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Wissenschaft

Pädophilie soll von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen werden

Autor: Prof. Dr Richard Green

In einer Sonderausgabe der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Archives of Sexual Behavior zum Thema Pädophilie plädiert Richard Green für die Streichung der Pädophilie von der Liste der psychischen Krankheiten. In der Sonderausgabe vom Dezember 2002 erscheint der Artikel von Richard Green neben dem des Hamburger Sexualwissenschaftlers Gunther Schmidt als Diskussionsgrundlage. Der restliche Teil der Ausgabe besteht aus 19 Antworten anderer Sexualwissenschaftler, welche sich mit den Thesen von Green und Schmidt auseinandersetzen.

Die Liste der psychischen Krankheiten (Diagnostic and Statistical Manual - DSM - of Mental Disorders) wird vom amerikanischen Psychiatrie-Verband (American Psychiatric Association - APA) seit 1952 veröffentlicht. Die aktuelle Ausgabe DSM-IV stammt aus dem Jahr 2000 und führt Pädophilie als eine Krankheit auf, allerdings nur wenn ein Erwachsener seine sexuellen Phantasien auch auslebt oder er sich durch seine Veranlagung im Sozialverhalten stark beeinträchtigt fühlt. So ergibt sich die absurde Situation, dass ein Pädophiler, der sich nicht durch seine Veranlagung beeinträchtigt fühlt und sich nur selbst befriedigt, zum Beispiel mit Hilfe von Kinderpornographie, laut DSM kein Pädophiler ist. Lebt er aber seine Veranlagung mit einem Kind aus, wird der als Pädophiler eingestuft.

Green's Artikel trägt den Namen "Is Pedophilia a Mental Disorder?" (Ist Pädophilie eine psychische Krankheit?). Green ist aus mehreren Gründen überzeugt davon, dass Pädophilie keine psychische Krankheit ist. Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen ist ein Verhalten, welches sich in vielen Kulturen finden lässt und dort akzeptiert oder sogar gefördert wird. Weiterhin konnten neuere wissenschaftliche Studien zeigen, dass Pädophile sich in ihren Persönlichkeitsmerkmalen nicht von Heterosexuellen oder Homosexuellen unterscheiden. Bis vor kurzem wurden Untersuschungen über Pädophile hauptsächlich mit klinischen Stichproben durchgeführt, dass heisst mit Pädophilen, die entweder straffällig geworden waren oder sich wegen psychischer Probleme in Behandlung begeben hatten. Durch diesen Stichprobenfehler waren die Ergebnisse der Untersuchungen nicht generalisierbar. Bei neueren Untersuchungen mit Pädophilen aus der allgemeinen Bevölkerung hat sich herausgestellt, dass sich Pädophile einzig durch eine höhere Introvertiertheit vom Rest der Bevölkerung unterscheiden. Auf der Skala für psychotische oder neurotische Störungen liegen sie zwar leicht über dem Bevölkerungsdurchschnitt aber nicht im klinisch relevanten Bereich sondern auf einem Level, auf dem sich auch andere Gruppen befinden, zum Beispiel Ärzte (psychotische Skala) oder Studenten (neurotische Skala). Es sei laut Green aber nicht auszuschliessen, dass die erhöhte Introvertiertheit von Pädophilen eine Ursache des sozialen Drucks auf diese Bevölkerungsgruppe darstellt. Schliesslich weißt Green darauf hin, dass in der Bevölkerung weit mehr Menschen durch Kinder sexuell erregbar sind, als es reine Pädophile gibt.

Da sich bei Pädophilen keine besonderen Persönlichkeitmerkmale finden lassen, viele sich durch ihre sexuelle Orientiertung nicht beeinträchtigt fühlen, ihre sexuelle Orientierung in anderen Kulturen akzeptiert ist und sich sexuelle Erregbarkeit durch Kinder nicht nur bei Pädophilen nachweisen lässt müsste, laut Green, nach den Massstäben der APA, Pädophilie von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen werden. Green erklärt, dass die APA sich bei der Beurteilung der Pädophilie nicht an ihre eigenen wissenschaftliche Massstäbe hält, sondern sich vermeintlichen gesellschaftlichen Notwendigkeiten beugt. Denn die Ächtung von Erwachsenen-Kinder Sexualität würde schwieriger werden, wenn der Erwachsene nicht als psychisch krank bezeichnet werden kann. Green macht deutlich, dass seine Argumentation grundsätzlich vergleichbar ist mit den Argumenten, die zur Streichung der Homosexualität aus der DSM-Liste führten. Die Beurteilung der Pädophilie als Krankheit sei auch nicht abhängig davon, dass Kinder durch Sexualität mit einem Erwachsenen Schaden nehmen könnten.

© Prof. Dr Richard Green

Richard Green ist Arzt und Psychiatrie-Professor an der medizinischen Fakultät des Imperial College in London, Wissenschaftler am Institut für Kriminologie der Universität Cambridge und Vorsitzender der International Academy of Sex Research. Vor knapp 30 Jahren hat Richard Green sich erfolgreich für die Streichung der Homosexualität von der DSM-Liste der psychischen Krankheiten eingesetzt. Der Artikel erschien in: Archives of Sexual Behavior, Vol. 31, No. 6, December 2002, pp. 479-481.

Abdruck der Übersetzung nach freundlicher Genehmigung durch den Autor.

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