Nadine Strossen: Zur Verteidigung der Pornographie - Für die Freiheit des Wortes, Sex und die Rechte der Frauen

Der größte Teil dieses Werks weist auf die legalen Mängel und Fehleinschätzungen der Antipornographie-Gesetze à la MacKinnon und Dworkin hin und veranschaulicht, wie derartige Gesetze wichtige Belange von Frauen- und Menschenrechten untergraben, anstatt sie zu fördern. pa/pe

Zwölftes Kapitel.: Warum eine Zensur von Pornographie
Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen nicht verringern würde.

(Dieses Buch) soll zeigen, was für eine mundtote, unfreie Gesellschaft wir zu erwarten hätten, wenn diese Art von Gesetz zur Anwendung käme. Besonders das in jüngster Zeit wiedererwachte Interesse an den MacDworkinschen Gesetzen - mit all ihren verheerenden Konsequenzen - erfüllt mich mit größter Besorgnis. Dementsprechend habe ich die überwältigenden Probleme aufgezeigt, die diese Gesetze aufwerfen. Nehmen wir an dieser Stelle (rein hypothetisch) trotzdem einmal an, daß wir diese Probleme in den Griff bekommen könnten; nehmen wir an, wir hätten einen Zauberstab, der ein Pornographie-Gesetz dahingehend verwandeln könnte, daß es alles erreicht, was in seiner Absicht liegt, ohne auf den Grundrechten aller Menschen herumzutrampeln (die besonders für die verletzlichen Gruppen unserer Gesellschaft, u. a. für Frauen, so wichtig sind) und ohne jene Redefreiheit im Keim zu ersticken, die den Belangen von Frauen dient.

Die Originalausgabe Defending Pornography Free Spech, Sex, and the Fight for Women's Rights erschien 1995 bei Scribner in New York.

Könnte denn selbst unter diesen paradiesischen Bedingungen, die die negativen Begleiterscheinungen von Zensur außer Kraft treten ließen, Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen, die von der Pornographie angeblich verursacht werden, "geheilt" oder zumindest reduziert werden? Das nämlich ist die Prämisse, die der feministischen Prozensur-Position zugrundeliegt und die uns Frauen dazu überreden will, unser Recht auf Redefreiheit gegen das Recht auf Sicherheit und Gleichberechtigung einzutauschen. In Wirklichkeit aber sind die erhofften Vorzüge einer Zensur genauso hypothetisch wie unser kleiner Zauberstab, mit dem wir uns die Nachteile einer Zensur vom Hals wünschen wollen. Ich werde dies anhand einer Analyse der weitgehend unerforschten Annahme aufzeigen, daß eine Zensur Sexismus und Gewalt gegen Frauen reduzieren würde. Diese Annahme basiert ihrerseits auf drei anderen:

* daß der Umgang mit sexistischen und gewalttätigen Darstellungen in Wort und Bild zu sexistischem, gewalttätigem Verhalten führt;
* daß die erfolgreiche Unterdrückung von Pornographie den Konsum von sexistischer, gewalttätiger Darstellung wirkungsvoll reduziert;
* daß eine Zensur die Pornographie erfolgreich unterdrücken könnte.

Um eine Zensur der Pornographie mit der Begründung zu rechtfertigen, daß sie Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen reduzieren würde, müßte man tatsächliche Beweise für alle drei Annahmen finden. Jede von ihnen ist eine direkte Voraussetzung für die anderen beiden. Dennoch ist die einzige Hypothese, der man inhaltlich Beachtung geschenkt hat, die erste - daß der Umgang mit sexistischer, gewalttätiger Darstellung zu sexistischem, gewalttätigem Verhalten führt -, und dafür gibt es keine tragenden Beweise, wie ich weiter unten in diesem Kapitel aufzeigen werde. Selbst feministische Befürworterinnen einer Pornographie-Zensur haben zugegeben, daß dieser Kausalzusammenhang nicht nachgewiesen werden kann. Daher berufen sie sich darauf, daß man ihn "auf Treu und Glauben" akzeptieren solle. Catharine MacKinnon hat diese Verlegenheit wunderbar zum Ausdruck gebracht, als sie mit ihrem "Minus mal Minus gibt Plus"-Statement die Flucht nach vorn antrat und sagte: "Es gibt keinen Beweis dafür, daß Pornographie keinen Schaden anrichtet."

Angesichts der unmöglichen Aufgabe, den Nachweis zu erbringen, daß es keinen Beweis für keinen Schaden gibt, stünden wir am Ende natürlich ohne Redefreiheit und letztendlich ganz ohne Freiheit da, wenn die Beweislast ausgerechnet denjenigen auferlegt würde, die den Genuß dieser Freiheiten anstreben. Um dies nachvollziehen zu können, lassen Sie uns einfach das Wort "Pornographie" in MacKinnons Satz durch irgendeine andere Darstellungsform irgendeines Menschenrechts ersetzen. Dann müßten wir feststellen, daß es "keinen Beweis dafür gibt", daß das Fernsehen keinen Schaden anrichtet, oder Leitartikel, die die Regierung kritisieren, oder religiöse Predigten, und so weiter. Es gibt auch ganz gewiß keinen Beweis dafür, daß feministische Schriften im allgemeinen, beziehungsweise MacKinnons im besonderen, keinen Schaden anrichten.

Als der Oberste kanadische Gerichtshof 1992 in seinem Butler-Urteil die feministische Antipornographie-Position gesetzlich verankerte, akzeptierte er auch gleichzeitig eine äußerst gefährliche, intuitive Herangehensweise zur Einschränkung der sexuellen Darstellungs freiheit:

"Manche könnten der Meinung sein, daß ein Beweis für die tatsächlichen, durch Pornographie verursachten Schäden erforderlich wäre ... Es genügt jedoch ... daß das Parlament gute Gründe für die Annahme hat, daß Pornographie diese Schäden verursacht, darum muß kein tatsächlicher Nachweis der Schäden erbracht werden." (2)

Selbst wenn wir bereit wären, uns der Meinung des Obersten kanadischen Gerichtshofs und der Prozensur-Feministinnen anzuschließen und ohne Beweise akzeptierten, daß der Umgang mit sexistischer und gewalttätiger Darstellung zu sexistischen und gewalttätigen Handlungen führt, sollten wir uns dennoch davor hüten, ihre Forderungen einer Pornographie-Zensur mitzutragen. Selbst wenn wir uns alle einig wären, daß das Anschauen von Pornographie zu sexistischen und gewalttätigen Handlungen verleitet, folgt daraus noch lange nicht, daß eine Zensur von Pornographie Sexismus und Gewalt verhindern könnte, und zwar aufgrund der Lücken in den übrigen beiden Prämissen: Wir müßten immer noch den Nachweis erbringen, daß die Pornographie ein Monopol in Sachen Sexismus und Gewalt innehat und daß man Pornographie komplett abschaffen könnte.

Selbst wenn es gelänge, die Pornographie vollständig zu unterdrücken, würden doch die sexistischen und gewaltgeladenen Botschaften, die in den Mainstream-Medien existieren, weiterhin davon unberührt bleiben. Wenn also die Begegnung mit derartigen Botschaften Gewalt und Sexismus verursachen würde, hätten wir diese Probleme nicht aus der Welt geschafft. Aber ohnehin kann kein Zensur-Regime die Pornographie vollständig unterdrücken: Sie würde im Untergrund fortbestehen. So gesehen würde uns eine Zensur nur die Nachteile beider Seiten bescheren. Einerseits, wie wir gerade an der kanadischen Erfahrung sehen konnten, erschweren die Antipornographie-Gesetze den Zugriff auf eine große Bandbreite unterschiedlicher sexuell orientierter Materialien immens; auch feministische, Lesben- und Schwulenzeitschriften und -filme wären davon betroffen. Andererseits werden einige dieser Materialien weiter produziert und konsumiert werden, ganz gleich, was geschieht. Jeder Aufwand seitens der Regierung, irgendwelche scheinbar schädlichen Materialien zu verbieten, hat schon immer ein derartiges "doppeltes Dilemma" verursacht. Denken Sie beispielsweise an die berüchtigte "Prohibition" Anfang dieses Jahrhunderts.

Schauen wir uns jetzt etwas detaillierter die Mängel an, die allen drei Prämissen der feministischen Prozensur-Analyse zugrunde liegen. Und beginnen wir am besten mit den falschen Ansätzen der einzigen Prämisse, die im Brennpunkt der Diskussion stand - dem angeblichen Kausalzusammenhang zwischen dem Konsum von sexistischer und gewalttätiger Darstellung und sexistischem, gewalttätigem Verhalten.

Ist Sehen gleich Nachmachen?

Abgesehen von der bloßen Angst, daß sexuelle Darstellung Diskriminierung oder Gewalt gegen Frauen auslösen könnte, versuchen sich die Befürworter einer Zensur von Pornographie auf vier Arten der Beweisführung zu berufen, die diesen vermuteten Kausalzusammenhang untermauern sollen: Untersuchungsergebnisse über den Einfluß von unterschiedlichen sexuell anschaulichen Materialien auf freiwillige Versuchspersonen, die in der Regel männliche College-Studenten sind; Daten über die Wechselwirkung zwischen dem Zugriff auf sexuell orientierte Materialien und frauenfeindlicher Diskriminierung und Gewalt; Fallstudien von Sexualstraftätern und ihren Opfern über eine wie auch immer geartete Rolle, die Pornographie in diesen Delikten gespielt haben kann; und Untersuchungen über Sexualverbrecher, in denen die Faktoren ausgewertet werden, die zu ihren Straftaten geführt haben könnten.

Wie sogar von einigen führenden Prozensur-Feministinnen, ebenso wie vom Obersten kanadischen Gerichtshof im Butler-Fall eingeräumt wurde, belegen keine derartigen "Beweise", daß Pornographie Frauen schadet. Ich beschränke mich hier darauf, die vorliegenden Arbeiten zusammenzufassen, die diese Beweise untersucht und deren Unfähigkeit bestätigt haben, diesen vermeintlichen Kausalzusammenhang herzustellen.

Laborexperimente

Die umfassendste Auswertung jüngster sozialwissenschaftlicher Daten ist in Marcia Pallys 1994 erschienenem Buch Sex and Sensibility: Reflections in Forbidden Mirrors und the Will to Censor (3) enthalten. Es prüft ausführlich die Laborstudien, die die Wirkung einer breiten Palette sexuell anschaulichen Materials auf Versuchspersonen sondiert haben, und kommt zu dem Schluß, daß kein glaubhafter Beweis erbracht werden kann, der den Zusammenhang zwischen jedweder Form von sexuell anschaulichem Material und jedwedem sexistischem oder gewalttätigem Verhalten herstellt. Eine gründliche Untersuchung von Feld- und korrelativen Studien wie auch von soziologischen Erhebungen in den USA, Kanada, Europa und Asien, die Pally in ihrem Buch vornimmt, gelangt zu demselben Ergebnis.

Zahlreiche wissenschaftliche und von der Regierung in Auftrag gegebene Studien haben ebenfalls die angebliche Verbindung zwischen sexueller Darstellung und aggressiven Handlungen zurückgewiesen. Der National Research Council's Panel on Understanding and Preventing Violence kam 1993 zu dem Ergebnis: "Nachweisbare empirische Zusammenhänge zwischen Pornographie und Sexualverbrechen im allgemeinen sind vage oder nicht vorhanden" (4)

Angesichts der einhelligen Expertenmeinung, daß Laboruntersuchungen keinen Kausalzusammenhang zwischen dem Konsum von sexuell anschaulichem Material und gewalttätigem Verhalten nachweisen konnten, löste das diametral entgegengesetzte Resümee, das im Bericht der Meese Pornography Commission 1986 gezogen ,wurde, erhitzte Diskussionen aus, was nicht verwunderlich ist. Unter anderem widersprachen auch Mitglieder der Kommission und eben jene Soziologen, auf deren Forschungsergebnissen der Bericht angeblich basierte, der Schlußfolgerung der Kommission.

Unter den zahlreichen Gründen, warum der Bericht der Kommission weitgehend auf Ablehnung stieß, sind die folgenden zu nennen: Sechs der elf Kommissionsmitglieder waren bereits öffentlich bekannte und eingefleischte Pornographie-Gegner, als sie von der Kommission ernannt wurden; die Kommission verfügte über wenig Zuschüsse und gab keine eigenen Recherchen in Auftrag; die Anhörungen waren von vornherein auf eine antipornographische Linie eingeschworen, insbesondere hinsichtlich der Auswahl der geladenen Zeugen und in der Art und Weise, wie diese befragt wurden; und in der Einschätzung der angeblich schädigenden Wirkungen der Pornographie berief sich der Bericht der Kommission im wesentlichen auf moralische Kriterien und bemerkt ausdrücklich an zahlreichen Stellen, daß er zu seinen Schlußfolgerungen durch "gesunden Menschen-verstand", "persönliche Einsichten" und "Intuition" gelangt sei.

Zwei ihrer schärfsten Kritiker waren interessanterweise zwei weibliche Mitglieder der Meese Commission, Judith Becker und Ellen Levine. Becker ist Psvchiaterin und Psychologin, die ihre langjährige Karriere ausschließlich dem Studium von sexueller Gewalt und sexuellem Mißbrauch gewidmet hat, sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus klinischer Perspektive. Levine ist Journalistin, die sich auf Frauenfragen spezialisiert hat und eine populäre Frauenzeitschrift herausgibt. In ihrem formalen, vom Bericht der Kommission abweichenden Votum kamen sie zu dem Schluß:

Die soziologischen Untersuchungen dienten nicht dem Zweck, das Verhältnis zwischen dem Umgang mit Pornographie und dem Begehen von Sexualstraftaten auszuwerten, daher können die Versuche, die aktuellen Forschungsergebnisse zu einem Beweis eines Kausalzusammenhangs zwischen diesen Handlungen zu schönen, nicht akzeptiert werden. (5)

Drei der führenden Wissenschaftler, die sich mit dem vermeintlichen Kausalzusammenhang zwischen sexuell anschaulichem Material und sexueller Gewalt beschäftigen, Edward Donnerstein, Daniel Linz und Steven Penrod, haben diese von der Meese Commission konstruierte Verbindung ebenfalls weit von sich gewiesen. (6)

Da feministische Zensurpläne auf sexuell anschauliches Material abzielen, das für Frauen angeblich "erniedrigend" sei, ist es besonders wichtig, darauf hinzuweisen, daß Untersuchungsergebnisse keine Verbindung zwischen dem Konsum "herabwürdigender" Materialien und sexueller Aggression aufweisen.

Selbst die Prüfungen des wissenschaftlichen Forschungsmaterials, die im Auftrag der Meese-Kommission durchgeführt wurden - eine durch Edna Einseidel, Professorin an der University of Calgary, und die andere vom damaligen Generalstabsarzt der US-Army, C. Everett Koop -, konnte keine Verbindung zwischen "erniedrigender" Pornographie und Sexualverbrechen oder Aggressionen herstellen. Koop zog aus der Sichtung des Materials den Schluß, daß nur zwei Verallgemeinerungen über den Einfluß von Konsum "erniedrigenden" sexuellen Materials zulässig seien: Es veranlaßte seine Zuschauer zu der Einsicht, daß eine Fülle sexueller Praktiken verbreiteter sei, als sie angenommen hatten, sowie zu einer korrekteren Einschätzung über das Vorhandensein unterschiedlicher sexueller Praktiken. (7)

Ebensowenig haben Experimente nachweisen können, daß Frauen, die derartigen Materialien ausgesetzt sind, ein negatives Selbstwertgefühl entwickeln. Carol Krafka hat herausgefunden, daß Frauen, die mit sexuell "herabwürdigendem" Material in Berührung kommen, dadurch nicht mehr in sexuelle Klischees verfallen, nicht weniger Selbstwertgefühl entwickeln, nicht unzufriedener mit ihrer sexuellen Ausstrahlung sind, noch den Vergewaltigungsmythos eher akzeptieren oder eine größere Toleranz gegenüber Gewalt gegen Frauen entwickeln als andere. (8) Zu ähnlichen Ergebnissen sind Donnerstein, Linz und Penrod gelangt. (9)

Korrelative Daten

Sowohl die Meese-Kommission als auch die Prozensur-Feministinnen haben sich auf Studien berufen, die eine vermeintliche Verbindung zwischen dem Zugang zu sexuell anschaulichem Material und Statistiken über sexuelle Straftaten herstellen. Natürlich beweist eine positive Korrelation zwischen zwei Phänomenen noch nicht, daß das eine das andere bedingt. Daher würden selbst in dem Fall, daß die Untersuchungen den überzeugenden Beweis für einen Zusammenhang zwischen sexuellen Materialien und sexuellen Straftaten erbrächten - was sie nicht tun -, noch lange nicht den Schluß zulassen, daß ein Konsum dieser Materialien die Zunahme der Straftaten verursacht Dieselbe Korrelation könnte auch umgekehrt erfolgen - wenn zum Beispiel Vergewaltiger ihre Tat erneut durchleben oder zelebrieren, indem sie sich Gewaltpornos kaufen.

Jede Korrelation zwischen dem Zugang zu sexuellen Materialien und der Verbrechensrate von Sexualdelikten könnte auch auf einen unabhängigen Faktor zurückgeführt werden, der den Anstieg von beidem bewirkt. Cynthia Gentrys vergleichende Studien haben genauso eine unabhängige Variable in Gegenden aufgedeckt, wo sowohl die Präsenz von sexuell anschaulichen Zeitschriften als auch die Rate von sexuellen Gewaltdelikten hoch ist: nämlich an Wohnorten, die über einen hohen Anteil von Männern zwischen achtzehn und 34 Jahren verfügten.(10) Ebenso haben Larry Baron und Murray Straus festgestellt, daß Gegenden, wo sowohl sexuelle Materialien als auch sexuelle Gewalt vorherrschen, durch ein "hypermaskulines oder machohaftes Kulturmuster" geprägt werden, das durchaus als auslösender Faktor verantwortlich gemacht werden kann. (11) Entsprechend haben Joseph Scott und Loretta Schwalm herausgefunden, daß in Gemeinden mit einer höheren Vergewaltigungsrate nicht nur mehr Pornohefte verkauft werden, sondern auch sogenannte Männermagazine überhaupt, u. a. Field and Stream. (12)

Der Versuch, die Theorie "Porno verursacht Vergewaltigung oder Diskriminierung" auf einen angeblichen Kausalzusammenhang zurückzuführen, muß vor allem daran scheitern, daß dieser Kausalzusammenhang schlicht nicht nachweisbar ist. Während die behauptete Korrelation nicht ausreichend wäre, die angebliche ursächliche Verbindung herzustellen, ist es doch notwendig, diese Verbindung zu beweisen. Daher kann die Existenz der angeblichen kausalen Beziehung durch die Tatsache zurückgewiesen werden, daß Ebenen von Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen häufig in einer Art Umkehrschluß mit dem Zugang zu sexuell anschaulichen Materialien im Zusammenhang stehen, auch zu Gewaltpornos. Diese Umkehrbeziehung zeigt sich in einer Reihe komparativer Studien: zwischen den einzelnen Staaten in den USA, zwischen verschiedenen Ländern und zwischen verschiedenen Epochen in ein und demselben Land.

Innerhalb der USA haben die Untersuchungen von Baron und Straus kein beständiges Muster zwischen der Verfügbarkeit von sexuellen Materialien und der Zahl der Vergewaltigungen in den einzelnen Bundesstaaten aufweisen können. Utah ist derjenige amerikanische Bundesstaat, der den Zugriff auf sexuelle Materialien am meisten erschwert, er steht aber mit seiner Vergewaltigungsrate an 25. Stelle der 50 Einzelstaaten; New Hampshire rangiert, was die Verfügbarkeit von sexuellen Materialien betrifft, an neunter Stelle, in der Vergewaltigungsrate ist es aber die Nummer 44 innerhalb der USA.

Wie unmöglich es ist, eine Korrelation zwischen Pornographie-Konsum und Gewalt gegen Frauen nachzuweisen, bestätigt eine der Behauptungen, die die Prozensur-Feministinnen selbst erhoben haben: Sie sind der Überzeugung, daß Verfügbarkeit und Konsum von Pornographie, auch von Gewalt-Pornographie, überall in den USA ständig ansteigen. Gleichzeitig ist jedoch die Rate der Sexualverbrechen zurückgegangen oder konstant geblieben. Das Statistische Bundesamt des amerikanischen Justizministeriums berichtet, daß zwischen 1973 und 1987 die Vergewaltigungsrate auf Bundesebene konstant geblieben ist und daß die Rate der versuchten Vergewaltigungen zurückging. Da diese Daten vorwiegend durch Umfragen in Haushalten ermittelt wurden und nicht auf Polizeiprotokollen basieren, gelten sie als der exakteste Maßstab für die Häufigkeit von Verbrechen. Diese Daten wurden außerdem während eines Zeitraums gesammelt, als Feministinnen dazu beitrugen, ein soziales, politisches und legales Klima entstehen zu lassen, das eine höhere Prozentzahl von Vergewaltigungsopfern ermutigt haben würde, die an ihnen begangenen Überfälle anzuzeigen. Daher wirft die Tatsache, daß die Vergewaltigungen, die dem Statistischen Bundesamt gemeldet ,wurden, nicht zugenommen haben, ernste Fragen über die Theorie der Prozensur-Feministinnen auf, daß Pornographie eine schädliche Wirkung hat beziehungsweise Sexualverbrechen verursacht. (13) Ebenso müssen uns Daten zu denken geben, die eine Abnahme der Fälle von geschlagenen Ehefrauen zwischen 1975 und 1985 verzeichnen, wieder trotz der sozialen Veränderungen, die zum Melden dieses chronisch totgeschwiegenen Verbrechens hätten führen müssen. (14) Mit der Feststellung, daß "die Massenproduktion von Pornographie nach dem zweiten Weltkrieg erst richtig losging", bemerkte Marcia Pally:

In den Jahrzehnten seit den 50er Jahren, die mit der Vermarktung von sexuellen Materialien einhergingen..., hat unser Land die größten Fortschritte verzeichnen können, was die Wahrnehmung von Gewalt gegen Frauen und Kinder betrifft. Vor der... Massenpublikation von sexuell bildhaften Darstellungen gab es weder Krisentelefone für die Opfer von Vergewaltigung und Inzest noch Frauenhäuser; Vergewaltigungen in der Ehe oder beim Rendezvous waren als Begriffe in unserer Sprache nicht präsent. Sollte man daraus den Schluß ziehen, daß die Gegenwart von Pornographie ... für den öffentlichen Aufschrei gegen Sexualverbrechen verantwortlich ist? (15)

Pallys rhetorische Frage verdeutlicht, wie unlogisch die Annahme ist, daß zwei Phänomene in einem Kausalzusammenhang stehen müssen, nur weil sie zufälligerweise gleichzeitig existieren. Ich habe bereits aufgezeigt, wie jede Korrelation, die zwischen der zunehmenden Verfügbarkeit von Pornographie und zunehmender frauenfeindlicher Diskriminierung oder Gewalt bestehen mag, sich durchaus auf andere Faktoren gründen kann. Dasselbe trifft für jede Korrelation zu, die zwischen der zunehmenden Verfügbarkeit von Pornographie und abnehmender frauenfeindlicher Diskriminierung und Gewalt bestehen mag.

In einer komparativen Studie der einzelnen US-Bundesstaaten haben Larry Baron und Murray Straus eine hohe Übereinstimmung zwischen der Verbreitung von pornographischen Zeitschriften und ihrem "Index der Geschlechtergleichheit" gefunden, einem Kompendium von 24 Indikatoren für ökonomische, politische und legale Gleichstellung. (16) Wie die beiden Wissenschaftler bemerkten, könnten diese Ergebnisse ein Indiz dafür sein, daß sowohl sexuell anschauliches Material als auch Geschlechtergleichheit in einem toleranten Klima anzutreffen sind, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung weniger Einschränkungen unterliegt.

Die Abwesenheit von irgendeiner nachweisbaren Korrelation zwischen der Verfügbarkeit von sexuellen Materialien und sexueller Gewalt zeigt sich auch im internationalen Vergleich. Einerseits sind gerade in Ländern, wo der Zugang zu sexuell orientiertem Material fast vollständig verwehrt wird, Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen an der Tagesordnung, so zum Beispiel in Saudi-Arabien, im Iran und in der Volksrepublik China (wo der Verkauf und Vertrieb von Pornographie heute ein Kapitalverbrechen ist). Andererseits tritt Gewalt gegen Frauen in denjenigen Ländern seltener auf, wo der Zugang zu derlei Materialien kein Problem ist, wie zum Beispiel in Dänemark, Deutschland und Japan.

Darüber hinaus konnten Langzeitstudien in anderen Ländern keine Korrelation zwischen der zunehmenden Verfügbarkeit von sexuell anschaulichen Materialien und zunehmender Gewalt gegen Frauen herstellen. Ein 1991 von Professor Bert Kutchinsky an der Universität von Kopenhagen vorgelegter Forschungsbericht enthüllte, daß die nichtsexuellen Gewaltverbrechen in Dänemark, Schweden und Westdeutschland zwischen 1964 und 1984 um 300 Prozent gestiegen waren, die Vergewaltigungsrate aller drei Länder aber während dieses Zeitraums entweder zurückging oder konstant blieb, obwohl diese Länder gleichzeitig ihre Verbote sexueller Materialien erheblich lockerten. Kutchinskys Studien zeigen außerdem, daß Sexualverbrechen gegen Mädchen zwischen 1965, als Dänemark seine Obszönitätsgesetze liberaler formulierte, von 30 pro 100.000 Einwohner auf ungefähr 5 pro 100.000 bis zum Jahre 1982 sank.

Im Jahrzehnt von 1964-1974 wurde in Singapur, wo sexuell orientierte Darstellung stark eingeschränkt ist, eine wesentlich steiler ansteigende Kurve bei den Vergewaltigungen registriert als in Schweden, das während desselben Zeitraums seine Obszönitäts-Gesetze gelockert hatte. In Japan, wo sexuell anschauliche Materialien leicht erhältlich sind und in denen Themen wie Fesselung, Vergewaltigung und Gewalt besonders viel Raum einnehmen, gingen während derselben Dekade die Vergewaltigungsdelikte um 45 Prozent zurück. Darüber hinaus beträgt die offizielle Vergewaltigungsrate in Japan 2,4 pro 100.000 Menschen, im Vergleich zu 34,5 in den Vereinigten Staaten, obwohl Gewaltpornos in Japan weitaus mehr verbreitet sind. (17)

Anekdoten und Verdächtigungen

Richter Richard Posner am Siebten Bundesberufungsgericht sagte über MacKinnons Buch Only Words:

MacKinnons Behandlung der zentralen Streitfrage der Pornographie, wie sie selbst sie aufwirft - der Schaden, der damit Frauen zugefügt wird-, ist alarmierend willkürlich. Vieles, was sie als Beweismaterial hinzuzieht, hat anekdotischen Charakter, und in einem Land mit einer Einwohnerzahl von 260 Millionen sind Anekdoten schwache Beweismittel. (18)

Viele Befürworter einer Zensur führen die bequeme Rechtfertigung von Sexualstraftätern ins Feld, die behaupten, "Porno hat mich dazu verleitet", desgleichen die Aussagen von Opfern oder Polizeibeamten, daß Sexualtäter zum Zeitpunkt der Straftat sexuell anschauliche Materialien in ihrem Besitz hatten.

Der Trugschluß, einen allgemeinen Kausalzusammenhang zwischen dem Zugang zu sexuellen Materialien und Gewalt gegen Frauen auf Anekdoten zu begründen, wurde von der Journalistin Ellen Willis treffend auf den Punkt gebracht: "Anti-Porno-Aktivisten führen Fälle von Sexualkillern an, die gleichzeitig Konsumenten von Pornographie waren, was aber genauso unlogisch ist wie die Behauptung, daß die Ehe Vergewaltigung verursacht, weil einige Vergewaltiger verheiratet sind." (19)

Selbst wenn man annimmt, daß sexuelle Materialien tatsächlich Ansporn zu einigen spezifischen Straftaten gegeben haben, dürfte dies eine Einschränkung dieser Materialien aber auch nicht rechtfertigen. Wie der ehemalige Oberste Bundesrichter William O. Douglas schrieb: "Das First Amendment erfordert mehr als ein oder zwei grauenhafte Beispiele von Tätern, die sexuelle Verbrechen begangen haben und in deren Tasche sich ein pornographisches Buch gefunden hat, bevor man dem Land die Bürde eines Zensurregimes auferlegen darf" (20) Wenn wir versuchen würden, alle Worte oder Bilder zu verbieten, die jemals dafür verantwortlich gemacht wurden, Verbrechen eines fehlgeleiteten oder antisozialen Individuums zu inspirieren oder anzustacheln, dann gäbe es zweifellos nichts mehr, was wir noch lesen oder anschauen könnten. Durch die Geschichte und auf der ganzen Welt haben Kriminelle regelmäßig einer breiten Palette von Worten und Bildern in Büchern, Filmen und im Fernsehen die Schuld für ihr Verhalten gegeben.

Wie der Bericht des British Committee on Obscenity and Film Censorship 1979 es ausdrückte: "Für diejenigen, die darauf ansprechen, sind die Anreize für aggressives Verhalten überall vorhanden." (21) Um die unzähligen Verbrechen zu veranschaulichen, die von Worten oder Bildern angeregt wurden, zitierte das Komitee das Beispiel eines jungen Mannes, der versucht hatte, seine Eltern mit einem Fleischermesser zu töten, nachdem er eine Verfilmung von Dostojewskis Die Brüder Karamasow gesehen hatte, sowie eines in London lebenden Jamaikaners afrikanischen Ursprungs, der eine weiße Frau vergewaltigte und hinterher aussagte, daß die Ausstrahlung von Alex Haileys Roots im Fernsehen ihn dazu "inspiriert" habe, sie so zu behandeln, wie weiße Männer schwarze Frauen behandelt hätten. Weitere Beispiele, die Professor Earl Finbar Murphy von der Ohio State University anführt, bestätigen außerdem, daß die Tendenz, Worte und Bilder für Sexualdelikte verantwortlich zu machen, auch nicht vor religiösen Werken Halt macht:

Der Deutsche Heinrich Pommerenke, Vergewaltiger und Massenmörder von Frauen, fühlte sich zu seiner Serie von Schreckenstaten durch Cecil B. DeMilles Die zehn Gebote beflügelt. In der Szene, als die jüdischen Frauen um das Goldene Kalb tanzen, verdichteten sich all die Zweifel, die er ein Leben lang gehegt hatte, zu der Gewißheit: Frauen sind die Quelle allen Übels, und seine Mission sei es nun, sie sowohl dafür zu bestrafen als auch zu töten. Nachdem er das Filmtheater verlassen hatte, brachte er in einem nahegelegenen Park sein erstes Opfer um. John George Haigh, der englische "Vampir", der das Blut seiner Opfer mit Strohhalmen zu trinken pflegte und deren Leichen in Säurebädern auflöste, erlebte seine ersten mordauslösenden Träume und Vampirtriebe während der "wollüstigen" Prozedur eines - anglikanischen Gottesdienstes. (22)

Wenn wir Worte oder Bilder verbieten würden, weil sie einige anfällige Individuen zu Verbrechen anstacheln, dann wäre vermutlich die Bibel das erste Werk, das eingestampft werden müßte. Kein anderes Buch wurde häufiger und für grausigere Verbrechen von deren Verursachern verantwortlich gemacht. Abgesehen davon, daß man der Bibel die Schuld für unzählige individuelle Verbrechen gab, hat man ihr auch die Anstiftung oder die Rechtfertigung für Straftaten von Einzelpersonen und Massenverbrechen vorgeworfen, die von Religionskriegen, der Inquisition, Hexenverbrennungen und den Pogromen früherer Zeiten bis hin zum systematischen Kindesmißbrauch und den Ritualmorden unserer Tage rangieren.

Marcia Pallys Sex and Sensibility enthält eine längere Aufzählung der mannigfaltigen, haarsträubenden Untaten, für die man das Buch der Bücher verantwortlich gemacht hat. Sie zitiert außerdem einige der vielen Passagen, die die "drastische, sexuell anschauliche Unterwerfung von Frauen" beschreiben, die allein schon rechtfertigen würden, daß die gesamte Bibel unter dem Antipornographie-Gesetz der Prozensur-Feministinnen verboten werden müßte. Pally sagt dazu:

Die Bibel ist immer noch weltweit das meistverkaufte Buch und enthält detaillierte Rechtfertigungen für Kindesmißbrauch, geschlagene Frauen, Vergewaltigung und die tägliche Demütigung von Frauen. Kurzgeschichten, die den Text verknüpfen, dienen als Vorbilder für sexuelle Übergriffe und die Körperverletzung von Kindern. Das Werk ist ungekürzt für Kinder zugänglich, die man ermutigt oder verpflichtet, es zu lesen. Es wird von einigen der mächtigsten Organisationen der Erde gedruckt und vertrieben.

Mit entwaffnender Offenheit teilt die Bibel allen Männern mit, daß es ihr gutes Recht ist, über Frauen zu bestimmen... Sie berechnet auf den Schekel genau, um wievieles weniger als ein Mann eine Frau wert ist. Das Erste Buch Moses, 19:1-8, erzählt eine der vielen Geschichten von Vätern, die bereit sind, ihre Töchter einer Gruppenvergewaltigung auszusetzen. Noch vorherrschender sind Geschichten, die den Krieg verherrlichen und in denen die Sieger die ortsansässigen Mädchen als Preis bekommen ... Die Snuff-Storv über den Kerl, der sein Dienstmädchen für eine Bandenvergewaltigung hergibt, ist vielleicht noch das grausigste Beispiel: Nachdem das Mädchen infolge der Behandlung gestorben ist, schneidet er ihre Leiche in kleine Stückchen... Im Gegensatz zu Filmen und Fernsehsendungen werden diese Geschichten im allgemeinen als wahr und glaubwürdig empfunden, nicht als konstruierte Erzählungen. (23)

1992 beantragte Gene Kasmar bei der Schulaufsichtsbehörde von Brooklyn Center, Minnesota, die Bibel aus den Klassenräumen und Bibliotheken zu entfernen, mit der Begründung, sie sei für Frauen und Kinder anzüglich, unanständig, obszön, anstößig, gewalttätig und gefährlich. Er beschwerte sich insbesondere über die darin erwähnten Konkubinen, anschaulichen Sex, Kindesmißbrauch, Inzest, Nacktheit und Mißhandlung von Frauen - alles interessanterweise Themen, die die Antipornographie-Gesetze feministischen Stils auf den Plan rufen würden.

Daraurhin flog Jay Sekulow, Hauptanwalt von Pat Robersons American Center for Law and Justice in Virginia, nach Minnesota und bestritt die erhobenen Vorwürfe mit dem Argument, daß "das Studium der Bibel wegen ihrer literarischen und historischen Werte gerechtfertigt sei". (24) Obwohl sich das Schulamt von Brooklyn Center offenbar dieser Einschätzung anschloß, indem es Kasmars Petition einstimmig zurückwies, müssen wir uns an dieser Stelle daran erinnern, daß Sekulows Begründung unter den MacDworkinschen Antipornographie-Gesetzen nicht zum Tragen käme. Nach dem MacDworkinschen Mustergesetz dürfte jedes Werk verboten werden, wenn es nur eine einzige isolierte Passage enthält, die seiner Definition von Pornographie entspricht; kein literarischer, historischer oder wie auch immer gearteter nachweisbarer seriöser Wert könnte das Werk da noch retten. Daher dürften sich Kasmar und andere auf das feministische Antipornographie-Gesetz berufen, um die Bibel nicht nur aus den Schulen, sondern auch aus öffentlichen Bibliotheken, aus Buchläden und grundsätzlich überall verschwinden zu lassen.

Unter den unzähligen Werken, die für Verbrechen verantwortlich gemacht wurden, befinden sich auch viele, die eine profeministische Botschaft enthalten Insofern könnte eine anekdotische, schuldzuweisende Begründung für eine Zensur auch viele feministische Werke betreffen. Zum Beispiel wurde das Fernsehspiel The Burning Bed, das die authentische Geschichte einer geschlagenen Frau erzählt, die ihren schlafenden Mann angezündet hat, für eine Reihe von "Nachahmungs"-Verbrechen verantwortlich gemacht, wie auch für einige Gewaltakte, die Männer an Frauen begingen. Das Argument, daß derartige Zwischenfälle ein Verbot rechtfertigen würden, würde das Aus für alle Filme oder andere Werke bedeuten, die die tatsächliche Gewalt beschreiben - oder anprangern -, unter der allzuviele Frauen im richtigen Leben zu leiden haben.

Unter einem Zensurregime, das Anekdoten und Bücher-Schelte als "Beweismittel" zuläßt, wären auch alle anderen feministischen Materialien gefährdet, nicht "nur" Werke, die Gewalt gegenüber Frauen zeigen. Das liegt daran, wie selbst feministische Schriften angemerkt haben, daß einige sexuelle Übergriffe von Männern begangen werden, die sich durch die Frauenbewegung bedroht fühlen. Sollten feministische Werke also aufgrund der Theorie verboten werden, daß sie durchaus Männer dazu veranlassen könnten, ihre frauenfeindlichen Aggressionen auszuleben?

Studien über Sexualtäter

Wissenschaftler, die die Wirkung des Umgangs mit sexuellen Materialien im realen Leben untersucht haben, sind zu der Ansicht gelangt, daß weder sexuelle Materialien noch Einstellungen gegenüber Frauen eine wesentliche Rolle bei der Auslösung tatsächlicher Gewalt spielen. Im allgemeinen zeigen diese Studien, daß Sexualtäter weniger Umgang mit sexuell anschaulichem Material hatten als die meisten anderen Männer, daß sie mit derartigen Materialien später im Leben in Berührung kamen als Nichttäter, daß eine überwältigende Zahl unter ihnen wahrscheinlich als Teenager bestraft worden wären, wenn sie sich derartige Materialien angeschaut hätten, und daß sie häufig sexuelle Bilder eher als beklemmend denn als sexuell erregend empfinden. (25)

Obwohl es keine Beweise dafür gibt, daß der Konsum von Pornographie zu Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen führt, legt einiges Beweismaterial nahe, daß, wenn überhaupt, ein umgekehrter Kausalzusammenhang zwischen dem Zugang zu sexuell anschaulichem Material und frauenfeindlicher Gewalt oder Diskriminierung besteht. Einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet, Edward Donnerstein von der University of California in Santa Barbara, schrieb dazu: "Eine große Fülle von Forschungsmaterial stützt in hohem Maße die Theorie, daß der Umgang mit Erotica bei Leuten, die zur Aggressivität neigen. die aggressiven Reaktionen reduzieren kann." (26) Ähnlich äußerte sich John Money von der Johns Hopkins Medical School, ein anerkannter Experte über sexuelle Gewalt, daß nämlich die meisten Menschen mit einer sexuell kriminellen Veranlagung eine strenge, antisexuelle und restriktive Erziehung erhalten hätten. Er prophezeit, daß das "momentane sexfeindliche Klima eine sich schnell verbreitende Epidemie von abartigem Sexualverhalten auslösen wird". (27)

In einem 1989 durchgeführten Experiment zeigte sich, daß Männer, die sexuellen Materialien ausgesetzt wurden, eher einem verletzten weiblichen Opfer zur Hilfe eilten als Männer, die anderen Stimuli ausgesetzt waren. (28) Laborstudien legen außerdem nahe, daß es sehr wohl einen umgekehrten Kausalzusammenhang zwischen dem Umgang mit gewalttätigem, sexuell anschaulichem Material und sexueller Erregung geben kann. Zum Beispiel fanden 1991 Howard Barbaree und William Marshall vom Queen's College in Ontario heraus:

Die meisten Männer erleben, wenn sie eine Beschreibung über eine Begegnung hören, in der der Mann die Frau gewaltsam zum Sex zwingt, wobei die Frau seelischem und körperlichem Schmerz ausgesetzt wird, eine Einschränkung ihrer Erregung um ungefähr 50 Prozent, im Vergleich zum Erregungsgrad, der durch eine Szene mit ein-vernehmlichem Sex ausgelöst wird ... Normalerweise verhindern Gewaltszenen eine Erregung beim Mann. Eine Verminderung der Blutzirkulation um 50 Prozent bedeutet, daß ein Mann nicht in der Lage wäre, eine Frau zu penetrieren. (29)

Die oben angeführten Forschungsresultate belegen sicherlich viel eher, was feministische Wissenschaftlerinnen über Vergewaltigung sagen, als die pornozentristische Analyse der Prozensur-Feminisnnnen: daß die Vergewaltigung nicht ein Verbrechen ist, in dem es um Sex geht, sondern um Gewalt. (30)

Verschwinden mit der Pornographie auch die sexistischen und gewalttätigen Bilder?

Pornographie ist nur für einen kleinen Teilbereich der sexistischen oder gewalttätigen Botschaften verantwortlich, die in unserer Kultur und in unseren Medien allgegenwärtig sind. Carlin Meyer von der New York Law School hat kürzlich eine umfassende Studie über die Ansichten über weibliche Sexualität, den Status von Frauen und Geschlechterrollen durchgeführt, wie sie durch die nichtpornographischen Medien verbreitet werden:

Heutzutage sind die Mainstream-Medien - Fernsehen, Filme, Werbung, Musik, Kunst und populäre (auch religiöse) Literatur - die primären Übermittler von Ansichten über Sexualität und Geschlechterrollen in der westlichen Welt. Nicht nur lesen, sehen und erfahren wir deren Botschaften und Bilder häufiger als in vergangenen Zeiten und früher im Leben als die meisten anschaulichen sexuellen Darstellungen, sondern gerade weil die Erlebniswelt der Mainstream-Medien so alltäglich und gewöhnlich ist, kann sie uns auch viel wirkungsvoller davon überzeugen, daß sie die Welt so darstellt, wie sie ist oder wie sie sein müßte. (31)

Andere Kultur- und Medienexperten sind ebenfalls zu dem Ergebnis gelangt, daß schädlichere sexistische Bilder eher und erfolgreicher durch die nichtpornographischen - ganz und gar nicht sexuellen - Mainstream-Darstellungen verbreitet werden. Thelma McCormack, Leiterin des Feminist Studies Centre an der York University; schlußfolgerte, daß "der Feind der Gleichberechtigung unsere Mainstream-Kultur ist, die in ihren unzähligen Botschaften die Frau als familienorientiert beschreibt", und nicht anschauliches pornographisches Material, das die Frauen als sexuelle Wesen darstellt. McCormack meint:

Umfragen und Meinungsforschungen bestätigen die Verbindung zwischen einem auf Geschlechterrollen basierenden Traditionsdenken und der Bereitschaft, an die Normalität einer auf gesellschaftliche Schichten festgelegten sozialen Ordnung zu glauben. Je traditioneller die Ansichten einer Person über Frauen sind, desto wahrscheinlicher ist, daß er oder sie die Ungleichheit der Geschlechter als unweigerlich, funktional, natürlich, erstrebenswert und unveränderlich hinnehmen wird. Kurzum, wenn irgendein Bild der Frau unser Denken über die Ungleichheit der Geschlechter beeinflussen kann, dann ist es die Frau, die am Herd steht, nicht die, die Orgien feiert. (32)

Soziologen haben herausgefunden, daß die Bereitschaft, den Vergewaltigungsmythos und andere frauenfeindliche Einstellungen über Frauen und Gewalt zu akzeptieren, genauso auf den Botschaften diverser Massenmedien von der Seifenoper bis hin zu beliebten Werbefilmen - basieren kann wie auf dem sogar intensiven Konsum von gewalttätigen und frauenfeindlichen sexuell anschaulichen Materialien. (33) Wenn wir dementsprechend alle sexistischen und gewalttätigen Äußerungsformen aus unserer Kultur ausmerzen wollten, wären viel mehr Bereiche als nur die Pornographie betroffen, dessen ungeachtet, wie weitreichend und dehnbar diese Kategorie sein mag. Es ist fraglich, ob selbst Prozensur-Feministinnen bereit wären, den im First Amendment verbrieften Freiheiten einen solchen Todesstoß zu versetzen.

Bedeutet eine Zensur der Pornographie wirklich das Ende der Pornographie?

Prozensur-Feministinnen haben selbst zugegeben, daß eine Zensur die Pornographie wahrscheinlich nur in den Untergrund treiben würde. Tatsächlich erkannte Catharine MacKinnon schon 1987, daß sich "Pornographie nicht reformieren, unterdrücken oder verbieten läßt". (34)

Die Behauptung, daß eine Zensur den Zugang oder die Wirkung von Pornographie wesentlich einschränken würde, übersieht dabei die erwiesene Tatsache, daß eine Zensur das Verlangen nach Pornographie bei einigen Konsumenten eher verstärkt und sie auf deren Bilder und Botschaften leichter ansprechen läßt. Dieser "Verbotene-Früchte-Effekt" wird durch die Erfahrung in der Geschichte und durch soziologische Studien gestützt. Alle jüngsten Studien über die Unterdrückung von sexueller Darstellung, unter ihnen das 1987 erschienene Buch von Walter Kendrick, The Secret Museum: Pornography in Modern Culture, und Edward de Grazias Werk aus dem Jahre 1992, Girls Lean Back Everywhere: The Law of Obscenity and the Assault on Genius, belegen, daß jede Bemühung um eine Zensur in erster Linie das Interesse an dem unter Beschuß geratenen Werk weckt. Soziologische Untersuchungen, die im Bericht der President's Commission on Obscenity and Pornography aufgenommen wurden, legten nahe, daß die Zensur von sexuell anschaulichen Materialien deren Reiz und Einfluß vergrößern könnte und daß beispielsweise ein Zuschauer, dem bewußt ist, daß sexuell orientierte Passagen aus einem Film herausgeschnitten wurden, hinterher frustriert und mit aggressivem Verhalten reagieren könnte. (35)

Die oben genannten Daten über die Wirkung einer Zensur von Pornographie decken sich mit den Ergebnissen von breiter angelegten Forschungen: Das Beweismaterial legt nahe, daß eine Zensur beliebiger Materialien das Verlangen eines Publikums vergrößert, dieses Material zu sehen, und daß das Publikum dann dazu neigt, sich leichter von ihm beeinflussen zu lassen. (36) Ein kritisches Konsumverhalten und die Fähigkeit, die Botschaften der Medien skeptisch und analytisch zu betrachten, müssen unter einem Zensurregime verkümmern. Eine Öffentlichkeit, die gelernt hat, alles anzuzweifeln, was sie sieht oder hört, ist besser dafür gerüstet, kulturell propagierte Werte zurückzuweisen, als eine, die annehmen muß, daß ihre Medien von allen "inkorrekten" Botschaften gesäubert wurden.

Selbst wenn wir nur diskussionshalber annehmen würden, daß ein Kausalzusammenhang zwischen Pornographie und frauenfeindlicher Diskriminierung und Gewalt bestünde, würde der zwangsläufig unbedeutende Beitrag einer Zensur, diese zu verringern, nicht den erheblichen Schaden aufwiegen können, den eine Zensur feministischen Zielen zufügen wurde. Diese Folgerung wird durch die Abwesenheit von tatsächlichem Beweismaterial bestätigt, das den angeblichen Kausalzusammenhang untermauern könnte. Aus diesem Mangel an Beweisen läßt sich noch unausweichlicher und nachdrücklicher der Schluß ziehen: Eine Zensur von Pornographie würde Frauen mehr schaden als nützen.

Referenzen

1. Zitiert in David Futrelle, "The Politics of Porn, Shameful Pleasures", In These Times, 7.3.1994, S.14-17.
2. Butler v. the Queen, 1 SCR 452 (199), S.505.
3. Marcia Pally, Sex and Sensibility: Reflections on Forbidden Mirrors and the Will to Censor, Hopewell, N.J. 1994.
4. Albert J. Reiss, Jr. u. Jeffrey A. Roth (Hg.), Understanding and Preventing Violence, Washington D.C. 1993, S.11. (Ein Projekt im Auftrag des National Research Council.)
5. Judith Becker u. Ellen Levine, Vortrag während eines Treffens der National Coalition Against Censorship am 17.6.1986 in New York.
6. Daniel Linz, Steven D. Penrod u. Edward Donnerstein, "The Attorney General's Commission on Pornography: The Gaps between 'Findings' and Facts", American Bar Foundation Research Journal 4 (Herbst 1987), S.723.
7. Edward Mulvey u. Jeffrey Haugaard, Surgeon General's Workshop on Pornography and Public Health, Arlington, Virginia, 1986.
8. Carol Krafka, Sexually Explicit, Sexually Violent, and Violent Media: Effects of Multiple Naturalistic Exposures and Debriefing on Female Viewers, Doktorarbeit, University of Wisconsin, S.29.
9. Daniel Linz, Edward Donnerstein u. Steven Penrod, "The Effects of Long-Term Exposal to Violent and Sexually Degrading Depictions of Women", Journal of Personality and Social Psychology 15 (1988), S.758-68.
10. Cynthia Gentry; "Pornography and Rape: An Empirical Analysis", Deviant Behavior: An Interdisciplinary Journal 12 (1991), S.284.
11. Larry Baron u. Murray Straus, "Four Theories of Rape: A Macrosociological Analysis"; Social Problems 34, Nr. 5 (1987), S.467-89.
12. Field and Stream ist eine Zeitschrift für Jäger und Angler. Joseph Scott u. Loretta Schwalm, "Pornography and Rape: An Examination of Adult Theater Rates and Rates by State", in J.E. Scott u. T. Hirchi (Hg.), Controversial Issues in Crime and Justice, Beverly Hills 1988.
13. Bureau of Justice Statistics, Criminal Victimization in the United States, Washington D.C. 1990; Pally, Sex and Sensibility, S.22.
14. Richard J. Gelles u. Murray Straus, Intimate Violence: The Causes and Consequences of Abuse in the American Family, New York 1989, S. 112.
15. Pally, Sex and Sensibility, S.21, 23.
16. Baron u. Straus, "Four Theories of Rape".
17. Pally, Sex and Sensibility, S.57-61.
18. Richard Posner, "Obsession", Rezension von Catharine MacKinnons Only Words, New Republic, 18.10.1993, S.34.
19. Ellen Willis, "An Unholy Alliance", New York Newsday, 25.2.1992, S.78.
20. Memoirs v. Massachusetts, 383 U.S. 413, 432 (1966) (zustimmendes Votum)
21. Williams Committee, The British Inquiry into Oscenity and Film Censorship, London 1979.
22. Earl Finbar Murphy, "The Value of Pornography", Wayne Law Review 10 (1964), S.668.
23. Pally, Sex and Sensibility, S.99-100.
24. Associated Press, "Atheist Loses Fight to Ban Bible at School", Chicago Tribune, 11.11.1992.
25. Pally, Sex and Sensibility, S.25-61.
26. Edward Donnerstein, "Erotica and Human Aggression", in Richard Green u. Edward Donnerstein (Hg.), Aggression: Theoretical and Empirical Reviews, New York 1983, S.127-128.
27. Zitiert in Jane Brody, "Scientists Trace Aberrant Sexuality", New York Times, 23.1.1990.
28. Pally, Sex and Sensibility, S.50.
29. Howard Barbaree u. William Marshal, "The Role of Male Sexual Arousal in Rape: Six Models", Journal of Consulting and Clinical Psychology 59, Nr. 5 (1991), S.621-30; Pally, Sex and Sensibility, S.44-45.
30. Susan Brownmiller, Against Our Will: Men, Women and Rape, New York 1975; Susan Estrich, Real Rape, Boston 1987.
31. Carlin Meyer, "Sex, Censorship, and Women's Liberation" (unveröffentl.), S.42-43. (Eine überarbeitete Fassung dieses Manuskripts wurde in der Texas Law Review 72 (1994) abgedruckt, S.1097-1201.)
32. Thelma McCormack, "If Pornography Is the Theory, Is Inequality the Practice?" (Öffentlicher Vortrag zur Tagung "Refusing Censorship: Feminists and Activists Fight Back", York, Kanada, 12.11.1992), S.12.
33. Edward Donnerstein, Daniel Linz u. Steven Penrod, The Question of Pornography: Research Findings and Policy Implications, New York 1987, S.107.
34. Catharine MacKinnon, "Not a Moral Issue", Yale Law & Policy Review 2 (1984), S.325.
35. Percy H. Tannenbaum, "Emotional Arousal as a Mediator of Communication Effects", Technical Report of the U.S. Commission on Obscenity and Pornography 8 (1971), S.353.
36. Timothy C. Brook, "Erotic Materials: A Commodity Theory Analysis of Availability and Desirability", Technical Report of the U.S. Commission on Obscenity and Pornography 6 (1971), S.131-37.

 

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