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Ein Artikel, der die Auswirkungen und den Misserfolg der bisherigen Kampagne gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern aufzeigt und ein neues Konzept für echte Prävention vorschlägt.
Autor: Dipl.-Psych. Peter Näf, Zürich
Vorbemerkung:
Die folgenden Überlegungen entstanden aus der Praxis. Einerseits aus der Tätigkeit als ehemaliger Schulpsychologe, wo ich immer wieder mit dem Problem sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern konfrontiert wurde, andererseits aus der Erfahrung langjähriger privater psychologischer Beratung Pädophiler.
Wichtig:
Wenn ich im folgenden Text von Pädophilen spreche, meine ich immer so genannte "Kernpädophile". Das sind Pädophile, die Zuneigung, Zärtlichkeit, aber auch sexuelle Gefühle zu Kindern als Teil ihres innersten Wesens empfinden. Ich meine damit nicht:
Einschränken muss ich, dass sich meine Beratungserfahrung hauptsächlich auf männliche homosexuelle Pädophile bezieht und ihre Partner meistens im Alter zwischen 11 und 14 waren.
In den letzten Jahren ist der Kindsmissbrauch zu einem eigentlichen Modethema geworden. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Medien über neue Enthüllungen berichten. Die Frage des Schadens, die solche Sensationsberichte den betroffenen Kindern und Familien zufügen, wird nicht gestellt.
Dabei sollte es doch eigentlich um Vermeidung von Schaden an den Kindern gehen. Das war sicher eine der Motivationen der verschiedenen Gruppierungen von Kinderschützerinnen und Kinderschützern, die diese Kampagne auslösten. Heute muss man sagen, es war meist gut gemeint, aber das Gesamtresultat ist vorläufig eher negativ.
Zuerst jedoch die positiven Auswirkungen dieser Kampagne
Die Aufdeckung von echten und schrecklichen Missbrauchsfällen, die besonders im Bereich Inzest und in Abhängigkeitsverhältnissen in Schule und Erziehung vorkamen. Für einen Teil der Betroffenen war das ein wichtiger Schritt der Befreiung, besonders wenn die Aufdeckung mit verständnisvoller und kompetenter Betreuung verbunden war und die Befreiung nicht durch rücksichtslose Berichterstattung in den Medien wieder ins Gegenteil verkehrt wurde (was leider die Regel ist).
Es wurden neue Beratungs- und Zufluchtsmöglichkeiten für die Opfer geschaffen.
Der Tabubruch: Ein Tabu hält unbewusste, gesellschaftlich abgelehnte, weit verbreitete Wünsche unter einem Sicherheitsdeckel. Wird das Tabu gebrochen, entstehen in der Gesellschaft gewaltige Abwehrkräfte. Dies hat zuerst eine schlimme Auswirkung: es wird nach Sündenböcken gesucht. In dieser Rolle sind heute die Pädophilen. Ihnen wird all das angelastet, was man nicht wahrhaben will (z.B. die viel häufiger vorkommenden sexuellen Übergriffe in den Familien durch Nichtpädophile). Heute sind wir in dieser Phase. Trotzdem erwarte ich eine positive Seite dieses Tabubruchs, nämlich dass dadurch um Objektivität besorgte Fachleute aufgeweckt werden und endlich auf dem Gebiet der Pädophilie ernsthaft zu forschen beginnen, etwas, was Extremisten unter den so genannten Kinderschützern fürchten (Beispiele: Die Kampagnen gegen die fundierte Grossuntersuchung von Rind, Tromovitch, Bauserman oder die Untersuchungen von Rüdiger Lautmann in: "Die Lust am Kind"). Das Wissen um das Phänomen und besonders auch um die Auswirkungen von sexuellen Handlungen auf Kinder ist vorläufig noch gering, und das Wissen, das vorhanden ist, wird nicht verbreitet. So gibt es auch Fachleute, die lieber Vorurteile repetieren, als sich ernsthaft mit diesen Resultaten zu beschäftigen oder eigene Forschung zu betreiben. Durch den Bruch des Tabus wird dies jedoch langfristig wissenschaftlich nicht mehr haltbar sein.
Was wurde aber an Negativem durch diese Kampagne ausgelöst?
Vielen Kindern und Jugendlichen wird wieder weitgehend ein negatives Bild der Sexualität vermittelt. Sexualität ist hauptsächlich gefährlich und Furcht erregend, gekoppelt mit Kriminalität, Polizei und Missbrauch. Zudem wird Liebe von Sex getrennt. So flösst man dem Kind ein: Wer dich lieb hat, unterlässt sexuelle Handlungen mit dir. Wer Sex mit dir will, hat dich nicht lieb. Wenn diese Haltung verinnerlicht wird, hat das schlimme Auswirkungen auf das spätere erwachsene Sexualleben.
Die vielen Tausenden von sexuellen Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen, die nur schon in der Schweiz vorkommen, werden durch das heutige aufgeheizte Klima noch mehr in die Heimlichkeit gedrängt. Kinder getrauen sich noch weniger als früher, sich Eltern oder Vertrauenspersonen zu offenbaren, aus Angst vor dem Skandal und der verantwortungslosen Berichterstattung.
Hierzu gehören auch vermehrte polizeiliche Untersuchungen bei blossen Vermutungen und vermeintlichen Vergehen. Jede polizeiliche Untersuchung, auch wenn sie noch so feinfühlend durchgeführt wird, ist ein Trauma für die Kinder, meist der grössere Schaden als das Vorkommnis selbst (Auch das gehörte ins Opferschutzgesetz). Nicht umsonst raten heute in der Schweiz sogar Kinderschutzgruppen in der Mehrzahl der Fälle von Verzeigung ab. So z.B. Castagna (Aussage im Zischtigsclub vom 17.5.00, "Missbrauch in der Schule"). Auch Mira (Fachstelle und Verein zur Prävention sexueller Ausbeutung im Freizeitbereich) setzt heute mehr auf Gespräch und Therapie und sogar auf Integration der Täter als auf polizeiliche Untersuchungen ("Tages-Anzeiger" vom 28.8.00, "Vereine schauen noch immer weg").
Vermehrt wird die Vermutung des Kindsmissbrauchs bei Scheidungen als Waffe zur Befriedigung der Rache und zur Verhinderung des Besuchsrechts des Vaters eingesetzt. Der Wahrheitsgehalt ist oft schwer überprüfbar.
Lehrer und Erzieher müssen immer mehr Angst vor falschen Anschuldigungen rach- oder geltungssüchtiger (meist ehemaliger) Schüler haben (Missbrauch des sexuellen Missbrauchs - ein Tabuthema). Falsche Anschuldigungen können sich heute auch finanziell lohnen (Genugtuungssummen). Die früher üblichen Gespräche bei Schulschwierigkeiten zwischen Schüler/-in und Lehrer nach der Stunde verweigern heute manche Lehrer oder führen sie nur in Beisein von Dritten oder mit andern "Sicherheitsmassnahmen" durch, z.B. nur bei offener Tür. Ein schwerer Verlust für das Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Erziehern (Heimerzieher bedauern den Verlust an Intimität).
Es besteht die Gefahr, dass wir laufend weniger männliche Lehrer, Sporttrainer und Erzieher haben. Wenn gerade die Motiviertesten unter ihnen ständig befürchten müssen, als potenzielle Missbraucher verdächtigt zu werden, verlieren diese Berufe und Tätigkeiten an Attraktion. Nachdem Jungen schon im familiären Umkreis hauptsächlich von Frauen umgeben sind, geschieht dasselbe jetzt auch noch in Schule und Vereinen. Daraus entwickeln sich die uns bekannten gestörten Verhaltensweisen.
Eltern, die verunsichert sind und sich kaum mehr getrauen, körperliche Zärtlichkeit mit den Kindern auszutauschen oder mit den Kindern gemeinsam zu Hause zu baden.
Schlimme Auswirkungen sehe ich auch in der durch dieses Klima unterstützten wachsenden Distanz zwischen Kindern und der Erwachsenenwelt. Kinder werden ausserhalb der Familie praktisch von den Erwachsenen abgeschottet. Es geht so weit, dass man ihnen beibringt, sofort wegzuschauen, wenn ein Erwachsener sie anblickt. So wird unsere Jugend weitgehend der Erfahrung mit Erwachsenen ausserhalb von Familie und Schule beraubt, sie lernt auch nicht, sich mit angeblichen oder wirklichen Gefahren, die von diesen Erwachsenen ausgehen, auseinander zu setzen. Sind es nicht gerade auch diese Isolation und Überbehütetheit, dieser Mangel an selbst gemachten Erfahrungen und selbst gewählten Vorbildern, die sie dann dank Unerfahrenheit und aus Langeweile offen für Extremismus und Drogen machen?
Wer viel reist, weiss, nirgends auf der Welt gibt es so wenige lachende und fröhliche Kindergesichter wie bei uns. Aber gerade wir unterschieben andern Völkern, ihre Traditionen seien falsch, indem wir sie auffordern, ihre Sicht und ihre Gesetze in Bezug auf Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern den unseren anzupassen. Eine wahrlich arrogante Haltung.
Durch die vorgesehene unvernünftige Verlängerung der Verjährungsfrist von sexuellen Handlungen an Kindern auf über 30 Jahre (die absolute Verjährung tritt 15 Jahre nach dem 18. Altersjahr des Opfers ein, Mord verjährt nach 20 Jahren!) wächst die Gefahr der Verurteilung Unschuldiger extrem. Es steigt auch die Möglichkeit, dass der wirkliche Täter freigesprochen werden muss, weil ihm die Taten nicht mehr nachgewiesen werden können, und das Opfer so erst recht keine Genugtuung mehr erfährt.
Psychotherapien, besonders von Frauen, enden oft in Sackgassen, indem die Schwierigkeiten im Erwachsenenleben alle einem vermeintlichen oder tatsächlichen sexuellen Missbrauch in der Kindheit angelastet werden.
Nicht zuletzt sei hier auch die Verzweiflung pädophil fühlender Menschen erwähnt. Die Suizide in dieser Gruppe häufen sich. Es sind oft junge, z.T. noch minderjährige Pädophile, die noch nie einen sexuellen Kontakt hatten, die das herrschende Klima, in dem sie als Untermenschen stigmatisiert werden, nicht mehr ertragen können und nur noch diesen Ausweg sehen. Frank Urbaniok, Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kt. Zürich: "Weil diese Täter die Sündenbock- und Verdrängungsfunktion übernehmen müssen, kann die Bevölkerung die Augen vor dem Problem verschliessen." - Mario Etzensberger, Chefarzt der Aargauer Psychiatrischen Klinik Königsfelden, meint gar: "Die Pädosexuellen sind die Hexen der heutigen Gesellschaft." (Sonntags-Zeitung, 27.8.00) Er meint damit: Die Verfolgung dieser Menschengruppe gleicht heute einer mittelalterlichen Hexenjagd. (s. a. Am Pranger, Weltwoche vom 7.9.00)
In Wirklichkeit erfolgen die meisten sexuellen Missbrauchshandlungen an Kindern durch Nichtpädophile in Familien (Ersatzhandlungen von unter sexuellem Druck stehenden Vätern und Verwandten, die einfach das am leichtesten erreichbare Opfer suchen, ohne dabei pädophile Gefühle zu haben): Täglich eine Kindsmisshandlung meldet das Kinderspital Zürich: Opfer sind vor allem Kinder zwischen 1 und 7 Jahren, und vor allem geht es um sexuellen Missbrauch, dem doppelt so viele Mädchen wie Knaben zum Opfer fallen. Die Täter sind in den meisten Fällen die Väter. ("Tages-Anzeiger", 7.6.00) Dr. Ulrich Lips, leitender Arzt des Kinderspitals: "1997 hatten wir 355 Fälle von Kindsmisshandlung am Kinderspital, doppelt so viele wie noch 1995. 160 davon betrafen sexuellen Missbrauch, zu 80% innerhalb der Familie." (TV-Sendung Arena, 8.6.95).
Fast alle Schäden an Kindern, die dokumentiert und in den verschiedenen Veranstaltungen gegen den sexuellen Missbrauch besprochen werden, stammen aus solchen Verhältnissen oder aus Beispielen mit offensichtlicher Gewaltanwendung. In den Schlussfolgerungen werden sie dann aber den Pädophilen angelastet. Eine unstatthafte Vermischung.
Wenn man all das Negative vor sich sieht, das die Missbrauchskampagne hervorgerufen hat, muss man sich fragen, weshalb sie dann nicht gestoppt wurde. Ganz einfach: Es haben die gegensätzlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen aus dieser Kampagne politisches und propagandistisches Kapital geschlagen:
"Kennzeichen einer Hysterie ist immer auch eine Interessenkonvergenz, die sich auf eine soziale Gruppe hin zuspitzt." (Michael Grieseme in seiner Selbstbeschreibung auf ITP-Arcados).
Wenn man Leute aus Kinderschutzkreisen auf die Auswirkungen ihrer Kampagnen auf Pädophile anspricht, hört man oft: "Wir konnten uns doch bei unserer Aufklärungsarbeit nicht auch noch um die Pädophilen kümmern."
Doch! Gerade dies wäre der Ausweg aus der jetzigen traurigen Situation und eine neue, Erfolg versprechendere Strategie. Ich möchte später darstellen, wie man dadurch sexuellen Missbrauch in viel grösserem Umfang verhüten und dort, wo es nicht möglich war, mindestens dessen schädliche Auswirkungen auf die Kinder vermindern könnte.
Schärfere Bestrafung ist Pseudoprävention und kontraproduktiv
Kinderschutzkreise glaubten bis vor kurzem (und glauben teilweise heute noch), die Verschärfung des Strafrechts und die Verhaftung möglichst aller Täter sei ein wichtiges Mittel zur Verhinderung von Missbrauch.
Laut Aussagen von Kinderschutzkreisen wird etwa jeder 7. Junge in der Schweiz missbraucht. Da in der Schweiz etwa 500'000 Knaben im Alter zwischen 6 und 16 leben, wären dies also 80'000. Ich halte diese Schätzung zwar für übertrieben, aber auch wenn es nur halb so viele wären, sieht man sofort, mit einigen Verhaftungen mehr pro Jahr ist diesem Problem nicht beizukommen. Auch das Internet (d.h. der rege Zuspruch, den Webseiten pädophilen Inhalts oder zum Thema Pädophilie erfahren) lässt uns etwas von der Grössenordnung erahnen. Es wird uns dazu veranlassen, in Zukunft die Situation etwas realistischer anzugehen und auch wirksamere und wirklichkeitsnähere Strategien zu suchen. Eine auf die Schweiz bezogene Homepage mit Informationen über Pädophilie (www.arcados .ch), eine ziemlich intellektuell und weitgehend ohne Bilder gestaltete Internetseite, die doch eher nur die elitäre Schicht der Pädophilen anspricht, wird von 6000 verschiedenen Personen pro Monat angewählt.
Durch das Internet werden wir erst langsam gewahr, um welche Grössenordnungen es geht, wenn wir das Problem der sexuellen Anziehung von Kindern auf Erwachsene und den Missbrauch von Kindern angehen wollen. Sicher ist das mit strafrechtlichen Massnahmen allein nicht lösbar.
Durch schärfere Strafen werden die Vorkommnisse und die Beteiligten noch mehr in den Untergrund gedrängt, es werden unkontrollierbare Aggressionen gefördert, die sich in Perversionen umschlagen können. Der Öffentlichkeit wird vorgegaukelt, man tue damit etwas gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern und dadurch müssten echte Massnahmen (wie ich sie nun vorschlage) nicht ergriffen werden.
Zu glauben, strafrechtliche Massnahmen wirkten im sexuellen Bereich auf gesunde Pädophile im grossen Umfang präventiv, ist ein fataler Irrtum. Der Sexualtrieb ist ein so starker und primärer Trieb, dass er sich durch Verbote nicht einschränken lässt. Die Wirkung ist etwa so, wie wenn man einer Gruppe von Menschen das Essen durch Gesetz verbieten würde. Wir wissen ja, die katholische Kirche drohte jahrhundertelang mit der schärfsten erdenklichen Strafe von ewigen Höllenqualen (also viel schlimmer als Gefängnis), und trotzdem onanierten alle gesunden katholischen Jungen.
Bei dieser Überlegung ist zu beachten, dass die meisten Pädophilen überhaupt kein Interesse an sexuellen Kontakten zu Erwachsenen haben und dass dies ein Umstand ist, der unveränderlich und therapieresistent ist.
Prävention durch die Stärkung des Selbstbestimmungsrechts der Kinder und Jugendlichen
Das Wichtigste ist eindeutig die Stärkung der Selbstbestimmung der älteren Kinder und der Jugendlichen über ihren Körper, ihre Liebes- und Zärtlichkeitsgefühle. Das ist die tragendste Säule der Prävention. Kinder müssen wissen, dass sie einem Erwachsen gegenüber Nein sagen dürfen, wenn sie etwas nicht wollen, aber - und hier provoziere ich natürlich - sie müssen auch Ja sagen dürfen, wenn sie etwas wollen. Es gibt keine Erziehung zur Selbstbestimmung, wenn diese Wahl von den Erwachsenen getroffen wird! Was viele eben nicht wahrhaben wollen, ist trotzdem Realität: Es gibt Kinder und besonders auch Jugendliche, die Sexualität mit Erwachsenen wollen, dies wissen wir sicher aus mehreren von uns genau beobachteten und hinterfragten Beziehungen. Dies zu verleugnen, macht die Erwachsenen unglaubhaft, Kinder wissen um ihre Gefühle!
Ein Kind muss lernen zu unterscheiden, ob es eine sexuelle Beziehung aus eigener Freude und eigenem Bedürfnis eingeht oder ob es um das Verdanken ihm entgegengebrachter Liebe (oder Geschenke) geht.
Obwohl dieses Kapitel das Wichtigste ist, ist es das kürzeste. Es gibt jedoch schon genug Literatur. wie man Kinder zur Selbstbestimmung erzieht. Die bekannten Theorien müssten nur konsequent angewendet und die Erziehung zur Eigenentscheidungsfähigkeit im sexuellen Bereich nicht ausgespart werden.
Prävention durch die Stärkung des Verantwortungsbewusstseins der Pädophilen
Die zweite Säule der Prävention wäre die Stärkung des Verantwortungsbewusstseins und die Erweiterung der Erlebnis- und Beziehungsfähigkeit bei Pädophilen. Hierzu geeignet sind psychologische Beratungsgespräche und Therapien, aber auch durch nichtpädophile Supervisoren geleitete Selbsterfahrungsgruppen. (Im Ausland sind die ersten positiven Erfahrung gemacht, in der Schweiz hoffen wir auf ein baldiges Projekt.
Wenn ich an Präventionstherapie denke, muss ich zuerst beschreiben, an welche Gruppe Pädophiler ich vorerst hauptsächlich denke:
Es sind die Tausenden von unauffälligen Pädophilen, die, weil sie unauffällig und meist auch jung sind, nur in Ausnahmefällen mit der Justiz in Berührung kommen. Nach meiner Erfahrung (und diese wird bestätigt, wenn man die einschlägigen Chat-Foren im Internet verfolgt) sind dies hauptsächlich junge Männer zwischen 17 und 30 Jahren, darunter Berufsleute aller Art, aber auffallend viele Mittelschüler, Studenten aller Fakultäten, Lehrerseminaristen, Leiter von Sport- und Jugendgruppen. Ganz besonders berühren mich jeweils die ganz Jungen (manchmal 15-Jährigen!), die diese Neigung bei sich entdecken und gewahr werden, dass sie jetzt (wie sie es meist sehen, durch eine Laune der Natur) zur meist verachteten Gruppe der Menschheit gehören und völlig allein gelassen werden.
Prävention durch Therapie und Beratungsangebote
Zum vornherein: Eine Wegtherapierung der Pädophilie ist nicht möglich, sie ist zu tief im Kern der Person verankert. Die Anbietung solcher Therapien ist daher meines Erachtens ebenso unehrlich wie unprofessionell. In der Arena-Sendung von TV DRS vom 8.5.98 sagte Frank Urbaniok: "Bei Kern-Pädophilen ist Heilung nicht möglich, aber ein kontrolliertes Leben mit der Verantwortung."
Auch Therapien, die als Ziel den Verzicht auf sexuelle Handlungen postulieren, sind als Präventions-strategie ungeeignet, denn der grösste Teil der Pädophilen (nicht alle) lehnt dieses Ansinnen ab. Da der überwiegende Teil der Pädophilen keine erotische und sexuelle Anziehung gegenüber Erwachsenen spürt, würde das für die meisten Betroffenen, gerade wenn sie ehrlich mit sich selber sind, nicht nur Verzicht auf Sexualität, sondern Verzicht auf jede Liebesbeziehung und damit auf ein lebenswertes Leben bedeuten. Nur wer selbst vielleicht einmal eine lange Periode ohne Zärtlichkeit erlebt hat, kann ermessen, was da eigentlich gefordert wird. Eingetauscht wird nämlich ein Gefühl der Leere und unweigerlich ein Abgleiten in die Depression. Krankheit kann doch nicht Ziel einer Therapie sein! Eine solche Forderung an einen jungen Menschen zu stellen, scheint mir eine Ungeheuerlichkeit. Anders verhält es sich, wenn sich diese Haltung im Verlaufe einer Therapie (oder einer Lebenserfahrung) als seine persönliche Bewältigung des Problems selbst entwickelt. Aber für so etwas sind nur wenige geboren...
Es gibt auch Therapeuten (besonders in der Therapie von Gefängnisinsassen), die das starke Liebesgefühl von Pädos den Kindern gegenüber als Mittel zur Forderung des Sexualverzichts einsetzen. Weil Pädos im Allgemeinen nicht daran glauben, dass sie durch sexuelle Handlungen Kindern Schaden zufügen, erklären diese Therapeuten, dass sie sich ja in dieser Annahme auch irren könnten. Sie versuchen dann ihre Klienten so weit zu bringen, dass diese am Schluss sagen: "Auch wenn ich nur im Entferntesten mit der Möglichkeit rechnen muss, dass ich einem Kinde auch schaden könnte, muss ich das ausschliessen und muss daher jede sexuelle Handlung unterlassen." Ich befürchte, dass eine solche Einsicht nicht lange hält. Wenn man nämlich im Leben alles unterlassen müsste, was nur die geringste Möglichkeit beinhaltet, einem Kind ohne jede Absicht zu schaden, dürfte kein Lehrer mehr unterrichten und schon gar niemand mehr Auto fahren. Und wenn ich an all die Gruppentherapien denke, die ich beobachtet habe, wo die durch die Eltern verursachten Schäden fast Hauptgesprächsstoff bildeten, dürften - wenn es nach dieser Logik ginge - keine Ehepaare mehr Kinder zeugen!
Wenn wir also wissen, dass wir durch all die beschriebenen Massnahmen sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen nicht verhindern können und diese in sehr grosser Anzahl stattfinden, müssen wir einsehen, dass Massnahmen zur Schadensbegrenzung bei sexuellen Handlungen wohl die wirksamsten sind.
Die Maximalforderung, Prävention müsse nur auf die Verhinderung von sexuellen Handlungen mit Kindern ausgerichtet sein, tönt zwar, wie alle einfachen Lösungen, sehr schön, geht aber an der menschlichen Wirklichkeit vorbei. Als Resultat hat man allenfalls ein paar Verhaftungen und Suizide von Pädophilen pro Jahr mehr. Wie beschrieben: Angesichts der Breite dieses Phänomens und der Tausenden von Kontakten zwischen Kindern und Erwachsenen, nur schon in unserem Lande, eine nicht sinnvolle Strategie!
Als weitere Folge dieser verfehlten Forderung resultiert eine sehr grosse Anzahl von Pädophilen, die ihre Lebensweise verstecken, und von Kindern, die über das, was sie erleben, mit ihren Eltern nicht sprechen können - weil sie ihren älteren Freund nicht ins Gefängnis bringen wollen. Zugleich aber erleben sie, dass das Bild vom "hässlichen Kinderschänder", wie es ihnen von der Erwachsenenwelt und den Medien übermittelt wird, nicht mit ihren Erfahrungen übereinstimmt.
Ich denke, eine bessere Strategie wäre, dahin zu wirken, dass möglichst viele dieser Kontakte für die Kinder besser, d.h. mit weniger Schaden oder sogar ohne Schaden, ablaufen. (Das ist durchaus keine wirklichkeitsfremde Hoffnung, wenn man die Untersuchungsergebnisse von Rind, Tromovitch und Bauserman in Betracht zieht).
Man mag dies Schadensbegrenzung nennen. Genau wie in der Drogenpolitik wird man aber einsehen müssen, dass man mit der Haltung "alles oder nichts" für die Tausenden von Kindern, die in heimlicher Beziehung mit einem Pädophilen leben, gar nichts erreicht.
Konkret heisst das:
Es heisst aber auch:
Was kann durch Therapie und andere psychologische und soziale Massnahmen erreicht werden?
Grundsätzlich unterscheidet sich die therapeutische Haltung, die auch bei Pädophilen zum Erfolg einer Therapie führt, nicht von der allgemeinen therapeutischen Grundhaltung. Echte Empathie und Ehrlichkeit sind auch hier Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Prozess. Gerade das Akzeptieren seiner besonderen Persönlichkeit und das Verständnis für ihn sind der Nährboden, auf dem sich seine Möglichkeiten (im sexuellen, aber auch in andern Bereichen) erweitern und verbreitern können.
Wie bei andern Klienten ist es oft sinnvoll, die Zentrierung auf die Hauptproblematik (hier Sexualität) etwas zu erweitern und auch andere Aspekte seines Lebens etwas mehr ins Gespräch zu rücken, z.B. die Beziehungen zur Familie und zu andern Erwachsenen. Durch die heutige gesellschaftliche Situation getraut sich der Pädophile noch weniger als früher, sich seinen engsten Freunden anzuvertrauen. Weil er nirgends über das, was ihn wirklich bewegt, sprechen kann, laufen diese Beziehungen oft tot. Dadurch dreht sich sein ganzes Denken und Streben noch mehr nur um eine reale oder herbeigesehnte Beziehung zu einem Kind. Je kränker Pädophile sind, desto mehr können sie Kindern schaden. Im Extremfall können Isolation und Gefühlsstau zu Perversionen führen, Perversionen, die an Kindern ganz Abscheuliches anrichten können.
Die heutige Situation hindert den Pädophilen oft, eigene Schwächen und Mängel zu erkennen. Er erliegt dann manchmal der Versuchung, seine Probleme (z.B. Kontaktschwierigkeiten, Verklemmtsein, Elterngebundenheit) nur auf die gesellschaftliche Ächtung zurückzuführen. Oft gelingt es in einem therapeutischen Prozess, dass der Klient sich ausgesuchten erwachsenen Freunden zu öffnen beginnt. Ein zwar gewagter, aber meist sehr heilsamer Schritt. Das Mitmachen in einer (möglichst von einem nichtpädophilen Supervisor begleiteten) Selbsthilfegruppe oder nur schon in einem Internet-Chat kann ein wichtiger Schritt dazu sein. Es sollte aber nicht bei dem bleiben, sonst besteht die Gefahr der Isolierung im Ghetto.
So wie ich Therapie verstehe, widerspricht die Vorgabe eines Ziels (z.B. Einhaltung der Schutzaltersgrenze oder sexuelle Abstinenz) der therapeutischen Grundhaltung, ausser dieses Ziel sei vom Klienten selbst gesetzt worden. Nur der Klient selbst kann Lösungen für seine Probleme finden. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, ihm dabei durch geeignete Techniken, allenfalls durch kritisches Nachfragen und Infragestellen eingeschliffener Abwehrsysteme zu helfen.
Hier soll er besonders die Seite des Kindes in die Therapie einbringen. Pädophile neigen dazu, ihre Beziehungen zu Kindern und Jugendlichen zu idealisieren. Gerade der ganz junge und verliebte Pädophile erkennt oft in seinem Streben nach Zärtlichkeit und Sexualität nur reine Zuneigung. Genau wie andere Verliebte verwechselt er dann die eigenen Bedürfnisse mit denjenigen des Kindes. Hier kann der Therapeut differenzieren, etwas Ordnung ins Chaos bringen. Hier ist es oft sinnvoll, dem Klienten auch das vorhandene strukturelle Machtgefälle (um einmal dieses Schlagwort zu benützen) bewusst zu machen.
Hat man zum Klienten ein echtes Vertrauensverhältnis aufgebaut, nimmt man dann manchmal als Erster wahr, wenn ein Jugendlicher sich wieder von seinem älteren Freund abzulösen beginnt. Aus Verlustangst laufen die erwachsenen Liebhaber Gefahr, das schlimmste Druckmittel einzusetzen, indem sie versuchen, beim Jugendlichen Schuldgefühle zu wecken. Hier dem Pädophilen aufzuzeigen, welche Machtmittel er (in seiner Ohnmacht!) einzusetzen versucht, ist Aufgabe des Therapeuten. Das ist eine der Phasen, wo am ehesten Schädigungen beim Jugendlichen eintreten (übrigens ganz gleich, ob die beiden sexuelle Beziehungen hatten oder nicht!).
Ich staune überhaupt, wie ausgerechnet feministisch beeinflusste Gruppierungen die Schädigungen immer auf sexuelle Handlungen fokussieren. (Die Ideologie dieser Gruppen ist leider stark von der bigotten Mentalität des amerikanischen Puritanismus beeinflusst, wo die ganze Missbrauchskampagne ihre Wurzeln hat). Als Beispiel sei nur der Fall Raoul Wüthrich erwähnt.
Bei einer bestehenden Beziehung zwischen dem Klienten und einem Jugendlichen wäre der Einbezug der Eltern in das therapeutische Gespräch natürlich der Idealfall. Ich habe das früher erlebt. Eltern konnten so die Beziehung begleiten, ihre Antennen ausstrecken und wenn nötig einschreiten.
Das ist leider in der heutigen Atmosphäre fast nicht mehr möglich. Ich hoffe, dass sich das wieder ändert, denn besonders diese Strategie würde zur Prävention gehören. Immer vor Augen, dass ich nicht von Gewaltfällen oder Inzest spreche. Was nützt wohl dem Kinde mehr: diese Gespräche oder das polizeiliche Einschreiten mit Schlagzeilen in der Presse?
Und nun die gesetzliche Situation. Hier muss das Dilemma von Berater und Therapeut anerkannt werden. Der Therapeut darf nicht Vollstrecker von gesellschaftlichen und moralischen Zielsetzungen sein, umso mehr als man weiss, dass andere Kulturen sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Minderjährigen ganz anders bewerten, ohne dass bekannt ist, dass dort die Jugend deshalb problembehafteter wäre. Anderseits darf der Therapeut auch keine Gesetzesübertretungen unterstützen. Wichtig ist, dass der Pädophile hier zu einer bewussten eigenen Entscheidung geführt wird, wie er sich verhalten will, und dass in dieser Entscheidung das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen Vorrang hat.
Den Leuten, die wirklich das Ziel haben, mitzuhelfen, dass in Zukunft weniger Kinder (und auch Pädophile) Schaden erleiden, ergeht es ähnlich wie den Pionieren in der Drogenpolitik. Sie müssen sich mit neuen Konzepten etwas weit aus dem Fenster lehnen. Wenn man aber das Fiasko der bisherigen Politik, die leider mehr durch Ideologie als Sachverstand geprägt ist, ansieht, ist das eine unumgängliche Notwendigkeit, um wirkliche Fortschritte zu erreichen.
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