psychosexuellen Kindesentwicklung

Teilfragestellung I: Nichtpädophile vs. Pädophile

Einführung

Seit einer Reihe von Jahren bereits verdichtet sich die neurowissenschaftliche Befundlage, wonach die menschliche Sexualorientierung offenbar beträchtlich durch vorgeburtliche Weichenstellungen prädisponiert ist (z.B. Swaab & Fliers, 1985; Allen et al, 1989, 1991; 1992; LeVay, 1991; 1994). Um in den neutraleren Sprachgebrauch der Theorie des Autors dazu einzuführen (sexuelle Orientierung ist in ihr eine Wahrnehmungsfunktion) wird im folgenden für die betreffenden Zusammenhänge von androphiler vs. gynaephiler Orientierung gesprochen. Androphilie umfasst heterosexuelle Frauen & homosexuelle Männer, Gynaephilie besteht bei homosexuellen Frauen & heterosexuellen Männern.

Diese Unterscheidung wurde vorgenommen, um der Gefahr zu begegnen, dass eine belastete gesellschaftliche Stigmatisation “Sex zwischen Gleichen” als Unterschied zu “Heterosexualität” neurowissenschaftlich wie eigene biologische Entität aufgefasst wird. Diese Gleichsetzung warf in der Forschung unter anderem das Problem auf, dass biologische Befunde für die Heterosexualität den gesunden Normalfall, biologische Befunde bei der Homosexualität aber den angeborenen Störungsfall “bewiesen”. Das hier zu referierende Erhebungsprojekt Nautilus zur psychosexuellen Kindesentwicklung war Ende der 90er, mit Vorhaben späterer Normierung anhand der ersten Daten, ursprünglich dazu konzipiert worden um zu überprüfen, ob Gruppenvergleiche in Entwicklungsverläufen von Kindern nach dem Faktor I - “Androphilie” vs. “Gynaephilie” (s.o.) trennschärfere Ergebnisse für vorgeburtliche Determiniertheit der sexuellen Orientierung erbringen als die häufig einzig dabei untersuchten Faktoren II - “genetisches Geschlecht” (männlich vs. weiblich”) und III - “Heterosexualität vs. Homosexualität” (im Rahmen also einer dreifaktoriellen 2x2x2 Varianzanalyse). Seit jedoch kausal Ableitungen aus der zugrunde liegenden Neurotheorie der menschlichen Sexualorientierung für Pädophilie zu ziehen waren, deren verstärkte Verfolgung in jenen Tagen eingesetzt hatte (mit folgenreichen soziologischen und psychoanalytischen Ursachentheorien, sämtlich mit Psychiatrisierungseffekten bis hinein ins Strafrecht mit der Folge Maßregelvollzug / Sicherungsverwahrung) bildete Schwerpunkt des Einsatzes von Nautilus bald die Frage, ob all dies vielleicht nicht zutrifft, sondern in der Pädophilie ursächlich eine schwach ausgeprägte gynaephile bzw. androphile Konditionierbarkeit vor dem Hintergrund einer pränatalen Weichenstellung zum Ausdruck kommt. Als Ursache der pädophilen Orientierung wären diesem Ansatz zufolge nicht Dinge wie bspw. “Impulskontrollstörungen”, “narzisstische“ und andere Persönlichkeitsstörungen psychoanalytischer Axiomatik zu betrachten (z.B. Berner, 2006) oder Gewaltpathologien gegen Schwächere (Kinder): Sondern dass ursächlich für das Phänomen die sensorische “between sex”- Charakteristik von Jungen und Mädchen vor der Pubertät sein könnte.1 „Between-sex“ bezeichnet dabei den Sachverhalt, dass Kinder vor Abschluss der männlichen oder weiblichen Pubertätsveränderungen (zumindest optisch-körperlich) als sensorische „Zwischenformen“ zwischen der ausgereiften Frau und dem ausgereiften Mann aufgefasst werden können.

Hinweise auf einen solchen Zusammenhang liegen bereits seit geraumer Zeit bei Pädophilen vor: z.B. betreffs einer geringeren geschlechtlichen Differenzierung Pädophiler in der Kindheit (Freund, Watson, Dickey & Rienzo, 1991; Freund & Kuban, 1993 a; s. dazu auch Freund 1991; Freund & Watson, 1992). Dazu zählen auch linkshemisphärische (verbale) vs. rechtshemisphärische (räumlich-visuelle) Minderleistungen in Abhängigkeit von Hetero-, Homo- oder Bisexualität ihrer Orientierung (Langevin, Wortzman, Wright & Handy, 1989; Wright, Norbrega, Langevin & Wortzman, 1989). Solche Zusammenhänge gelten inzwischen ihrerseits als Hinweise auf eine pränatale Weichenstellung zur Sexualität: Das Leistungsprofil “Verbale vs. Räumliche Verarbeitung” unterscheidet sich nicht nur zwischen Männern und Frauen in den Gruppenmittelwerten vieler Untersuchungen (d.h. es ist “geschlechtsdimorph“), sondern gleichgelagerte Unterschiede findet man auch mit Blick auf die sexuelle Orientierung: Androphile Männer liegen bei räumlichen Rotationsaufgaben näher am Durchschnittswert von Frauen als dem von gynaephilen Männern (z.B. Gladue, Beatty, Larson & Staton, 1990; McCormick & Witelson, 1991; dazu auch Trautner, 1991; Sanders & Ross-Field, 1986, Kimura & Hampson, 1994; Kimura, 1995 & 1996). Selbst in jenen Untersuchungen zur verbalen Verarbeitung (bei Rechtshändern vorwiegend linkshemisphärisch) vs. räumlich-visuellen Verarbeitung (dort vorwiegend rechtshemisphärisch), wo nicht explizit die sexuelle Orientierung im Fokus stand sondern schlicht genetische Männer mit genetischen Frauen verglichen wurden, ist es opportun, die betreffenden Befunde entsprechend zu übersetzen: Da wohl kein Zweifel daran besteht, dass in solchen Kollektiven unausgelesene “Männer” zu 95 % Gynaephile, und “Frauen” zu 98 % Androphile sind. (Zu den Häufigkeitsverteilungen der Homosexualität bei beiden Geschlechtern - 5 % bzw. 2 % ca. im Mittel aller Untersuchungen - vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996). Das umgekehrte Muster -allerdings weniger eindeutig- besteht bei bestimmten sprachlichen Leistungen, die gleichfalls etwas mit der geschlechtlich dimorphen Hirnreifung seit der Pränatalzeit zu tun haben (vgl. z.B. Shaywitz et al, 1995). Zu den Zusammenhängen mit der Sexualität zählt auch, dass Mädchen und Jungen mit späterem Pubertätseintritt ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen haben als Kinder, bei denen der Pubertätseintritt früher datiert (Waber, 1977; Sherman, 1979, Carey & Diamond, 1980; Nyborg, 1983; Haßler, 1991; im Überblick zur diesbezüglichen Forschung Lohaus, Schumann-Hengsteler & Kessler, 1999).

Ebenso, wie Unterschiede in der räumlich-visuellen („visuospatialen“) Begabung durch Vorgänge bei der Lateralisation der beiden Hirnhälften unter Steuerung durch die Sexualsteroide erklärt werden (dazu auch McGlone, 1980, Corsi-Cabrera et al, 1993), trifft dies auch bspw. auf die Linkshändigkeit zu: Androphile („homosexuelle“) Männer und gynäphile („lesbische“) Frauen erscheinen dabei insgesamt weniger ausgeprägt rechtshändig als Heterosexuelle (McCormick & Witelson, 1990; McCormick, Witelson & Kingstone, 1991; s. dazu auch Lindesay, 1987, Gladue et al, 1990, Sanders & Ross-Field, 1986). Und auch hierzu wurden Unterschiede zwischen Pädophilen und Nicht-Pädophilen berichtet (Kuban, Blanchard, Cantor & Klassen, 2002; Berner, 2006). Es wird damit denkbar, dass in der Tat biologische Vorgänge eine Rolle auch bei der pädophilen Sexualorientierung spielen - und damit insbesondere: Dass die ausschließliche oder teilweise Orientiertheit Pädophiler auf Kinder etwas mit einer bestimmten Realisationsform der androphilen und gynaephilen Orientierung zu tun hat.

Zunächst am nahest liegenden ist es, eine solche Verwirklichungsform aus der androphilen vs. gynaephilen Disposition im Zusammenhang mit der erscheinungsbildlichen “between sex” - Charakteristik von Kindern im Vergleich zum komplettierten Phänotyp des Mannes und der Frau zu untersuchen. Unter “Phänotyp” wird im Folgenden das jeweils verschiedene optische Erscheinungsbild genetischer Jungen oder Mädchen für das Wahrnehmungssystem auf jeder Stufe ihrer Entwicklung zum Erwachsenen verstanden. Das Gemeinte wird plastisch, wenn wir im Geist zunächst einen männlichen und einen weiblichen Säugling nebeneinander setzen (minimale geschlechtliche Unterscheidbarkeit), dann dieselben beiden Kinder als 10-Jährige, dann als 16-Jährige vergleichend nebeneinander betrachten - und am Schluss als zwei 30-Jährige vergleichen (maximale Unterscheidbarkeit). Betrachten wir jetzt bspw. jeden Jungen dieser je gleichaltrigen Paare für sich, dann werden wir auch da feststellen, dass sich der männliche Säugling, der 10- und selbst der 16-Jährige noch (körperbaulich nur als Beispiel) ganz beträchtlich “phänotypisch” voneinander unterscheiden. Nicht alle im Gesamteindruck so mächtigen physischen Einzelunterschiede (möglicherweise die wenigsten) sind dem Betrachter dabei auch nur benennbar oder bewusst. Entsprechend ist vorstellbar, dass bsp. androphile Mädchen oder Jungen -je nachdem ob sie sich psychosexuell auf das männliche Reifungserscheinungsbild des 10-Jährigen, des 16-Jährigen oder des 30-Jährigen konditionieren, eine entsprechende sexuelle Präferenz auf das vorpubertäre, das differenziertere jugendliche oder aber das komplettierte erwachsene Erscheinungsbild entwickeln.

Man kann sich diesem zunächst vielleicht etwas ungewohnten Ansatz für die Pädophilie auch von anderen - jeweils unabhängigen - Seiten der empirischen Forschung nähern:

Wie erkennbar ist, hat der Ansatz einerseits die Prädisposition bereits zum Geburtszeitpunkt als Axiom, welche sexuelle Orientierung im Wahrnehmungssystem jemand 20 Jahre später hat. Zu den Evidenzen einer solchen „Vorprogrammiertheit“ der sexuellen Orientierung zählt neben den eingangs bereits genannten experimentellen und quasi-experimentellen Referenzen a) aus dem Tierversuch (mit zahlreichen Analogien zum Menschen, auch hinsichtlich pränataler Vorgänge) b) aus sog. „Naturexperimenten“ beim Menschen (im Überblick bspw. LeVay, 1994) auch die prognostische „power“ in Längsschnittuntersuchungen wie bspw. von Green (1985): Wo aus gegengeschlechtlichen kognitiven Mustern aus der frühen Kindheit bei kleinen Jungen zuverlässig die Voraussage von Androphilie der späteren Erwachsenen gelang (in Form von Homo- oder Bisexualität).

Zweitens besagt der Ansatz, dass die Pädophilie auf den „between-sex“ Merkmalen von Jungen und Mädchen für die kindliche Wahrnehmung der Reifejahre aufbauen könnte. Auch dafür gibt es Daten, die so etwas grundsätzlich bei Kindern anzeigen: Dreijährige Buben benannten zu 50% Mädchen als „beste Freunde“ unter ihren Spielgefährten in einer Untersuchung von Gottman (1986); mit 5 Jahren waren es nur noch 20%; und im Alter von 7 Jahren war dieser Prozentsatz von „besten Freunden“ beim anderen Geschlecht praktisch bereits Null. Spontan macht man dieses Phänomen „Geschlechtersegregation“ (s. dazu auch Maccoby & Jacklin, 1987) eher an kulturellen Ursachen fest. Doch ist es auch ein eindrucksvoller Hinweis darauf, dass Kinder untereinander zunächst kaum geschlechtlich differenzieren (aufgrund visueller wie charakterlicher und emotionaler „between-sex“ - Charakteristiken), dies aber mit jedem neuen Jahr der geschlechtlichen Reifungsdifferenzierung deutlicher gelingt.

Nach landläufiger Erfahrung hört das “erotische appeal” von Kindern bei (ausschließlichen) Pädophilen mit den Pubertätsveränderungen Heranwachsender auf (Freund & Kuban, 1993 b). Tatsächlich -und passend zur obigen Vorstellung- fehlen Mädchen und Jungen bis dahin auch gerade jene weiblichen und männlichen Auslösemerkmale für spätere sexuelle Erregung, die Männer hinsichtlich Frauen und Frauen hinsichtlich Männern typischerweise benennen - und durch die zwischen Erwachsenen sichergestellt scheint, dass sie sexuell auf erwachsene Männer oder Frauen reagieren – und hingegen nicht auf die präpubertären Erscheinungsbilder der beiden Geschlechter. Des weiteren (Stichwort “between sex”) teilen Jungen und Mädchen in der Präpubertät noch eine ganze Reihe von Geschlechtsmerkmalen von sensorisch hoher Relevanz (wie z.B. hohe Stimme oder unbehaartes Äußeres). Auf der anderen Seite erlauben jedoch in der Frühkindheit schon bestehende spezifische Gestalt-, Proportions- und andere Unterschiede, von denen bspw. die kinderärztlichen anthropometrischen Vergleichsskalen Kundschaft geben (z.B. Kurz & Roos, 1996, S. 611-621) es Kindern wohl grundsätzlich, sich trotz aller sonstigen “between-sex” - Entsprechungen von männlichen und weiblichen Altersgenossen dennoch schon im Vorschulalter auf spezifische Merkmale eines bestimmten Geschlechts erotisch (nicht zwangsläufig sexuell) zu konditionieren: Gemäß der Vorstellung einer wie auch immer pränatal bereits längst vorgeprägten, spezifischen Geschlechtspräferenz (d.h. entweder nur auf Mädchen oder nur auf Jungen). Es wäre also kein Widerspruch, dass Pädophile klar und eindeutig auf bspw. kleine Jungen orientiert sind, auf präsexueller Ebene sogar von Kleinkindtagen an - um trotzdem anzunehmen, dass sie deshalb pädophil sind, weil sie als Homosexuelle (Androphile) nicht sexuelle Reaktivität auf Männer erwarben: Denn eben auch Jungen in Bezug auf Männer sind noch relativ “between sex”.

Soweit das Beispiel für den Fall des ausschließlichen Pädophilen (hier androphil orientiert). Es wundert nach diesem Ansatz aber auch nicht weiter, wenn andere Pädophile zwar mit Frauen ein regeltypisches Geschlechtsleben führen, daneben aber auch Erregbarkeit durch Jungen aus ihrer Kindheit bewahrt haben – oder eben durch kleine Mädchen (nicht-ausschließliche Pädophilie): Weil Jungen und Mädchen visuell “between sex” sind, und (nach pränataler Weichenstellung hin auf Gynaephilie) beide mit dem Erscheinungsbild der Frau für das Wahrnehmungsystem noch phänotypisch gut vereinbar sind. Eventuell haben auf der Ebene der Reizverarbeitung im sexuellen Neurosystem des Gehirnes Jungen wie Mädchen zum voll entwickelten Mann phänotypisch sogar die größte Diskrepanz im Vergleich mit der erwachsenen Frau: Jedenfalls gibt es überraschenderweise nirgendwo auf der Welt androphile Männer, die auf erwachsene Männer orientiert sind, mit einer sekundären Erregbarkeit durch kleine Mädchen. Wen immer man fragt: Dies scheint in der Natur überhaupt nicht vorzukommen (persönliche Kommunikation mit Marshall (USA), Langfeldt (Skandinavien), Vern Quinsey und Ray Blanchard (Kanada), ebenso wie Anfragen bei langjährig erfahrenen Protagonisten der Pädophilenbewegung von Neuseeland bis nach Deutschland). Wenn nun etwas in keiner Gesellschaft der Welt vorkommt, dann lässt sich dies durch gesellschaftliche, soziale oder Erziehungsfaktoren als Ursache kaum erklären: Wenn etwas in der Natur überhaupt nicht vorkommt - dann spricht dies vielleicht sogar am nachdrücklichsten für einen biologischen Hintergrund.

Zum Verständnis des untersuchten Ansatzes muss auf eine grundsätzliche Angelegenheit hinsichtlich des Begriffes “between sex” eingegangen werden. Sexuelle Orientierung ist eine Wahrnehmungsfunktion: Dass Kinder für das sexuelle Neurosystem dabei “between-sex” sein könnten, darf nicht damit verwechselt werden, was für uns dabei auf subjektiver Ebene -also bewusst- an Geschlechtsmerkmalen oder -unterschieden an ihnen wahrnehmbar ist: Generell muss man bei der Wahrnehmung sexueller Attraktivität an Sozialpartnern subjektive (bewusste) Auslöser von kausalen (oft nicht-bewussten) Auslösern unterscheiden. Dies belegen am redewörtlichsten die Feromone: Regelhaft gehen die “männlichen“ Feromone nur von männlichen Erscheinungsbildern, die “weiblichen” nur von weiblichen Phänotypen auf das sexuelle Verarbeitungssystem im Gehirn aus. Als rein biochemische Reize sind sie im Körperschweiß nicht wahrnehmbar des Menschen, den man trifft – während kausal sie es sind, die im sexuellen Neurosystem Aktivationen des limbischen Systems stimulieren. Ein bewusst wahrgenommener (“aphrodisierender”) Körpergeruch als subjektiver Auslöser dabei ist lediglich ein auf dem wirklichen Auslöser “aufkonditioniertes” Merkmal - welches irgendwann allerdings selbsttätig Aktivationen im sexuellen Neurosystem auslösen kann (Klassische Konditionierung: Feromone sind dabei der “unbedingte Stimulus”; alles andere bereits bedingte Reaktionen / bedingte Auslöser). Der “Geruch” erscheint auch deshalb als Auslöser, weil er -selber Herkunft, nämlich Körperschweiß- mit der Feromon-Wirkung im Neurosystem zeitlich zusammenfällt. “Klassisch konditioniert” wird er spätestens nach weiteren Zusammentreffen, weil auch er regelhaft von einem männlichen (oder weiblichen) Versender ausgeht, der das betreffende Feromon segregiert.

Nachgerade männliche und weibliche Feromone eignen sich nun gut zur Dokumentation des between-sex – Ansatzes: Weil gute Gründe bestehen, gerade in ihnen (prinzipiell schon ab Geburt) die heimlichen wirklichen Reize zu sehen, die alle späteren “subjektiven” Merkmale an Männern oder Frauen an sexuelle Aktivationen im Neurosystem koppeln: Letztlich sind Feromone nichts anderes als im Schweiß gelöste Androgene und Östrogene, die das Gehirn nach der Geburt wieder trifft, nachdem sie pränatal bereits seine sexuelle Orientierung prägten. (Zu den Evidenzen für diesen pränatalen Modus s. zusammenfassend LeVay, 1994). Mädchen und Jungen könnten auf der Ebene des Neurosystems also sogar ganz zentral “between-sex” sein (obwohl dem nicht die geringste Wahrnehmung an ihnen entspräche) weil sie weder männliche noch weibliche Feromone produzieren. Produzieren sie hingegen welche, so hätte man sich nicht zu wundern, dass sich bereits Kinder früh auf entweder Jungen oder Mädchen “konditionieren” – in den meisten Fällen des Geschlechts bereits, wie es auch ihrer sexuellen Orientierung als Erwachsene entspricht (z.B. Herdt & McClintock, 2000). Der “kausale Auslöser” wäre bar jeder subjektiven Erfindlich- oder Wahrnehmbarkeit. Dabei sind Feromone für diese grundsätzliche Angelegenheit hier nur exemplarisch genannt.2

Um zunächst noch die Bedeutung dieses Ansatzes außerhalb des Pädophilie-Themas deutlich zu machen: Der “between-sex” Ansatz kann in Verbindung mit der Theorie pränataler Programmiertheit der menschlichen Sexualorientierung auch die “klassische” Gegenargumentation gegen jede Vorstellung von Prädisponiertheit als Artefakt ausweisen: Dass sich später ausschließlich Homosexuelle z.B. bei ihren Kinderlieben zu Beginn gelegentlich durchaus in Mädchen verlieben können (zur Thematik s. Müller-Küppers, 1984; Bach, 1990). Auch in der nachfolgend zu berichtenden Untersuchung war das in 20 % der homosexuellen Kontrollprobanden durchaus der Fall. Aus dem obigen geht aber hervor, dass sie sich im Beginn in Mädchen verlieben können aufgrund der Präsenz jungentypischer Merkmale und der Absenz frauentypischer Geschlechtsmerkmale vor dem Abschluß der weiblichen Pubertätsveränderungen. Es hätte nichts mit einer gynaephilen Orientierung zu tun. Auf dem selben Blatt stehen spätere Heterosexuelle, die in der Kindheit oder Jugend “bisexuelle Phasen” hatten (Bach, 1990): Absenz noch von spezifischen Männermerkmalen an Jungen bei Präsenz von mit Mädchen noch identischen Merkmalen (hohe Stimme, bestimmte noch feminine Gesichtsqualitäten, unbehaartes Äußeres, etc.) wären der Grund - nicht androphile Orientierung.

Mit dem between-sex - Ansatz wären solche Beobachtungen also in Wirklichkeit kein Argument wider eine pränatale “Programmiertheit” der sexuellen Orientierung: Sie erwiesen im Extremfall nachgerade sogar ihre vollständige Vorprogrammiertheit. Sie sind auch kein Argument dafür, dass zwingend Wechselwirkungen mit psychologischen, intellektuell-reifungsabhängigen oder sozialen “Mitverursachern” angenommen werden müssten, wofür solche Beobachtungen “Beweis” seien (psychodynamische Identifikationsprozesse oder eine „moralische Reife“ entschieden nach bisexuellen Phasen erst den Weg zur Heterosexualität; oder unbefriedigende bzw. negative Erfahrungen mit Personen des anderen Geschlechts spielten eine Rolle bei homosexuellen Männern und Frauen).

Im Blick, dass wohl bei den meisten Kindern erotische Faszinabilität an anderen Kindern beginnt, sich aber nur bei einem Anteil bis zum Erwachsenenalter daran offensichtlich nichts geändert hat (eben Pädophilen) wurde bald die Frage akut, ob dann nicht ein Lernprozess angenommen werden muss bei Menschen, die nach der Pubertät (andro- oder gynaephil) auf den erwachsenen Phänotyp sexuell aktivieren. Ohne einen solchen Lernprozess anzunehmen, wäre der größte Teil der Bevölkerung pädophil (wenn Kinder, wie es gemeinhin heißt, “ihre ersten Erfahrungen mit Kindern machen”). Kurz, es galt a) die Zahlenverhältnisse zu ermitteln, wie häufig bei Kindern sexuelle Gefühle reell “mit Kindern anfangen” b) bei welchen reifemässigen Erscheinungsbildern des männlichen und weiblichen Geschlechts (präpubertär vs. erwachsen) sexuelle Reaktivität präzise einsetzt, sowie c) aus Eigenschaften des laut Forschung zu identifizierenden sexuellen Verarbeitungssystems dabei eine prüfbare Theorie abzuleiten, wie sich ein entsprechender Lernprozess dann zu gestalten hätte.

Zwischenzeitlich hat der obige “Phänotypenansatz” zu einer integrativen Theorie der kindlichen Orientierungsentwicklung geführt, aus der heraus sich auch die Pädophilie widerspruchsfrei kausal erklären lässt. Sie sei der Vollständigkeit hier mitgeteilt. Im Kern lautet diese Theorie wie folgt:

Ein automatisierter, neuronal sich selbst verstärkender Prozess innerhalb des sexuellen Neurosystems (Verarbeitungsschleifen zwischen Präfrontalem Kortex und Limbischem System, mit dem Medialen Vorderhirnbündel als bekanntem Substrat für neuronale Selbstverstärkung in der Sexualität, vgl. McLean, 1966; zum Gesamtsystem vgl. bspw. Eccles, 1994) richtet bei Kindern die erste sexuelle Reaktivität zu geschlechtlichen Erscheinungsbildern ein - meistens der Erscheinungsbilder gleichaltriger Kinder. Da sexuelle Reiz-Reaktionsmuster selbstverstärkend sind im sexuellen Neurosystem und daher grundsätzlich nicht löschen, ist ein aktiver Prozess des Überlernens durch die erwachsenenspezifischen (= ”sekundären”) Geschlechtsmerkmale notwendig, um sexuelle Reaktivität auf das erwachsene Erscheinungsbild zu erwerben.

Ausschließliche (Typ I) und nicht-ausschließliche Pädophilie (Typ II): Gemäß des psychophysiologischen Yerkes-Dodson - Gesetzes kommt dieser Lernprozess nicht (I) oder eingeschränkt (II) zustande, wenn das für ihn optimale Aktivierungsniveau im sexuellen Neurosystem nicht zustande kommt. Nach dem Yerkes-Dodson – Gesetz verhindern dies alle Faktoren, die das nötige Aktivierungsnivau für Lernprozesse nach suboptimal verschieben – also sowohl Überrerregungs- als auch Untererregungsvorgänge zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Lernprozess stattzufinden hätte. Hierzu zählen bei der Pädophilie die in der Literatur immer wieder genannten Androgendefizite bei Subgruppen (Untererregung des sexuellen Neurosystems), Kindheitsdepression (oft präfrontale Überaktivierung), ADHD (als Beispiel für einen weiteren dysfunktionalen Erregungszustand) und psychosexuell traumatische Verarbeitungsprozesse (Übererregtheitszustände mit direktem sexuellem Bezug).

Plötzliche pädophile Entwicklungen mitten im Erwachsenenalter (Typ III): Da sexuelle Reiz-Reaktionsmuster der Präpubertätszeit aufgrund der neuronalen Selbstverstärkung grundsätzlich nicht löschen innerhalb des sexuellen Neurosystems (vgl. o.), werden sie zwar im Regelfalle überlernt, bleiben jedoch implizit ein Leben lang gespeichert. Daher können sie auch jederzeit wieder reaktiviert werden unter einer Reihe physiologischer wie psychologischer Bedingungen, die in der Literatur immer wieder betont werden (psychologisch bspw. individualisierte Schlüsselreize); insbesondere solchen, die (direkt oder mittelbar) die Filterselektivität des präfrontalen Kortex reduzieren (Tumore, bestimmte Drogen, Alterungsprozesse im Gehirn, endokrine Faktoren).

Dieser neuro- und gedächtnispsychologische Ansatz lässt auch ohne jeden Störungshintergrund a) besonders intensiv erlebte, b) positive oder c) freudvoll-prägende pädoerotische Erlebnisse der Kinderzeit mit anderen Kindern als ausreichend erscheinen, um über die neuronale Selbstverstärkung die Bewahrung dieser Empfindungen (Typen- oder S-R- „Raster“) über das gesamte Erwachsenalter zu erklären. Die vorgestellte Theorie ist unseres Wissens derzeit die einzige sinnvolle Erklärungsmöglichkeit des Sachverhaltes, dass in den einen Fällen Pädophiler Störungshintergründe aufzudecken sind, während sie in anderen Fällen völlig fehlen (und stattdessen sogar völlig unbeschwerte Lebensgeschichten dominieren).

Die im Lauf der Pubertät erworbene sexuelle Objektklasse ist nach Abschluss der Pubertät nicht mehr reversibel, da sie unter dem dort massivsten Einfluß der Sexualsteroide neuronal eingerichtet wird im Wahrnehmungssystem: Sexualsteroide haben im Eingang eines Entwicklungsschrittes im sexuellen Neurosystem organisatorische Funktion, danach aber nur noch eine rein aktivatorische - auf die von ihnen selbst zuvor organisierten Systeme (im Überblick LeVay, 1994). Was bis zur Pubertät entstanden ist, kann nach der Pubertät nur noch reaktiviert werden – aber es ist nicht mehr zu ändern (Heterosexualität, Bisexualität, Homosexualität, Pädophilie).

Die Herleitung des sexuellen Neurosystems für die Entwicklung der menschlichen Sexualorientierung, ebenso wie die vollständige Herleitung der Kausalfaktoren für die Pädophilie lt. der Theorie sind andernorts zur Gänze dargestellt (Griesemer, 2006, in Vorb.). Und betreffs der umfänglichen anderen (biologischen und psychologischen) Erhebungen im Fragebogen Nautilus -in wie außerhalb des Kontexts “Pädophilie”- sei an dieser Stelle auf ggf. künftige Veröffentlichungen verwiesen. Wie man jedoch erkennt: Vom Ausgang einer Untersuchung der oben berichteten Grundvorstellung zur allgemeinen psychosexuellen Kindesentwicklung hängt auch ab, inwieweit diese Verursachungstheorie zur Pädophilie Gültigkeit für sich beanspruchen kann.

Zusammengefasst lautet diese Grundvorstellung: Die ersten, sexuell mehr oder minder noch diffusen Kinderlieben von Kindern (zu Mädchen oder aber Jungen) folgen bereits einer individuell gewichteten (gynaephilen, androphilen) Prädisposition aus ihrer Pränatalzeit. Da Mädchen bzw. Jungen in der Umgebung eines Kindes vor Eintritt in die pubertären körperlichen Veränderungen jedoch sensorisch noch “between – sex” sind im Vergleich zu Frauen bzw. Männern, müssen die spezifischen erwachsenen Geschlechtsmerkmale durch einen Lernprozess erst sexuell besetzt werden. Die zentrale Vorhersage aus dieser Vorstellung (sie wird Gegenstand der hier berichteten Untersuchung sein) ist, dass bei später pädophilen Kindern die ersten Objekte erlebter körperlicher Anziehung präpubertäre und jüngere geschlechtliche Erscheinungsbilder sind, während dies bei später nicht-Pädophilen ältere Phänotypen der geschlechtlichen Physiogenese sein werden (also Heranwachsende in der Pubertät mit den bereits eingetretenen optischen Veränderungen, ältere Jugendliche bis hin vielleicht gar zu Erwachsenen).

Diese Hypothese haben wir im Folgenden untersucht. Dabei erscheint es zur Veranschaulichung vernünftig in der Logik dieses “Phänotypenansatzes”, jedem Lebensjahr der von den Probanden erfragten ersten Liebes- oder Faszinationsobjekte zwischen Lebensalter 1 und 18 Jahren gedanklich je einen für das betreffende Kindalter spezifischen optischen Phäno- oder Reifetyp des männlichen / weiblichen Erscheinungsbildes zuzudenken: D.h. einen bestimmten Grad der männlichen bzw. weiblichen Physiogenese auf dem Entwicklungsweg der Kinder hin zum komplettierten erwachsenen Erscheinungsbild von Frau und Mann.

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