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Wissenschaft / Was ist Pädophilie 1/2

Was ist Pädophilie? - Definition, Abgrenzung und Entwicklungsbedingungen

Vortrag von Dipl.-Psych. Kurt Seikowski - Teil 2

Was ist mit den Kindern?
Im Folgenden soll auf die Beziehung der Kinder zu den Erwachsenen eingegangen werden, 1. die ihnen vertraut sind, und 2. etwas zu den Kindern gesagt werden, die von Personen missbraucht wurden, die ihnen fremd sind.

Zu 1. Am häufigsten findet der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Familie selbst statt. In der öffent-lichen Diskussion jedoch kommt diese Form des Missbrauchs relativ selten zur Sprache. Oft sind die Familienverhältnisse gestört. Es wird wenig über auftretende Probleme gesprochen. Partnerprobleme sind oft an der Tagesordnung. Auch die in der Familie lebenden Kinder sind von diesen Spannungen betroffen. Kinder sind aber harmoniebedürftig und in dieser Situation für Zuwendung besonders empfänglich. Wenn die Eltern sexuelle Probleme miteinander haben, pädophile Neigungen und/oder ein Triebstau des Vaters vorhanden ist, entsteht eine konfliktreiche Situation: Das Kind ist offen für Zuneigung - und nimmt es manchmal sogar in Kauf, dafür etwas tun zu "müssen", was es nicht versteht oder wovon es das Gefühl hat, dass dies mit der gewünschten Zuwendung nichts zu tun hat. Das gleiche gilt für erwachsene Bezugs-personen wie z.B. einen Onkel, den Grossvater oder einen Freund bzw. Bekannte der Familie oder auch Pädophile, die dem Kind Zuwendung entgegenbringen. Es kann eine gegenseitige Abhängigkeit entstehen. Der Soziologe Amendt wertet in diesem Zusammenhang sexuelle Kontakte von Pädophilen zu Kindern als Inzest (Psychologie heute 1997), indem er besonders diesen Zuwendungsbezug als ähnlich der Vater-Kind-Beziehung annimmt.

Kinder übernehmen oft sogar die Schuldgefühle (Bornemann 1980), die eigentlich der Erwachsene haben sollte - z.B. dann, wenn es einer anderen Person davon erzählte, diese dann eine Anzeige erstattete und die Bezugsperson, die das Kind sexuell missbrauchte, in Untersuchungshaft kommt: "Ich bin schuld, dass der Vati im Gefängnis ist..." Manchmal sind es auch die Mütter, die ihren Töchtern noch mehr Schuldgefühle einreden: "Du hast unsere Familie kaputtgemacht..." Wir erleben es oft, dass diese missbrauchten Personen, wenn sie selbst erwachsen sind, unter diesen Schuldgefühlen immer noch zu leiden haben. Sehr oft sind psychosomatische und/oder psychiatrische Erkrankungen die Folge (vgl. dazu im Überblick Egle et al. 1997). Oft leiden sie auch unter sexuellen Problemen, da sie in einem Alter - meist vor der Pubertät - sexuelle Kontakte hatten, die ihrem Entwicklungsstand nicht entsprachen. Selbst bei einem Menschen, den sie lieben, kann der Konflikt erneut "hochkommen": Sexueller Kontakt dient dazu, Zuwendung zu bekommen. Aus den Psychotherapien dieser Personen wissen wir, wie schwierig es ist, diese schwerwiegenden seelischen Verletzungen aus der Kindheit zu bearbeiten.

Zu 2. Der einmalige bzw. mehrmalige erzwungene sexuelle Missbrauch von Kindern mit fremden Personen ist mit einer Vergewaltigung vergleichbar. Es ist ein aggressiver Akt, der zu schweren Traumen führt. Hier sind Jungen wie Mädchen gleichermassen betroffen. Der Täter ist ihnen körperlich überlegen, sie können sich nicht wehren. Selbst als Erwachsene haben sie noch Ängste, sich einem anderen Menschen körperlich hinzugeben. Die Furcht, dass es "schmerzhaft" sein könnte, ist gross.

Um einem Kind so früh wie möglich helfen zu können, erscheint es wichtig zu wissen, ob es Verdachtsmomente gibt, denen man als Erwachsener nachgehen sollte. Grundsätzlich "hellhörig" sollte man immer dann werden, wenn sich das Kind relativ plötzlich in seinem Verhalten ändert. Im Kleinkindalter betrifft das folgende - plötzliche - Merkmale: Sprachrückentwicklung, Tics, Nägelknabbern, Fingerlutschen, Furcht mit Anklammerungsversuchen, Einnässen, Einkoten sowie Schlaf- und Essstörungen. Im Schulalter sind dies plötzliche Kopfschmerzen, Genital- und Bauchbeschwerden, Schlafstörungen, Alpträume, sexuelles Renommieren, Imitation der Tat (wie ein Spiel) vor anderen, Ängste und Verstörtheit, Abfall schulischer Leistungen, Selbstmordversuche, aggressives Verhalten, Weglaufen, plötzlich nicht mehr sprechen können. Im Jugendalter können Störungen wie Nahrungsverweigerung, Schwindelgefühle, Genital- und Bauchbeschwerden, Isolation und Rückzugsverhalten, manchmal auch Verwahrlosung und Selbstmordversuche auftreten. Es muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die genannten Auffällig-keiten grundsätzlich auch bei anderen psychischen Konflikten auftreten können, denen aber genauso nachgegangen werden sollte. Ein Kind fühlt sich mit seinen Problemen oft allein gelassen. Nach einem sexuellen Missbrauch sind die Konsequenzen bis ins Erwachsenenalter oft fatal, sodass eher eine frühzeitige Hilfe angezeigt ist. Leider kommt es in diesem Zusammenhang auch vor, dass Personen zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs bezichtigt werden, was viele zwischenmenschliche Konflikte nach sich zieht. Aus diesem Grunde empfiehlt sich - auch im Interesse des Kindes - ein vorsichtiges und sensibles Vorgehen.

Sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen?
Es stellt sich jetzt zunehmend die Frage, ob alle sexuellen Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen Schädigungen hervorbringen können (Stöckel 1998) oder ob es eine einvernehmliche Sexualität zwischen ihnen geben kann (Kind und Sexualität 1997). Eines der Hauptprobleme bei dieser Wertung scheint in der Auswahl der Klientel von Kindern zu bestehen, die hinsichtlich der Folgen sexueller Kontakte untersucht wurde. Während Kliniker und Psychotherapeuten meist mit den negativen Folgen solcher Kontakte konfrontiert sind (vgl. Egle et al. 1997), zeigen Meta-Analysen und Einzeluntersuchungen zum Teil widersprüchliche Ergebnisse. Zwei Aspekte kristallisieren sich jedoch zunehmend heraus: 1. Negative Folgen sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen scheinen weit weniger vorzukommen als bisher angenommen, wobei diese Ergebnisse bei nichtklinischen Stichproben gefunden wurden (Baurmann 1996, Bauserman & Rind 1997, Constantine 1981, Johannesmeier 1991, Jumper 1995, Rind & Tromovitch 1997, Rind et al. 1998). 2. Bei auftretenden Folgeschäden sind Mädchen etwa 3-mal mehr betroffen als Jungen. Jedoch widerspiegeln solche Allgemeinaussagen nur die halbe Wahrheit. Die Bewertung sexueller Kontakte zwischen Erwachsenem und Kind sollte am ehesten immer sehr individuell erfolgen (vgl. auch Julius & Boehme 1997, Lange 1998). Das in Abb. 1 dargestellte Modell soll helfen, eine solche Bewertung zu diskutieren. Dabei wird vorgeschlagen, zwischen unterschiedlichen Begrifflichkeiten, die mit Sexualität assoziiert werden, zu unterscheiden: Ist Zärtlichkeit.

Sexualität zwischen Kinder und Erwachsenen

(z.B. als Berührung, vgl. Montagu 1997) für ein Kind das gleiche wie für einen Erwachsenen (Pädozärtlichkeit)? Inwiefern sind Sinnnlichkeit und Erotik des Kindes und des Erwachsenen miteinander vergleichbar? Oder sprechen beide Seiten verschiedene Sprachen (Schmidt 1998)? Hat ein Kind ein Recht auf Sex? Ist sexueller Missbrauch an Kindern das gleiche wie Sexualität zwischen Kindern und Erwach-senen? All dies sind Fragen, die nicht so ohne weiteres beantwortbar sind. Eine Seite scheint uns jedoch in der heutigen Diskussion immer noch unterrepräsentiert zu sein. Wir wissen noch zu wenig über die kindliche Sexualität. Bernard (1989) spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Kinder die Ver-gessenen sind. Aber gerade hier besteht empirischer Untersuchungsbedarf, bei dem sich der Forschungs-gegenstand nicht nur auf sexuelle Kontakte bzw. Handlungen beschränken, sondern auch Beziehungsaspekte mit einbezogen werden sollten.

Kann man Pädophilie behandeln?
Um der Frage nachgehen zu können, ob man Pädophilie behandeln kann oder nicht, scheint es zunächst erforderlich zu unterscheiden, aus welcher Motivation heraus sich eine betroffene Person in sexualtherapeutische bzw. psychotherapeutische Betreuung begibt (Dahle 1997). Die Personen, die in unserer Einrichtung betreut werden, kann man wie folgt unterscheiden: 1. Da sind zunächst die Personen, die nicht pädophil sind, aber Kinder sexuell missbraucht haben, dafür strafrechtlich verfolgt wurden und vom Gericht die Auflage erhielten, sich in Behandlung zu begeben. Diese Personen erscheinen gewissermassen nicht freiwillig zur Therapie. Sie bekommen entweder mit, dass man mit einem Stempel von der behandelnden Einrichtung weniger Probleme im Umgang mit den Justizorganen hat - oder aber sie nehmen alle Therapieangebote mit der Motivation auf, lieber einen Behandlungsversuch zu beginnen als wieder in den Straf- oder Massregelvollzug zu kommen. 2. Des weiteren kommen zu uns Pädophile, die bereits strafrechtlich belangt wurden, aber von selbst einschätzen können, dass sie ihre Neigung nicht unter Kontrolle haben (vgl. Beier 1998). Die Motivation dieser Personen entspricht einem Leidensdruck und der Angst vor gesellschaftlicher Sanktionierung. Natürlich wollen auch sie nicht wieder in den Strafvollzug, gleichzeitig jedoch erscheinen sie freiwillig zur Betreuung. Wir haben nicht selten beobachtet, dass sie für eine solche Therapie durch Freunde bzw. Bekannte oder Verwandte zusätzlich motiviert wurden. 3. Dann gibt es Pädophile, die nie straffällig wurden, für sich selbst jedoch einschätzen, dass sie mit dieser Neigung nicht zurechtkommen. Sie suchen Beratung und Hilfestellungen zur Bewältigung ihrer Problematik.

Während man bei sexuellen Missbrauchern ohne pädophile Neigungen sehr häufig psychopathologisch auffällige Entwicklungen diagnostizieren kann, weswegen in der Konsequenz psychiatrische und/oder psychotherapeutische Behandlungen angezeigt sind, ist die Sachlage bei Pädophilen deutlich komplizierter. 1. Zunächst sind sie meist keine psychisch kranken Menschen, sondern Personen, die ab der Pubertätszeit sich zu Kindern hingezogen und sich durch diese sexuell erregt fühlen. Gesellschaftliche Normen und Tabuisierungen verhinderten, darüber sprechen zu können, und es ist ihnen klar, dass ihre Empfindungen von anderen Menschen nicht akzeptiert werden. 2. Gleichzeitig werden sie im Falle einer Behandlung mit einem schwierigen Therapieziel konfrontiert: sich etwas "abzugewöhnen", was eigentlich angenehm ist. D.h. der Leidensdruck durch die pädophilen Neigungen selbst ist relativ gering. 3. Zusätzlich ist ein Mangel an adäquaten Therapieangeboten für Pädophile zu beklagen. Da sie meist nicht unter psychischen Erkrankungen leiden, sind psychiatrische und psychotherapeutische Einrichtungen für diese Personen nicht zuständig. Selbst Psychotherapeuten erleben nicht selten eine Art Ohnmacht bzw. Ablehnung gegenüber diesen Personen (Lohse 1993, Schorsch et al. 1996). Spezialabteilungen für sexuelle Auffälligkeiten sind eher rar und existieren losgelöst von der Psychiatrie meist nur in Grossstädten in Form von "Andrologischen Abteilungen" oder "Sexualmedizinischen Beratungsstellen".

Um es gleich vorwegzunehmen: Pädophilie kann man nicht "heilen", aber Therapieversuche scheinen immer noch sinnvoller zu sein als das alleinige "Wegschliessen" (Bernard 1997, Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung 1998). Diese Neigung bleibt meist lebenslang bestehen. Das Ziel einer Therapie besteht vor allem in der Analyse, unter welchen Bedingungen die pädophilen Neigungen verstärkt in Erscheinung treten und unter welchen Bedingungen sie kaum eine Rolle spielen. Aus dieser Sicht gibt es zwei Therapieformen, die oft kombiniert zur Anwendung kommen, jedoch auch eigenständig in Betracht gezogen werden.

Die Personen, die von den Strafverfolgungsorganen geschickt werden, geben sich meist mit einer rein medizinischen Behandlungsform zufrieden. Sie nehmen regelmässig das triebhemmende Medikament "Androcur" zu sich und haben dadurch das Gefühl, unter diesen "Bedingungen" ihre sexuellen Neigungen unter Kontrolle zu haben. 2. Die anderen Personen unterziehen sich einer Psychosexualtherapie. Meist wurden sie als Kinder selbst durch akzeptierte Bezugspersonen sexuell missbraucht (nur ein geringer Teil missbrauchter Kinder wird später pädophil). Sie bleiben auf der Ebene der Empfindungen und der Emotionalität wie Kinder und sind dann stärker gefährdet, ihren Neigungen nachzugehen, wenn sie in Situationen geraten, die ihrer damaligen Missbrauchssituation ähneln: Sie fühlten sich von ihren erwachsenen Vertrauens- und Bezugspersonen - meist den Eltern - vernachlässigt. Sie spüren diese Trauer bei Kindern, denen es genauso ergeht, können sich in sie hineinversetzen und leiden mit. Es erfolgt jedoch eine Vermischung von Kindhaftem und sexuellem Erwachsenensein.

Des weiteren spüren Pädophile nicht selten, wie ihre Neigungen immer dann stärker werden, wenn persönliche Unzufriedenheiten in den Vordergrund treten. Wir kennen verheiratete Pädophile, die immer dann "rückfallgefährdet" sind, wenn vermehrt Partnerprobleme auftreten. In diesem Fall wäre eine Partnerschaftstherapie die folgerichtige Konsequenz. Aber auch berufliche Überlastung erzeugt die Sehnsucht, etwas zu erfahren, was angenehm ist... In diesem Fall besteht das Therapieziel in der Reduktion von Anspannung unter Anwendung von Entspannungstechniken, um so möglichen "Rückfällen" vorbeugen zu können.

Letztendlich wird es bei der Kenntnis all dieser Faktoren den Betroffenen empfohlen, sich so früh wie möglich diesem Problem zu stellen. Sich einem Fachmann anzuvertrauen und über wahrgenommene pädophile Tendenzen zu reden, ohne bereits straffällig geworden zu sein, kann auch Leid von Kindern abwenden, die potentiell gefährdet wären, sexuell missbraucht zu werden. Aus diesem Grunde empfehlen wir allen Personen mit Pädophilie oder dem Drang nach sexuellem Kontakt zu Kindern, sich an eine Beratungsstelle zu wenden.

Ein wesentlicher Punkt wurde bisher nicht thematisiert, sollte aber in der Zukunft mehr Berücksichtigung finden. Dies betrifft den Aspekt der Prävention - die Analyse der Bedingungen, unter denen sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen entstehen, wie sie selbst bewertet, akzeptiert oder abgelehnt werden (Willutzki et al. 1998).

Literatur
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Berner W: Sexueller Missbrauch, Pädophilie und die Möglichkeiten therapeutischer Beeinflussung. In Richter-Appelt H (Hrsg) Verführung-Trauma-Missbrauch (1896-1996). Giessen: Psychosozial 1997, 147-160.
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