Hilfe für Menschen mit pädophilen Empfindungen

Anlässlich des 15. Weltkongresses über Sexologie, Paris, Juni 2001. Dr. Frans Gieles - Vortrag.

Seit etwa zwanzig Jahren versuche ich Menschen zu helfen, die mit pädophilen Empfindungen kämpfen. Dies tue ich als ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Niederländischen Vereinigung für Sexualreform (NVSH). Grad in den letzten zwei Jahren haben mich mehrere junge Menschen, meist Studenten in ihren Zwanzigern, um Hilfe gebeten.

In diesem Lebensalter von Zwanzig bis Dreißig sucht man sich üblicherweise Partner, bilden sich Paare. Diese Menschen aber fühlen sich zu Kindern hingezogen, Knaben und Mädchen, und wagen nun nicht, mit anderen über ihre Empfindungen zu sprechen, nicht mit ihren Kommilitonen, nicht mit ihren Eltern, ihrer Familie. In diesen Jahren, in denen man von der Familie getrennt lebt, hat man auch mehr Freizeit zu gestalten. Dann gib es heute auch das Internet für jeden. Diese Empfindungen, zu Kinder sich hingezogen zu fühlen, können nun leicht zu einer Obsession werden, die den Menschen auf ihrem Bildungsweg völlig zu hemmen vermag. Oft hört man von Obsession, Depression und Selbstmordgedanken. Manche blockieren ihre Gefühle, andere wiederum leben sie hemmungslos aus und haben demzufolge ernste Schwierigkeiten mit Polizei und Gerichten, ihrer Umgebung und Familie.

Beachten sie bitte, daß nach einer Studie von Nagayama Hall, Hirschman und Oliver mehr als ein Viertel ihrer Stichprobe normaler Männer auf pädophile Stimuli mit sexueller Erregung reagierten. Wir reden also nicht einmal nur von einer kleinen devianten Minderheit, sondern doch eher von einer normalen Variation im menschlichen Verhalten, dies freilich in einem Zeitalter, in dem jeder der so reagiert, von vielen für ein Monster gehalten wird.

Etwas muß geschehen, doch was?

Dreierlei Intervention
Ich möchte zunächst dreierlei Arten von Intervention unterscheiden:

1. "Behandlung" ('treatment')
2. "Selbsthilfe"
3. "Richtige Therapie"

Ich habe ein Schema gemacht um die unterscheidenden Differenzen sehen zu lassen.

  1.
Behandlung
2.
Selbsthilfe
3.
Wirkliche Therapie
Helfer Gesund, gut und normal Ein suchender Mensch Ratgeber, Führer, Mensch
Klient Krank, schlecht und deviant Ein suchender Mensch Klient, Suchender, Mensch
Ziel Nicht Heilen, sondern Steuern Gegenseitige Hilfe
Seinen eigenen Weg finden
Klient fühlt sich besser und findet seinen eigenen Weg
Methode

"Verhaltenstherapie"
Plethysmographie
Verhaltenssteuerung

Rechtlicher Druck
Kognitive "Therapie"
Worte wiederholen
Gruppendruck
Pfadanalyse

Rechtlicher Druck
Kognitive "Therapie"
Worte wiederholen
Gruppendruck
Pfadanalyse

Außerdem können vielleicht Unterstützungszirkel nützlich sein

Interview
Annahme bewußter und unbewußter Gefühle
Herausfinden, wie man mit ihnen leben kann
Resultate Streß
Selbstentfremdung
Zerstörte Familien
Gewisse Rückfälligkeit
Gefühle erkennen
Gefühle annehmen
Kameradschaft
Hoffnungen für die Zukunft
Gewisse Rückfälligkeit
Einsicht
Selbstannahme
Wachstum des Selbstbewußtseins
Bewußtsein
Unbekannte Rückfälligkeit
Vision
Vision Mensch als Apparat Mensch als soziales Wesen Humanistische Psychologie, Psychodynamik
Klienten Nur solche, die sich weder ausdrücken noch beherrschen können Leute, die zuhören, sich ausdrücken und beherrschen können Solche, die denken, sich ausdrücken und beherrschen können
Überleben Das Spiel mitmachen
Abbrechen
Übernehmen
Das Gute nehmen und das Schlechte vergessen
Manchmal ist es für einen zu schwer, sich die Probleme anderer anzuhören, dann mache man eine Pause, gebrauche seinen Humor oder teile die Gruppe auf Nach einer Zeit der Unsicherheit und des Selbstzweifels gibt es am Ende i.d.R. kein Problem

 

Wie es scheint, so hat jede Methode ihre Stärken und Schwächen. Um die geeignete Methode zu finden, sollten wir unsere Klienten unterscheiden lernen. Es gibt nichts, was immer hilft.

Zuerst gibt es die "Behandlung" für Sexualtäter, die auf dem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz beruht, und die heute unter dem Motto "Kein Heilung aber Kontrolle" weitverbreitet ist. Viele, die sie beruflich anwenden oder darüber veröffentlichen, halten sie für die einzig mögliche. Sie gibt aber Anlaß zur Kritik, und es gibt ja auch noch anderes.

Andere, mich eingeschlossen, haben seit ungefähr zwanzig Jahren, unter anderem innerhalb der NVSH, die Selbsthilfe-Methode benutzt. Es sieht so aus, als ob wir vielen Menschen damit haben helfen können. In diesem Vortrag möchte ich besonders auf diese Methode als eine Möglichkeit eingehen, mehr Menschen zu helfen. Es ist möglich, diese Methode mit einer anderen zu verbinden, den Unterstützungskreisen (support circles), wie sie von einigen kirchlichen Gemeinschaften benutzt werden. Dies wurde von Kierkegaard und Northey beschrieben und empfohlen. Selbsthilfe ist auch im Internet verbreitet.

Als drittes haben wir die wirkliche Psychotherapie, wie ich sie im Unterschied zur "Behandlung" unter Punkt Eins nenne. Es handelt sich um die vielen Formen der klassischen Psychotherapie.

Diese dritte Möglichkeit ist so gut bekannt, so daß ich sie nur als nützliche Alternative zu den beiden andren, mit denen sie sogar kombiniert werden kann, erwähne und gelegentlich auch kontrastiere.

Bis etwa 1980 war die individuelle Psychotherapie die Methode der Wahl. Dann wurde sie von den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden abgelöst.

Rückfälligkeit
Die Rückfallhäufigkeit wird gerne zur Bewertung von Behandlungsmethoden herangezogen. Robinson kommt zu dem Ergebnis, daß die Rückfallrate für Sexualstraftäter ohne Behandlung bei etwa 20 % liegt, während es bei stattgefundener Behandlung nur 10 % seien. Behandlung kann also die Rückfälligkeit halbieren. Nur welche Behandlung oder Hilfe soll es sein?

Nach Margaret Alexander lag die Rückfälligkeit nach einer Therapie vor 1980, also mit den alten Methoden, bei 12.8 %, während sie nunmehr mit den neueren Methoden 7.4 % beträgt. Ihre Arbeit war eine Art von Meta-Analyse, bei der sie 79 Studien mit mehr als 11000 Fällen betrachtete. Es sieht also so aus, als ob die Rückfall-Häufigkeit mit den neuen Methoden kleiner als mit den alten ist.

Verweilen wir für einen Augenblick bei diesen Zahlen. Jeder, der Politikern oder Journalisten zuhört, muß glauben, daß Sexualstraftäter eine sehr hohe Rückfall-Häufigkeit aufweisen, von 90 % oder mehr. Ja, hier in den Niederlanden hat selbst ein Professor für Sexualwissenschaften lange Jahre behauptet, daß die Rückfallraten sehr hoch seien, bis er begonnen hat, etwas darüber zu lesen, dann wurden seine Zahlen kleiner und kleiner.

Ein Senator in Indiana begründete seine Forderung nach Registern für Sexualstraftäter damit, daß "Statistiken zeigen, daß in 95% aller Fälle ein Kinderschänder es wieder tun wird." Ein Senator in Florida sprach von "Triebtätern (sexual predators), die kaum aus dem Gefängnis entlassen, sich auf die Suche nach ihrem nächsten Opfer machen," und ein Abgeordneter aus Kalifornien warnte die Öffentlichkeit, daß Sexualstraftäter "zu mindestens 90 % die gleiche Tat sofort wiederbegehen werden." (Dies sind alles Zitate aus der Arbeit von Eric Lodtke, wo sie in ihren Anmerkungen 1 bis 3 stehen.)

Jeder, der sie Ergebnisse der Forschung zur Kenntnis nimmt, sieht also ganz andere Zahlen. Die Rückfallraten sind viel niedriger, als gewöhnlich behauptet wird. Tatsächlich wäre die Selbsthilfemethode, unsere Nummer 2, nicht so einfach zu begründen, lägen die Zahlen wirklich bei 90%.

Im allgemeinen herrschen eine Menge verkehrter Vorstellungen über Sexualtäter; ein Artikel der csom.org, "Myths and Facts About Sex Offenders", vom August 2000 nennt eine ganze Reihe davon.

Im Jahre 1998 haben Karl Hanson und Monique Bussière die letzte Meta-Analyse zu diesem Thema vorgelegt: Predicting Relapse: A Meta-Analysis of Sexual Offender Recidivism Studies. Sie unterzogen darin 61 Verlaufsstudien mit insgesamt 23400 Probanden einer kritischen Würdigung. Im Durchschnitt war dabei die Rückfälligkeit von Sexualtätern mit 13.4 % eher gering: für die allgemeine Straffälligkeit liegt übrigens die Rezidivrate bei 36.3 %. Damit ist sie für Sexualtäter nicht dreimal so hoch, sondern dreimal so niedrig wie im Allgemeinen. Es ist also einfach falsch, daß 90 % der Sexualtäter wieder straffällig werden, es sind nur 13.4 %! Wiederum scheint Behandlung hilfreich zu sein: "Die Täter, die eine Behandlung nicht beendeten, hatten ein höheres Risiko, rückfällig zu werden, als jene, die die Behandlung beendeten."

Ihren Artikel finden Sie ungekürzt auf der CD-Rom, die ich Ihnen hier zu Verfügung stelle. Eine gute Zusammenfassung der Arbeit von Hanson und Anderen gibt der Aufsatz von Wakefield und Underwager. - In mein Literaturliste finden Sie noch mehr Hinweise auf Forschungen auf diesem Gebiet. Zwanzig Minuten sind nicht genug, um sie alle vorzustellen. Auf der CD-Rom und der Website, die ich vorbereitet habe, ist hingegen viel Raum für derlei Ergebnisse.

Lassen Sie mich zu den Zahlen noch etwas sagen: dies sind Zahlen die mit statistischen Methoden gewonnen wurden, hier reden wir jeweils von Tausenden von Menschen. Es ist dies der Standpunkt des (Versicherungs-)Mathematikers. Wenn wir aber einem Menschen helfen wollen, so können wir dies nur tun, indem wir uns einen nach dem anderen einzeln vornehmen. Als Kliniker, müssen wir den Standpunkt des Klinikers einnehmen. Beide Standpunkte sind verschieden.

Don Rubin und Sarah Wingate drücken es so aus: "Der entscheidende Unterschied ist der, daß die Statistiker Voraussagen über Gruppen machen, und das sagt wenig über den Einzelfall, wenn es sich nicht um sehr häufiges Verhalten handelt." Weiter schreiben sie: "Sexualtäter sind nicht einfach nur Merkmalsträger. Eigenschaften, die dem Statistiker bedeutsam sein mögen, sagen uns an sich wenig, denn statistischer Zusammenhang ist nicht schon gleich Verursachung. Nur dann können sie uns etwas über die Rückfälligkeit sagen, wenn wir deren Bedeutung für einzelne Individuen haben klären können."

So mag denn eine Studie die Apotheose der statistischen Untersuchung sein, und doch für den Kliniker irrelevant. "Es ist möglich, daß Faktoren, die in der Statistik nicht auffallen, dem Kliniker die Entscheidung, ob eine Intervention nötig ist, erst ermöglichen."

Pädophilie ist Gegenstand noch andrer Mythen und Vorurteile. In einem Hintergrundartikel habe ich auf der CD-Rom und der Website auf viele zusätzliche Literaturstellen hinweisen können.

Gestatten Sie mir aber, nur zwei Punkte zu erwähnen:

Das Thema "Pädophilie" wurde im Ankündigung von diesem Kongreß selbst unter dem Rubrum "Sex und Gewalt" angekündigt. Wäre Pädophilie an und für sich gewaltsam, so könnte ich die Selbsthilfemethode nicht verteidigen. Aber sie ist es nicht, wie Tom O'Carroll in einem Vortrag sagt, der einen breiten Überblick über die Literatur zu diesem Thema gibt, von diesem Kongreß aber abgelehnt wurde - Sie sollten ihn nicht zu hören bekommen, doch können Sie ihn immerhin lesen.

In dem Hintergrundpapier wende ich mich auch der Frage zu, ob denn sexuelle Erfahrungen in der Kindheit immer schädlich sind. Auch hier ist es so, daß es schwer wäre, die Selbsthilfemethode zu verteidigen, wären immer schwere Folgen für die Kinder zu befürchten. Doch gibt es solche schlimmen Folgen viel seltener als viele denken, wie das Team von Dr. Rind herausfand. Negatieve Folgen sind rapportiert in etwas 25 % der Fallen, ins hauptsächlich bei Mädchen - nicht etwa 100 % von Jungen wie Mädchen, wie gerne geglaubt wird. Diese Ergebnisse finden Sie auf einer eigene Abteilung der CD-Rom.

In meinen Vortrag möchte ich nun etwas Kritisches zur "Behandlungs"-Methode sagen.

Kritik der "Behandlungs"-Methode

1. Mit Robinsons Worten: "Verhaltenstherapeutische Methoden sind im allgemeinen in vielen Studien für effektiv befunden worden. Unglücklicherweise bleibt bei vielen Experten die Sorge, daß diese Methoden nur kurzfristige Änderungen im devianten Sexualverhalten hervorzubringen vermögen."
2. Diese Methode übt viel Zwang aus. So lange wie die Klienten nicht ihre Art zu Denken, Handeln und selbst zu Fühlen geändert haben, geht die Behandlung weiter, so lange bis das "richtige Denken" erreicht ist. Aber praktisch ist das "richtige" nur das "politisch korrekte" Denken, d. h. also jenes, das politisch erwünscht ist. Damit werden aber die Klienten schon um dem Horror der Behandlung zu beenden, einfach mitmachen und die richtigen, erwünschten Antworten geben, die sie ja kennen. Also werden auch alle Messungen von falschen Werten ausgehen, und die Forschungen oft entsprechend fehlerhaft sein.
3. Es ist möglich, daß diese Methode anstatt Heilung nur zusätzliches Trauma bringt. Der Täter wird auf den Status eines Kranken und Verbrechers reduziert. Die tiefen ego-syntonischen Gefühle sollen in ego-dystonische geändert werden. Nicht die Selbstannahme der ganzen Person mit Einschluß ihrer pädophilen Gefühle wird erreicht, sondern deren Unterdrückung und Verleugnung. Damit aber entfremdet sie die Person ihrem eigentlichen Selbst. Das ist aber nicht Heilung, sondern Spaltung und Zerstörung der Person. Dies kann zu Unsicherheit und Ungewißheit auf einer tiefliegenden Ebene führen. Bei Agner Fog findet sich ein Patient zitiert, der sagt: "Statt meiner Gefühle für Jungen haben sie mir meine Sicherheit genommen, mich als Person zerstört." Ich selbst habe Klienten kennengelernt, die als warme, lebendige Personen die Behandlung begannen und in hölzerne Puppen verändert wurden. Andere haben überlebt, indem sie das Spiel mitgemacht haben.
4. Diese Methode kann auch gefährlich für andere sein, denn sie will Gefühle, Gedanken und Phantasien unterdrücken. Damit schließt sie auch ein Sicherheitsventil. Früher oder später mag die Bombe hochgehen. Man spricht nicht über die Gefühle, die man nicht haben darf, damit denkt man auch nicht vernünftig über seine tieferen Gefühle nach und wie man damit leben kann. Für gewöhnlich ist werden Kontakte zu andren Pädophilen beendet und verboten, so daß man ohne Vorbilder ist. Selbsthilfe wird unterbunden und daß führt zur Isolation von sich selbst und anderen. Ist man dann noch ständiger Überwachung ausgesetzt ('community monitoring'), so wird die soziale Isolation ein weiterer Stressor sein. Früher oder später mag einer diesem Druck nicht gewachsen sein.
5. Ich habe eine ganze Reihe von ethischen Einwänden gegen das Übermaß an Macht und Zwang, von dem diese Methode Gebrauch macht. Beachte Sie bitte, daß nicht nur das Verhalten sondern auch die Gedanken und die Gefühle (die Präferenzen) und selbst die Phantasien der Klienten, ihr Innerstes, geändert werden sollen. Plethysmographie und Phallographie greifen auf den privatesten Bereich des Körpers zu. Die Behandelnden machen selbst vor der letzten Bastion der Freiheit, den innersten Gedanken eines Menschen nicht halt. Die Klienten sollen gezwungen werden, richtig, also politisch korrekt, politisch erwüscht zu denken. Diese Methode strebt danach, das Denken und Fühlen der Menschen zu steuern, es ist eine Gedankenüberwachung durch eine Gedankenpolizei, wie George Orwell sie nannte. Gedankenüberwachung durch den Staat, Gehirnwäsche wie in der Sowjet Union, nun verbreitet in der "freien westlichen Welt." Es kann nicht nur auf die Rückfallquoten geblickt werden, schließlich könnte man dann ja auch alle einfach umbringen oder lebenslänglich einsperren; das gibt kein Zurückfällen. Es gibt aber auch ethische Kriterien.
6. Mir gefällt aber auch, nunmehr vom Standpunkt des Wissenschaftlers betrachtet, die sehr simple Logik nicht, die hinter dem Ganzen steckt. Im meinem Aufsatz No cure but control habe ich es so ausgerückt: "Diese Behandlung basiert auf einer simplen Logik, die Übereinstimmung mit der herrschenden Meinung (political correctness) für richtig und Dissidenz für falsch hält. Was sie über intergenerationelle sexuelle Beziehungen zu wissen meint, hat sie ganz unkritisch von einem gewissen Feminismus (der ersten Stunde) und dessen Auffassung der Vergewaltigung übernommen, für den Frauen wie Kinder nur schlicht Opfer der (falschen) Männer sein können.

Diese simple Logik ist auch in der Forschung über Kindesmißbrauch zu finden, in der ebenfalls häufig mehr das politisch genehme über das wissenschaftlich richtige oder, anders ausgedrückt, Ideologie über Wahrheit dominiert.

Margaret Alexander mußte beispielsweise 280 von 359 Studien wegen methodischer Schwächen aussondern. Ein Aufsatz von Fredriksen nennt die häufigsten Probleme der Mißbrauchsforschung, wie auch das Team um Bruce Rind in ihrer nunmehr berühmten Meta-Analyse.

In seinem bekannten Buch über die Ergebnisse der therapeutischen Forschung schreibt Dennis Howitt im 7. Kapitelt: "In einer derartigen Situation können Erfolgsmeldungen manchmal nicht mehr sein als das Ergebnis von Wunschdenken, beim Therapeuten, beim Klienten oder bei beiden zusammen." (191)

Die Verfechter des ersten Weges mögen also in ihren Ansprüchen bescheiden sein - wie ich es auch bin.

Nun komme ich zur Selbsthilfe-Methode. Hier kann ich mich nur auf zwanzig Jahre Erfahrung stützen, denn die es ist nur wenig darüber geforscht worden. Ich werde dementsprechend vorsichtig sein.

Die Methode der Selbsthilfe

Helfer, Klienten und Ziel
Die Grundannahme ist es, nicht Helfer und Klienten zu unterscheiden, sondern in den Mitgliedern der Gruppe sowohl Helfer wie Klienten zu sehen, die sich gegenseitig helfen. Es gibt keinen Unterschied, alle sind menschliche Wesen, die ihren eigenen Weg suchen, um mit ihren pädophilen Gefühlen leben zu können.

Die unterschiedlichen methodischen Ansätze unterscheiden sich offensichtlich in ihrem Menschenbild. Hinter der mechanischen Vorstellung menschlichen Handelns im ersten Falle findet sich ein Bild des Menschen als Sünder, der fast automatisch das Falsche tut. Der zweite Ansatz stellt den Menschen als soziales Wesen in den Mittelpunkt, der dritte seine innerpsychische Dynamik. Sowohl de zweite wie der dritte Weg sehen in ihm nicht den Sünder vielmehr einen Suchenden auf dem Weg zu einer ihm gemäßen Lebensweise, von der sie beide glauben, daß er sie auch finden kann.

Methode
Die Hauptmethode ist das Gruppen-Interview. Für gewöhnlich gibt es einen Leiter für dieses Interview, aber dies ist kein "Therapeut." Er oder sie ist lediglich eines der Mitglieder, das den Gruppenprozeß anregt, indem es jedermann auffordert zuzuhören, einer nach dem anderen zu sprechen, seine Gefühle zu offenbaren und Gedanken und Gefühle mit den anderen auszutauschen. Es geht hier nur um bewußte Gefühle; die Mitglieder der Gruppe bitten einander, ihre Gefühle auszudrücken, auch ihre tiefsten Gefühle, aber dringen nicht in das Unbewußte vor.

Die Mitglieder geben einander spürbare Hilfe in verschieden Lebensbereichen. Dies ist wichtig, weil Menschen mit pädophilen Gefühlen gerne dazu neigen sich zu isolieren, als eine isolierte Minderheit zu leben, wie Agner Fog es in seinem Aufsatz nannte. Dort spricht er von dem "Syndrom der isolierten Minderheit" bei Menschen mit devianter Sexualität. "Zu den Symptomen dieses Syndromes gehören ein stereotypiertes und ungesteuertes Sexualverhalten und verschieden unspeziefische soziale Sympomatiken. Zugrunde liegt dem ein Mangel an geeigneten Vorbildern und die Nicht-Annahme der eigenen sexuellen Gefühle. Gruppentherapie in Selbsthilfegruppen ist eine effektive Behandlung." Erfahrenere Mitglieder solcher Gruppen dienen den weniger erfahreneren mit der gleichen oder einer ähnlichen Paraphilie als Vorbilder, und lehren sie, einen Lebensstil zu finden.

Das erste Ziel ist es, daß die Teilnehmer sich ihrer eigenen Empfindungen bewußt werden und sie als Teil ihrer selbst annehmen und nicht bekämpfen. Neue Mitglieder können sehen, hören, fühlen, daß dies möglich ist. Sie werden dazu eingeladen, sich selbst und die anderen Mitglieder als Personen, ganze Menschen, als Gestalten einschließlich ihrer innern Empfindungen anzunehmen.

Diese Aspekte der Methode werden auch von Van Naerssen und Van Zessen beschrieben, die beide aus den Niederlanden stammen. Dennis Howitt verwendet einige Seiten auf 'support therapies', wie er sie nennt. Nebenbei gesagt ist diese Selbsthilfemethode weit verbreitet und wird von Menschen mit ähnlichen Problemen, Krankheiten, Lebenslagen oder Idealen benutzt, wie Christen, Schwangere, Eltern mit schwuler Söhnen, Blinden, Tauben und vielen anderen.

Zweitens ist es das Ziel, den Mitgliedern die Einsicht zu vermitteln, daß es verschieden Möglichkeiten gibt, mit ihren Gefühlen zu leben. Auf der Web-site der Gruppe JON finden sich zwanzig Lebensstile mit der Aufforderung an den Besucher, den einundzwanzigsten zu suchen: seinen eigenen. Neue Mitglieder werden dazu eingeladen sich auf die Suche nach ihrem eigenen Lebensstil zu machen, sie sehen, hören und fühlen auch, daß dies möglich ist. Es gibt mehr Möglichkeiten unter der Sonne als es Stereotypen dafür gibt. - JON rät übrigens nicht zu sexuellen Kontakten zu Kindern.

Sowohl das erste wie das zweite Ziel können die Auswirkungen des Syndroms der isolierten Minderheit vermindern. Es gibt eine zusätzliche Methode: Unterstützungszirkel (support circles).

Unterstützungskreise
Ein solcher Unterstützungszirkel ist eine Gruppe von Menschen, die gleichsam einen Kreis um den Klienten bilden. Kirchliche Gruppen tun dies, wie auch die Gruppe JON. Die Mitglieder suchen den Klienten zu Hause auf. Sie laden ihn zu Ausflügen ein, sie kochen und essen mit ihm zusammen. Sie gehen mit ihm ins Kino oder Theater, nehmen an einer Exkursion teil oder einer Reise. Sie regen den Klienten an, so weit wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, und helfen ihm dabei.

Hugh Kirkegaard und Wayne Northey haben über dieses Modell geschrieben. Zunächst beschreiben sie die den Prozeß der gesellschaftlichen Konstruktion von Sündenböcken. Dann fahren sie fort und schreiben, wie Glaubensgemeinschaften begannen, diesen Prozeß zu stoppen und Unterstützung in, wie sie es nennen, "Circles of support and accountability'' anzubieten. "Das Ziel eines Zirkels ist es nicht Behandlung, sondern Unterstützung und Verantwortung zu ermöglichen."

Die niederländische Pfarrer Hans Visser beschiebt die Unterstützung welche ein kirchliche Gemeinschaft geben kann.

Auch verschiedene Web-sites fungieren heutzutage als virtuelle Gruppen und Unterstützungszirkel. Mehrere solche Web-sites arbeiten aus christlicher Verantwortung. Darüber schrieb Heather Elizabeth Peterson einen langen Artikel. Er ist - wie alle Aufsätze, die ich nenne, auf der CD-Rom und Web-site, die ich gemacht habe.

Ergebnisse
Über die Resultate der Unterstützungskreise schreiben Kirkegaard und Northy:

Über einen Zeitraum von fünf Jahren hat das ursprüngliche Projekt in Toronto 32 Zirkel in Toronto und Hamilton gegründet. Von den darin involvierten "Hauptfiguren" sind inzwischen zwei rückfällig geworden, einer mit einem Eigentumsdelikt, und einer mit einem weiteren Sexualdelikt. Aufgrund des Erfolges diese Ansatzes haben sich in weiteren Städten im ganzen Land insgesamt sechs lokale Initiativen gegründet, so daß es nunmehr 45 Zirkel gibt. Diese Zirkel bestehen in der Regel für 18 bis 24 Monate, doch gibt es einige seit fünf Jahren. Steht in ihrem Mittelpunkt eine Person die dysfunktional ist und sehr bedürftig, so ist diese Art von künstlicher Gemeinschaft für deren dauerhaftes Bestehenskönnen in der Gesellschaft nötig. Bei anderen ist die Assistenz, die die Zirkel anbieten um sich in die Gesellschaft zu reintegrieren, nur für kurze zeit notwendig. Doch bleiben die stützenden Bande, die sie mit den Freunden aus den Zirkeln verbinden, die ihre Geschichte kennen und sie auf ihr Verhalten ansprechen können, auch nach deren förmlichen Ende bestehen.

Zwei Rückfällige von 32 das ergibt eine Rate von 6.25 %, das ist nicht viel. Wenn man, wie üblich, nur die Rückfälligkeit bei Sexualdelikten betrachtet, so kommt man auf 3.13 %, und dies ist sehr wenig.

Wir haben viele Jahre Erfahrungen mit der Selbsthilfemethode in einigen der örtlichen Arbeitsgruppen der NVSH (nicht überall, manche Gruppen bieten überhaupt nicht viel Unterstützung an). Ich habe ungefähr zwanzig Jahre in mehreren Gruppen mit dieser Methode gearbeitet.

Wir sahen wie die Mitglieder langsam ihre tiefen Gefühle erkannten und annahmen. So entsteht eine Atmosphäre der Kameradschaft. Menschen, die mit dem Gefühl zu uns kamen: "Oh, ich habe ein großes Problem! Ich glaube, ich habe solche Gefühle! Was soll ich nur machen?" verloren ihre panische Angst sehr schnell und gewannen Hoffnung für die Zukunft. Wir konnten miterleben, wie jeder von ihnen seinen (oder ihren) eigenen Weg gefunden hat, um mit den eigenen Empfindungen fertigzuwerden. Mancher verschwand dann wieder nach einem "Danke schön!" Andere blieben und halfen den Neulingen.

Ein anderes Ergebnis ist es, daß in jeder Gruppe und allmählich auch in größerem Kreise ein ethische Leitfaden entwickelt wurde. Im Laufe der Jahre wurde er unter dem Namen der "Vier Prinzipien mit einem Post Scriptum" bekannt. Ich habe diese Entwicklung in meinem Artikel I didn't know how to deal with it beschrieben, der niederländische Psychiater Gerard Roelofs schrieb auch ein Artikel und der ebenfalls niederländische Psychiater Frank van Ree schrieb Intime Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen; Gibt es Kriterien für einen guten Kontakt? Auch in dem Aufsatz von Heather Elizabeth Peterson wird darauf eingegangen, daß es in den Selbsthilfegruppen, die sich im Internet bildeten, eine Tendenz zu solchen ethischen Leitlinien gegeben hat. Sie nennt ein Wachstum in Richtung auf zölibatäre Lebensweise und gesellschaftliche Integration der Begierde ('socialising the desires'). Ich kann das für die Gruppen bestätigen, die ich kenne. Fast alle Mitglieder leben zölibatär.

Ich schätze die Zahl der Menschen, denen in dieser Weise innerhalb von zwanzig Jahren geholfen wurde, auf etwa einhundert. Soweit ich weiß, waren davon 16 Straftäter, von denen zwei rückfällig wurden, der eine mit einem Sexualdelikt, der andere mit einem anderen Delikt.

Das ist eine Rückfallrate von 12.5 %, das Doppelte von dem, was Kierkegaard angibt, aber knapp unterhalb der 13.4 % von Hanson, knapp oberhalb von Robinsons 10 % für Täter, die behandelt wurden, aber unterhalb der 20 %, die er für Täter ohne Behandlung nennt. Wenn ich nur die sexuelle Rückfälligkeit betrachte, wie viele dies tun, dann ist die Zahl 6.25 %: einer in zwanzig Jahren der Arbeit in dieser Weise. Wir können diesen Rückfall nicht einmal unzweideutig der Selbsthilfemethode zuschreiben, denn dieser eine hatte auch die anderen Arten der Behandlung nach Nummer 1 und 3 durchlaufen und zwischen seinem Aufenthalt in der Gruppe und dem Rückfall war eine längere Zeit vergangen. Wichtiger ist natürlich festzuhalten, daß dies keine Zahlen aus "harter Forschung" sind, denn diese haben wir nicht beabsichtigt und nicht durchgeführt. Es sind nur bescheidene Schätzungen, so ehrlich, wie mir möglich ist. Es ist aber keine kleine Zahl von Fällen zugrunde gelegt, und auch eine Beobachtung über längere Zeit, zwanzig Jahre, möglich gewesen.

Abschließende Bemerkungen
Keine Methode kann hundertprozentigen Erfolg für sich beanspruchen und Rückfallfreiheit garantieren. Jede Methode scheint ihre eigenen Stärken und Schwächen zu haben, namentlich wenn wir zwischen unseren Klienten differenzieren, wie ich es in einer der Zeilen meines Schema tue. Wie Sie sehen, möchte ich die erste Methode nur für solche Klienten empfehlen, die sich nicht auszudrücken und zu beherrschen verstehen. Für Klienten, die sich aber auszudrücken verstehen, die zuhören können und die sich beherrschen können, scheint die Selbsthilfemethode eine gute Alternative zu sein. Sie ist weniger aufwendig und - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - womöglich ganz effektiv. Sie verdient es ausprobiert und evaluiert zu werden, auch wissenschaftlich ausgebaut. Sie könnte besonders denen helfen, auch in Verbindung mit den Unterstützungszirkeln, die aus der Haft entlassen werden und in die bürgerliche Gemeinschaft zurückfinden wollen. Statt sie nur zu registrieren und zu überwachen, sollten wir sie vielleicht erst einmal unterstützen. Sie alleine zu lassen, wird sie nur dem Druck der sozialen Isolation aussetzen, dem sie womöglich nicht gewachsen sind.

Ich möchte noch einmal betonen, daß ich alles, was ich hier gesagt habe, so bescheiden und unaufdringlich wie möglich verstanden haben will. Ich habe nur meine bescheidene Meinung gesagt, und möchte hinzufügen: Lassen sie uns alle bescheiden und unaufdringlich sein. Vor einer Weile, noch nicht so lange her, war Masturbation ein großes und schweres Unheil, das große Leiden verursachte, und wenig später war es dasselbe mit der Homosexualität. Heute sind es die Menschen mit pädophilen Empfindungen, die als die Geißel der Menschheit dargestellt werden. Wie ich schon sagte, das sind vielleicht bis zu 25 % der normalen Männer.

Vor langer, langer Zeit also haben die Sexualwissenschaftler Dinge gesagt, die sich dann als falsch herausstellten... Wie es scheint, wurden sie von Ideologie, Religion oder Politik beeinflußt, in jenen Tagen. Heute sind wir nur Wissenschaftler, die keine Ideologie kennen. Heute - in den Tagen, die dieser Kongreß dauert, - reden wir miteinander vernünftig, höflich und bescheiden. Ich werde es tun und lade auch Sie dazu ein.

Ergänzungen

Worüber reden wir eigentlich?
Ich rede von Menschen mit pädophilen Empfindungen, nicht von "Pädophilen" oder über "Pädophilie". Dafür habe ich Gründe.

Erstens kann man einem Menschen mit pädophilen Empfindungen nicht einfach eine pädophile Identität zuschreiben. Dies zu entscheiden ist seine Sache. Seine Gefühle können auch Teil einer wesentlich umfassenderen und reicheren Identität sein.

Zweitens sind "Pädophile" und "Pädophilie" selbst unklare und sehr unterschiedlich gebrauchte Begriffe. Ursprünglich meinten sie "jemanden, der ein Kind liebt". Dann kam eine erotische oder sexuelle Konnotation ins Spiel: "jemand, der eine erotische Anziehung Kindern gegenüber verspürt." Dies ist soweit eine korrekte Definition.

Nun hat die Bedeutung sich im Laufe der Jahre weiter verändert. Für die meisten Menschen heutzutage hat sie sich von Empfindungen in Richtung auf insbesondere sexuelle Handlungen eines Erwachsenen mit einem Kind verschoben. Damit wird der Begriff aber unklar, zu einem Behälter für alles Mögliche und also unbrauchbar. Zudem wurde immer hinzugefügt, daß dies falsch und krank und schlecht sei, womit sich der Begriff von einem, der Tatsachen bezeichnen sollte, zu einem wandelte, der moralische Bewertungen transportierte.

Nach meiner bescheidenen Meinung ist es weder dem Wissenschaftler noch dem Kliniker möglich, mit derart unklaren, vagen und moralisierenden Begriffen etwas anzufangen. Mehr habe ich dazu in meinem Vortrag über Pädophilie als Begriff gesagt.

Aus den beiden oben genannten Gründen möchte ich zurück zu den Tatsachen. Ich stelle fest, daß es Menschen mit pädophilen Gefühlen gibt. Was sie damit dann tun, ihre Handlungen, wird vom einen zum anderen unterschiedlich sein. Wir werden sie nicht richten und verurteilen wegen ihrer Gefühle allein. Nur ihre Taten können abgeurteilt werden. Dies -- Menschen mit pädophilen Empfindungen -- ist also ein brauchbarer Begriff, nicht zu breit und nicht moralisierend.

Meistens benutzt man heute die Definition des Handbuches DSM-IVR. Darin wird Pädophilie als eine Paraphilie beschrieben. Paraphilien sind "durch wiederkehrende intensive sexuelle Wünsche (urges), Phantasien oder Verhaltensweisen charakterisiert, die ungewöhnliche Objekte, Tätigkeiten oder Gelegenheiten beinhalten und die klinisch relevante Störungen oder Behinderungen in sozialen, berufs- oder sonstigen wichtigen Funktionsbereichen zur Folge haben." Weder "Behinderung" noch "ungewöhnlich" sind wohldefiniert, ihre Bedeutungen hängen von Zeit und Gegend ab. Wie Sie sich erinnern werden, wurde vormals Homosexualität in diesem Handbuch als eine Perversion definiert. Dergleichen ist ein Urteil, keine Beschreibung. DSM spricht in diesem Zusammenhang auch von "Opfern", was auch zeigt, daß von einem moralischen Standpunkt ausgegangen wurde.

Und was ist mit der Gewalt?
Möchte man weiterhin von "Pädophilie" sprechen, so sollte man sie definieren. Die meisten Sexualwissenschaftler werden sich auf DSM-IVR, wie oben angeführt, beziehen. Sprechen sie damit auch von Gewalt? Nicht, wenn sie sich auf diese Definition beziehen. Dort ist die Rede von "erregenden Phantasien, drängenden sexuellen Wünschen, oder sexuellen Verhaltensweisen". Also Phantasien oder Verhaltensweisen. Weiter heißt es: "Individuen mit Pädophilie, die Ihre Wünsche ausleben, beschränken sich vielleicht darauf, das Kind oder sich selbst auszuziehen, in seiner Gegenwart zu masturbieren oder es sanft zu berühren und zu streicheln. Andere aber [...] benutzen dabei unterschiedliche Grade von Zwang." Manche.... Andere aber... Also, ...Gewalt ist folglich dem Begriff nicht inhärent.

Nun blicken sie einmal auf den Prospekt, mit dem dieser Kongreß beworben wurde. Da lesen wir von einer Veranstaltung unter dem Titel: "Gewalt und Sex (Gewalt, Pädophilie, Vergewaltigung)". So wirft der Prospekt selbst die Frage auf: "Ist Pädophilie Gewalt?"

Tom O'CARROLL hat diese Fragestellung aufgenommen und unter dem Titel "Ist Pädophilie Gewalt?" in einem Aufsatz bearbeitet. In der Zusammenfassung heißt es dort: "Dieser Aufsatz stellt die Richtigkeit der Auffassung in Frage, daß Pädophilie[...] als Gewalt aufgefaßt werden kann. Die Literatur über Aspekte der pädophilen Persönlichkeit und ihres Verhaltens wurde vor allem mit Bezug auf Neigungs-, im Gegensatz zur opportunistischen, Pädophilie untersucht. Hinweise auf Schäden, wie sie herkömmlich sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern als Folge zugeschrieben werden, werden genauso im Lichte neuerer Forschung betrachtet wie die Haltbarkeit und Brauchbarkeit des Begriffes der kindlichen "Zustimmung". Die unwissenschaftliche Zuschreibung von Gewaltsamkeit als quasi inhärenter Charakteristik der Pädophilie wird vor dem Hintergrund feministischer Analysen des vorgeblichen Machtungleichgewichtes in persönlichen Beziehungen kritisiert."

Der Programmausschuß diese Kongresses freilich hat diese Arbeit abgelehnt. Sie sollten sie nicht kennenlernen, aber hier ist sie doch.

Perversion, Devianz,... Sündenböcke?
Was sehen wir in unseren Klienten, den Menschen mit pädophilen Empfindungen? Unsere Sichtweise wird einen Einfluß auf unser Tun haben.

Sehen wir Perversion oder Krankheit, so werden wir sie zu heilen suchen. Vor allem dann natürlich, wenn wir einen moralischen Grund dafür zu haben glauben. Dies ist von Therapeuten versucht worden, die aus diesem Grund Schwule oder Lesbierinnen behandelt haben, um sie "aus der Krankheit zur Gesundheit" zu bringen, also aus der Homosexualität in die Heterosexualität. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß man von Erfolg, und selbst den bezweifeln die Verfasser, nur bei 6 aus 202 Fällen reden kann.

Genauso wie dies für homosexuelle Wünsche gilt, ist es keine Perversion per se, pädophile Wünsche zu haben. In meinem Vortrag habe ich auf die Arbeit von Nagayama, Hall, Hirschman & Oliver hingewiesen, wo mehr als 25 % ihrer Stichprobe normaler Männer auf "pädophile Stimuli" reagierten. Liest man den Aufsatz nach, so stellt man fest, daß sie nur weibliche pädophile Stimuli den Männern zeigten; hätten sie auch Jungen verwandt, so wäre der Anteil der Reaktionen noch größer gewesen. Hätten sie auch Frauen untersucht, so wäre vielleicht der Anteil noch größer geworden. Ich schätze ihn auf ein Drittel der erwachsenen Gesamtbevölkerung. Man kann nicht sagen, daß ein Drittel der Bevölkerung ohne sonstige Störungen pervers sei. Tatsächlich kann man bei einem Verhältnis von zwei Dritteln zu einem Drittel kaum von Abweichung reden, eher von normaler Variation.

"Beinhaltet Pädophilie perverse sexuelle Begierden? Darauf kann man nur schwer eine eindeutige und allgemeingültige Antwort geben, vor allem, weil es unterschiedliche Formen der Pädophilie gibt", schreiben die niederländischen Erziehungswissenschaftler Ben Spiecker und Jan Steutel. Sie kommen zu dem Schluß, daß es "falsch wäre, alle Formen der Pädophilie pervers zu nennen. Pädophiler Sex ist eine Form der Ausbeutung, weil er das langfristige Wohl des Kindes gefährdet. Folglich richtet sich das pädophile Begehren auf etwas Unmoralisches, aber nur in einigen Formen der Pädophilie ist dieses Begehren pervers."

Ich sehe meine Klienten mit zwei Augen: mit denen des Klinikers, der ihnen helfen will, und um dies so gut wie möglich zu können, brauche ich auch mein zweites Paar Augen, die des Wissenschaftlers. Als Kliniker bin ich kein Moralist. Als Wissenschaftler bin ich genauso wenig ein Moralist. Ich sehe die Tatsachen, und eine davon ist, daß meine Klienten um Hilfe bitten, weil sie mit gewissen Gefühlen kämpfen. Weder dem Kliniker noch dem Wissenschaftler ist es aufgetragen, seine Klienten wegen ihrer Gefühle zu verdammen. Zu den Tatsachen, die ich beobachten kann, gehört auch, daß die Mitglieder von Selbsthilfegruppen unter sich einen moralischen Leitfaden ausgearbeitet haben. Als jemand, der selber in solchen Gruppen aktiv ist, aber auch als Mitmensch, habe ich auch Meinungen zu solchen Themen und kann versuchen, sie in die Diskussion einzubringen. Aber ich werde nie jemanden wegen seiner Gefühle moralisch verdammen.

Dies gilt umso mehr, als ich als Kliniker und Wissenschaftler kein Polizist, Staatsanwalt oder Richter bin. Wie gesagt, niemand kann wegen seiner Gefühle alleine bestraft werden, nur wegen seiner Taten. Würden wir uns die juristische Betrachtungsweise zu eigen machen, so würden wir Merkwürdiges feststellen: daß die nämliche Tat in einem Land ein Verbrechen ist, aber nicht in einem andren, daß sie zu einem Zeitpunkt strafbar ist, zu einem anderen aber nicht. Eine Handlung mag am 15. Mai ein Verbrechen sein, wenn Johnny fünfzehn Jahre alt ist (oder in anderen Ländern 17), und nicht mehr am 16. Mai, wenn er 16 (oder 18) Jahre alt ist. Das mag für die Rechtspflege angemessen ein, für die Kliniker und Wissenschaftler ist dies nicht der Fall.

Der Kliniker und der Wissenschaftler haben beide davon auszugehen, wie der Klient selbst seine Gefühle, Wünsche, Taten zu verstehen sucht. Wie z.B. VAN NAERSSEN zeigt, variieren diese Auffassungen der Klienten ganz gewaltig, und davon sollten wir bei unserer Arbeit ausgehen, um dem Klienten helfen zu können.

Es ist noch ein Gesichtpunkt wichtig: der soziologische. Die Klienten leben ja nicht für sich alleine, sondern in einer Gesellschaft. Wenn sie also sagen, sie kämpfen mit ihren pädophilen Gefühlen und Wünschen, dann ist es nicht nur ihr Innerstes alleine, das da spricht. Sie sprechen und kämpfen als Teil dieser Gesellschaft. Wir können nicht die Augen davor verschließen, was heute dort draußen im Hinblick auf Menschen mit pädophilen Empfindungen vor sich geht. Ich verzichte darauf, ins Detail zu gehen oder Belege anzuführen, da jeder dies weiß. Nach meiner Auffassung handelt es sich heute um einen Konstruktions-Prozeß für Sündenböcke; nebenbei: Projektion und die Konstruktion von Sündenböcken sind wohlbekannte psycho-soziale Verzerrungen. Nachdem die Kommunisten und Homosexuellen als Sündenböcke ausgefallen sind, bleiben die "Pädophilen" als leichtes Ziel für die Verfolgung durch die sogenannten normalen Menschen übrig.

Worüber sprechen wir also? In meiner Sicht nicht über eine Perversion, und kaum über abweichendes Verhalten. Soweit es sich um Gefühle und Wünsche handelt, auch sicher nicht über Kriminalität. Wir reden über eine normale Variation in der Bevölkerung, die heute einer ziemlich heftigen Verfolgung ausgesetzt ist. Und wir reden nicht als Polizisten oder Staatsanwälte, sondern als Wissenschaftler und Kliniker. Wir wollen verstehen, was in Menschen mit pädophilen Empfindungen vor sich geht (und in der Gesellschaft), und ihnen helfen.

Dies ist der Standpunkt hinter der Selbsthilfemethode. Diese hat das Ziel, die Menschen zur Annahme ihrer Gefühle als ein Teil ihrer selbst zu bringen.

Sehen sie z.B., wie auf der Web-site von Dr. Pelo die FAQs beantwortet werden, oder wie eine religiöse Gemeinschaft auf der Web-site von Baumstark Hilfe anzubieten versucht.

Vergleichen Sie bitte mit dem, was Heather Elizabeth Peterson von Julius zitiert, der sagt: "Ich habe viel über Jungenliebhaber gelesen, deren Therapie sie nur gelehrt hat, ihre Neigungen und sich selbst zu hassen und ihre Liebesfähigkeit zu zerstören. Sie brauchten Jahre, um ihr Selbstbewußtsein und ihre Liebesfähigkeit wieder aufzubauen."

Die schädlichen Folgen
Wären sexuelle Erfahrungen von Kindern mit Erwachsenen immer schädlich, so würde es schwierig sein, die Selbsthilfemethode zu vertreten. Aber Schäden sind nicht unvermeidlich. Rind, Tromovitch und Bauserman haben eine Meta-Analyse veröffentlicht, in der sie 59 Studien verglichen haben, die anhand von College-Stichproben durchgeführt worden waren. Sie fanden, daß durchschnittlich etwa 25% der Vorfallen bleibende Schäden berichteten, Mädchen mehr dann Jungen. Familiale Faktoren konnten übrigens die beobachteten Probleme neunmal so gut erklären als sexuelle Erfahrungen.

Also müssen diejenigen, die sagen: "Es ist immer unschädlich!", ihre Meinung ändern, aber ebenso auch diejenigen, die sagten: "Es ist immer schädlich!"

Weil so oft gesagt wurde: "Es ist immer schädlich", hat der Aufsatz von Rind et al. großes Aufsehen erregt. Viele Leute konnten oder wollten dieses Ergebnis nicht glauben, viele Artikel wurden über diese Untersuchungen geschrieben. Selbst der US-Kongreß hat sie verurteilt.

Ich will all dies hier nicht wiederholen. Ich habe einen Überblick vorbereitet und eine Auswahl von Arbeiten auf der CD-Rom und Web-site zur Verfügung gestellt. Ich vermute, daß die ehrenwerten Abgeordneten des US-Kongresses die Arbeit, die sie verdammten, gar nicht gelesen hatten. Ich lade Sie ein, die Meta-Analyse und die Erläuterungen und Kommentare selbst zu lesen und sich dann ein Urteil zu bilden.

Hier möchte ich nur kurz wiederholen, was ich anderswo, in meinem Aufsatz Science and Morality über die jeweiligen Rollen von Wissenschaft, Presse und Politik gesagt habe. Dann komme ich zur Aufgabe des Klinikers.

Wissenschaft und Moral
"Die Wissenschaft hat die Aufgabe, die Tatsachen zu finden, dies ist ihr Recht und ihre Pflicht; die Presse soll die Öffentlichkeit richtig informieren, die Politiker sollen die Entscheidungsfindung in moralischen Fragen korrekt leiten.

Die Wissenschaft kann uns lehren, daß es gesund ist, Fleisch zu essen, die Menschen können sich aber aus moralischen Gründen entscheiden, kein Fleisch zu essen. Die Wissenschaft kann uns lehren, daß Alkohol zu trinken gefährlich ist, die Menschen können sich aber gegenseitig den Alkoholgenuß erlauben. Die Wissenschaft kann uns lehren, daß der Genuß von Cannabis in kleinen Mengen ungefährlich ist, und die Menschen können den Genuß oder den Besitz auch nur kleiner Mengen mit drakonischen Strafen belegen. Die Wissenschaft stellt uns die Tatsachen zur Verfügung, und dies ist ihr Recht und ihre Pflicht. Die Menschen sollen sie hören und lesen und in ehrlicher Diskussion ihre moralischen Schlüsse ziehen. Die Politiker haben die Pflicht, diese Diskussion zu führen und die nötigen Entscheidungen zu treffen.

Die Diskussion über moralische Fragen ist in jeder Hinsicht eine andere Art von Diskussion als die erfahrungs-wissenschaftliche. Es handelt sich um einen anderen Diskurs, wie Habermas zeigt. Der US-Kongreß hat diese beiden Arten miteinander verwechselt.

Wenn die Politiker ihre Macht benutzen, um die Ergebnisse einer sorgfältigen Arbeit zu verdammen -- sicherlich ohne sie gelesen oder verstanden zu haben --, so ist dies das Ende der Wissenschaft, aber auch das Ende jeder richtigen Diskussion über Moral. Weil die meisten Berichterstatter die Studie nicht gelesen haben, dafür aber frei erfundene "Zitate" auftischten, hat die Öffentlichkeit keine Ahnung und kann kaum über die moralischen Implikationen reden.

Jeder hat die Ergebnisse sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit zu akzeptieren, solange nicht der Fortgang der Wissenschaft zu anderen Ergebnissen führt. Das Family Research Council (FRC) schrieb hingegen: "Wenn die Psychologie etwas als unschädlich betrachtet, was für unmoralisch gehalten wird, dann hat sie unseres Erachtens einfach nicht gut genug gearbeitet." Das ist so ungefähr die Quintessenz der gemäßigten Kritik an Rind et al. Es ist zumindest kein persönlicher Angriff. Freilich ist es ein Angriff auf die Idee wissenschaftlicher Forschung schlechthin, bedeutet es doch, daß die Sozialwissenschaftler gefälligst so lange zu forschen haben, bis das Ergebnis mit den Vorurteilen der Öffentlichkeit übereinstimmt.

Es war einmal ein Forscher namens Galileo, der entdeckte einige Tatsachen über die Erde und die Sonne. Der Papst aber weigerte sich, diese Tatsachen anzuerkennen, und mit all seiner Macht -- mit Inquisition und Scheiterhaufen -- verurteilte er den Forscher. Jahrhunderte später hat die Kirche die Tatsachen eingesehen und Galileo, lange nach seinem Tode, rehabilitiert.

Die Aufgabe des Klinikers
Die Rolle des Klinikers ist in den drei Methoden, die ich beschrieben habe, unterschiedlich, wie ich es auch in meinem Schema darstelle. Bei der ersten Methode, "Behandlung", ist der Kliniker "gesund, gut und normal", während der Klient "krank, schlecht und deviant" ist. Alle diese Wörter haben eine moralische Bedeutung oder zumindest Konnotation. Darüber hinaus zielt der Kliniker auf "Steuerung" (control) und nutzt "Zwang", und diese Wörter haben eine politische Bedeutung oder zumindest Konnotation.

Oben schrieb ich, meiner Meinung nach habe die Wissenschaft "die Aufgabe, die Tatsachen zu finden, dies ist ihr Recht und ihre Pflicht; die Presse soll die Öffentlichkeit richtig informieren, die Politiker sollen die Entscheidungsfindung in moralischen Fragen korrekt leiten." Ich sehe also unterschiedliche Rollen für Wissenschaftler und Politiker. Ich kann aber auch die Rollen des Klinikers, der auch wissenschaftlich arbeitet, und derjenigen auseinanderhalten, die für Moral und politische Ausrichtung (political correctness) arbeiten. Mir scheint, der Anwender der "Behandlungs"-Methode kann das nicht. Damit ist er aber kein Kliniker und Wissenschaftler mehr, sondern ein Moralapostel.

Wie man in dem Schema sehen kann, haben die anderen Methoden ganz andere Rollenkonzepte und Menschenbilder.

Ich habe auch darauf hingewiesen, daß ein Wissenschaftler mit der Statistik arbeiten kann, der Kliniker, aber nicht ohne weiteres. Nehmen wir als ein Beispiel Hanson, der sagt, daß der Kontakt mit anderen Pädophilen die Rezidivneigung erhöht. Bleibt man im Rahmen dieser statistischen Betrachtung, so mag man folgern: "Klient, Du sollst keinen Kontakt mit anderen Klienten haben!" Wenn der Kliniker mit der ersten Methode arbeitet, so wird er, wie es heute häufig der Fall ist, solchen Kontakt verbieten. Er hätte sich aber zu fragen: welchen Kontakt zu welchen Pädophilen? Ein Club, der Pornographie tauscht, oder ein Unterstützungszirkel, der ethische Regeln entwickeln hilft? Bei der Selbsthilfemethode nützt es offenbar, wenn man offen mit anderen gleichermaßen betroffenen redet; eine Methode, die für schwangere Frauen und Eltern schwuler Kinder hilfreich zu sein scheint, genauso für Menschen mit Schönheitsproblemen oder eben solchen mit pädophilen Empfindungen.

Hat denn der Kliniker selbst keine Ethik? Doch, er hat seine eigenen moralischen Regeln und Leitsätze, die er überwiegend mit seinen Kollegen teilt. Bei der Selbsthilfemethode kann er diese Leitsätze in die Arbeit der Gruppe miteinbringen.

Ich habe ja schon gesagt, daß die Selbsthilfemethode als ein Ergebnis die Entwicklung eines ethischen Leitfadens gehabt hat. Lassen Sie uns nun diesen betrachten.

Ethik
Im Laufe der Jahre haben wir diesen Leitsätzen den Namen "Vier Prinzipien und ein Post scriptum" gegeben. Dies habe ich in meinem Aufsatz ``I didn't know how to deal with it'' genauso beschrieben wie die niederländischen Psychiater Gerard Roelofs und Frank van Ree, letzterer in seinem Artikel ``Intime Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen; Gibt es Kriterien für einen guten Kontakt?''. Hier sind diese Prinzipien, wie ich sie in meinem Artikel niedergeschrieben habe.

* 1. Selbstbestimmung: Kinder müssen immer über ihre eigene Sexualität und ihre Beziehungen zu anderen und ihr eigenes Leben entscheiden können.
* 2. Initiative: Auch in einer fortgeschrittenen Beziehung liegt die Initiative zu sexuellen Handlungen immer bei den Kindern.
* 3. Freiheit: Die Kinder sollen immer in der Lage sein, die Beziehung zu beenden (Abhängigkeit in sexueller Hinsicht würde ihre Freiheit beeinträchtigen). Liebe und Hingabe des Erwachsenen müssen unbedingt sein. Sex ist nie ein Tauschobjekt.
* 4. Offenheit: Das Kind sollte keine unangemessenen Geheimnisse mit sich herumschleppen müssen. Man muß darüber nachdenken, wie das Kind mit seiner eigenen Sexualität lebt. Diese Offenheit hängt zu einem Großteil davon ab, wie die Beziehung beschaffen ist, und wieviel Unterstützung die Erwachsenen geben.

P.S. Auch die örtlichen Sitten und Gebräuche spielen eine Rolle, denn nicht immer ist Offenheit über das kindliche Sexualleben erwünscht. Oft müssen Kinder ihre Sexualität insgeheim leben. Für viele ist Homosexualität ein großes Tabu; dies kann viele Probleme und Unsicherheiten mit sich bringen. Leben sie in einer Subkultur, die entspannt und stark genug ist, so können die Kinder darin Unterstützung finden.

So habe ich es in meinem Artikel geschrieben. Dann fuhr ich fort:

Ich stelle fest, daß ein Erwachsener die ersten drei Prinzipien realisieren kann: Selbstbestimmung, Initiative, Freiheit; aber was das vierte Prinzip, Offenheit, angeht, so bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß es als Konsequenz des heutigen moralischen Druckes nicht mehr zu realisieren ist. Nirgends ist Diskussion möglich. Unterstützung gibt es nur, von Kindesbeinen an, für Heterosexuelle, für Homosexuelle höchstens manchmal, ein bißchen, aber frühestens, wenn sie ältere Teenager oder junge Erwachsene sind.

Für pädosexuelle Beziehungen gibt es überhaupt keine Unterstützung, die der jüngere Partner erhalten könnte. Nicht in der Familie, nicht in der Schule, nicht auf dem Spielplatz, nicht in der Öffentlichkeit und nicht von jugendpsychologischen Einrichtungen.

Und nun ein noch ein Wort zu den Geheimnissen. Ein schönes Geheimnis besteht darin, daß man darüber reden könnte, es aber trotzdem für sich behält. Wenn man nicht darüber reden darf, ist es kein schönes Geheimnis mehr. Ich sehe, daß mindestens eines dieser vier Prinzipien nicht mehr realisierbar ist.

Der niederländische Psychiater Gerard Roelofs nennt mehr oder minder die gleichen Prinzipien -- ich habe in eckigen Klammern die Nummern der obigen Aufstellung zum Vergleich hinzugefügt. -- Er hat fünf Prinzipien für eine gesunde pädophile Beziehung entwickelt.

1. Es sollte keinen Zwang geben.
2. Das Kind sollte die Interaktion immer beenden können.
3. Drittens sollten die sexuellen Handlungen dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen sein, wie es für zwölf- bis sechzehnjährige Jugendliche paßt. "Man kann an gegenseitige Masturbation denken, aber nicht an harte sado-masochistische Spiele", sagt Roeloffs.

Die anderen Bedingungen sind nach Roelofs Meinung aber für die gegenwärtige Generation von Pädophilen kaum zu erfüllen, nämlich:

4. Die Eltern sollten von der Beziehung [unter Einschluß ihres sexuellen Aspektes] wissen.
5. Das Kind sollte in seiner Umgebung offen darüber reden können, ohne auf Ablehnung zu stoßen.

PS: Mit diesen Bedingungen muß seine Meinung heute Theorie bleiben. "Gute Eltern" werden heute niemals eine sexuelle Beziehung ihres Kindes mit einem Erwachsenen erlauben. Dies mußte Roelofs selbst zugeben: "Aber in zwanzig Jahren könnte es solche Eltern vielleicht geben."

Auch der niederländische Psychiater Frank van Ree bezeiht sich auf die vier Prinzipien:

1. Wer bestimmt? -- Das Kind sollte immer über seine eigene Sexualität entscheiden.
2. Initiative -- Die Initiative für sexuelle Handlungen sollte immer vom Kind ausgehen.
3. Freiheit -- Das Kind sollte immer die Freiheit haben, sich zurückzuziehen.
4. Offenheit -- Das Kind sollte nicht mit einem Geheimnis belastet werden.

" Hier ist nicht der Ort, diese Prinzipien zu besprechen, doch möchte ich zum Abschluß beim vierten, die Offenheit betreffend, einen Augenblick verweilen. Die Notwendigkeit ist an sich klar genug. Aber, wie Gieles selbst bemerkt: "es gibt keine Ort für eine Diskussion mehr [...] Ich denke, daß dieses vierte Kriterium nicht (mehr) erfüllt werden kann." Und [Gieles] schließt mit den Worten: "Damit muß ich auf sexuelle Kontakte mit jungen Menschen verzichten." Eine sehr moralische und respekteinflößende Schlußfolgerung, die auf einer realistischen Bestandsaufnahme der Situation aufbaut. Aber [...] diese Schlußfolgerung bedeutet auch, daß ein unerwünschtes Tabu respektiert und gestärkt wird!"

Mit diesem Tabu müssen unsere Klienten leben und ihren Weg finden. Praktisch kann ein Kliniker oder Berater seinen Klienten nur empfehlen, zölibatär zu leben. Die meisten tun es auch. Aber es gibt noch etwas. Man kann seine Wünsche sublimieren. Man kann seine Zeit mit Kindern in Freizeitaktivitäten verbringen, in Clubs, Erziehung und Pflege. Wenn man die Unterstützung einer Gruppe hat, so kann man es in einer verantwortbaren Weise. Deshalb wurden die Unterstützungszirkel auch "circles of support and accountability'' genannt. Diese Möglichkeit zur Sublimierung wurde auch von Heather Peterson in ihrer Studie der virtuelle Unterstützungszirkel genannt. Desgleiche nennt der text Zur Notwendigkeit pädophiler Selbsthilfegruppen diesen Prozeß des Wachsens in der Verantwortung.

Kliniker, die nach der ersten Methode (Behandlung) arbeiten, verbieten ihren Klienten in der Regel jeden weiteren Kontakt mit Kindern. Damit machen sie es ihnen auch unmöglich, ihre Wünsche und Gefühle in einer gesellschaftlich akzeptablen Weise auszuleben und zu sublimieren. Gewöhnlich verbieten sie auch den Kontakt zu andern Pädophilen. Damit verhindern sie auch deren Unterstützung. Zusammen schaffen sie damit Bedingungen, in denen sich womöglich der Druck im Klienten aufbaut, bis dieser ihm nicht mehr standhält. Das ist gefährlich und unethisch.

In meiner Sicht und aufgrund meiner Erfahrung aus zwanzig Jahren, sollte die erste Methode nur im Extremfall für Menschen, die sich nicht beherrschen können, gebraucht werden. Für viele andere sind die dritte Methode (eigentliche Therapie) und vor allem die zweite Methode -- Selbsthilfe -- geeignet, wirkliche und effektive Hilfe für Menschen mit pädophilen Empfindungen zu leisten. Dr. Frans Gieles

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