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Dipl.-Psych. Michael Griesemer

Nautilus-Studie zur psychosexuellen Kindesentwicklung

Teilfragestellung I: Nichtpädophile vs. Pädophile

5. Diskussion

Im Hinblick auf die vorbeschriebenen Ergebnisse wären abschließend zunächst 3 methodologische Aspekte zu diskutieren:

Der erste bezieht sich auf den retrospektiven Charakter der Studie: Kinder konnten nicht direkt beobachtet werden, sondern die Ergebnisse fußen auf berichteten Erinnerungen aus dem Erwachsenenalter. Selektive Vergessens- und selektive Erinnerungsprozesse der Teilnehmer vor dem Hintergrund der heutigen Orientierung auf Kinder oder Erwachsene könnten für den Gruppenunterschied verantwortlich sein: Dass die Pädophilen sich beim ersten Anziehungserlebnis also vorzugsweise an Kinder, Nichtpädophile hingegen vorzugsweise an Jugendliche oder Erwachsene aus ihrer Kindheit erinnern. Hinsichtlich selektiver Vergessensprozesse erbrachte ein Extremgruppengleich der 10 jüngsten Probanden (unter 25) mit den 10 ältesten Probanden (über 45) keinerlei Unterschied in den Mittelwerten von EA und PA. Auch ein zu Kontrollzwecken mit verwendeter Gedächtnistest für außersexuelle Kindheitsetappen korrelierte nicht damit (was allerdings grundsätzlich darauf hin deuten könnte, dass sexuell-bezogene Erinnerungen -aufgrund der neuronalen Selbstverstärkung im neuronalen System- eine vergessensresistentere neuronale Basis haben als das sog. deklarative Gedächtnis üblicher Gedächtnistests, vgl. hierzu Abschnitt 1 und Abb. 3 im letzten Abschnitt dieser Arbeit). Die am nahesten liegende Möglichkeit, den Erinnerungsselektions-Effekt zu erfassen -Korrelierung der erinnerten Person(en) resp. ihres Alters mit dem Alter der Kinder, auf welche Pädophile heute orientiert sind- schied hier methodologisch aus, will man nicht eine ggf. hohe Korrelationen auf diese Weise als Indikator eines Störeffektes behandeln, wo sie sogar die zentrale Ursache des zur Debatte stehenden Unterschiedes anzeigen könnten (z.B. Prägungseffekt). Dennoch lassen sich die dazu gefundenen Korrelationen als weitest möglicher Ausschluss anführen. Es sind klassische Nullkorrelationen: Das Lebensalter der ersten berichteten Anziehungsperson in der Kindheit korrelierte mit dem jüngsten Alter der pädophilen Präferenz mit 0.001, und mit dem ältesten Typ ihrer Präferenz für Kinder mit 0.003. Dieser hier äußerst überraschende Befund einer Nullkorrelation spricht übrigens für eine stärkere präprogrammierte Biologizität der Pädophilie in der Vorpubertät als bisher hier angenommen: Jedenfalls begründet sie eine Abkehr von früheren Überlegungen, wonach sich im konkreten Wesen oder Aussehen der individuellen Präferenzobjekte eines Pädophilen ein Prägungseffekt der ersten (kindlichen) psychosexuellen Referenzfigur zeige, der nicht überlernt wurde (d.h. also, dass sie der optische Ankerreiz der späteren Objektklasse sei). So aber scheint - trotz dass bereits die „allererste Person“ erwartungsgemäß jünger ist und präpubertären Alters im Unterschied zu später nicht-pädophilen Kindern - keinerlei individuelle Ähnlichkeit zu bestehen zwischen dieser Erstperson und der späteren Objektklasse (von einer markanten Subgruppe allerdings abgesehen). Selbst die Korrelation mit der Durchschnittsbildung der Präferenz-Spanne Pädophiler (jüngste Alters- bzw. Phänotypengruppe – ältester Phänotyp von Kindern) ist mit .43 zu moderat, um einen die Signifikanz gefährdenden Effekt selektiver Erinnerungstätigkeit aus der individuellen Alterspräferenz auf den gefundenen Mittelwertsunterschied zu haben. Daneben zeigte sich aber auch ein bestimmtes, im Fall der betreffenden Erinnerungsselektion erwartbares Muster nicht in den Daten: a) homosexuelle Kontrollprobanden erinnerten sich an annähernd ebenso viele Personen zwischen 4-16 in der eigenen Kindheitsgeschichte wie homosexuelle Pädophile, das selbe Ergebnis zeigte sich im Vergleich der heterosexuellen Nicht-Pädophilen mit den heterosexuellen Pädophilen. (Eine Erinnerungsselektion vor dem Hintergrund der heutigen Orientierung hätte sich nicht nur auf das Lebensalter, sondern auch auf die Anzahl der erinnerten Personen bezogen); b) die betreffende Skala RETRO (vgl. Abschnitt 2) korrelierte mit dem jüngsten Typ der heutigen Orientierung von Pädophilen – nahe Null indessen mit den PA1 der Kindheit; c) bei ihrer verstärkten Identifikation mit Kindern hätte sich bei Pädophilen leicht auch ein beträchtlich jüngeres EA1 eingestellt - was in der reduzierten Gruppe (dem obigen Vergleich zugrunde liegend) statistisch jedoch nicht nachweisbar war; d) selbst ein Vergleich jener 18 % der Probanden mit dem frühesten EA1 zwischen Lebensalter 4-6 zeigte weder eine Häufung bei Pädophilen, noch waren die berichteten Person hier schon jünger. Vielmehr befinden sich gerade hier 2 der (lediglich) 3 Pädophilen mit erwachsenen Personen. Grundsätzlich glaubt der Untersucher aufgrund dieser Daten, mit der entsprechenden Anweisung per Instruktion dem Problem befriedigend begegnet zu sein. Prinzipiell jedoch muss gesagt werden, dass die einzige Möglichkeit, den Erinnerungsselektionseffekt vollständig auszuschließen, die prospektive Längsschnittstudie ist – mit inneren Vorgängen allerdings (Anziehungsempfindungen), die äußerlich kaum zu beobachten, und mit Qualitäten, die von Kindern zum Zeitpunkt ihres Stattfindens selbst auch kaum als solche zu berichten sind.

Ein zweites methodologisches Problem bezieht sich auf den Sachverhalt, dass die Ergebnisse nur mit Vorsicht auf die Gesamtbevölkerung zu verallgemeinern sind, weil die Kontrollgruppe aufgrund der Rekrutierungsquelle -eines Diskussionsforums über Kindesmissbrauch- nicht repräsentativ sein könnte. Unter Umständen könnte sie sogar aus 2 Extremgruppen bestehen: Denkbarerweise selegieren sich zu Teilnahmen in Diskussionsforen über Pädophilie einesteils Personen, die Pädophile leidenschaftlich hassen (hiesiger Beobachtungen nach), meist intrafamiliär missbraucht wurden und dergl. – während die andere Gruppe eine liberale Auffassung hat, manchmal auch aus Pädophilen besteht. Hiesigen Eindrucksbildungen aus Separatstudien mit “Nautilus” nach tendieren Personen, die eine hasserfüllte oder ausdrücklich verständnislose Einstellung zu Pädophilen haben, dazu, in ihrer Kindheit wenige bis gar keine erotischen Empfindungen für Kinder entwickelt zu haben, während Personen, die Pädophile nicht in dieser Weise hassen, oft Personen sind, die sich aus der Kindheit an eigene Empfindungen für Kinder erinnern, so dass ihnen die entsprechende Empfindungswelt auch im Fall von Pädophilen mehr oder minder nachvollziehbar ist. (Besonders markant ist dieser Unterschied bei den Frauen unserer Stichprobe festzustellen). Der Effekt entsprechender Selektionen innerhalb der Konsumenten einer thematischen Diskussionshomepage auf die Erinnerung an Kinder vs. ältere Personen in dieser Untersuchung läßt sich denken. Hier ist nun aber in Rechnung zu stellen, dass ein Anteil von Kontrollprobanden in dieser Auswertung hiesige Beratungsklientel aus thematisch völlig anderen Kontexten waren, welche zum Ausgleich solcher etwaiger Effekte aufgenommen wurden. Dass zum anderen durch die Rekrutierungsquellen per se (Abschnitt 2) eine Selektion unter den Pädophilen dieser Studie stattgefunden hätte, darauf gibt es keinerlei Hinweis. Ohnehin halten wir es für absurd, deren Lebenseinblicke per se für gefälscht oder beschönigend zu halten, und Pädophile aus diesem Grund ausgerechnet aus den Untersuchungen über Pädophilie auszuschließen. Vielmehr aber spricht gegen entsprechende Selektionseffekte die in der Forschung vergleichsweise hohe Stichprobengröße dieser Untersuchung, und dass es multiple Quellen waren (Foren über Kindesmissbrauch, Pädophilie, Betroffenenforum, eigene Klienten anderer Quellen). Dass eine Studie außerhalb des Sexualtäterdiskurses (oder mit Pädophile u.U. “begünstigenden” Ergebnissen) zum anderen bereits dadurch unrepräsentativ sein könnte, sobald Pädophile daran teilnehmen, erscheint nach vorliegenden Erfahrungen hier gleichfalls abwegig. Nach den erhaltenen Rückmeldungen pädophiler Teilnehmer wie auch in dazu beobachteten Internet-Diskussionen sind die Meinungen der Betroffenen über die in Nautilus erfassten Gegenstände nachgerade sogar äußerst kontrovers.

Eine dritte methodologische Angelegenheit, auf die hier hingewiesen werden muss, besteht darin, dass vor Erreichen genügend hoher Stichprobengrößen (aus hetero-, homo- und bisexuellen Kontrollprobanden, jeweils männliche und weibliche, und in jeder Zelle zudem nicht-Pädophile wie Pädophile (!) nach dem ursprünglichen Vorhaben eines 2x2x2 Designs, vgl. Abschnitt 1) einige Fragen nicht zu beantworten sind. Dies scheiterte bislang daran, dass gerade bei den statistisch selteneren Homosexuellen (insbes. homosexuellen Frauen) es schwierig war, außerhalb eines strafrechtlichen Diskurses Probanden zu einem Projekt über “Pädophilie” zu gewinnen - nachgerade bei einer vielfältigen Denkmöglichkeiten ausgesetzten Untersuchung, die sich dabei auch noch mit der Frage nach der ersten sexuellen Reaktivität von Kindern befasst. Insbesondere ist vorher nicht sicher zu sagen (aufgrund der derzeitigen Stichprobenverhältnisse von 2/3 homosexuellen Pädophilen), ob bzw. zu welchem Anteil die gefundenen Unterschiede zwischen Pädophilen und Kontrollprobanden mit Homosexualität zu tun haben. Bestimmte anderweitige Beobachtungen bei Pädophilen in Nautilus (wie bspw. mehr Linkshändigkeit oder das “weibliche” kognitive Profil höherer Verbalbegabung bei geringerer räumlich-visueller Begabung) werden in der Literatur auch über homosexuelle Männer berichtet - wobei in diesen Untersuchungen mit Homosexuellen wiederum nicht auszuschließen ist, dass es sich teils vielleicht um homosexuelle Ephebo- oder Pädophile gehandelt hat.

Von großem Interesse in dieser Diskussion ist natürlich die Frage, ob der signifikante Altersunterschied zwischen verschiedenen späteren sexuellen Orientierungen tatsächlich der Biotheorie (Abschnitt 1) entspricht, wonach frühe körperliche Anziehungserlebnisse schon angeborener “Programmierung” der sexuellen Orientierung folgen, ohne aber in der Kindheit zwangsläufig schon sexuell erlebt werden zu müssen – oder ob gewissermaßen „Äpfel und Birnen zusammengezählt“ wurden, weil es sich zwischen sexuell unspezifizierten physischen Anziehungserlebnissen der Kindheit und sexuellen Anziehungen der Pubertät um verschiedene Phänomene handele. (Aufgrund der Implikation der Biotheorie wurde beim ersten Anziehungserlebnis ja ausdrücklich offen gelassen, ob es mit sexuellen Gefühlen verbunden war. Damit ist diese Frage aufgeworfen).

Könnten also “Birnen und Äpfel zusammengezählt” worden sein ? Zum Beispiel wäre diesbezüglich Risiko, dass ca. 5 % der Probanden (beide Gruppen zusammengenommen) auch intrafamiliäre Personen nannten: Physische Anziehung zur Mutter in der Kindheit z.B. könnte etwas anderes sein kann als psychosexuelle Anziehungen in unserem Sinn. Die Biotheorie kann allerdings nicht einfach „voraussetzen“, dass dies nicht in Zusammenhang stünde, lediglich weil das subjektiv so wahrgenommen oder kulturell so gesehen wird. Der dysproportionale zeitliche Abstand in Abb.1 zwischen EA1/PA1 und den folgenden Anziehungserlebnissen ließe sich u.U. dafür ins Feld führen, dass hier unterschiedliches gemessen worden sein könnte. Dieser erklärt sich unseres Erachtens aber leicht aus 2 Gründen: 1) Er erklärt sich aus den erhaltenen Streuungsdaten zum ersten dadurch, dass die Probanden bei EA1/PA1 angehalten waren, das “allererste” und nicht notwendig schon sexuelle physische Anziehungserlebnis zu spezifizieren. Entsprechend ist das erste Anziehungserlebnis unbegrenzt “nach unten offen”, während die “darauf folgenden” Anziehungserlebnisse lt. Instruktion „nach unten“ hingegen durch das erste begrenzt sind.

2) Der zweite Grund ergibt sich aus den Kontrollvariablen in Abb.2. Wahrscheinlich kulturelle Sehgewohnheiten lassen Menschen physische Anziehungen subjektiv erst ab der Pubertät datieren (einzig die Instruktion zum ersten Erlebnis steuerte dem entgegen), bzw. fokussieren spontan die Erinnerung darauf. Jedenfalls liegt in dem auffallenden Abstand zwischen dem ersten und den folgenden Anziehungserlebnissen in Abb. 1 der Pubertätseintritt (in beiden Gruppen bei ca 12 Jahren, vgl. Onset P in Abb .2). An der sexuellen Relevanz bereits des allerersten Anziehungserlebnisses im Schnitt um das 8./9. Lebensjahr besteht dabei kein Zweifel (vgl. in Abb. 2 das Erstauftreten sexueller Aktivationen, S).

Die inhaltliche Diskussion der Ergebnisse sei im Folgenden zuerst auf eine ganz praktische Problematik begrenzt, auf die hinzuweisen aus den Daten dringend Anlass gesehen wird. Dies betrifft vor allem Präventionsprogramme nach der sog. „Missbrauchte Täter“ (“abused abuser”) - Theorie, mit deren wissenschaftlichen Fundierung nachgerade als Ursachenerklärung für Pädophilie man sich bereits seit längerem kritisch auseinandersetzt (z.B. Freund, Watson & Dickey, 1990; Garland & Dougher, 1990; Freund & Kuban, 1994; Bodenstein et al, 1995). Wie es u.a. auch Vogt (2006).nach Durchsicht der diesbezüglichen Literatur auf den Punkt bringt, frappiert einen die Verbreitetheit dieser Theorie in Medien, Alltagsdiskurs bis auch in Fachkreise hinein im Verhältnis zu ihrer bestürzend dürftigen empirischen Fundiertheit.

Rein empirisch widerspricht ihr auch in dieser Untersuchung, dass sexueller Kindesmissbrauch in der Kindheit Pädophiler nicht häufiger berichtet worden ist als in der Kontrollgruppe. Üblicherweise sind entsprechende Programme aus jener Theorie dadurch gekennzeichnet, dass sie erotische oder sexuelle Interaktionen zwischen Kindern nach Altersunterschieden als Synonym für strukturelle oder sexuelle Gewalt kriminalisieren: verbunden mit der Theorie, es könne dadurch beim jüngeren Kind Pädophilie durch eine erlittene Gewalterfahrung entstehen – bezeichnenderweise aber auch da, wo ein solcher Charakter völlig fehlt; und obwohl nach entwicklungspsychologischer Faustregel bei Kindern zwischen 8 und 14 Jahren das Entwicklungsalter (physisch oder psychologisch) gleich dem Lebensalter +/- 3 Jahren ist: Bildlich gesprochen: Der 11-jährige “Täter” kann 8, das 8-Jährige “Opfer” 11 sein - körperlich wie geistig. Wir können zwei Vierzehnjährige als “altersadäquates” Liebespaar romantisieren und fördern - während nach derselben Faustregel der eine physisch oder geistig 17 ist, der/die andere hingegen erst 11 (!). Vor dem Hintergrund dieser Faustregel wird übrigens auch deutlich, was der festgestellte Altersunterschied in dieser Untersuchung von mehr als 2 Jahren (angesichts der rapide sich mit jedem Kinderjahr entwickelnden körperlichen und Mentalitätsunterschiede) im Erleben eines Kindes (oder später pädophilen Kindes zum Manifestationszeitpunkt) intrapsychisch bedeuten könnte: Im Extremfall 6 Jahre - wenn bei gleichem Lebensalter 9 Kind A reifungspsychologisch oder physiologisch 6 ist, Kind B indessen 12. In der Tat beobachtet man mitunter, dass bspw. 7-Jährige an 11-Jährigen hängen können als nähmen sie diese als Autoritäts- und Beschützerfigur einer ganz anderen -bewunderten, unerreichbaren- Statusklasse wahr, bis hin zum Vaterersatz. Umgekehrt wird der Kleinere vom Größeren dabei fast wie ein Hätschelbaby wahrgenommen, dem eine stolze, fast elterliche Fürsorge gilt. Diese Dinge machen deutlich, dass, in der Kindheit sich als bspw. 11-Jähriger erotisch für eine 9-Jährige oder einen 8-Jährigen zu faszinieren, einen ebenso tiefgreifenden Erlebnishintergrund darstellt, der u.U. dabei mitgeprägt wird, wie 60-Jährige für 16-Jährige subjektiv einer völlig anderen Rasse angehören. Um etwas in diese kindliche Erlebniswelt einzutauchen: Könnten die später pädophilen Kinder in dieser Zeit vielleicht die selben innerseelischen Vorstellungsschwierigkeiten haben, sich mit 11 statt in 9- in 14-Jährige zu verlieben - wie es uns im mittleren Alter Vorstellungsschwierigkeiten bereitet, uns in eine Greisin oder einen Greis zu verlieben ? Dies mag auf den ersten Blick wie übertriebener Vergleich wirken. Den konkreten Äußerungen nach, wie sich später Pädophile aber über Vorstellungen ihrer Therapeuten äußern, sie könnten doch auch mit jungen Männern oder Frauen mit nur etwas gedanklicher Übung - deutet just auf eine derart fundamentale Vorstellungsschwierigkeit hin.

Nun liegen aus Nautilus aber auch Berichte einiger späterer Pädophiler mit Kindheiten zwischen 1990 und 2000 vor (als im Zuge einer strafrechtlichen Eskalation gegen diese Menschen abused abuser – Programme bereits im Schwange waren), die ein mehr oder minder brutales Einschreiten Dritter in ihren Kindheitsjahren als hochtraumatisches Trennungserlebnis von einer seelisch hoch bedeutsamen Person erlebt haben - und dies subjektiv als mögliche Ursache ihrer heutigen Pädophilie befürchten, nachdem gerade zu Kindern selben Phänotyps und Alters heute ihre vornehmliche Orientierung besteht. Andererseits haben wir in den Daten festgestellt, dass Kinderlieben erhebliche statistische Bedeutung im „normalen“ Kollektiv der Kinder haben (80 % in der Kontrollgruppe der Nichtpädophilen) - als dass solche Programme an öffentlichen Schulen risikolos empfohlen werden können: ob oder ob nicht diese berichteten Kausaldeutungen denn nun tatsächlich zutreffend sind.

Insbesondere unglückliche Trennungen und traumatische Beziehungsabbrüche mit Kindern in der Kindheit zeigten in der Nautilus-Studie tatsächlich korrelative Beziehungen zu den Kindaltern der späteren Objektpräferenz - kausal möglicherweise auf dem Weg der retrospektiven Fixierung auf diese Liebesobjekte traumatischer Erfahrung. Aus diesem Grunde bereits wäre anzunehmen, dass entsprechende Effekte auch die Praktiken der “abused-abuser” – Programme bei ihren beschriebenen Einbrüchen in das kindliche Liebesleben haben könnten. Auch ist in der Pädiatrie zumindest redewörtlich, dass das Nichtausleben von Entwicklungsphasen bei Kindern zu unauflösbaren Fixierungen an diese Entwicklungsphase führe - was davon unabhängig zu solchen Bedenken Anlass gibt. Ein weiterer Effekt solcher repressiv-überwachenden Programme an Schulen sind bei Kindern denkbarer Weise Verhaltensängste und Hemmungen, die (beispielsweise über reaktive Aktivationszustände im Sinn der Theorie in Abschnitt 1) lernbeeinträchtigende Effekte im Sinn der pubertären Umstellung auf Erwachsene haben könnten.

Nun findet eine Repression mit solchen denkbaren Effekten auf einer Seite in Bezug auf Hinwendungen von Kindern zu anderen Kindern statt in solchen Interventionsprogrammen (bspw. nach der Theorie vom kindlichen Sexualstraftäter im Rahmen der abused-abuser – Vorstellung). Nach der anderen Seite wird aber natürlich auch interveniert: Sobald Kinder etwa mit älteren Phänotypen intime Kontakte suchen oder unterhalten: da hier die strafrechtliche Ebene angetroffen ist (sexueller Missbrauch), mit noch viel dramatischeren Folgen. Auch über diese Wirklichkeiten liegen -in der Kontrollgruppe der nicht-pädophilen wie auch der später pädophilen Kinder- kaum erträgliche Beschreibungen von Leid bei Kindern im Zuge bspw. von Gerichtsprozessen vor.

Nun hat nicht nur diese Untersuchung, sondern, entgegen allgemeinen Glaubens, jede große Meta-Analyse, die sich jemals mit dieser Frage international befasst hat in der Mittelung hunderter von Einzelstudien, erbracht, dass es erotische oder sexuelle Spontanfaszinationen von Kindern für Erwachsene zuweilen durchaus gibt, wenn wir auch nicht wissen, wie häufig sie sind – und außerhalb der üblichen traumatischen Szenarien. Dabei ist darauf hin zu weisen, dass diese Frage wissenschaftlich auch keineswegs etwa „umstritten“ ist: Die meta-analytische Befundlage dazu als aussagekräftigste Basis ist in diesem Punkt eindeutig. Sie reicht von den konservativsten bis zu den liberalsten Autoren des Gebietes (vgl. Kendall-Tackett, Meyer-Williams & Finkelhor, 1993 - als Beispiel für das konservative Spektrum; Rind, Tromovitch & Bauserman, 1998 – als liberaler Gegenpol; s. auch bspw. die groß angelegten Studien des Deutschen Bundeskriminalamtes von Baurmann, 1983, oder von Allie Kilpatrik, 1992, hier selektiv in Bezug auf Mädchen). In jenen Untersuchungen ging es um reale Interaktionen – die hier vorsichtshalber ausgeschlossen wurden. Hier ging es um subjektive psychosexuelle Anziehungserlebnisse, mit oder ohne dass die erwachsenen Adressaten dies seinerzeit auch nur erfahren haben müssen. Es verblüffte hier allerdings der Prozentsatz, mit dem die ersten Anziehungen Berichte über Erwachsene erbrachten (28 % in der Kontrollgruppe / 12 % beide Gruppen zusammengenommen). Grundsätzlich zeigt die obige Abb. 2 dazu jedoch noch etwas anderes: Dass jene Kinder, die mit Kindern anfangen (wie es die besagten Präventionsprogramme mit der Begrenzung “nach oben” ja geradezu erzwingen), prima vista das höhere Risiko haben könnten, pädophil zu werden, es zumindest länger dauert, bis sie auf reifere Phänotypen reagibel sind. Es sind aus irgendwelchen Gründen jene, die bereits zum frühesten Zeitpunkt Reagibilität auf Erwachsene berichten, diejenigen mit offensichtlich dem geringsten Pädophilie-Risiko: Denn bis auf 3 entstammen sie auch alle der Kontrollgruppe.

Eine qualitative Analyse der berichteten -formaljuristischen- Missbrauchsfälle in Nautilus legt zudem nahe, dass es von 2 Faktoren abhängt, ob nach Erlebnissen mit Erwachsenen (Wieder-)Hinwendungen zu Kindern oder aber Hinwendungen zum erwachsenen Erscheinungsbild auftreten: 1) Aversivität vs. Angenehmheit der Erfahrung im Erleben der Heranwachsenden bzw. Kinder, 2) dass die erwachsene Person demjenigen Geschlecht angehört, zudem auch (androphile vs. gynaephile) Orientierung besteht. (Die betreffende -pränatale ?- Vorausrichtung der Probanden hinsichtlich der Anziehung durch Jungen oder Mädchen in ihrer Kindheit wurde aus den PA1-5 vor einem formaljuristischen Missbrauch bestimmt). Lernpsychologisch banal, dürfte der erste Faktor darüber entscheiden, ob Vermeidungslernen gegenüber fortan aversiv besetzten Merkmalen des erwachsenen Erscheinungsbilds eintritt – oder das Gegenteil. Was Faktor 2 betrifft: Sowohl im traumatischen wie im konträren Fall (so scheint es jedenfalls bisher aufgrund der Daten) muss der/die betreffende erwachsene Person wahrscheinlich deshalb dem präorientierten Geschlecht angehören, um überhaupt erst längerfristige psychosexuelle Auswirkungen zu haben in der einen (negativen) oder anderen (positiven) Richtung. So berichtet bspw. ein älterer (heterosexueller) Herr in der Kontrollgruppe belustigt, “ich habe meinen „Missbrauch“ mit 9 damals (=durch eine weibliche Erwachsene, Anm. d. Verf.) eigentlich als höchst angenehm empfunden“. Einige homosexuelle Kontrollprobanden berichten nämliches gelegentlich in Bezug auf Männer in der Kindheit. Ein Pädophiler äußert sich voll Abscheu über einen Mann, der ihm mit 12 sexuell nahe trat (ist auch hier bereits von “anderer Orientierung” zu sprechen ?); umgekehrt äußert ein vorstellig gewordener Dreizehnjähriger, der in der Präferenzaltersfrage bereits durchwegs Männer angibt, romantische Empfindungen betreffs einer vormaligen Affäre mit einem Mann Anfang 20.

Könnten die beschriebenen Interventionsprogramme also das Risiko pädophiler Pubertätsausgänge bei Kindern erhöhen ? Zum Beispiel dadurch, dass sie (im Fall des Einschreitens gegen Kinder untereinander) erst traumatische retrospektive Fixierungen auslösen bzw. sie erst nachhaltig durch ihre Doktrin auf Kinder fixieren - oder (bei Kindern mit sexueller Dynamik bereits zu Erwachsenen) die psychosexuelle Umstellung auf Erwachsene hemmen ?

Zumindest bei vulnerablen Kindern könnte das durchaus der Fall sein - speziell bei jenen Kindern, die irgendwann zwischen 9. und 13. Lebensjahr die ersten Altersunterschiede von >/= 2 Jahren ausbilden, und die zunächst vielleicht noch aus einer entsprechenden pädophilen Entwicklung herauskämen, setzte man weder zusätzliche Belastungen noch Traumata, die evtl. erst definitiv zu entsprechender Fixierung führen: Sich wiederholende Differenzen über die Messwertreihen EA1/PA1 - EA5/PA5 in den Kindheitsberichten erwiesen sich als überraschend indikativ für später pädophile Kinder, denn sie fehlten völlig in den Kindheiten der Kontrollgruppe.

Zum anderen muss aus den Daten darauf hingewiesen werden, dass zwar viele später Pädophile erste Anziehungen gegenüber jüngeren Kindern berichten in ihrer Kindheit – dass es aber in anderen Fällen auch Gleichaltrige oder Ältere waren: Nur älter als 12,13 -also Pubertätseintritt- waren sie nie (ausschließliche Pädophilie). Man „erkennt“ später pädophile Kinder also nicht daran, dass etwa ihre Objekte 2 Jahre jünger seien als sie selbst: Dies wäre ein grobes Missverständnis des Untersuchungsbefundes. Entscheidend scheint zu sein, dass -ob jünger, älter oder gleichaltrig- die geliebte Referenzperson ein Junge oder Mädchen im Erscheinungsbild vor der Pubertät ist. Häufig -und deshalb könnten die obigen Effekte auf Entwicklungshemmung und Fixierung letztlich vielleicht erst entscheidend sein- koppelten sich (in dieser Untersuchung insbesondere bei Homo- und Bisexuellen in Bezug auf Jungen in der Kindheit) an diese ersten Erlebnisse mit einem anderen Kind / Heranwachsenden bei den später Pädophilen traumatische Zurückweisungserlebnisse durch die betreffenden Heranwachsenden. Zum anderen waren es unerklärte “hoffnungslose” Lieben zu Gleichaltrigen, die dann teils die gesamte Pubertät in Anspruch nahmen (statt durchlebt und dann erst vielleicht abgelegt werden zu können), sowie Traumatisierungen durch Dritte, Angst vor den Reaktionen Erwachsener und Demütigungen durch Altersgenossen (häufig bspw. als “schwul”). Man bedenke sowohl den möglichen Effekt solcher Umstände auf psychosexuell lernbeeinträchtigende Aktivationszustände, wie auch konkret psychodynamisch oder kognitiv im Hinblick auf traumatische Fixierungen auf den betreffenden kindlichen Phänotyp. Die betreffenden kindlichen Phänotypen bei solchen Traumatisierungen korrelierten zwischen r= 0.30 und r= 0.50 mit dem Altersphänotyp der späteren Orientierung.

Übrigens ist die obige Beobachtung, dass es bei dem gefundenen zentralen Gruppenunterschied um das Alter 9 nicht um Altersunterschiede der präpubertären Faszinationsobjekte in Bezug der eigenen Person geht, sondern offenbar um das präpubertäre Erscheinungsbild an sich, entscheidender für ein Grundverständnis der Pädophilie, als man es dieser Beobachtung zunächst vielleicht ansieht. Es bedeutet, dass populäre Annahmen, es ginge „psychodynamisch“ um Unterschiede zwischen „Groß und Klein“, Überlegen- vs. Unterlegenheit („Narzissmus“), um „Machterleben“ oder Geniessen von Ohnmacht angesichts eines „kleineren“ oder „jüngeren“ Partners usw. offenbar unzutreffend sind. Es handelt sich um eine spezifische Faszination von Mentalität und optischem Erscheinungsbild der präpubertären Persönlichkeit.

Nicht allein der dysproportional hohe Prozentsatz androphiler Pädophiler in der Stichprobe, (nicht nur dieser Untersuchung - sondern eigentlich in jeder Stichprobenuntersuchung zu dem Thema), sondern auch inhaltliche Gründe sprechen übrigens für eine besondere Betroffenheit (angeborener Maßen) homosexueller Jungen von pädophilen Pubertätsausgängen: Nach dem Eindruck dieser Studie gelten diese 5 % der Jungen zu den „vulnerabelsten“ im obigen Sinn. (Auch die beiden pädophilen Frauen dieser Untersuchung waren übrigens lesbisch bzw. bisexuell. Insofern mag das Folgende nahtlos auch für homosexuelle Mädchen gelten):

Zum einen wurde auffallend oft hier angetroffen, dass die gehäufteren -und qualitativ auch demütigenderen- traumatischen Zurückweisungen dieser Jungen durch andere Jungen, in die sie sich verliebt hatten, demjenigen Typus bzw. Altersphänotyp entsprachen, der sie später als Erwachsene psychosexuell an Jungen bindet. Das selbe gilt für das Alterskollektiv, von dem Ausgrenzung erlitten wurde. Theoretisch wird man sich (neben vielen anderen Besonderheiten bei diesen Kindern) darüber hinaus vorstellen müssen, dass beim homosexuellen Kind keinerlei kognitives Modell erwachsener Partner existiert (wie sich etwa fünfjährige Heterosexuelle bereits ihre Zukunft in einer Ehe mit einer erwachsenen Frau imaginieren nach bspw. dem Vorbild der Eltern, was auch fortlaufend über die gesamte Präpubertät sozial fortlaufend psychosexuell stimuliert und durch Erziehung und durch Medien propagiert wird): Dieser rein kognitive Faktor einer Dynamik des Liebeslebens hin auf Erwachsene ist im Fall der homosexuellen Kindheit überhaupt nicht präsent, und er wird auch lebenspraktisch nicht vermittelt.

Zum anderen scheint es zur Erfahrung zu gehören, dass teils bereits ab Vorschulalter diese Buben Aversionen ihrer Väter auf sich ziehen, die diffus bereits eine Andersartigkeit ihrer Söhne erahnen. Man bedenke nun (speziell nach Maßgabe der eingangs vorgestellten Theorie) dass androphile Jungen in den konventionell noch immer mehr oder minder homophoben Haushalten dabei von erwachsenen Männern (ganz zentral: dem Vater) traumatisiert werden, und ihrerseits dann oft tiefgreifende -auch physische- Aversionen gegen das männliche erwachsene Erscheinungsbild entwickeln. Nota: Für das sie -als Homosexuelle- ja aber gerade eine positive sexuelle Reaktivität entwickeln müssen während Kindheit und der Pubertät.

Es ist unter solchen Belastungen der homosexuellen Kindheit anzunehmen, dass eine Schulpädagogik, die bereits Homosexualität bei Kindern nicht für ihren Gegenstandsbereich hält (oder gar ihrerseits für etwas krankhaftes, jugendgefährdendes, zu rerstringierendes) – hier wohl sogar die allermassivsten Effekte des beschriebenen Musters hat, wenn sie dem Missbrauchte-Täter – Paradigma folgt: D.h. ausgerechnet da eingreift, wo diese Jungen ganz einmal unbeschwerte Beziehungen zu anderen Jungen -oder Männern- finden. Ihre Partnerfindung ist drastisch erschwert: Bereits rein statistisch verlieben sie sich in 95 % beständig „in die Falschen“ (nicht-homosexuelle Jungen, meist sogar mit dramatischen homophobischen Reaktionen) – während das umgekehrte für den heterosexuellen Jungen gilt (98 % der Mädchen sind heterosexuell). Auch von dieser -kaum beachteten und schöngeredeten- sozialen Wirklichkeit her noch immer, ließe sich eine besondere psychosexuelle Entwicklungserschwernis homosexueller Kinder ausrechnen – nachgerade i Richtung einer unüberwindlichen Fixierung auf Präpubertäre ab ihrer Pubertät:: Weil sexuelle Selbstdefinitionen, sexuelle Labelling- und sexuelle Ausgrenzungsprozesse (einem weiteren Eindruck dieser Untersuchung nach) erst ab der Pubertät zwischen Heranwachsenden virulent werden. Homosexuellenverbände -derzeit vor allem an der Distanzierung von Pädophilen als dem Inbegriff des „Knabenverderbers“ interessiert seit Ausbruch der hysterischen Debatte- werden hier gerade keine objektiven Auskunftsinstanzen sein, sondern sogar die vehementesten Bekämpfer dieser Überlegungen: Dass sogar ein derart -tragischer- direkter Zusammenhang zwischen Homosexualität und pädophilen Entwicklungsausgang bestehen könnte. Kein Argument wäre hier jedoch seriös: Denn die Gruppe, um die es geht (Altersgruppe 9-13, vgl. oben: Manifestationsalter der Pädophilie) ist in diesen Szenen weder als „homosexuelle Jugend“ definiert, noch ist ihre Wirklichkeit derzeit durch irgendwen mit Blick auf solche Fragestellungen prüfbar oder beobachtbar. Wir selbst können hier nur feststellen, dass wir aus der Untersuchung Beobachtungen in dieser Richtung haben.

Übrigens war im Hinblick auf die besagten Altersdifferenzen von >/= 2 Jahren auch kein Generationseffekt festzustellen (Extremgruppenvergleich), der es zu sagen erlaubte: „Die Täter” würden “heutzutage immer jünger”. Pädophilie zumindest ist den erhaltenen Daten nach kein ursächliches Resultat eines “Verfalls der Sitten” in der Moderne.

Insgesamt gewann der Untersucher aus der Gesamtuntersuchung das Bild, dass die Entwicklung der Pädophilie an sich, mit Manifestation zwischen dem 9. und dem 13. Lebensjahr, einem biologisch prädeterminierten Kurs folgt (die Korrelationen mit genannten Traumatisierungsfaktoren von .30 - .50 erklären z.B. nur 10-30 % der Varianz), dass aber die konkreten individuellen Altersphänotypen der pädophilen Orientiertheit spezifischen psychologischen Traumatisierungs- und Prägungseffekten durch entsprechende Phänotypen während der Kindheit beeinflusst sind. (Sexuelle “Präferenz” wird hier einer unterstellten Wahlfreiheit wegen terminologisch vermieden, die zumindest bei ausschließlichen Pädophilen lebenspraktisch nicht zu beobachten ist). Die gefundenen Zusammenhänge zwischen psychologischen Faktoren der Kindheit mit der späteren Altersgruppe sind in Tab. 1 gelistet.

Tab. 1:
Zusammenhänge r zwischen psychologischen Faktoren
und dem späteren Präferenzalter Pädophiler

  Jüngster Durchschnittstyp Spanne
  Typ    
PA1     .43*
PA 1. kritische Altersdifferenz .35 .39*  
PA Onset juveniles Bindungstrauma     .42*
PA Onset Isolation   .54* .54*
PA Onset sex. Missbrauch .36   .41*
Dauer sex. Missbrauch .77*    
Dysfunktionale Aktivation .35 .39*  
Skala RETRO -.33 -.38*  

* = signifikante Korrelationen unter den insgesamt ausgewählten >.30; PA = Alter der kindl. Anziehungsperson in EA/PA1-5 vor / bei Eintritt in eine Phase (z.B. sexuellem Missbrauch) oder Beobachtung (z.B. der ersten Altersdifferenz zu einem jüngeren Kind von >/= 2 Jahren) Juveniles Bindungstrauma = Traumatische Verarbeitung um eine psychosexuell bedeutsame kindliche Person; RETRO = Retrospektiver kognitiver Verarbeitungsstil in den Kindheitsjahren (non-sexuell), erfasst vermittels integriertem Fragekatalog; Jüngster Typ = jüngstes Alter in der berichteten Altersrange, Durchschnittstyp = Mittelwert der berichteten Altersrange. Spanne = Breite der berichteten range „Jüngster Typ – Ältester Typ“ des individuellen Pädophilen in Jahren.

Korrelationen zwischen 2 Merkmalen A und B können nicht ursächlich gedeutet werden, weil es nicht weniger als 4 verschiedene Ursache-Wirkungs – Deutungen gibt, inclusive dass eine dritte Ursache C für den Zusammenhang verantwortlich ist. Sofern man jedoch einmal die zunächst nahest liegende Ursache-Wirkungs - Richtung für diese Korrelationen unterlegt, so sind die betreffenden Einflüsse der Kindheit trotz der moderaten Höhe bei 12-30 % Varianzaufklärung (sexueller Missbrauch: 59 %) dann natürlich die entscheidenden und letztlich erst die schicksalhaften, wenn sie beispielsweise darüber entscheiden, ob ein Junge mit einem “biologischen Risiko zu Pädophilie” über 6-13-Jährige Erscheinungsbilder nicht hinauskommt, wodurch jede Sexualität ausweglos dem Strafrecht verfällt (ausschließliche Pädophilie gemäß DSM / ICD 10) - oder ob sich ein Heranwachsender wenigstens auf 12-16-Jährige „prägt“, so dass er Toleranz nach oben hat. Sofern man die gefundenen Korrelationen denn als Prägungseffekte auffassen müsste, so gingen sie den Daten nach auch von Traumatisierungen durch Erwachsene aus (Dauer von aversivem Missbrauch durch eine erwachsene Person: r = 0.77; Praktiken der “abused-abuser” – Interventionen mit den oben denkbaren Effekten wurden bis dato hier nicht eigens untersucht). Dabei ist auch bei der Korrelation in Tab. 1 hinsichtlich des Alters der letzten kindlichen Person vor sexuellem Missbrauch (PA) unter den EA/PA 1-5 mit der späteren pädophilen Alterspräferenz darauf hinzuweisen, dass es für den Zusammenhang zum späteren Präferenzalter außer der zunächst redewörtlichsten Kausalrichtung (hier: “Sexuelle Gewalt führt zu Pädophilie”) nicht weniger als 4 verschiedene kausale Erklärungsmöglichkeiten gibt. Als Beispiel für eine -völlig gegenteilige- alternative Erklärung im erwähnten Beispiel wäre z.B. Detabuierung zu nennen (sexueller Missbrauch war hier dem konventionellen Usus nach nicht enger als juristisch -durch betreffende Altersunterschiede- definiert): Wenn sich dahinter in Wirklichkeit eine unbeschwerte Erfahrung verbirgt (ein Anteil aus Kontroll- und pädophilen Probanden berichtet das), so wären Interaktionen mit Erwachsenen als kindliche Erfahrung im Erwachsenenalter einfach enttabuisiert, zumal wenn sexuelle Gefühle zu Kindern im Erwachsenen noch aus seiner Kindheit bewahrt sind. Oder: Ein Mensch mit biologisch prädisponierter Pädophilie empfand es besonders traumatisch - und wendet sich daher früher und nachdrücklicher Kindern zu. Wiederum anders: Wer in der Tat sexuelle Gewalt dabei durchlitt, orientiert sich auf kindliche Partner als friedliche Wesen, an denen nichts den Ekel und das vormalige Trauma reaktiviert (statt zur Weitergabe von Gewalt) - etc. Für jede einzelne dieser kausalen Deutungen ließen sich nun jeweils Beispiele aus Datensätzen in Nautilus heranziehen.

Die gefundenen Korrelationen sind -wie erwähnt- als nicht ausreichend hoch zu betrachten, um in den betreffenden Kindheitsfaktoren (Tab. 1) alleinige kausaler Verursacher von „Pädophilie“ zu sehen. Sie ergeben auch Sinn, wenn man vor biologisch prädisponierendem Hintergrund (vgl. Abschnitt 1) eine besondere Erschütterbarkeit oder Prägbarkeit der später pädophilen Kinder auf Kinder während der eigenen Kindheit annimmt – also eine Wirksamkeit lebensgeschichtlicher Faktoren auf die individuelle Phänotypen-Präferenz eines Pädophilen im Erwachsenalter. Passend zu den in Abschnitt 1 dargestellten empirischen Sachzusammenhängen zur pränatalen sexuellen Differenzierung fanden wir in anderen Nautilus-Fragestellungen bspw. mehr Linkshänder unter den Pädophilen und mehr Schwierigkeiten bei der räumlich-visuellen Verarbeitung als Hinweise auf einen biologischen Hintergrund. Ferner: mehr Rechts-Links - Verwechsler, schlechtere berichtete Schulleistungen in Geometrie und in geschlechtsdimorphen Leistungen wie bspw. Straßenkartenlesen (zur Geschlechtunterschiedlichkeit des letzteren vgl. Brown & Broadway, 1981; Beatty & Truster, 1987; Chang & Antes, 1987; Antes, McBridge & Collins, 1988).
Dies führt zu einem anderen Belang dieser Diskussion.

Solche Zusammenhänge suggerieren schnell eine Kausalbeziehung zwischen diesen Handicaps und Pädophilie (etwa dass “alle” oder ein Großteil Pädophiler solche Auffälligkeiten hätten, weil sie sonst nicht pädophil geworden seien; oder Pädophilie sei ein Ergebnis kognitiver Minderbegabung). Nach derzeitigem Forschungsstand (z.B. LeVay, 1994) besteht zwischen sexueller Orientierung und diesen Phänomenen selbst kein Ursache-Wirkungs - Zusammenhang. Eine Ursache C spannt die gemeinsame Beobachtbarkeit beider in der Forschung auf: Diese Ursache ist, dass sowohl sexuelle Einheiten wie auch räumlich-visuelle Einheiten des Gehirnes (faktisch unabhängig voneinander) Androgenrezeptoren aufweisen, so dass beides je nach Fall getrennt oder aber gemeinsam von abweichenden pränatalen Prozessen unter Steuerung der Sexualsteroide “organisiert” werden kann (dazu auch Gladue, Beatty, Larson & Staton, 1990; McCormick & Witelson, 1991; dazu auch Trautner, 1991; Sanders & Ross-Field, 1986, Kimura & Hampson, 1994; Kimura, 1995 & 1996). Dies analog zu entsprechenden Zusammenhängen zwischen bspw. dem kindlichen Spielverhalten bei Frauen und bei später homosexuellen Männern (Androphilen) im Vergleich mit Gynaephilen, also später heterosexuellen Männern und „lesbischen“ Frauen (vgl. LeVay, 1994; Green, 1985): Homosexuelle zeigen in der frühen Kindheit oft “gegengeschlechtliche” Spielzeugpräferenzen, wobei Spielzeugautos, Fußball und Piloten-Träume auf die räumliche Verarbeitung von beweglichen Objekten zeigen und Puppen / Bücher stationäre Objekte der verbalen Verarbeitung sind. Auf die Psychiatrisierungsgefahr solcher Beobachtungen bei Pädophilen in termini “neuropsychologischer Symptome” oder “verminderter Intelligenz” (z.B. bei Langevin, Wortzman, Wright & Handy, 1989; Kuban, Blanchard, Cantor & Klassen, 2002, Berner 2006) sei hingewiesen: Auch Frauen im Durchschnitt haben geringere visuospatiale Leistungen (im Überblick Lohaus, Schumann-Hengsteler & Kessler, 1999; LeVay, 1994). Und hinsichtlich der allgemeinen Intelligenz (in Nautilus geschätzt aus Fragen über Unterdurchschnittlichkeit / Durchschnittlichkeit / Überdurchschnittlichkeit der Schulleistungen über mehrere Fächer) gab es hier wie allerdings auch im Überblick anderer Studien zu dem Thema (z.B. von Howitt, 1998) keinerlei Unterschied zwischen Pädophilen und Nicht-Pädophilen. Selbst in Untersuchungen, die dergleichen berichten, wären hiesigem Ergebnis nach Einzeltests abzuziehen, die faktorenanalytisch auf visuospatialen Faktoren laden - mit dem zu erwartenden Ergebnis, dass sich dann kein Unterschied mehr findet. 3

Insgesamt erscheint aber die Frage, welcher Anteil an der Entstehung des Phänomens nun höher ist -Biologie oder psychologische Faktoren- allerdings auch zweitrangig: Mit ungleich entsetzlicheren Folgen für die betroffenen Kinder ein Leben lang, bis hinein in strafrechtliche Verfolgung und inzwischen sogar Sicherungsverwahrung; Folgen, wie sie uns entsetzen würden, nähme man solche Konsequenzen für bspw. legasthenische Kinder als Lebenserblast in Kauf: Mutet die Pädophilie als psychosexuelle Blindheit für erwachsenenspezifische Geschlechtsmerkmale den erhaltenen Daten nach an als die Legasthenie der psychosexuellen Kindesentwicklung. Weniger pathologisch ausgedrückt: Hinsichtlich der Ausblendung jeweils einer ganzen Wahrnehmungsklasse aus unserer sexuellen Wahrnehmung von Artgenossen sind wir als Heterosexuelle wie als Homosexuelle (oder Pädophile) alle für ein bestimmtes Spektrum „farbenblind“. Es kann bei diesem Thema allerdings alle humanistische Transfer- und Abstraktionsfähigkeit der aufgeklärten und zivilisierten Kultur auf die Probe stellen, inwieweit wir bereit sind, uns an diese grundsätzliche Einsicht bei der Pädophilie zu gewöhnen. Für die Betroffenen käme es einer Erlösung von einem schlimmen Schicksal in ihrer Gesellschaft derzeit gleich, diesen Transfer zu leisten.

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