Warum verlieben sich Männer in Kinder?

Ein Psychologe an der Universitätsklinik Schleswig Holstein in Kiel versucht den Grund zu finden warum männliche Erwachsene sich in Kinder verlieben.

Jorge Ponseti (47) erforscht Pädophilie und glaubt, endlich eine Methode gefunden zu haben, um die sexuelle Orientierung physiologisch diagnostizieren zu können. Er glaubt, in ihrem Gehirn sei etwas anders als bei anderen Menschen und will den Fehler finden. Vielleicht eine falsche Verknüpfung - funktionsgestörte Synapsen - veränderte Zellen?

Mittels Magnetresonanztomografie - kurz MRT - betrachtet der Psychologe, die Gehirne sexuell erregter Menschen. Er misst die hämodynamische Response auf optische Reize, also wie sich die Blutströme im Hirn bei bestimmten Bildern verändern. "Schon Arbeitsgruppen vor uns haben Leute in den Scanner gelegt und ihnen Sexbilder gezeigt. Die haben allerdings immer geguckt, wo durch sexuelle Erregung Aktivität im Gehirn auslöst wird. Wir haben nun erstmalig gefragt: Kann man anhand der spezifischen Aktivierung des Gehirns feststellen, auf was jemand steht?", erklärt der Kieler Wissenschaftler sein vermutlich weltweit einzigartiges Forschungsprojekt.

Der Versuchsteilnehmer klettert auf die Metallliege des MRT und wird in die schmale Röhre gefahren, dann drückt der Arzt auf einen Knopf. Auf dem Bildschirm im Inneren erscheinen in rascher Folge Sexbilder während das Gerät das Gehirn der Testperson durchleuchtet und es Scheibchen für Scheibchen fotografiert. Ein lautes Rattern erklingt und die Fixierung des Kopfes ist etwas unangenehm. Trotzdem kommen die Probanden irgendwann in Stimmung. Im Bruchteil einer Sekunde - der Proband hat das Foto noch nicht einmal bewusst wahrgenommen - trifft das Gehirn bereits eine Entscheidung über das Gesehene: sexuell stimulieren, sexuell uninteressant, sexuell stimulierend. Dazu ist keine Romantik notwendig. Der Proband kann dort, bewegungslos in der aufmerksamen Maschine, seine Reaktion weder kontrollieren noch vortäuschen.

"Wenn das Gehirn stimulierende Bilder präsentiert bekommt, wird nicht nur das Belohnungszentrum angesprochen, sondern auch ein Teil der motorischen Hirnrinde, und zwar das Mundareal", erklärt Ponseti die Aufnahmen des Gehirns, auf denen der Laie kleine roten Markierungen erkennen kann. "Das heißt, sobald die Probanden das Bild eines erregten Genitals vor der Nase haben, bereitet ihr Gehirn vermutlich Oralsex vor. Obwohl sie wissen, dass sie im Scanner liegen und außer ihrem eigenen kein Geschlechtsteil in der Nähe ist." Die Physiologie überlistet das, was manche als den menschlichen Geist bezeichnen. Das ist bei Heterosexuellen so. Und bei Pädophilen. "Wir vermuten, dass die sexuelle Orientierung biologisch angelegt ist. Die wird zum größten Teil schon angelegt sein, wenn wir zur Welt kommen oder in einem früheren Bereich der postnatalen Entwicklung." meint er.

Fünf Jahre brauchte Ponseti bis er alle notwendigen Ergebnisse für die Bestimmung der sexuellen Präferenz seiner Versuchspersonen beisammen hatte. Dafür brauchte er viel Zeit zum scannen, Vergleiche zu ziehen und zu rechnen. Dann rote und blaue Flecken auf den MRT-Ausdrucken deuten - und das immer wieder.

Das Programm musste geprüft werden, und zwar immer wieder." Deswegen hat Ponseti auch als erstes nicht gleich begonnen, Pädophile zu untersuchen. "Wir haben zunächst homo- und heterosexuelle Männer in den Kernspintomografen gesteckt und ihnen Bilder von stimulierten Vulven und erigierten Penissen gezeigt", erklärt der Psychologe. "In 90 Prozent der Fälle konnten wir die sexuelle Orientierung danach richtig zuordnen." Bei der aktuellen Untersuchung von Pädophilen, befürchtet Ponseti, könnte er diese hohe Trefferquote jedoch verfehlen, denn die Bedingungen für die Testreihe sind sehr viel schwieriger: Die Technik muss exzellent sein, das Diagnose-Programm genau konfiguriert, weil das Gehirn bei der Verarbeitung der Bilder von Erwachsenen und Kindern sehr viel länger benötigt. "Dem Gehirn fällt es zwar leicht, zwischen männlichem und weiblichem Genital zu unterscheiden. Ein erwachsenes Geschlechtsteil kann es aber weitaus schwerer von einem noch juvenilen oder infantilen differenzieren." Ein sensiblerer Kernspintomograf, der selbst Veränderungen in den kleinsten Blutgefäßen wahrnimmt, wurde deshalb angeschafft.

"Glücklicherweise interessiert es heute niemanden mehr, ob jemand hetero- oder homosexuell ist", glaubt Ponseti. Ist jemand potenziell pädophil, interessiert das aber schon. Und zwar alle: die Medien, die Rechtsprechung, die Gesellschaft. Das weiß auch der Psychologe. Mit seiner Forschung will er den Betroffenen nicht nur im Kampf mit der Umwelt, sondern allen voran im Kampf mit sich selbst helfen. "Die Scham über die eigenen Gefühle sitzt oft so tief, dass sich die Männer gar nicht trauen, sich behandeln zu lassen. Man kriegt es den Leuten häufig nicht aus der Nase gezogen, wie sie sexuell orientiert sind." Damit Ponseti dennoch nicht an seinen Patienten "vorbeitherapiert", muss er wissen, ob eine sexuelle Neigung zu Kindern besteht.

Zurzeit aber führt Ponseti seine Untersuchungen an Pädophilen ausschließlich auf Freiwilligenbasis durch. Zwei Typen von Männern landen zumeist in seiner Praxis: Solche, die sich gefährdet fühlen und aus Angst, irgendwann ein Kind zu missbrauchen, Hilfe in der Klinik suchen. Und andere, die eine gerichtliche Weisung zur Therapie erhalten haben. Keinen von ihnen darf Ponseti zwingen, sich auf Störungen der sexuellen Vorlieben testen zu lassen.

Im MRT ist es kaum möglich, das Ergebnis zu beeinflussen. Dennoch hat Ponseti nicht vor, seine Methode künftig für erkennende Gerichtsverfahren zur Verfügung zu stellen - auch nicht, wenn er irgendwann mit 99,9-prozentiger Sicherheit sagen könnte, ob sein Proband Gefühle für Minderjährige hegt. "Das Risiko wäre sehr hoch, dass die Neigung bestraft wird", befürchtet der Psychologe.

Gutachten könnten, bereits vor der Aufnahme aller Beweise, zu einer Vorverurteilung des Pädophilen führen. Allein die sexuelle Orientierung, nicht die Tat würde sanktioniert. Für Ponseti wäre das verheerend, denn so viel weiß der Psychologe bereits: "Niemand kann etwas für seine Präferenz. Auch nicht die Pädophilen." taz/st

Zur Wissenschafts-Übersichtsseite

Möchten Sie mit jemandem reden?

Suchen Sie etwas Bestimmtes?