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Wissenschaft

Über die Tragik pädophiler Männer

Nach einem Vortrag, gehalten von Prof. Dr. Gunter Schmidt auf der Tagung "Psychosoziale Aspekte der Pädophilie" der Gesellschaft für Sexualwissenschaft am 23. Januar 1999 in Leipzig.

Die Debatte ist hitzig. Der Grat, auf dem wir uns meist überaus unvorsichtig bewegen, ist schmal, der Grat zwischen Verharmlosung und Katastrophierung. Fast jeder kippt auf der einen oder anderen Seite in den Abgrund. Die Neigung zur Polarisierung und Entdifferenzierung ist groß. Alle Argumente sind vorgetragen, wieder und wieder. In der Regel schlägt man sie sich um Ohren, die längst hochgeklappt sind.

Verharmloser und Katastrophierer, um von Anfang an meine Feindbilder in dieser Debatte kenntlich zu machen, verzerren gleichermaßen die Realität der Kinder, die in sexuelle Kontakte mit Erwachsenen geraten, kolonisieren deren Erfahrung, Erinnerung und Bewertung. Unser Ziel muß sein, diesen Kindern ihre Realität zu lassen oder sie ihnen wiederzugeben. Eine Voraussetzung dafür scheint mir zu sein, die ineinander verstrickten moralischen Diskurse wieder zu entwirren, d. h. moralische und klinische Aspekte klar zu unterscheiden und zu trennen. Das erfordert, moralisch zu argumentieren, wo es um Moral geht, und klinisch zu argumentieren, wo es um Traumatisierung geht. Unterlassen werden sollte aber, moralische Urteile mit klinisch-expertokratischem Vokabular zu tarnen, sich dahinter mit schlechtem priesterlichem Gestus zu verschanzen. Der Terminus "sexueller Mißbrauch" und seine Geschichte in den letzten 20 Jahren ist für mich Ausdruck der Vermischung der Ebenen: Was unerwünscht ist, schädigt, und weil es schädigt, ist es unerwünscht. Für die nichtwissenschaftliche Öffentlichkeit - vom Stammtisch bis zum Moderator und zur Moderatorin der "Tagesthemen" - vermischt sich Moral- und Schädigungsdiskurs in der wieder auferstandenen Figur des "Kinderschänders".

Meinem Versuch, die verschobenen Ebenen zu entzerren, möchte ich meine Definition des Pädophilen vorausschicken, damit deutlich wird, worüber ich rede. Pädophile sind Männer, deren sexuelle Wünsche und deren Wünsche nach Beziehung und Liebe vorrangig oder ausschließlich auf vorpubertäre Kinder gerichtet sind, wobei diese drei Bereiche - Sexualität, Beziehung, Liebe - wie bei anderen Menschen auch unterschiedlich gewichtet sein können. Die Gruppe ist sehr heterogen in Bezug auf das, was Pädophile begehren und was sie machen. Sie begehren Jungen oder Mädchen, unterschiedliche Altersgruppen, präferieren unterschiedliche sexuelle Praktiken (von der Exhibition bis zur Penetration); einige haben flüchtige Kontakte mit vielen Kindern, andere wollen - mal fürsorgliche, mal manipulative - langfristige Partnerschaften; viele sind rücksichtsvoll gegenüber Kindern, andere üben Zwang, sehr wenige Gewalt aus; einige bedienen sich des mafiös strukturierten freien Marktes, der die verbotenen Sexualitäten, nicht nur die mit Kindern, brutalisiert (Kinderpornos, Kindertausch, Kinderprostitution); andere, eine unbekannte Zahl, vielleicht sogar die meisten Pädophilen, sind lebenslang oder über lange Perioden hinweg abstinent, belassen ihre Wünsche in der Phantasie und führen mit großem seelischem Aufwand ein verzichtreiches Leben. Kurz, Pädophilie ist eine Sexualform, die, wie Hetero- und Homosexualität, sehr unterschiedliche Erscheinungsformen hat. Dennoch besteht ein prinzipieller Unterschied: Es geht um einen Erwachsenen und ein Kind, nicht wie bei Hetero- und Homosexualität um in etwa gleich starke Partner, sondern um ungleich starke. Und dieses Machtungleichgewicht gefährdet die sexuelle Selbstbestimmung des Kindes, droht sie zu überfahren.

Damit sind wir unversehens beim moralischen Diskurs angelangt, besser bei den moralischen Diskursen, denn es gibt mindestens zwei, und auch die sind strikt auseinanderzuhalten. Ihre Verfechter haben nicht viel miteinander im Sinn. Der erste dieser Diskurse ist der traditionelle, ich nenne ihn den Kinderschänderdiskurs. Er ist dumpf, affektgeladen, nivellierend, vorurteilsfreudig und antiaufklärerisch. Pädophile Handlungen gelten ihm allesamt als gefährlich, schändlich. Ihm zufolge sind alle Pädophilen gewalttätig, erpresserisch, bestenfalls psychopathisch-manipulative Kriminelle. Dieser Diskurs ist alt, schon Albert Moll und Alfred Kinsey haben ihn beklagt. Die Figur des Kinderschänders ist unverwüstlich, nur der Schaden, der ihm zugeschrieben wird, hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts geändert: Hinterließ er früher moralische Verwüstungen und sittliche Verwahrlosung, so sind es heute psychische Verwüstungen und Seelentode.

Das Ungeschlachte dieses Diskurses verführt leicht dazu, moralische Überlegungen zum Thema prinzipiell als "von gestern" abzutun und den zweiten moralischen Diskurs zu übersehen, der die gesellschaftliche Situation der Pädophilen heute vermutlich schon sehr viel stärker beeinflußt und verschärft als das laute Getöse der Stammtischmoralisten. Dieser Diskurs basiert auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens. Es ist ein aufgeklärter moralischer Diskurs, der gerade auch in liberalen Gruppen virulent ist, die früher eher zurückhaltend und nachsichtig in ihrer Beurteilung der Pädophilen waren: Ich meine den Selbstbestimmungsdiskurs, der die Bewertung sexueller Handlungen heute dominiert.

Die traditionelle Sexualmoral, die Akte (also: vorehelichen, außerehelichen, gleichgeschlechtlichen, Oral-, Verhütungsverkehr usw.) per se, also unabhängig von ihrem Kontext, als "schlecht" bewertete, verschwindet, sie kann als abgeschafft gelten. Ersetzt wird sie durch eine Moral des Konsenses, d.h., als sexuell erlaubt gilt alles, was zwei (oder auch mal mehr) gleich starke und verhandlungsfähige Partner miteinander ausmachen und wollen. Bewertet werden nicht mehr sexuelle Akte, sondern die Art und Weise ihres Zustandekommens. Man kann deshalb von einer Verhandlungs- oder Interaktionsmoral sprechen.

Verhandlungsmoral ist ein Teil einer sexualpolitischen Vision, die englische Soziologen Intimate Citizenship nennen. Dieser schwer zu übersetzende Begriff beschreibt eine auch im Sexuellen zivile und demokratische, radikal pluralistische Gesellschaft, in der gleichberechtigte Individuen "Intimität" - sexuelle Vorlieben und Orientierungen, Beziehungsformen und Formen der Kinderaufzucht, Versionen von Männlichkeit und Weiblichkeit - selbstbestimmt und die Grenzen anderer achtend leben und regeln. Vielfalt und Differenz der Lebensformen werden bejaht, Achtung der Autonomie des anderen als unverzichtbar gewertet.

Während fast alle sexuellen Besonderheiten, z. B. der Sadomasochismus, im Schutze der Intimate Citizenship gelassener beurteilt werden als noch vor 20 Jahren und den Status eines sexuellen Lebensstils statt einer sexuellen Verfehlung erhalten haben, geraten Pädophile im Gegensatz dazu immer stärker unter Druck, weil sie wegen des Machtungleichgewichts von Erwachsenem und Kind die Verhandlungsmoral, offenbar inhärent, verfehlen. Sie werden heute, als Folge eines aufgeklärten, demokratischen moralischen Diskurses, der, wie gesagt, gerade die Sexualliberalen erreicht und beeinflußt, unnachsichtiger ausgespäht und verfolgt als früher.

Die zentrale Frage ist: Verfehlt die Pädophilie Verhandlungsmoral und Intimate Citizenship unausweichlich? Das ist keine Frage dort, wo Gewalt, Zwang, Erpressung, emotionale Manipulation angewendet werden. Wir müssen das Problem also zuspitzen: Kann es zwischen Erwachsenen und Kindern überhaupt sexuellen Konsens geben? Dieses bejahen viele Pädophile, und sie argumentieren etwa so: "Ich will nur das, was das Kind will; es ist für mich nur schön, wenn das Kind es schön findet." Diese Botschaft hört man in vielen Versionen. In zahlreichen Gesprächen mit pädophilen Ratsuchenden und Patienten hatte ich selten Zweifel an der subjektiven Wahrheit dieser Aussage, auch deshalb nicht, weil viele homosexuelle Pädophile eine identifikatorische Beziehung zum Kind haben. Doch ich bin skeptischer als Rüdiger Lautmann, ob das auch der subjektiven Wahrheit des Kindes entspricht. In seiner Interviewstudie an 60 Pädophilen untersucht Lautmann (1994) ausführlich die Frage des Konsenses und attestiert vielen der von ihm Befragten vorsichtig "eine sorgfältig entwickelte Konsensstrategie" und fragt, ob es nicht doch "sexuelle Verträge (!) zwischen den Generationen" geben könne. Ich glaube, daß Lautmann zu diesem Schluß kommen kann, weil er bei seinen Analysen zu sehr auf den Handlungsablauf schaut und den sozialen und psychischen Kontext, in dem diese Handlungen für den Erwachsenen und das Kind stehen, ausblendet oder zu wenig berücksichtigt.

Ich will das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ein Mann fragt einen 10-jährigen Jungen aus der Nachbarschaft, den er schon länger kennt, ob er ihm nicht mal seine elektrische Eisenbahn zeigen soll. Der Junge stimmt begeistert zu. Nach einer Weile gemeinsamen Spiels sagt der Mann, sein Rücken sei so verspannt vom Rumsitzen auf dem Fußboden, und fragt den Jungen, ob er ihn nicht mal massieren könnte. Der Junge macht das, er massiert auch manchmal seinen Vater, und der hat das auch gerne. Das Massieren sei noch wirksamer, sagt der Mann nach einer kurzen Zeit, wenn er sich das Hemd ausziehe. Auch dagegen hat der Junge nichts. Als der Mann ihn danach fragt, ob auch er massiert werden wolle, lehnt der Junge ab. Er spielt noch eine Weile mit der Eisenbahn, dann verabschiedet er sich und geht nach Hause.

In dieser Szene ist offenbar nichts gegen den Willen des Jungen geschehen, sein "Nein" wird ohne Drängelei respektiert. Auf der Ebene des Verhaltens ist das scheinbar eine konsensuelle Sequenz. Doch wenn wir den sozialen Kontext betrachten, die Bedeutungen der Handlungen von beiden Protagonisten einbeziehen, so erkennen wir rasch, daß sich beide in verschiedenen Szenarien bewegen. Das heißt, daß das, worüber sie sich scheinbar verständigen, für beide etwas ganz anderes bedeutet, also gar keine Verständigung sein kann. Man muß im gleichen Stück spielen, um Konsens bilden zu können. Der Junge will mit der Eisenbahn spielen, der Mann will Zärtlichkeit und Sex mit dem Jungen haben. Ein erwachsener Mann, der in der Disco von einer erwachsenen Frau gefragt wird, ob er noch ein Glas bei ihr zu Hause trinken möchte, weiß, daß dies eine sexuelle Avance sein kann. Für den Jungen aber ist Eisenbahn Eisenbahn, nichts sonst. Das Rückenreiben ist für den Jungen ein Akt freundlicher Hilfe für einen netten Erwachsenen, ein Akt, den er aus familiärem Zusammenhang kennt. Für den Mann ist es der Einstieg in die erhoffte Zärtlichkeit, stimulierend, ein Vorspiel zu erhofften sexuellen Handlungen. Kurz: Das Problem des sexuellen Konsenses zwischen Erwachsenem und Kind liegt in der Disparität der Szenarien. In Gesprächen mit pädophilen Patienten ist dies immer wieder erfahrbar und auch einsichtig zu machen. Und auch die vielen Beispiele, die Lautmann in seinem Buch darstellt, belegen diese Disparität. Nur wenn man die Ebene der sozialen Bedeutung wegläßt, vermag man Konsens oder wenigstens keinen Dissens zu entdecken.

Um die Disparität der Szenarien kann nur der Erwachsene wissen, nur er könnte sie überwinden, wenn er sagte, was er wirklich will - und zweifellos käme das "Nein" des Kindes dann früher und ausdrücklich. Es gehört zur Verfahrenheit der Situation, daß der Pädophile die Disparität der Szenarien aufrechterhalten muß, damit das Stück weiterläuft. Er wird also eher dafür sorgen, daß sie nicht aufgehoben wird; er ist auf die Täuschung angewiesen. So betrachtet sind konsensuelle sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen für mich schwer vorstellbar. Es gibt zweifellos Ausnahmen, z. B. bei Jungen kurz vor der Pubertät mit Masturbations- oder anderen orgastischen Sexualerfahrungen mit Gleichaltrigen, also bei Jungen, die schon wissen, was gemeint ist, die ihre Sexualität schon ohne Erwachsenen gelebt haben und die neugierig darauf sind, wie Erwachsene sexuell mit ihnen zusammen reagieren und was sie mit ihnen erleben können.

Ich will hier nur kurz einfügen, daß interessanterweise auch Pädophile mit der sexuellen Selbstbestimmung der Kinder argumentieren. Diese Selbstbestimmung, so sagen sie, sei von der Gesellschaft, den Eltern usw. bedroht, die Kindersexualität verbieten und damit die kindliche Natur beschneiden. Pädophile würden Kinder zur Sexualität führen und sie von Repressionen und Versagungen befreien. Abgesehen davon, daß dies eine etwas paternalistische Auffassung von Selbstbestimmung mit unverkennbar apologetischer Funktion ist, die bei der Diskriminierung, der Pädophile ausgesetzt sind, allerdings nachvollziehbar ist, ist das Bild von Kindersexualität, das dahinter aufscheint, von Interesse für die Diskussion. Das Kind ist der kleine Erwachsene, der sexuell schon fast alles kann, es aber noch nicht darf. Es ist ein naturalistisches Bild von Kindersexualität, und Pädophile befinden sich mit diesem Bild nicht in schlechter Gesellschaft. Alfred Kinsey hat es vertreten, der Kindersexualität als eine rudimentäre Form der Erwachsenensexualität auffaßte; sie werde weniger häufig und zielgerichtet praktiziert als beim Erwachsenen, aber alles sei von früh an vorhanden: Neugierde, genitale Stimulation, sexuelle Erregung, Wollust, Erektion, Orgasmus mit allen Kennzeichen vom verlorenen Blick über Atembeschleunigung bis zum Muskelspasmus. Kinsey dachte in sexuellen Reaktionen und Akten, nicht in Beziehungen oder Bedeutungen. So konnte er die kindliche Sexualität der Erwachsenensexualität analogisieren, wie es viele Pädophile tun. Letztlich glaubte Kinsey, frühe nichtgewaltsame Erfahrungen mit Erwachsenen könnten der freieren Entwicklung des Kindes eher förderlich sein. So sah er, jenseits von Zwang und Gewalt, Kontakte von Erwachsenen mit Kindern gelassen, zwei mit der gleichen Sexualität Ausgestattete kommen zusammen.

Ein solches, wie gesagt, naturalistisches Bild von Sexualität gilt heute als antiquiert. Soziologen haben schon in den 70er-Jahren darauf hingewiesen, daß homologe sexuelle Verhaltensweisen von Kindern und Erwachsenen nicht dasselbe sind, weil Kinder noch nicht die sexuellen Skripte oder Bedeutungszuschreibungen der Erwachsenen haben. Das Manipulieren der Genitalien, selbst wenn es zu Erregung und Orgasmus führt, ist beim Kind etwas anderes als die Masturbation des Erwachsenen mit erotischen Phantasien und Vorstellungen.

Die Problematik pädophiler Handlungen kann man, und darum ging es mir zunächst, jenseits des Schädlichkeitsdiskurses erörtern, man muß die Schädlichkeit nicht instrumentalisieren, um ein Unbehagen an der Pädophilie quasi klinisch zu artikulieren und zu legitimieren. Wenn man die Ebenen der Moral und der Schädlichkeit derart entzerrt hat, dann, so hoffe ich, kann die Diskussion über die Folgen, die sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen für Kinder haben können, wieder realistischer werden, d.h. wieder stärker der Realität der Kinder entsprechen.

Auch diese Debatte ist hitzig und polar. Ihre Struktur und ihr Verlauf wurden Ende letzten Jahres in einer wochenlangen Diskussion im "sexnet", einer Chat-Runde von Sexualwissenschaftlern, noch einmal wie im Zeitraffer vorgeführt. Einige Beispiele: Nichtkliniker verweisen auf die seligierten Stichproben und Erfahrungen von Klinikern und präsentieren Daten aus nichtklinischen, unausgewählten Stichproben mit weniger dramatischen Ergebnissen bezüglich Verbreitung und Folgen sexueller Handlungen an Kindern. Die Oberflächlichkeit sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden, kontern die Kliniker, werde der komplexen Thematik nicht gerecht, es sei insbesondere naiv bis fahrlässig zu glauben, man könne mit solchen Methoden sexuelle Traumatisierungen, also akute oder bleibende Störungen und Beeinträchtigungen, erfassen. Man verharmlose die biographische Bedeutung sexueller Traumatisierungen, solange man nicht Entwicklungsprozesse beschreibe, so die einen. Man spitze die Biographie auf Mißbrauchserfahrungen zu, schreibe die Biographien der Betroffenen um, verfüge ihn oder sie in die Opferrolle, so die anderen. Verweisen die einen auf Sandforts Studien aus Holland, in denen junge Männer, die vor der Pubertät mit erwachsenen Männern in sexuellen Beziehungen lebten, diese Partnerschaften eher als förderlich und positiv beschreiben, so betonen die anderen, daß die ehemaligen Partner Pädophiler ihre ehemaligen Liebhaber schützen und daß sie ihre ungewöhnliche Entwicklung vor sich selbst rechtfertigen müssen usw. usf. Die Diskussion erfolgt lagerweise, ist unergiebig und so zirkulär, daß es einen schwindelt. Jeder belegt seine Überlegung mit einer Teilgruppe aus dem vielfältigen Feld Pädophiler und pädophiler Handlungen und generalisiert von ihnen auf die ganze heterogene Gruppe.

Unbeschadet solcher Auseinandersetzungen und vieler Ungewißheiten sollte man sich, so glaube ich, über zwei Aussagen verständigen können, sozusagen als wissenschaftlicher Minimalkonsens (und vielleicht sogar vereinbaren, sie durch weitere Forschungen zu präzisieren):

Der breite empirische Beleg für meine zweite Aussage verdankt sich paradoxerweise der ausufernden Definition der Kategorie "sexueller Mißbrauch". Es gibt inzwischen über 100 Studien, in denen Erwachsene mit sexuellen Mißbrauchserfahrungen in der Kindheit (vom exhibitionistischen Akt bis zur gewaltsamen Sexualität, familiär und nichtfamiliär, in dieser Breite und Undifferenziertheit) mit Erwachsenen ohne solche Erfahrungen verglichen werden. Statistisch aufwendige Sekundäranalysen, "Meta-Analysen" werden sie heute genannt (vgl. u. a. Rind et al.), ergeben, daß gut die Hälfte der Männer und ein Viertel der Frauen ihre Erfahrungen als neutral oder positiv beschreiben. Im Hinblick auf eine Vielzahl psychischer Symptome und Probleme (Alkoholismus, Depressionen, Ängste, Zwänge, Eßstörungen, Suizidversuche, Sexualstörungen usw.) im Erwachsenenalter unterscheiden sich Index- und Kontrollgruppe signifikant, doch die Korrelationen sind durchweg niedrig (.10 bis .20). Differenzierende Aussagen, z.B. nach der Intensität der Erfahrung oder der Dauer, sind wegen der Grobheit der Kategorie "sexueller Mißbrauch" in den Meta-Analysen kaum zu finden. Aber auch wenn diese Studien gravierende oder vernichtende Auswirkungen sexueller Erfahrungen mit Erwachsenen keinesfalls ausschließen, sind die niedrigen Korrelationen nur dadurch zu erklären, daß viele Erfahrungen innerhalb der breiten Kategorie "sexueller Mißbrauch" weder negativ erlebt werden noch folgenschwer sind, also keine sexuelle Traumatisierung darstellen. Wir sehen: Die Bewertung der Folgen sexueller Handlungen mit Kindern muß wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden - um der Realität der Kinder gerecht zu werden und um zu einer angemessenen Bewertung strafrechtlich relevanter Handlungen Pädophiler zu kommen.

Doch unabhängig von solchen Überlegungen zur Traumatisierung ist die Pädophilie heute ganz offenbar eine nicht lebbare Sexualform, weil sie einer zentralen gesellschaftlichen Übereinkunft - sexuelle Selbstbestimmung, konsensuelle Sexualität - nicht gerecht wird. Das ist die Tragik pädophiler Männer. Der große Unterschied an Macht und Einfluß, an Kenntnis und Wissen, an Abhängigkeit und Autonomie, vor allem aber die Disparität der Szenarien und die Differenz der Sexualität von Kindern und Erwachsenen machen pädophile Beziehungen heute unaufhebbar problematisch. Tragisch ist diese Situation, weil die sexuelle Orientierung des Pädophilen tief und strukturell bis in ihre Identität hinein verwurzelt ist. Die Pädophilie gehört zu ihnen wie die Liebe zum gleichen oder anderen Geschlecht beim Homo- oder Heterosexuellen, mit dem Unterschied, daß das eine grundsätzlich erlaubt, das andere, die Pädophilie, grundsätzlich verboten und seine Realisierung kaum möglich ist. Für diese Bürde, die Zumutung, ihre Liebe und Sexualität nicht leben zu können, verdienen sie Respekt, nicht Verachtung, Solidarität, nicht Diskriminierung.

Z. Sexualforsch. 12, 133-139, 1999 © Thieme Verlag Stuttgart

Literatur:
Lautmann, Rüdiger: Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen. Hamburg: Klein Verlag 1994.
Rind, Bruce, Philip Tromovitch und Robert Bauserman: A meta-analytic examination of assumed properties of child sexual abuse using College samples. Psychol. Bull. 124,22-53, 1998

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