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Was ist Pädophilie? - Definition, Abgrenzung und Entwicklungsbedingungen
Vortrag von Dipl.-Psych. Kurt Seikowski - Teil 1
In der letzten Zeit häufen sich im Fernsehen und in der Presse Berichte über "Kinderschänder". Die Begriffe Pädophilie, sexueller Missbrauch, sexueller Missbrauch von Kindern, Täter, Kinderprostitution, Perverse, Sexualverbrecher, Sexmonster, Sexverbrecher, Sexgangster, Sexualmörder, Sexmörder, Pädokriminalität bzw. Pädo-Selbsthilfegruppen als "Sex-Kongress der Kinderschänder" werden so gebraucht, als handele es sich um ein und die gleichen Personen bzw. um ein und das gleiche Phänomen. Dabei sieht die Wirklichkeit ganz anders aus (Holzkamp 1994, 1997). Gleichermassen werden sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen aber auch sehr kontrovers diskutiert. Die extremsten Polarisierungen werden von Vogel und Amendt vertreten: Während Amendt (Psychologie heute 1997) diese Kontakte als inzestuöse Beziehungen versteht, spricht Vogel (1993) von "Staatsgewalt gegen Kinder". Es sei nicht zulässig, Kindern vorzuschreiben, welche Form von Sexualität ihnen zustehe.
Es wird erforderlich, genau zwischen diesen einzelnen Begriffen zu unterscheiden.
Was versteht man unter "Pädophilie"? Zunächst muss konstatiert werden, dass dieser Begriff hinsichtlich seiner Definition sehr stark von der Einstellung und der Profession des jeweiligen "Definators" geprägt wird. So werden z.B. bei den mehr kriminologisch orientierten Autoren Gallwitz & Paulus (1999) relativ undifferenziert alle sexuellen Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen als pädophil bezeichnet. Andere Autoren (z.B. Berner 1997) orientieren sich mehr an einer klinischen Perspektive - dem amerika-nischen Diagnosesystem DSM 4, wonach Pädophilie eine Störung ist, bei der während eines Zeitraums von mindestens 6 Monaten rezidivierende sexuelle Drangzustände und sexuelle Phantasien auftreten, die auf vorpubertäre Kinder ausgerichtet sind. In dieser Definition wird Pädophilie auf sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen reduziert und psychopathologisiert. In soziologisch orientierten Dunkelfeld-Studien (Hoffmann 1996, Lautmann 1994) wurde vor allem der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei konnte auf empirischer Basis nachgewiesen werden, dass Pädophilie weit mehr als der Drang eines Erwachsenen zu sexuellen Kontakten mit Kindern ist. Lautmann (1994) schlussfolgert aus seinen Untersuchungen, es gebe Liebe von Pädophilen zu Kindern ähnlich der Liebe unter Erwachsenen. Und auch Hoffmann (1996) zeigt, wie differenziert und teilweise langfristig die Kontakte zu Kindern (eigentlich ähnlich wie bei Erwachsenen) angelegt sind.
Hinsichtlich der Altersgrenzen für die Kinder legen sich unterschiedliche Autoren auch unterschiedlich fest. Aber selbst unter juristischem Aspekt (Schutzalter) zeigen sich im internationalen Vergleich zum Teil erhebliche Unterschiede (vgl. Graupner 1997).
Zusammenfassend kann man unter Pädophilie eine Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind verste-hen, die von Seiten des Erwachsenen auch mögliche sexuelle Gefühle einschliesst. Pädophile selbst bzw. deren Interessenvertreter ergänzen: Es bestehen soziale Kontakte zu den Kindern, in denen die kind-lichen Wünsche und Bedürfnisse geachtet werden (Kind und Sexualität 1997).
Zu erwähnen ist noch der Begriff der Päderastie. Darunter werden in Abgrenzung zur Pädophilie Männer verstanden, die Liebesbeziehungen einschliesslich Sexualkontakten zu männlichen Jugendlichen suchen.
Auf diesem Hintergrund haben nicht alle sexuellen Kontakte von Erwachsenen zu Kindern pädophilen Charakter. Aus meiner Sicht gibt es 5 verschiedene Personengruppen:
Da wären zunächst die "Pädophilen", die unauffällig wie jeder andere Mensch leben und nie straf-fällig werden. Pädophilie bedeutet nämlich lediglich, sich mehr als alles andere zu Kindern (pädo-) hingezogen (-philie) zu fühlen. Sie sind selbst in gewisser Weise Kinder geblieben, haben sich die Natürlichkeit von Kindern bewahrt und können sehr gut mit Kindern umgehen. Sie müssen sich auch nicht unbedingt durch Kinder sexuell erregt fühlen.
Dann gibt es die Pädophilen, die Kind geblieben sind, für die Kinder jedoch auch erotisierend wirken. Sie sind oft mit Kindern zusammen, fühlen wie diese, können sich in Kinder auch sehr gut hinein-versetzen. Sie empfinden den Schmerz der Kinder, die darunter leiden, zu wenig Zuwendung durch die Eltern zu erlangen. Sie kennen dieses Gefühl aus eigener kindlicher Erfahrung - leiden also auch mit. Sie streben danach, diesen Kindern die fehlende Zuwendung zu geben. Doch genau an dieser Stelle vermischen sich zwei verschiedene Lebensabschnitte (Schmidt 1998 spricht von "Machtun-gleichgewicht der Partner"), die dem Pädophilen zum Verhängnis werden können: er fühlt zwar wie ein Kind, hat aber ab der Pubertät die Sexualität eines Erwachsenen. Er erfährt, dass eine körper-liche Zuwendung (etwa ein Kind in den Arm nehmen - Kinder wünschen sich diese Umarmungen) zu sexueller Erregung führen kann. Er ist frustriert und irritiert - und hat keine Möglichkeit, mit jeman-dem darüber zu sprechen, da er weiss, dass sein Verhalten straffällige Konsequenzen haben kann. Er ist sich selbst überlassen. Allerdings hat er auch kein Gefühl dafür, dass er einem präpubertären Kind durch sexuelle Handlungen einen schweren Entwicklungsschaden zufügen kann. Er glaubt, mit seiner Zuwendung - die er ja selbst in seiner Kindheit so vermisst hat - dem Kind Gutes zu tun. Das Kind versteht jedoch die Handlungen dieser geachteten Person nicht, da es sich noch nicht in der Pubertät befindet - sexuelle Erregungen wie bei den Erwachsenen vermutlich noch nicht kennt. Körperliche Wärme (z.B. in den Arm genommen werden) empfindet es als angenehm. Es spürt jedoch, dass etwas "nicht gut" war. Auch das Kind ist irritiert.
Dann gibt es aber auch erwachsene Personen, die Kinder sexuell missbrauchen, obwohl sie nicht pädophil sind. Sie sind geltungsbedürftig und haben das Problem, in zwischenmenschlichen Beziehungen wenig kontaktfähig zu sein. Sie haben aber auch einen sexuellen Trieb - und haben erfahren, dass man Kinder aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit eher zu sexuellen Hand-lungen zwingen kann. Sie können sich weniger als Erwachsene wehren. Die sexuellen Handlungen mit Kindern sind für diese Personen eine Art Ersatz für normale kommunikative und sexuelle Beziehungen zu gleichwertigen erwachsenen Personen. Sie haben auch nie gelernt, über Sexualität zu sprechen. Die missbrauchten Kinder kennen ihren Missbraucher meist nicht. Er ist ihnen fremd. Aus Angst vor dem Entdecktwerden schrecken diese psychopathologisch auffälligen Personen auch nicht vor Mord zurück, um die Kinder zum Schweigen zu bringen. Man spricht bei dieser Personengruppe oft auch vom "aggressiv-sadistischen Täter".
Es gibt Männer wie Frauen, die in einer festen Beziehung leben, sich aber durch den Partner sexuell unbefriedigt fühlen. Über die vorhandenen sexuellen Probleme und Defizite wird in der Partnerschaft nicht geredet. Sexueller Triebstau (die eigene biologische Sexualität zu wenig kennend bzw. kontrollierend) führt dazu, dass alles Gegengeschlechtliche (manchmal auch Gleichgeschlechtliche) plötzlich sexuell erregend wirkt. Und die Versuchung ist gross und verhindert, sich in die andere Person hineinzuversetzen. Es kommt zum intrafamiliären Missbrauch. Diese Personen werden häufig auch als "Ersatzobjekt-Täter" bezeichnet. Leider haben wir immer wieder beobachtet, dass z.B. Ehefrauen über den Missbrauch der eigenen Tochter bzw. des Sohnes durch die Ehemänner Bescheid wissen. Dieser wird bagatellisiert oder verleugnet. Sie selbst haben dann Ruhe vor dem sexuellen Drängen ihres Partners.
Nicht unerwähnt bleiben sollen kommerzielle Vermarktungen: Es gibt Personen, die sich mit den Neigungen Pädophiler und sexueller Missbraucher von Kindern eine goldene Nase verdienen (z.B. Kinderpornografie und Kinderprostitution). Sie selbst können der Pädophilenszene entstammen, müssen es aber nicht (vgl. Gallwitz & Paulus 1999).
Im Rahmen einer Erkundungsstudie zu sexuellen Kontakten von Frauen zu Kindern fand Knopf (1993) 3 Beziehungstypen: Beziehungen, in denen das Kind als Ersatzobjekt für einen erwachsenen Partner fungiert; Beziehungen, bei denen die "Kindlichkeit" die sexuelle Attraktion ausmacht; und Beziehungen, die eher einen sexuell explorativen Charakter trugen.
Bisherige Vorstellungen zu den Ursachen der Pädophilie lassen sich in 3 Gruppen zusammenfassen:
Es wird angenommen, dass Pädophilie (wie auch andere sexuelle "Deviationen") kompensatorische Funktion erfüllt und einen Ausgleich von Störungen in der eigenen Entwicklung hinsichtlich des Erwachsenwerdens und der eigenen Männlichkeit bzw. Weiblichkeit darstellt (Schorsch et al. 1996).
Des weiteren werden nichtverarbeitete eigene Missbrauchserfahrungen (Missbrauchsumkehr) diskutiert (Ferenczi 1933).
Häufig wird auch a priori unterstellt, dass es sich bei der Pädophilie hinsichtlich der sexuellen Ausrichtung um eine primäre sexuelle Orientierung handelt.
Endlich erkennt man auch in der Schweiz, dass aktive Prävention im Vergleich zur juristischen Aufarbeitung die effektivere Bekämpfung von sexuellem Kindesmissbrauch ist. [Achtung: Fehlinformation durch diverse Schweizer Medien.]
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